Es sind ausgemergelte, gequälte Gesichter, die den Betrachter von dem Haus in der Kaiserstraße 31 in Mainz entgegen blicken. Es ist ein Haus mit dunkler Vergangenheit: Im Keller wurden Menschen verhört und gefoltert – es war von 1933 bis 1945 die Gestapo-Zentrale in Mainz. Die Geheime Staatspolizei der Nazis verfolgte erbarmungslos Gegner des Nazis-Regimes, folterte und überantwortete Gegner den Konzentrationslagern. Auch in Mainz wurden von hier aus Andersdenkende in den Tod geschickt.

"Was einmal war, bleibt ewig möglich" - Gedenken am 27. Januar
Gedenktafel am Haus Kaiserstraße 31 in Mainz: Hier war die Gestapo-Zentrale der Nazis. – Foto: gik

Es sind kleine Gedenktafeln wie diese, die eigentlich am meisten stutzen, dann innehalten und nachdenken lassen. In jedem Jahr am 27. Januar wird in Deutschland der mehr als sechs Millionen Opfer des Naziregimes gedacht – doch das Wie wird immer schwieriger. Wie gedenkt man „einer Katastrophe des Ausbruchs von Unmenschlichkeit“, wie der britische britische Premierminister Lord Baldwin den beginnenden Holocaust im Jahr 1938 nannte? Die Nazi-Zeit rückt immer weiter weg, die Zeitzeugen sterben – es braucht neue Wege des Erinnerns.

Diesem Thema widmen sich in diesem Jahr eine ganze Reihe von Veranstaltungen zum 27. Januar in Mainz. Der Tag wurde 1996 zum bundesweiten Gedenktag erklärt. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der russischen „Rote Armee“ die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Und bei der Proklamation des Gedenktages mahnte der damalige Bundespräsident Roman Herzog:

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„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt.“

In Mainz scheinen sie diese Worte gehört zu haben: Unter den mehr als 20 Veranstaltungen, die sich bis zum 5. Februar erstrecken, sind auch durchaus ungewöhnliche Wege der Erinnerung.

„Schon sooo lange her?“ heißt ein Geschichtsprojekt der Israel-AG am Mainzer Theresianum. Die Schüler stießen auf die Geschichte der Brüder Paul und Heinz, die im Jahr 1933 sieben und vier Jahre alt waren, und in Mainz am Fischtorplatz 21 wohnten. Heute wären Paul und Heinz 87 und 84 Jahre alt, doch ihre Spur schien 1935 einfach abzubrechen – bis eine aktuelle Spur im Internet die Schüler aufhorchen ließ. Das Ergebnis ihrer Detektivarbeit verraten sie in einer Ausstellung in ihrer Schule vom 29. Januar bis zum 5. Februar.

Und dann ist da die Familie von Heinrich und Selma Wolff aus Nackenheim bei Mainz, deren Leben von den Nazis zerstört wurde, und sie aus Deutschland fliehen mussten. Ihr Enkel, Raymond Wolff, liest am 30. Januar aus Hunderten von Briefen der Familie, die zwischen 1938 und 1941 geschrieben wurden – Zeugnis eines „Lebens am Abgrund.“

"Was einmal war, bleibt ewig möglich" - Gedenken am 27. Januar
Vier Säulen erinnern vor der Neuen Mainzer Synagoge an die alte, von den Nazis 1938 zerstörte Große Synagoge – Foto: gik.

Und dann ist da natürlich das Schicksal der Eheleute Isidor und Hedwig Reiling, Besitzer einer Kunst- und Antiquitätenhandlung in Mainz, die erst ihr Hab und Gut, und später ihr Leben verloren. Ihre Tochter Netty ist besser bekannt unter ihrem Pseudonym Anna Seghers. Als Schriftstellerin wurde sie weltberühmt, „Das siebte Kreuz“ stammt von ihr. Ein Vortrag und eine Lesung erinnern am 5. Februar im Mainzer Rathaus an ihre Geschichte.

Mehr als 3.000 Mitglieder hatte die lebendige jüdische Gemeinde von Mainz, zwischen 1.800 und 2.000 von ihnen wurden bis 1945 in „Judenhäusern“ zusammengepfercht, dann deportiert und in Todeslagern ermordet. An die Mainzer Orte dieser Verfolgung, zu „Judenhäusern“, Schulturnhalle und Güterbahnhof, führt ein Rundgang am 26. Januar. Er wird sicher auch vor dem Haus in der Kaiserstraße 31 Halt machen, in dem damals die Gestapo saß.

Einen „Pfad der Erinnerung“ hat auch die Geschichts-Studentin Carola Betzen entwickelt, am 23. Januar stellt sie das Projekt bei einer Veranstaltung im Mainzer Rathaus vor. Zwei ihrer Kollegen erläutern die Funktion der auch in Mainz zahlreich verlegten Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Menschen, und stellen eine Idee für ein „Haus des Erinnerns“ vor. Das könnte spannend werden – es braucht neue Wege der Erinnerung, soll das Gendenken an die Opfer nicht irgendwann verblassen. Denn wie sagt doch ein jüdisches Sprichwort: «Was einmal wirklich war, bleibt ewig möglich.»

Mehr Informationen zu den Mainzern Veranstaltungen gibt es auf der Homepage der Stadt Mainz. Die komplette Veranstaltungsbroschüre gibt es hier zum Download.

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