Deutschland erlebte am Freitag eine wahrhaft historische Stunde: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wurde am Freitag das öffentliche Leben im ganzen Land praktisch in die Warteschleife geschickt oder gestoppt. Von Montag an werden Schulen und Kitas nicht mehr öffnen, zur Kinderbetreuung sollen Notdienste eingerichtet werden. Die Stadt Mainz untersagte generell alle Veranstaltungen von mehr als 75 Personen, die Stadt Wiesbaden von mehr als 150. So gut wie alle Theater und Kultureinrichtungen schließen, die Hochschulen verschieben das Sommersemester, Schwimmbäder und Sportstätten sind dicht. Zehntausende von Arbeitnehmern sind aufgerufen, Homeoffice statt Büro zu nutzen, die Arbeitgeber stehen vor der Herausforderung, das zu organisieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief die Deutschen auf, zuhause zu bleiben – aus Solidarität mit gefährdeten Risikogruppen.

Ausbreitung des Coronavirus weltweit nach Recherchen der John Hopkins University. - Screenshot: gik
Ausbreitung des Coronavirus weltweit nach Recherchen der John Hopkins University. – Screenshot: gik

Deutschland erlebt zum ersten Mal eine echte Pandemie einer noch immer weitgehend unbekannten Krankheit: SARS-CoV-2 heißt das neue Coronavirus offiziell, die von ihm ausgelöste Krankheit wird Covid-19 genannt. Die Zahl der Infektionen mit der Lungenkrankheit steigt derzeit von Stunde zu Stunde rasant an – Wissenschaftler befürchten, dass Deutschland dieselben exponentiellen Ausbreitungskurve steckt, die zuvor schon andere Ländern- vor allem Italien – im Griff hatte. Danach würden sich die Ansteckungsraten mit dem neuen Virus pro Tag verdoppeln – wird diese Kurve nicht gestoppt, droht Deutschland ein Zusammenbruch seines Gesundheitssystems und ähnlich viele Tote wie Italien. Dort waren es am Freitag mehr als 1.000 Tote bei rund 15.000 Infizierten. Weltweit zählte die John-Hopkins Universtität am Freitagabend 137.445 Infizierte und 5.088 Tote.

So sieht das Coronavirus SARS-CoV-2 aus. - Foto via Wikipedia
So sieht das Coronavirus SARS-CoV-2 aus. – Foto via Wikipedia

Wissenschaftler und nun auch Politiker riefen dazu auf, alles zu tun, damit sich die Ansteckungsraten nicht wie bisher exponentiell weiter entwickeln. Gegen Covid-19 gibt es keine Medikamente und keine Impfungen, schlimmer noch: Es gibt auch keine Grundimmunität in der Bevölkerung, im Gegensatz zur herkömmlichen Grippe. Durch den neuen Virus sind deshalb deutlich mehr Menschen in Gefahr als durch eine Grippe – das Robert-Koch-Institut gibt inzwischen als Risikogruppe alle „älteren Personen mit stetig steigendem Risiko für einen schweren Verlauf ab etwa 50–60 Jahren“ an, dazu Raucher und Personen mit Vorerkrankungen – das reicht von Asthma und chronischer Bronchitis über Herzleiden, Vorerkrankungen von Leber, Niere oder Krebs, Diabetiker sowie alle Personen mit einem geschwächten Immunsystem.

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Nach Angaben des RKI lag bisher in China das Durchschnittsalter der Erkrankten bei 51 Jahren, rund 78 Prozent der Fälle sind zwischen 30 und 69 Jahren alt. Die unter 20-Jährigen seien mit 2,4 Prozent hingegen kaum betroffen, Schwangere haben kein erhöhtes Risiko. Nach bisherigen Daten scheinen die Verläufe bei Kindern eher mild zu sein, Kinder gelten aber als hochgradige Übertrager des Erregers, vor allem auch, weil sie oft gar nicht merken, dass sie krank sind. Rund 80 Prozent aller Erkrankungen verliefen bisher milde bis moderat, 14 Prozent verliefen schwer (mit Atemnot, Sauerstoffsättigung unter 94%, oder Lungeninfiltraten in mehr als der Hälfte der Lunge), aber nicht lebensbedrohlich. In 6 Prozent der Fälle war der klinische Verlauf kritisch bis lebensbedrohlich – alle Angaben nach RKI, nachzulesen auf dieser Internetseite.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) bei der Pressekonferenz zur Coronavirus Epidemie. - Screenshot: gik
Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) bei der Pressekonferenz zur Coronavirus Epidemie. – Screenshot: gik

Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) hatte hingegen noch am Freitagnachmittag auf einer Pressekonferenz von „vier Prozent mit schweren Verläufen bis zum Tod“ und von einem „milden Krankheitsverlauf bei 96 Prozent“ gesprochen. Die rheinland-pfälzische Landesregierung trat angesichts der dramatischen Entwicklung am Freitag zu einem Sonderkabinett zusammen, danach verkündete Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) drastische Einschnitte ins öffentliche Leben: Ab Montag bleiben Schulen und Kindergärten in Rheinland-Pfalz zu, das Land untersagte alle öffentlichen Veranstaltungen von mehr als 75 Personen.

„Deutschland befindet sich in einer sehr ernsten Lage“, betonte Dreyer, das sich weltweit ausbreitende unbekannte Virus stelle die Menschen weltweit vor sehr großen Herausforderungen. „Wir haben es mit einem neuen Virus zu tun, wir haben keinen Impfstoff und kein Medikament, und es gibt keine Resistenzen dagegen“, betonte Dreyer: „Wir brauchen die Solidarität aller, wir brauchen Wachsamkeit sich selbst gegenüber, aber auch gegenüber der älteren Bevölkerung.“ Das Virus werde sich weiter ausbreiten, die Fallzahlen weiter steigen – und es werde auch Tote geben.

Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) auf der Pressekonferenz zum Coronavirus Epidemie. - Screenshot: gik
Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) auf der Pressekonferenz zum Coronavirus Epidemie. – Screenshot: gik

Für Erstaunen und stellenweise auch deutliche Verwirrung drohte am Freitag die Tatsache, dass das Land nun doch alle Schulen und Kitas schließt – Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte das nicht einmal 24 Stunden zuvor noch abgelehnt. Am Freitagmittag sickerte dann über die sozialen Netzwerke die Nachricht durch, es drohten Schulschließungen ab dem kommenden Montag – offiziell bestätigt wurde das erst um 16.30 Uhr auf der Pressekonferenz. Es habe am Donnerstag bei der Ministerpräsidentenkonferenz und der Kultusministerkonferenz „neue Informationen“ von Virologen gegeben, nach denen Schulschließungen nun doch ein geeignetes Mittel zur Eindämmung der Epidemie seien, sagte Dreyer und Hubig.

Das sei doch „ein gespielter Witz“, kritisierten Betroffene in den sozialen Netzwerken, Schulen beschwerten sich über mangelnde oder unklare Informationen, Eltern meldeten sich fassungslos, wie sie denn bitte jetzt dann ab Montag die Kinderbetreuung organisieren sollten.

„Uns ist bewusst, dass es eine große Herausforderung für die Eltern ist, die Kinder jetzt nicht in die Kitas zu schicken“, sagte Ministerin Hubig auf der Pressekonferenz. Einige Eltern können auch gar nicht zuhause bleiben, weil sie in wichtigen Bereichen für die Daseinsvorsorge arbeiteten, etwa in Krankenhäusern oder für die Sicherheit des Landes, für diese werde eine Kinderbetreuung organisiert. Welche Berufe zu einer Daseinsvorsorge gezählt werden können, eine solche Liste hatte die Ministerin aber nicht. „Nein, wir machen es den Eltern zurzeit nicht schwer“, betonte sie auf Nachfrage von Journalisten. Für alle Kinder, die zuhause seien, müsse zudem ein Angebot von Lernmaterialien sichergestellt werden, entweder digital oder anders, betonte die Bildungsministerin zudem: „Wir möchten, dass keinerlei Nachteile für unsere Schüler entstehen.“

