Es war eine dieser Minuten, die man nie wieder vergisst: „Gisela, mach den Fernseher an“, rief meine amerikanische Freundin ins Telefon: „They’re dancing on the Berlin Wall.“ Genau heute vor 30 Jahren, zu diesen Stunden, fiel in Berlin die Mauer, die Ost von West und Deutschland in der Mitte durchteilte. Ihr Fall ist historisch, eine Sternstunde der Menschheit. „Das ist endlich unsere Stunde, die Stunde der Freiheit“, rief ein Ostdeutscher euphorisch in die Kamera des ZDF. 30 Jahre danach sind unsere Freiheit und unsere Demokratie unter Druck wie nie zuvor. Am Sonntag wählt Mainz einen neuen Oberbürgermeister, in dieser Nacht vor 81 Jahren brannten in Deutschland Synagogen, wurden jüdische Mitmenschen gehetzt und ermordet. Ein Essay über Freiheit, Demokratie – und das Privileg, in Freiheit zu wählen. Nutzt es!

Dieser Artikel ist ein Essay. In einem Essay „setzt sich der Verfasser bzw. die Verfasserin mit einer wissenschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Fragestellung auseinander. Anders als in anderen wissenschaftlichen Arbeiten lässt der Autor neben nötigen Fakten seine subjektive Meinung und seine eigenen Erfahrungen in die Argumentation einfließen. Ziel ist es, dass die Lesern dazu motiviert werden, über das Thema nachzudenken. Dabei (…) ist der Autor frei im Ausdruck und in der Sprache. So kann einen persönlicher Sprachstil präsentiert werden, z. B. indem mit Ironie, Sprachspielen, rhetorischen Mitteln oder Zitaten gearbeitet wird.“ (Quelle hier)

30 Jahre Mauerfall - Die Freiheit, die Demokratie und das Privileg des Wählens - ein Essay
Günter Schabowski verkündet in einer Pressekonferenz die Reisefreiheit für DDR-Bürger – die Mauer war gefallen. – Screenshot: gik

Es war am Abend des 9. November, es war beinahe 19.00 Uhr, als auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin der Sprecher des SED-Zentralkomittees Günter Schabowski den legendären Satz sagt: „Und deshalb, äh, haben wir uns dazu entschlossen, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen.“ Auf Nachfrage der Journalisten gibt Schabowski bekannt: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

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Damit war die Mauer um die DDR offen, gefallen. Zehntausende Berliner strömten kurz danach zu den Grenzübergängen – eine Grenze, die 28 Jahre dazu gedient hatte, ein ganzes Volk einzusperren und von seinen Nachbarn, Freunden, Verwandten getrennt zu halten, wurde in Stunden pulverisiert. Es wurde eine berauschende Nacht in Berlin. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, tanzten auf dem Ku-Damm, stürmten auf die Berliner Mauer.

30 Jahre Mauerfall - Die Freiheit, die Demokratie und das Privileg des Wählens - ein Essay
Sie tanzten auf der Berliner Mauer, in der Nacht des 9. November 1989. Szene aus den Heute-Nachrichten am 9. November 2019. – Screenshot: gik

Ich saß damals 8.500 Kilometer weit von Mainz entfernt, in Austin, Texas, im Austauschjahr an der Universität. Texas war weit weg von Deutschland, im Fernsehen dort erfuhr man nichts über Demonstrationen in Leipzig und auf dem Alexanderplatz, nichts über Züge voll mit Auswanderern, die aus der DDR flohen, nichts über den Druck, dem das SED-Regime ausgesetzt war – das Internet gab es damals noch nicht. In Texas war es Mittagszeit, als auf einmal mein Telefon klingelte, und meine Freundin Brenda den Satz sagte, den ich nie vergessen werde: „Sie tanzen auf der Berliner Mauer.“

Die Worte hörte ich wohl, erfassen konnte ich sie nicht. Ich ging zum Fernseher, schaltete ein – und starrte fassungslos auf den Bildschirm. Sprachlos, den Telefonhörer noch am Ohr. Menschen standen auf der Berliner Mauer, im Hintergrund das Brandenburger Tor. Sie lachten, sie weinten, sie tanzten, sie feierten. „Aber das kann doch gar nicht sein“, schoss es mir durch den Kopf“, „was…., wie….?“

Den Rest des Tages und der Nacht erlebte ich wie in einem Rausch. Telefonate mit Deutschland, Telefonate mit Freunden, aufgeregt, erregt. Binnen Minuten hatte sich die Welt verschoben, auf den Kopf gestellt, schien eine ganz andere zu sein – eine, in der auf einmal alles möglich war. Im „German House“, einem studentischen WG-Projekt, gegründet von deutschen Studierenden, organisierten wir spontan eine Party am Abend, ich erinnere mich noch, wie ich mich um Fragen kümmerte, wie: Woher kriegen wir so schnell ein Fässchen Bier? Wir standen zusammen, wir redeten, noch immer ungläubig, wir alle. Ein Reporter einer amerikanischen Studentenzeitung stand plötzlich vor mir und fragte mich: „Was bedeutet das für Dich, für Dein Land?“

