Im September 2018 veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz die große Missbrauchsstudie, auch in Mainz hatte es demnach seit dem Zweiten Weltkrieg bis zu 200 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen gegeben. Bischof Peter Kohlgraf zeigte sich erschüttert und versprach umfassende Aufklärung. Nun lieferte der Mainzer Bischof: Kohlgraf legte am Mittwoch ein umfassendes Konzept zu den bisherigen und künftigen Aktivitäten in Sachen Aufarbeitung vor. Die wichtigsten: Zum 1. April wird der Psychotherapeut Peter Schult aus Ginsheim neuer Ansprechpartner des Bistums für Betroffene, eine externe Beratergruppe soll Konzepte zur Aufarbeitung erarbeiten – und das Bistum arbeitet eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen. Am Donnerstag gewährte Kohlgraf einigen Journalisten die Möglichkeit zu einem vertiefenden Gespräch über seine Maßnahmen – Mainz& war dabei. Und dabei empfahl Kohlgraf auch Wege ins Priesteramt jenseits des Zölibats.

"Wir brauchen die Expertise von außen" - Mainzer Bischof Kohlgraf etabliert Beratergruppe zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs - Rütteln am Zölibat
Nachdenklich, aber entschieden: Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf macht die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Mainz zur Chefsache. – Foto: gik

Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs ist in Mainz nun Chefsache – und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf scheut sich dabei auch nicht davor, Systemfragen der katholischen Kirche zu stellen. Es gelte nun „sehr genau hinzuschauen, welche systemischen Bedingungen haben zu welchen Taten geführt“, sagte Kohlgraf am Donnerstag in Mainz. Dazu gehöre auch ein Blick auf den Zölibat: „Ich kann mir vorstellen, dass es künftig so etwas gibt wie außerordentliche Wege zum Priestertum“, sagte Kohlgraf. Solche „außerordentliche Wege“, etwa mit verheirateten Priestern, gebe es in der Kirche ja schon – etwa in den Ostkirchen.

Eine grundlegende Absage an den Zölibat sei das aber nicht, betonte der Mainzer Bischof zugleich: Der Zölibat sei „eine wertvolle Lebensform, ich lebe auch so, und ich stehe dazu“, sagte Kohlgraf. Eine Debatte um den Zölibat allein vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle werde den vielen Priestern nicht gerecht, die zölibatär lebten und sich jetzt zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt sähen. Aber er könne sich vorstellen, Wege zum Priesteramt „ein wenig zu erweitern“, regeln könnten das etwa nationale Bischofskonferenzen für die jeweiligen Länder – sofern der Papst dem zustimme. Schon im vergangenen Herbst hatte Kohlgraf gesagt, klerikale Machtstrukturen und ein bestimmtes klerikales Selbstverständnis förderten möglicherweise derartige Verbrechen, bestimmte Auffassungen der kirchlichen Morallehre verhinderten womöglich einen offenen Umgang mit Fragen der Sexualität.

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Im September 2018 hatte die sogenannte MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz einen wahren Abgrund an sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche seit dem zweiten Weltkrieg aufgedeckt. 3.677 Kinder und Jugendliche wurden den Forschern zufolge missbraucht, die Taten durch 1.760 Kleriker begangen – und das sei nur die Spitze des Eisbergs. Im Bistum Mainz gibt es 53 Beschuldigte, davon 50 Diözesan- und Ordenspriester, ihnen werden bislang 169 Opfer zugeordnet, davon 122 Jungen und 47 Mädchen.

"Wir brauchen die Expertise von außen" - Mainzer Bischof Kohlgraf etabliert Beratergruppe zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs - Rütteln am Zölibat
Bischof Peter Kohlgraf bei seiner Bischofsweihe im August 2017, groß projiziert auf einen Bildschirm am Mainzer Dom. – Foto: gik

Kohlgraf, seit 2017 Bischof von Mainz, hatte sich über die Taten und deren Ausmaß erschüttert gezeigt und umfangreiche Aufklärung versprochen, nun stellte er sein Maßnahmenpaket vor. Das Bistum Mainz berief eine Beratergruppe von externen Fachleuten, darunter die Geschäftsführerin des Mainzer MädchenHauses, eine Trauma-Expertin, eine Rechtsanwältin sowie die auf sexuellen Missbrauch spezialisierte Mainzer Kriminalkommissarin Ines Rose. „Wir brauchen die Expertise von außen, Polizei, Juristen und Traumatherapeuten bringen eine ganz andere Erfahrung und Blickwinkel mit hinein“, sagte Kohlgraf zur Begründung.

Die Gruppe solle Standards zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle erarbeiten und auch neue Formen des Gesprächs mit den Betroffenen selbst entwickeln. Man wolle sich von der Perspektive der Betroffenen leiten lassen, eine allein juristische Herangehensweise an die Vorfälle, wie sie auch bisher im Bistum Mainz vorherrschend gewesen sei, werde es nicht mehr geben. Jedem Opfer sei ein Gespräch mit der Bistumsleitung angeboten worden. Er habe auch persönlich mit Missbrauchsopfern gesprochen, „und ich habe dabei viel gelernt“, betonte der 51-Jährige. Die Menschen hätten dabei auch gesagt, sie hätten „sich wie Fälle gefühlt“, er wolle, dass die Betroffenen gehör fänden, dass ihr Leid anerkannt und gewürdigt werde.

