Morgen, am 19. Mai, findet die 100. Montagsdemo am Frankfurter Flughafen gegen Fluglärm statt. Die Hartnäckigkeit der Protestierenden ist unglaublich – und sie wirkt. Natürlich gibt s die Nordwestlandebahn noch, natürlich dröhnen die Flugzeuge noch immer über die Köpfe der geplagten Menschen. Aber es hat sich einiges getan, die Politik hat auf die Demos reagiert. Und irgendwie sind ja auch die Demos selbst ein Stück Routine geworden, ein ewiges Montags-Ritual. Das wird bleiben – notfalls bis zur 200. Montagsdemo.

Die Wächter des Nachtflugverbots - 100. Montagsdemo (€)
Überblick 99. Montagsdemo – Foto gik

Gisela Kirschstein hat sich am Frankfurter Flughafen umgesehen, und hat eine bunte Mischung von Demonstranten getroffen: Einen Kinderarzt, der auf die Demos geht, weil ihm in der Praxis die kleinen Lärmopfer begegnen, während er selbst in der Mainzer Oberstadt Fluglärm-krank wird. Sie hat eine Flörsheimerin mit einem Buchladen voller Anti-Lärm-Utensilien getroffen, und natürlich auch diejenigen, die an der Spitze der Bürgerinitativen stehen – aus Frankfurt wie auch aus Mainz.

Die folgende Reportage ist in der Frankfurter Neuen Presse erschienen, deshalb kann ich sie nicht kostenlos ins Netz stellen – und es war dazu auch zu viel Arbeit. Guter Journalismus… Ihr wisst schon 😉

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Das folgende Paket besteht aus 3 Artikeln: Reportage, Porträt des Kinderarztes und eine längere Meldung über Fraport-Chef Schulte und seine neuen Töne in Sachen Fluglärm. Alle Texte können selbstverständlich auch von Redaktionen zur Veröffentlichung gekauft werden. Einfach unter 0170-5301330 melden!

Die Wächter des Nachtflugverbots

Sie machen Lärm, um auf Fluglärm aufmerksam zu machen: Seit zweieinhalb Jahren protestieren jeden Montag Hunderte oder gar Tausende Menschen gegen Fluglärm, gegen die neue Landebahn und für mehr Ruhe in der Region – kommenden Montag zum 100. Mal. Und sie wollen weiter machen – notfalls bis zur 200. Demonstration.

Von Gisela Kirschstein

Frankfurt Flughafen. „Viel Erfolg“ wünscht der Businessmann mit Aktentasche im Aufzug, bevor er zum Flieger hastet. Es ist kurz nach 17.00 Uhr, im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens ist gemächlicher Betrieb. Ein paar Reisende mit Koffern suchen den richtigen Abflugschalter, Fraport-Bedienstete warten entspannt auf mögliche Fragen, die Lufthansa-Schalter sind leer. In weniger als einer Stunde wird hier ein Ritual aufgeführt, dass es seit zweieinhalb Jahren jeden Montag gibt: Die Montagsdemonstration der Fluglärm-Gegener.

Die Wächter des Nachtflugverbots - 100. Montagsdemo (€)
Immer wieder Montags: die 99. Demo am Frankfurter Flughafen – Foto: gik

„Man hat sich schon dran gewöhnt“, sagt ein Bediensteter und zuckt die Schultern. Ihm persönlich mache das aber keinen Spaß, sagt er, und fügt hinzu: „Der Lärm…“ Auch am Schalter einer Airline ein paar Schritte weiter, steht die Akustik im Vordergrund: „Es ist tierisch laut, da kann man einfach nicht bei arbeiten“, sagt die Mitarbeiterin.