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Todesstreifen und Berliner Mauer mitten in der geteilten Stadt. – Foto: Noir, via Wikipedia

Wie erklärt man jemandem, der nie die Mauer gesehen hat, nie den Todesstreifen, der nie das Brandenburger Tor abgeschottet durch Stacheldraht, Mauer und Wachtürme geschehen hat, was es bedeutet, wenn diese Mauer fällt? Was es heißt, wenn Unrecht auf einmal hinweggefegt wird? Ja, was bedeutete der Fall der Mauer denn nun für unser Deutschland in Ost und West? Wer hat das denn schon überblicken können in jeder Nacht?

Ich erzählte von dem Gefühl, in einem geteilten Land zu leben, von getrennten Familien, von Freiheit und Unterdrückung, von dem Sehnen nach Meinungsfreiheit und Reisefreiheit. Und dass niemand meiner Generation jemals gedacht hätte, er würde diese Stunde erleben, den Fall der Mauer, das Wiederzusammenkommen eines Volkes – Wiedervereinigung etwa? Im Bemühen, meine Gefühle in Worte zu fassen, sprach ich davon, was für eine historische, große, sensationelle Stunde dies war – und wie sehr ich wünschte, ich würde jetzt dort stehen, auf der Berliner Mauer, und mit ihnen allen zusammen tanzen.

Als ich neun Monate später zurück nach Deutschland kam, fand ich ein Land in tiefer Depression vor. Von Euphorie, Aufbruch, Freude – keine Spur. Stattdessen hagelte es Kritik am Zustandekommen der Einheit, an den konzeptlosen Politikern, an dem Ausverkauf der DDR – im Westen, wohlgemerkt. Ich weiß noch genau, wie erschrocken ich war, wie fassungslos. Deutschland bekommt die Gunst des Jahrtausends in die Wiege gelegt, und was macht es daraus? Mich beschlich das Gefühl: Hier wird etwas verschenkt, eine einmalige Chance, ein Aufbruch, etwas Großes zu formen.

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Die neue Mainzer Synagoge, davor ein Tor der vor 81 Jahren von den Nationalsozialisten zerstörten alten Synagoge. – Foto: gik

30 Jahre danach sagt der Moderator der zentralen Feier zu 30 Jahre Einheit im Fernsehen: „Wir leben in einer Zeit, in der der Wert von Freiheit und Demokratie angezweifelt wird.“ 30 Jahre danach muss ich erleben, wie Andersdenkende im Netz und auf der Straße niedergebrüllt werden. 30 Jahre danach muss ich erleben, wie Menschen auf die Demokratie spucken und ihre Werte mit Füßen treten. Ich habe in den vergangenen Monaten Angriffe gegen unabhängige und kritische Journalisten erlebt, wie ich das nie für möglich gehalten hätte – gegen mich persönlich, gegen viele, viele andere Kollegen. Diffamierungen, üble Nachreden, richtige Rufmordkampagnen. Der Wert von Freiheit und Demokratie – er wird nicht nur angezweifelt, er wird bereits aktiv untergraben.

30 Jahre danach erlebe ich Hass und Hetze gegen Andersdenkende im Netz und auf den Straßen, wie ich sie nie für möglich gehalten hätte. Anstand, Respekt, Zuhören – diese Werte schwinden in einem atemberaubenden Ausmaß und Geschwindigkeit. Menschen werden beschimpft für ihr Aussehen, ihre sexuelle Orientierung, ihren Beruf, völlig egal – Hauptsache beschimpft, übergossen, kübelweise, mit Niedertracht und infamen Angriffen. Und die, die es tun, merken es oft nicht einmal. 30 Jahre nach dem Fall einer Diktatur auf deutschem Boden erlebe ich, wie Menschen auf der Straße gehetzt werden, einfach weil sie „anders“ aussehen oder „anders“ sind.

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Stolperstein für Ermordete der Nationalsozialisten in Mainz. – Foto: gik

Vor 81 Jahren brannten genau in dieser Nacht, in diesen Stunden, in denen ich dies schreibe, Synagogen und jüdische Geschäfte, in Mainz, in Deutschland. „Horden von fanatisierten Nazis, darunter etliche Schüler aus Mainzer Gymnasien“, zogen in dieser Nacht und noch am nächsten Tag „durch die Stadt, verwüsteten Geschäfte und Wohnungen von jüdischen Familien, misshandelten und verhöhnten die Besitzer. Mehrere Dutzend jüdischer Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und andere gebracht. Nicht alle überlebten die damit verbundenen Strapazen und Qualen.“

So beschreibt die Mainzer Sozialhistorikerin Hedwig Brüchert die Reichspogromnacht vor 81 Jahren in Mainz. Es war eine Nacht des Scheidewegs: Waren Juden und Andersdenkende zuvor von den Nationalsozialisten vor allem verhöhnt, diskriminiert und gedemütigt worden, begann nun eine neue Phase – die der gnadenlosen Vernichtung.