Bereits im vergangenen November hatte Kohlgraf die Opfer der Missbräuche zu einem Gottesdienst in den Dom geladen und sie öffentlich um Verzeihung gebeten. Sein Konzept sieht nun auch vor, „qualifizierte Standards der Präventionsmaßnahmen und der Interventionsprozesse“ zu entwickeln und diese Maßnahmen regelmäßig von Externen evaluieren zu lassen. „Es entspricht vielleicht nicht einem alten Bischofsbild, dass man sagt, ich hole mir Hilfe und lasse mich von Betroffenen belehren, was sie brauchen“, sagte Kohlgraf. Eine „glaubwürdige Aufarbeitung“ könne aber nicht allein unter Federführung des Bistums geschehen.

Mit seinen Maßnahmen geht der Mainzer Bischof dezidiert andere Wege als viele seiner Amtskollegen. Eine nationale Missbrauchssynode hatte Kohlgraf sogar gemeinsam mit drei weiteren Bischöfen vorgeschlagen, der Vorschlag stieß in der Deutschen Bischofskonferenz auf wenig Gegenliebe. „Wir sind ziemlich am Anfang der Arbeit“, sagte Kohlgraf, er erlebe aber einen ernsthaften Willen zur Aufarbeitung. Nur über den Weg dahin streite man noch, räumte er aber auch ein. Kommende Woche treffen sich die deutschen Bischöfe zur Frühjahrskonferenz, er gehe davon aus, dass dann auch über gemeinsame Standards der Aufarbeitung gesprochen werde, sagte Kohlgraf, und mahnte, die Kirche dürfe bei dem Thema nicht nachlassen: „Viele Menschen sind von der Kirche enttäuscht“, warnte Kohlgraf,  „das Thema wird uns noch viele Jahre beschäftigen.“

"Wir brauchen die Expertise von außen" - Mainzer Bischof Kohlgraf etabliert Beratergruppe zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs - Rütteln am Zölibat
Der Bischof und sein Vorgänger: Peter Kohlgraf mit Kardinal Karl Lehmann bei seiner Vorstellung im April 2017. – Foto: Bistum Mainz

Wie ernst der neue Mainzer Bischof die Aufarbeitung des Skandals nimmt, zeigt sich auch in weiteren Bereichen seines Vorgehens: Im Januar hatte das Bistum Mainz umfangreiche Listen mit insgesamt 199 im Bistum dokumentierten Fällen den Generalstaatsanwaltschaften Koblenz und Frankfurt überlassen – nach einer Strafanzeige von Juraprofessoren. Bislang hatte gerade die deutsche Bischofskonferenz die Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden eher zögerlich betrieben, auch die Wissenschaftler der MHG-Studie hatten keine volle Akteneinsicht bekommen, was auf scharfe Kritik stieß. Viele Fälle sind zudem nach deutschem Strafrecht bereits verjährt. Unter den an die Staatsanwalt gegebenen Fälle seien auch solche gewesen, die in der MGH-Studie nicht erfasst wurden, etwa Laienmitarbeiter betreffend, sagte Kohlgraf nun: „Wir haben mindestens genau so viele Beschuldigte außerhalb des Klerus wie im Klerus.“

Dazu lässt Kohlgraf derzeit alle Akten der früheren Fälle noch einmal überprüfen, auch ob unter seinem Vorgänger Karl Kardinal Lehmann richtig mit den Vorfällen umgegangen wurde. Im Fall eines ehemaligen Priesters des Bistum Mainz, der heute in Trier lebt, leitete Kohlgraf ein kirchenrechtliches Verfahren ein – das sei damals unterlassen worden, sagte er nun. Der Fall liegt 30 Jahre zurück. Mit seinem Vorgehen geht Kohlgraf aber auch auf Distanz zu seinem allseits geschätzten Vorgänger Lehmann: Nicht einmal der vor einem Jahr verstorbene Kardinal würde heute behaupten, bei der Aufarbeitung „alles richtig gemacht zu haben, sagte Kohlgraf kürzlich in einem Interview der Zeit-Beilage „Christ & Welt“.

Lehmann hatte 2002 noch bei der Entdeckung des Missbrauchsskandals im amerikanischen Boston noch gesagt, die deutsche Kirche müsse sich diesen Schuh nicht anziehen, Kohlgraf sagte in demselben Interview: „Das war so unklug wie falsch.“ Lehmann habe das selbst auch später zugegeben, er habe „wie viele damals die Tragweite des Skandals nicht richtig eingeschätzt.“ Er sei sich sicher, dass auch Lehmann heute die Tragweite der Vorfälle anders einschätzen würde, betonte Kohlgraf zugleich – und versprach: Sollte das Durchforsten der Akten ergeben, dass unter Lehmanns Leitung Missbrauchsvorfälle vertuscht worden und Täter gedeckt worden seien, „dann haben die Betroffenen ein recht darauf dies zu erfahren.“ Auch die Öffentlichkeit werde man dann darüber informieren.

Info& auf Mainz&: Mehr zu der MHG-Studie auch im Bistum Mainz lest Ihr hier bei Mainz&. Der Tod von Kardinal Karl Lehmann jährt sich am kommenden Montag, den 11. März, zum ersten Mal. Wegen der am Montag beginnenden Frühjahrssynode der Deutschen Bischofskonferenz findet der große Gedenkgottesdienst mit Bischof Peter Kohlgraf erst am Sonntag, den 17. März  statt. Alle Informationen dazu findet Ihr sicher auf der Internetseite des Bistums Mainz. Dort findet Ihr natürlich auch weitere Informationen zum Thema sexueller Missbrauch und den Ansprechpartnern beim Bistum.

 

 

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