Gitte Schreiber schüttelt den Kopf: „Wir sind nur eine Stunde lang am Montag hier“, sagt sie. Die Leute wohnten hier doch nicht, sagt sie, und meint damit: die können nach Hause gehen und entspannen. In Flörsheim, sagt Schreiber, gebe es das seit der neuen Landebahn nicht mehr, und deshalb ist sie jeden Montag hier. „Es ist ein dickes Brett, das wir bohren“, sagt sie entschlossen, „aber wir bohren das durch!“

Der Mann vom Kaffeestand sitzt mit der Familie nicht mehr im Garten

Die Wächter des Nachtflugverbots - 100. Montagsdemo (€)
Die Ruhe vor dem Sturm: 99. Montagsdemo – Foto: gik

In der Abflughalle des Terminals 1 trudeln die ersten Demonstranten ein. Einer schwingt eine gelbe Fahne und das wirkt wie Lockerungsübungen. Die ersten Demonstranten unterhalten sich, packen Plakate aus. „Ich finde es gut“, sagt der Mann vom Kaffeestand. Bei ihm in Bischofsheim kämen die Flieger direkt übers Haus. „Ich kann mit meiner Familie nicht im Garten sitzen, selbst wenn wir laut reden, wir verstehen uns nicht“, sagt er, und fügt noch hinzu: „Das nervt.“

„Eine Demo stört immer“

Nerven, genau das wollen auch die Fluglärm-Gegner. „Eine Demonstration oder ein Streik stört immer“, sagt Thomas Scheffler, „sonst ist sie wirkungslos.“ Scheffler ist der Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen gegen den Fluglärm, das etwa 30 Bürgerinitiativen koordiniert. Seine Mitstreiter kommen aus Raunheim und Flörsheim, aus Hochheim und aus Frankfurt Sachsenhausen, und sie alle beschreiben das immer gleiche Szenario: Flieger, die in 250, 300 Metern Höhe übers Haus donnern, Gärten, die nicht mehr zu benutzen sind, Kinder, die morgens um 5.00 Uhr weinend am Bett der Eltern stehen. „Wir wollen den Lärm dahin zurückbringen, wo er herkommt“, sagt Scheffler.

Inzwischen strömen Dutzende von Demonstranten auf den Platz, die Gruppe wächst, routiniert werden Plakate entfaltet, das Mikrofon aufgestellt. Kurt Czora steht gelassen am Rande der Gruppe, ein ungewöhnliches Gestell mit mehreren Lautsprechern auf dem Rücken. „Damit sind wir jederzeit für die Polizei erreichbar, und können die Leute warnen, wenn was wäre“, sagt Czora stolz. Die Zusammenarbeit mit der Polizei sei super, sagt er noch. Keine Frage: Die Montagsdemonstranten sind professionell geworden.

Bauchladen voller Protestutensilien

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Bauchladen: kreativ gegen den Lärm – Foto: gik

Gitte Schreiber hat inzwischen ihren Bauchladen voller Protestutensilien umgehängt: Anstecker „Fluglärm, nein Danke“, Flyer mit der englischen Aufschrift „Why this protest?“, dazwischen Ohrstöpsel und Kondome mit der Aufschrift „Lieber Vögeln als Fliegen!“ Die kleinen Tröten machten Lärm, der besser für die Ohren sei. „Wir sind ja keine Unmenschen“, sagt sie.

„Die Mainzer kommen!“, sagt Scheffler, und richtig: ein ganzer Pulk stößt jetzt zur Demonstration, wo einer gerade „Herzlich Willkommen zur 99. Montasgdemo!“ ruft.. „Ohne die Mainzer wären wir hier nur halb so viele“, sagt Scheffler, und dass die Montagsdemos in Mainz erfunden worden seien, bei der großen Demo nur wenige Tage nach Eröffnung der neuen Landebahn im Herbst 2011.

Neue Allianzen gegen den Lärm

Die Wächter des Nachtflugverbots - 100. Montagsdemo (€)
Kreativer Vorschlag 😉 – Foto: gik

Seither hat sich viel getan: Die Montagsdemos haben sich auf einige Hundert bis 1.000 Menschen eingependelt. Der Protest nutzt kreativ die jeweilige Jahreszeit, mal wird „Stille Nacht“ umgedichtet, mal in Fastnachtsverkleidung gekommen. Die Protestierenden sind zu Experten in Sachen gemittelte Lärmwerte, Flugzeugtriebwerke und Lärmkurven geworden. Und es sind neue Allianzen entstanden: Fluglärmgegner und Bahnlärmgegner haben sich zusammengetan, tauschen Expertisen aus, fordern gemeinsam Änderungen im Lärmschutzgesetz.

