Die Spannung war mit Händen zu greifen am Mittag in Mainz. „Wenn’s schief geht, hören wir’s“, sagt einer der Einsatzkräfte trocken. In der Tat: Wäre die 500-Kilo-Bombe am Sonntag im Mainzer Stadtteil Weisenau explodiert, man hätte es in ganz Mainz gehört. Einen Kilometer weit wären die Stücke geflogen, daher zog die Stadt eine ebenso große Sicherheitszone um den Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg.

"Bis zur nächsten Bombe!" - Spannung bei Bombenentschärfung in Mainz
Helfer der Freiwilligen Feuerwehr Mainz-Bretzenheim bei Entschärfung der Bombe in Mainz-Weisenau – Foto: gik

8.500 Menschen mussten deshalb am Sonntagmorgen bis 9.00 Uhr ihre Häuser räumen, zur Sicherheit. Es war die größte Evakuierung, die es in Mainz seit geraumer Zeit gegeben hat. Während der Johannisnacht 2013 hatte ebenfalls eine Bombe aus dem zweiten Weltkrieg entschärft werden müssen, ebenfalls in Mainz-Weisenau. Doch jene Bombe war deutlich kleiner, die Evakuierung lange nicht so umfangreich wie dieses Mal.

Einer war noch im Bademantel…

„Wir haben an jeder Haustür geklingelt“, berichtete Dominik Cain von der Freiwilligen Feuerwehr Mainz-Bretzenheim. Gut ein Dutzend junger Feuerwehrleute waren am Morgen in Weisenau im Einsatz, klingelten an jeder Tür und holten Leute aus den Betten. „Einer war im Bademantel“, sagte Cain – offenbar hatte trotz medialem Dauerfeuerwerk der eine oder andere die Bomben-Gefahr nicht mitbekommen – oder vergessen.

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Egal aber ob früh oder spät, alle Anwohner mussten die Evakuierungszone verlassen. „Zu nachtschlafender Zeit musste man aus dem Bett“, sagte eine ältere Dame am Mittag in der Gustav-Stresemann-Schule. In der Wirtschaftsschule an der Hechtsheimer Straße gab es für alle Anwohner, die nicht wussten wohin eine Zuflucht. Tische und Bänke waren hier aufgestellt, es gab heißen Kaffee (Danke!!), Erbsensuppe und Würstchen mit Brötchen. Sogar ein kleiner Weihnachtsbaum verbreitete ein wenig Adventsstimmung.

„Ich war im Krieg oft genug im Keller..“

„Wir wurden gut versorgt, da bin ich froh“, sagte Inge Mahr. Die 84 Jahre alte Dame musste um halb sieben ihre Wohnung verlassen, und tat das durchaus mit einem mulmigen Gefühl: „Ich habe im Krieg oft genug im Keller gesessen“, berichtete die Weisenauerin Mainz&: „Damals war’s nicht so einfach…“

"Bis zur nächsten Bombe!" - Spannung bei Bombenentschärfung in Mainz
Unterbringung in der Stresemann-Schule während der Entschärfung der Bombe in Mainz-Weisenau – Foto: gik

„Es ist sehr perfekt gelaufen, so wie wir es uns vorgestellt hatten“, sagte Einsatzleiter Mike Bailer zufrieden. 270 betroffene Menschen holten die Einsatzkräfte aus dem Sperrgebiet, dazu mussten 94 alte Menschen eines Altenheims evakuiert werden. Im Einsatz dafür: 442 Helfer, davon 171 Polizisten, 70 Feuerwehrleute, 40 vom technischen Hilfswerk und 120 Sanitäter. Im Einsatz waren 17 Rettungswagen, 17 Krankenwagen und 20 Fahrzeuge des Behindertenfahrdienstes.

