Die Spannung in der Johanniskirche ist mit Händen zu greifen, „ich schlafe, ehrlich gesagt, nicht mehr“, gesteht Grabungsleiter Guido Faccani – durch Mainz weht in diesen Tagen ein Hauch von Indiana Jones. Kommenden Dienstag, den 4. Juni, steht eine der spektakulärsten Aktionen bevor, die die Archäologie in Deutschland seit Jahren erlebt hat: Die Öffnung eines 1.000 Jahre alten steinernen Sarkophags. Das Grabmal befindet sich mitten in der Mainzer Johanniskirche, der Sarg wirkt unberührt wie vor 1.000 Jahren. In ihm schlummert, so erwarten es die Forscher, der frühere Erzbischof Erkanbald – womöglich in komplettem Ornat mit Gewändern, Bischofsring und Grabbeigaben.

"Ein Hauch von Tal der Könige" - Hochspannung vor Öffnung des steinernen Sarkophags in der Johanniskirche
Im Mittelschiff der Johanniskirche, genau auf der Mittelachse, wurde der steinerne Sarkophag aus dem 11. Jahrhundert gefunden, hier wird kommenden Dienstag sein Deckel angehoben. – Foto: gik

„Das hat natürlich was von Tal der Könige, von Mumien und alten Horrorfilmen“, sagt Dekan Andreas Klodt: „Wir sind hier an einem Ort, wo wir erfahren können, wo wir herkommen.“ Es ist ein Stück Mainzer Geschichte, das sie in den vergangenen sechs Jahren in der Johanniskirche freigelegt haben, nun soll das der krönende Höhepunkt werden: Kommenden Dienstag wird der geheimnisvolle steinerne Sarkophag im Kirchenschiff von St. Johannis feierlich geöffnet, Medienrummel und Kameras inklusive.

Gefunden wurde das Grabmal eigentlich schon 2017, eine Ecke des Sarkophags sei bei Grabungsarbeiten zum Vorschein gekommen seither habe man die Stelle immer so ein bisschen umschifft, berichtete Faccani – es war klar: Hier ruht etwas ganz Besonderes. Ende 2018 entschloss man sich, den Sarg Stein für Stein und ganz vorsichtig freizulegen. Der Deckel zeige die typische Gestaltung eines Grabes aus dem 11. Jahrhundert, sagte Faccani am Mittwoch in Mainz. Der Sarkophag liege zudem genau auf der Mittelachse der Kirche nahe beim Altarraum, „ein Zeichen, dass hier ein Hochprivilegierter bestattet wurde.“

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"Ein Hauch von Tal der Könige" - Hochspannung vor Öffnung des steinernen Sarkophags in der Johanniskirche
Der 1000 Jahre alte Steinsarkophag vermutlich von Erzbischof Erkanbald in der Johanniskirche in Mainz. Ganz links sieht man übrigens den gotischen Mosaikfußboden. – Foto: gik

In dem Sarkophag vermuten die Forscher denn auch einen bislang verschollenen früheren Mainzer Erzbischof: Erkanbald war von 1011 bis zu seinem Tod im Jahr 1021 Erzbischof des wichtigen Mainzer Bistums und Erzkanzler des nördlichen Teil des Römischen Reiches. Der Spross einer bedeutenden Familie aus dem Raum Braunschweig war verwandt mit dem berühmten Abt Bernward von Hildesheim, der später sogar heilig gesprochen wurde. Erkanbald war von 997 bis 1011 Abt von Fulda, bevor er Erzbischof in Mainz wurde.

Erkanbald sei so eine Art „Missing Link“, ein Mann des Übergangs gewesen und „ein bisschen eine tragische Gestalt“, sagte Klodt: Der Nachfolge des legendären Erzbischofs Willigis erbte vor allem Baustellen. Der Dom St. Martin, von Willigis erbaut, brannte noch in der Nacht vor seiner Weihe ab, Erkanbald war vor allem mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Die Weihe des wiedererstandenen Doms 1036 erlebte er aber nicht mehr, auch als Kaiser Konrad II. 1024 in Mainz gekrönt wurde, war Erkanbald schon tot.