„Wir haben inzwischen 2.000 Mitglieder“, sagt Jochen Schraut, Vorsitzender der Bürgerinitiative gegen Fluglärm in der Mainzer Oberstadt, einem Wohngebiet für den gehobenen Geldbeutel, das seit Herbst 2011 genau in der Einflugschneise liegt. „Es ist eine wichtige Aufgabe geworden, da etwas zu erreichen“, sagt er.

Der Demonstrationszug zieht inzwischen wie jeden Montag durch das Terminalgebäude, vorbei an staunenden Passagieren und an Geschäften. Es wird getrillert und getrötet, der Lärm ist ohrenbetäubend, und dennoch entsteht ein bisschen der Eindruck, dass eigentlich keiner mehr so recht hinhört. Ein junger Mann zuckt mit den Schultern: Ja, verstehen könne er den Protest schon. „Aber“, sagt er: Was hat’s gebracht? Nix!“

Nix gebracht? Von wegen!

„Viel!“, sagt Schraut: Der Protest habe etliche Messstationen auf den Weg gebracht und mehrere Gesundheitsstudien. „Wir werden jetzt von der Politik einbezogen“, sagt Schrauth: „Das ist ein großer Erfolg.“ Kollege Scheffler sagt, sogar das Nachtflugverbot zwischen 23.00 Uhr und 5.00 Uhr könnten sich die Demonstranten auf die Fahnen schreiben: „Richter lesen auch Zeitung“, sagt er vielsagend: „Wir sind hier die Wächter des Nachtflugverbots.“

Die Wächter des Nachtflugverbots - 100. Montagsdemo (€)
Plakat 100. Montagsdemo – Foto: gik

Tatsache ist: Es hat sich etwas verändert in der Politik. Noch vor wenigen Jahren beschworen CDU und FDP den Flughafen als „Erfolgsmotor der Region“, die Sorgen und Beschwerden der Menschen kamen da nicht vor. Erst als die neue Landebahn massive Proteste nach sich zog, änderte sich das: Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) berief einen Fluglärmgipfel, der im Februar 2012 ein Lärmschutzpaket von 335 Millionen Euro auf den Weg brachte.

Fraport-Chef: haben Verantwortung für Menschen in der Region

Dann kam die Landtagswahl im September 2013, die FDP fiel aus Wählergunst und Regierung, und der neue grüne Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir kündigte siebenstündige Lärmpausen an. Selbst Fraport-Chef Stefan Schulte betonte nun, drei Tage vor der 100. Demonstration, der Flughafen habe auch eine Verantwortung für die Menschen in der Region, und dass er verstehe, dass „gerade für neu vom Lärm Betroffenen“ das „ein schwieriges Thema“ sei. Nicht die Demonstrationen ärgere ihn, sondern „dass wir nicht in der Lage sind, schneller lärmmindernde Maßnahmen umzusetzen.“

„Die Politik kommt an uns nicht mehr vorbei“, sagt BI-Sprecher Scheffler zufrieden, und all das sei „nur durch unsere Penetranz erreicht worden.“ Für den Jubiläumstag haben sich rund 100 „Prominente“ angekündigt, Bürgermeister, die Opposition im Landtag, aber auch Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Selbst aus Rheinland-Pfalz kommen zwei Minister, es dürfte voll werden im Terminal 1.

Wie lange sie weiter demonstrieren? „Das hängt von den Politikern und der Reaktion der Landesregierung ab“, sagte Ursula Fechter Sprecherin der BI Sachsenhausen. „Wir haben Ausdauer, und noch mehr Ausdauer“, sagt Dietrich Elsner aus Mainz. Solange, bis die Forderungen der BIs erfüllt seien, sagt Scheffler, und fügt hinzu: „Merken Sie sich schon mal den Termin der 200. Montagsdemo vor.“

 

Porträt Steffen Fischer

Arzt für alle (Lärm-)fälle

„Ihre Krankenkasse schickt mich“, sagt der freundliche Mann im weißen Kittel und Stethoskop um den Hals: „Sie wohnen in einem Hochrisikogebiet!“ Bluthochdruck, Depressionen, Angstattacken, gegen alles habe er Medizin dabei, sagt er, und schüttelt energisch den Vorratsbehälter: „So’n paar Pillen, dann geht das mit dem Fluglärm gleich besser!“