Beginn verzögerte sich wegen Jogger

„Kompliment an alle, die das vorbereitet haben“, dankte Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) allen Einsatzkräften. „Das ist wirklich ein Kraftakt, hier sind alle super-professionell.“ Auch Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) fühlte sich gut aufgehoben: „Eine Anspannung ist das schon, es kann ja doch immer etwas schief gehen“, sagte der OB, der wie die Journalisten frierend in der Kälte stand. Wenn man aber sehe, „wie hier alles ineinander greift, dann gibt einem das schon ein sicheres Gefühl.“

Rund um die Einsatzleitung standen am Sonntagmittag Helfer, Journalisten und eben OB und Wirtschaftsdezernent und warteten. Von 12.00 Uhr mittags an stieg die Spannung spürbar. Eigentlich hätte jetzt mit der Entschärfung begonnen werden sollen, doch der Beginn verzögerte sich: Ein Jogger sei in aller Ruhe durch den Volkspark gejoggt, in völliger Ignoranz der Gefahr, in der er sich befand, hieß es.

"Bis zur nächsten Bombe!" - Spannung bei Bombenentschärfung in Mainz
Einsatzleitung bei der Entschärfung der Bombe in Mainz-Weisenau – Foto: gik

Bomben, Römer – irgendwas findet man in Mainz immer

An der Einsatzleitung drehten sich die Gespräche derweil um Bombe und Stadt. „Wenn man in Mainz gräbt, findet man immer etwas – entweder Römer oder Bombe“, sagte Udo Beck, Leiter der Straßenverkehrsbehörde in Mainz. Da sei jede Baustelle ein Erlebnis. Um 12.41 Uhr dann die Nachricht: „Die Entschärfung hat vor Kurzem begonnen.“ Der Mann am Megafon verspricht sich und sagt „Die Sprengung der Bombe… äh..“

Bei einer Sprengung müssten vorher mehrere Kubikmeter Sand drüber geschaufelt werden, berichtete der Weisenauer Ortsvorsteher Ralf Kehrein, das sei nämlich schon seine zweite Bombe binnen anderthalb Jahren. „Das ist meine Bombe“, flachst Kehrein mit seiner Kollegin, der Ortsvorsteherin der Oberstadt. „Behalt‘ sie nur“, sagt Ursula Beyer.

Bombe hüpfte Baggerfahrer noch von der Schaufel

Gefunden wurde die Bombe in unmittelbarer Nähe zum Volkspark auf einer Baustelle am Hang Richtung Rhein. „Der Baggerfahrer hatte sie schon auf der Schaufel, dann fiel sie auch noch runter“, berichtete Beyer vom Fund: „Der Baggerfahrer war leicht weiß um die Nase..“ In der Tat: in Euskirchen explodierte Anfang 2014 eine Weltkriegsbombe und riss den Baggerfahrer mit in den Tod.

Gut 100.000 Überreste des Zweiten Weltkriegs liegen deutschlandweit noch im Boden, schätzen Experten. „Weisenau hat ja so viel abgekriegt“, sagte Kehrein. Die Nähe zum Rhein und der Bahnstecke, die Eisenbahnbrücke über den Rhein – Ziele für Bomben gab es genug.

"Bis zur nächsten Bombe!" - Spannung bei Bombenentschärfung in Mainz
Da ist das Ding ganz harmlos… – Foto: gik

Bombe nicht optimal aufgeschlagen

„Die Bombe ist nicht optimal gefallen und nicht im 90-Grad-Winkel aufgeschlagen“, erklärte Sprengmeister Horst Lenz danach. Um 13.30 Uhr kam plötzlich die Entwarnung: Bombe entschärft, alles gut. Was für eine Erleichterung! Zumal die Entschärfung nicht ungefährlich war: „Die Bombe lag scharf im Boden“, sagte Horst Lenz nach der Entschärfung Mainz&: „Eigentlich hätte die explodieren müssen…“

Lenz und ein sechsköpfiges Team leisteten wieder einmal saubere Arbeit, gegen 14.00 Uhr wurde die Bombe vorsichtig auf einen Lastwagen verladen – den Sprengstoff enthielt sie ja immer noch. Man werde jetzt Angebote von Entsorgungsfirmen einholen, sagte Lenz. Dann machte sich das Team auf den Nachhauseweg. Auch Ortsvorsteher Kehrein war erleichtert. „Man hat doch großes Vertrauen in die Experten“, sagte Kehrein noch, und schüttelte dann den Kopf:. „Da sagen die doch glatt: ‚Bis zur nächsten Bombe‘!“

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