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Grabungsleiter Guido Faccani (2. von links) erläutert den Fund des steinernen Sarkophags in der Johanniskirche. Ganz rechts: Pfarrer Gregor Ziorkewicz, 2. von rechts: Dekan Andreas Klodt. – Foto: gik

Es waren aber auch diese Umstände, die den Forschern die Hinweise gaben, wer in dem nun gefundenen Sarkophag liegen muss: Erkanbalds Vorgänger Willigis liege in der Kirche St. Stephan begraben, sein Nachfolger Aribo habe sich schon im neuen Dom begraben lassen, sagte Faccani – Erkanbald war der einzige Bischof, der in St. Johannis beerdigt wurde. Schriften berichteten, wie Nachfolger zu seinem Grab in der Kirche pilgerten, erzählte Faccani.

Und so könnte die Leiche des Erzbischofs denn auch den endgültigen Beweis für die einstige Bedeutung der heute so unscheinbaren Kirche in der Mainzer Innenstadt liefern. 2013 wollte die evangelische Gemeinde eigentlich nur eine Fußbodenheizung einbauen, daraus wurde eine der spannendsten archäologischen Forschungsstätten Deutschlands. Sechs Jahre lang gruben sich Archäologen durch immer neue Schichten des Kirchenfußbodens, entdeckten Fundamente aus der Merowingerzeit und römische Mauerreste, mittelalterliche Skulpturen und Boulekugeln und einen Mosaikfußboden aus der Gotik.

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Noch immer ist der Fußboden der Mainzer Johanniskirche ein Grabungsfeld, im Hintergrund die Plattform um den Srakophag. – Foto: gik

Fest steht heute: Die Johanniskirche war einst der Alte Dom von Mainz, die große Bischofskathedrale vor dem Bau des Doms St. Martin. „Dieser Titel ist überliefert, der Name ist für diesen Ort belegt“, betonte Klodt. Wenn nun in dem Grab tatsächlich Erkanbald liege, sei das die Bestätigung der einstigen Bedeutung.

Kommenden Dienstag soll in einer spektakulären Aktion der 700 Kilogramm schwere Deckel des steinernen Sarkophags mit Hilfe eines Krans angehoben werden. „Liegt da nichts drin? Unwahrscheinlich“, sagte Faccani, der Forscher hofft auf mehr: neben der Überreste des Erzbischofs könnte der Sarg auch Schuhe, Gewänder, Bischofsring, dazu vielleicht ein Bischofsstab sowie Grabbeigaben wie Messkelche enthalten. Im besten Falle habe man dem Toten sogar ein Plättchen mit seinem Namen ins Grab gelegt, das sei früher üblich gewesen: „Wir gehen davon aus, dass wir unseren Augen nicht trauen können.“

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Rekonstruktionen des frühen Bauzustands der Mainzer Johanniskirche. – Foto: gik

Finanziert wird die Aktion übrigens mit Hilfe einer Spende von 100.000 Euro des katholischen Bistums von Mainz, der vor einem Jahr verstorbene Kardinal Karl Lehmann persönlich übergab die Spende. Am Dienstagmorgen um 8.30 Uhr soll es losgehen mit der Öffnung des Sarges, schon gegen 9.00 Uhr könne klar sein, was das steinerne Grabmal enthalte, sagte Pfarrer Gregor Ziorkewicz.

Ein Expertenteam aus Wissenschaftlern soll umgehend den Inhalt untersuchen und dokumentieren, mit dabei werden Anthropologen, Textilexperten, Röntgenologen und Restauratoren sein. Geborgen werden sollen die Funde jedoch nicht: „Wir nehmen nichts raus, es bleibt alles drin,“, betonte Faccani, „der Deckel geht am Schluss wieder drauf und Erkanbald darf weiter schlafen.“ Die Öffnung des Sarkophags erfolge einzig und allein zur Identifizierung des Toten: „Wir gehen da nicht mit Indiana Jones Haltung und Hut da rein.“

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Funden in St. Johannis und der Bedeutung des Alten Doms zu Mainz lest Ihr hier bei Mainz&, die Funde sind zudem ausführlich auf einer speziellen Internetseite der St. Johanniskirche dokumentiert. Eine erste Bewertung der Funde wollen die Forscher am Dienstag ab 13.00 Uhr auf einer Pressekonferenz bekannt geben. Für die Öffentlichkeit wird das Grab am Samstag, den 8. Juni 2019 von 11.00 Uhr bis 15.30 Uhr zugänglich gemacht, der Zugang erfolgt vom Ostchor der Kirche.

 

 

 

 

 

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