Die Hochschulen verschieben den Start des Sommersemesters. - Foto: gik
Die Hochschulen verschieben den Start des Sommersemesters. – Foto: gik

Wissenschaftsminister Konrad Wolf (SPD) hatte zudem schon am Mittag offiziell mitgeteilt: Der Start des Sommersemesters an den Hochschulen in Rheinland-Pfalz wird verschoben, vorerst auf den 20. April 2020. Diese Entscheidung gelte zunächst nur für den Vorlesungsbetrieb, nicht aber für den Verwaltungs- und Forschungsbetrieb, betonte der Minister. Bibliotheken, Forschungsbetrieb und Verwaltung sollen zunächst weiter geöffnet bleiben. Die Hochschulen sollen die Zeit auch dafür nutzen, digitale Lehrveranstaltungen vorzubereiten. Von den Hochschulen hieß es, man müsse nun Raum- und Lehrkonzepte entwickeln und Lehre, Prüfungen, Bibliotheksdienstleistungen, den technischen und administrativen Support sowie den Einsatz digitaler Elemente neu organisieren. „Dies wird eine Herausforderung auch für die IT-Infrastruktur in Rheinland-Pfalz“, warnte der der Vorsitzende der LHPK, der Trierer Universitätspräsident Michael Jäckel.

Denn Tatsache ist auch: Deutschland wandert ab kommender Woche flächendeckend ins Homeoffice. Wer kann, soll von Zuhause arbeiten, das dürfte ein wahrer Stresstest für das Datennetz in Deutschland werden, dessen Ausbau seit Jahren hinterher hinkt. Beim Autobauer Opel gab es etwa am Donnerstag eine ersten Fall einer Coronavirus-Infektion in der Verwaltung, nun sollen rund 1.700 Mitarbeiter in Homeoffice von Zuhause arbeiten – mehr dazu lest Ihr hier.

Der Mainzer Dom und das Gutenberg-Museum sind geschlossen. - Foto: gik
Der Mainzer Dom und das Gutenberg-Museum sind geschlossen. – Foto: gik

Überhaupt nahm am Freitag die Zahl von Verdachtsfällen sprunghaft zu, in häuslicher Quarantäne befindet sich unter anderem der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf – vom  Gesundheitsamt Mainz-Bingen gab es seit Mittwoch keinerlei neuen Zahlen zu Verdachtsfällen oder bestätigten Covid-19-Fällen. Die Zahl der Infektionen dürften in den kommenden Tagen deutlich steigen, das Land wies deshalb die Kliniken an, ab Montag alle nicht notwendigen Operationen zu verschieben. Das Ziel: die Betten in den Kliniken sollen für den Notfall freigehalten werden.

„Wir werden unsere Intensivkapazitäten noch einmal deutlich hochfahren“, kündigte Bätzing-Lichtenthäler an. Wie viele Intensivbetten Rheinland-Pfalz derzeit hat, und um wie viele Betten man die Intensivstaitonen ausbauen will, konnte die Ministerin auf Nachfrage aber nicht beantworten. Bundesweit stehen nach Angaben des RKI 28.000 Intensivbetten zur Verfügung. Es gebe Anfang kommender Woche Gespräche mit den Krankenhäusern, wie man die Kapazitäten ausweiten könne, sagte Bätzing-Lichtenthäler, auch werde das land zusätzliche Beatmungsgeräte beschaffen.

Chirurg mit Gesichtsmaske - die Klinken verschieben ab Montag alle planbaren Operationen. - Foto: via Wikipedia von Artur Bergman
Chirurg mit Gesichtsmaske – die Klinken verschieben ab Montag alle planbaren Operationen. – Foto: via Wikipedia von Artur Bergman

Auch die Gesundheitsämter sollen personell verstärkt werden, das Land habe rund 1.300 Ärzte im Ruhestand angeschrieben und gefragt, ob diese bereit seien, in den Ämtern auszuhelfen, sagte die Ministerin. Die Anruftelefone seien überlastet, immer mehr Menschen suchten zudem die Hausarztpraxen auf, um sich testen zu lassen, räumte die Ministerin ein. Das Land habe deshalb mehrere Fieberambulanzen eingerichtet – nach unseren Informationen besteht die nächste von Mainz aus gesehen in Ingelheim bei der Firma Bioscientia. Wer sich dort testen lassen will, muss sich aber zuvor angemeldet haben und eine Rezept eines Arztes mitbringen – einfach vorbeifahren geht nicht. Die Mainzer Uniklinik antwortete auf unsere Anfrage, ob es dort eine Fieberambulanz gebe, nicht.