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Kinderarzt Steffen Fischer mit Medizin – Foto gik

Steffen Fischer, der Mann mit dem weißen Kittel“ ist Arzt, sogar Kinderarzt, und seine kleinen Patienten wohnen in Hochheim oder sogar in Flörsheim, zwei von Fluglärm besonders betroffenen Orten im Rhein-Main-Gebiet. „Der Lärm zermürbt“, sagt Fischer, und dass seine Frau von dem Fluglärm so richtig krank geworden sei, „als das Unheil über uns herein brach“.

Nach drei Tagen Fluglärm „sind wir alle in der Familie so richtig angespannt und gereizt“, erzählt er, und dass er in der Mainzer Oberstadt wohne: „Ich suche gerade einen Zweitwohnsitz für die Ostwind-Tage“, sagt er, und dass viele schon aus der Mainzer Oberstadt geflüchtet seien.

Im Prinzip muss die Nordbahn weg“, sagt Fischer, und spricht von „Lug, Trug und Täuschung“ durch die Politik. „Die können sich gerne mal bei mir in den Garten setzen“, bietet der Arzt an. Und dass es doch „eine Ironie“ sei, dass er als Arzt selbst durch fehlende Erholung krank werde. „Ich soll doch“, sagt Fischer, „dafür sorgen, dass die Leute nicht krank werden.

 

Die neuen Töne des Fraport Chefs

Schulte: „Wir haben verstanden“

Frankfurter Flughafen. Kurz vor der 100. Montagsdemo im Frankfurter Flughafen geht Fraport-Chef Stefan Schulte auf die Fluglärm-Gegner zu. „Wir verstehen sehr wohl, dass der Flugbetrieb für viele auch eine hohe Last bedeutet“, sagte Schulte am Freitag in der Konzernzentrale am Frankfurter Flughafen. Die neue Nordwestlandebahn sei zwar „dringend notwendig gewesen, und sie ist eine Erfolgsgeschichte“, betonte der Fraport-Chef: „Gleichzeitig wissen wir aber auch um die Verantwortung für die Menschen in der Region.“

Damit stellte der Fraport-Chef zum ersten Mal den Lärmschutz für die Anwohner in der Region auf die gleiche Stufe mit dem Ausbau des Flughafens. Die Fraport müsse den Flughafen „international wettbewerbsfähig weiter entwickeln“, habe aber auch „eine besondere Verantwortung“ für lärmmindernde Maßnahmen. „Wir müssen beide Seiten dieser Medaille im Blick behalten“, betonte Schulte.

Seit der Eröffnung der neuen Nordwestlandebahn im Herbst 2011 protestieren jeden Montag mehrere Hundert bis mehrere Tausend Menschen aus der ganzen Region im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens gegen die gestiegene Lärmbelastung. Die Demonstranten fordern eine Deckelung des Fluglärms, die Schließung der neuen Landebahn sowie einen Stopp der Planungen fürs Terminal 3. Zur 100. Montagsdemo am Montag hat sich eine lange Reihe Politiker angesagt, darunter auch Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne).

Schulte; Gut, dass Flugbewegungen nicht steigen

Schulte betonte erneut, die Fraport brauche des 3. Terminal, saget dann aber überraschend: „Es ist sehr positiv, dass die Flugbewegungen nicht so stark steigen.“ Gerade mit Blick auf die Lärmentwicklung sei das „wünschenswert.“ Schulte kündigte an, noch stärker auf große, moderne Maschinen zu setzen, die leiser wären und mehr Passagiere auf einmal transportieren könnten.. Den Bürgerinitiativen bot er Gespräche an und sagte zu, deren Anliegen gründlich zu prüfen. „Die Demonstrationen sind ein Grundrecht“, sagte Schulte, sie seien „jenseits jeder Dimension von Ärger.“ Ihn ärgere eher, „dass wir nicht in der Lage sind“, schneller lärmmindernde Maßnahmen umzusetzen“, fügte er hinzu.

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