Soziale Distanz einzuhalten, sei eines der wirksamsten Instrumente gegen die Verbreitung des Virus, betonte Ministerpräsidentin Dreyer noch und rief zugleich zu Solidarität und Achtsamkeit füreinander auf: „Soziale Distanz heißt nicht soziale Kälte“, betonte Dreyer, „bitte kümmern Sie sich um Ihre Nachbarn.“

Info& auf Mainz&: mehr zu den Schließungen von Schulen und Kitas lest Ihr hier bei Mainz&, ausführliche Informationen zu Absagen von Veranstaltungen und weiteren Entwicklungen gibt es hier in unserem Coronavirus-Ticker.  Das Land Rheinland-Pfalz hat seine kostenfreie Hotline unter der kostenfreien Rufnummer 0800 575 81 00 ausgeweitet, die Hotline ist jetzt erreichbar von Montag – Freitag 8.00 bis 18.00 Uhr und Samstag – Sonntag 10.00 bis 15.00 Uhr. Rund um die Uhr erreichbar ist hingegen die bundesweite Patienten-Hotline unter der Rufnummer 116117 (ohne Vorwahl). Wenn Ihr den Verdacht habt, Ihr könntet erkranken, wendet Euch bitte sofort dorthin.  Alle Informationen, Meldungen und Hintergründe zur Coronavirus Epidemie findet Ihr ab sofort auf unserer neuen Sonderseite „Alles zum Coronavirus“ genau hier bei Mainz&. Ausführliche Informationen rund um das Coronavirus, Krankheitsverlauf, Ansteckungsgefahr und und und findet Ihr auch hier beim Robert-Koch-Institut.

1 KOMMENTAR

  1. Alles hat zwei Seiten:

    Die Natur schlägt zurück. Corona ist der Preis der klimaschädlichen Flug-Mobilität, der Globalisierung und der seuchenanfälligen Massenpopulation. Der Virus hat schon mehr an Klimaschonung bewirkt als alle politischen Verrenkungen. Längst greift die Flugscham um sich. Und so mancher wird sich fragen, ob man vielleicht doch in Frieden leben und sterben kann, ohne die Chinesische Mauer, Neuseeland, die Elendsviertel von Südafrika oder die Karibik gesehen zu haben.

    Der Virus ist ein Mutant aus der Familie der sehr variablen Grippeviren. Eine dauerhafte Immunität genesener Erkrankter beschränkt sich auf den überwundenen Typ, nicht aber auf dessen Abkömmlinge. So wie es keine dauerhafte Grippe-Immunität gibt und bei dem gewöhnlichen Schnupfen schon gar nicht, dürfte Corona zum lästigen Dauergast werden. Sollte es zu der erwarteten Durchseuchung von 70% bei 1% Letalität kommen, wären das alleine in Deutschland über 500.000 Todesfälle bei gesundheitlich angeschlagenen und alten Menschen. In Fachkreisen wird längst eine Entspannung für die Sozialkasssen erwartet.

    Dennoch gibt es zumindest wirtschaftlich einen positiven Aspekt. Es wird über die Globalisierung nachgedacht werden müssen. Das deutsche BIP besteht zu ca. 65% aus Dienstleistungen. Davon kann keiner leben. Die ehemalige Wertschöpfung ist billig ausgelagert. Elektronik, Fototechnik, Pharmazie, alles weg. Übrig ist die flächenverschlingende Betonorgie sowie die fragil gewordene Monokultur Auto. Und ob Stadtpanzer Wertschöpfung oder Wertvernichtung darstellen, muss hier nicht diskutiert werden.

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