51 Jahre später erlebte Deutschland wieder eine Nacht des Scheidewegs, doch dieses Mal war es eine Nacht des Jubels: „Das ist endlich unsere Stunde, die Stunde der Freiheit“, rief ein Ostdeutscher in die Kamera des ZDF, er rief es trunken vor Freude, trunken vor Glück. „Sie, die Mutigen in der DDR, haben Geschichte geschrieben: Demokratiegeschichte, Weltgeschichte“, sagte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier heute in Berlin.

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Menschen klettern (noch immer) auf die Berliner Mauer am 12. November 1989 – Foto RIAN Archive

Mutig waren auch die Tanzenden auf der Berliner Mauer, denn niemand wusste, ob nicht doch noch geschossen wird. Der Tanz auf dem Symbol der Unterdrückung und Abschottung, es war das ultimative Symbol der Befreiung und des Sieges über Unterdrückung, Diskriminierung, und ja: auch über Hass und die Vernichtung des Andersdenkenden. Es waren die Mutigen, die diese Geschichte geschrieben haben, denen die Werte von Menschenrechten und Demokratie wichtiger waren als alles sonst. Hier, heute, 30 Jahre danach, verneige ich mich vor ihnen, denn ich hatte keinen Anteil daran – das waren die Menschen im Osten, sie ganz allein.

30 Jahre danach frage ich mich: Wo ist dieser Mut hingekommen? Ich höre die Klagen über das vorgebliche „Abgehängtsein“, ich verstehe sie nicht. Zu kritisieren gibt es vieles in diesem Land, oh ja, aber abgehängt, systematisch benachteiligt? Die blühend herausgeputzten Städte und Straßen wünscht man sich im Ruhrgebiet und in der Südpfalz händeringend, die Linie der Benachteiligung, sie trennt schon lange nicht mehr Ost und West. „Ohne die deutsche Einheit gäbe es heute meine Tochter nicht“, schrieb eine Kommentatorin heute in den sozialen Netzwerken. Menschen im Osten der Republik, die ihre Träume verwirklicht haben, studieren konnten, Unternehmen gegründet haben, Menschen aus dem Westen geheiratet haben oder umgekehrt. Die Liste, was es alles nicht gäbe, ohne die deutsche Einheit – sie ist sehr, sehr lang.

Freiheit bedeutet vor allem eins: die Chance, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir sind nicht ausgeliefert und eingesperrt, wir können Gehen, Reden, Gestalten. Demokratie bedeutet Mitbestimmung, wir haben eine Stimme in der Politik, immer wieder – unser vornehmstes Recht: die freie Wahl. Wie es der Zufall will, findet ausgerechnet am Morgen nach dieser Nacht des Schicksals der deutschen Geschichte, eine Wahl in Mainz statt. Sie wird bestimmen, wer in den kommenden acht Jahren die Geschicke der Landeshauptstadt Mainz lenkt, der goldenen Stadt am Rhein. Der Stadt, die sich ihrer Weltoffenheit und Toleranz rühmt, und in der doch die gleichen dunklen Dinge passiert sind und passieren, wie überall woanders auch.

30 Jahre Mauerfall - Die Freiheit, die Demokratie und das Privileg des Wählens - ein Essay
Bundespräsident Frank Walter Steinmeier bei der Feier 30 Jahre Deutsche Einheit in Berlin 2019. – Screenshot: gik

In diesen Stunden um kurz vor 23.00 Uhr, genau jetzt vor 30 Jahren, begriffen die Menschen so langsam, was da gerade passiert war, und sie begannen, zur Mauer zu strömen. Der Auslöser: Journalistische Berichte im Westfernsehen, in den Tagesthemen, Journalisten, die klar erkannten und aussprachen, was die Stunde geschlagen hatte: „Die Tore in der Mauer, sie sind weit offen“, sagte Hanns Joachim Friedrichs. Und die große Party auf der Mauer, sie begann.

Die Konsequenz aus diesen historischen Stunden, ja, die Pflicht dieser Nacht, sie kann nur eine sein: Geht wählen. Macht Gebrauch von Eurem demokratischen Recht, eine Wahl zu treffen, erhebt Eure Stimme. Trefft eine Wahl, irgendeine, aber trefft sie – wer das nicht tut, schmeißt sein Recht weg, mitzureden, mitzugestalten. Brexit, Donald Trump, gerade eben die Wahlen in Thüringen, wo die FDP nur um wenige Stimmen den Einzug in den Landtag schaffte – jede einzelne Stimme zählt.

30 Jahre nach dem Mauerfall steht Deutschland wieder an einem Scheideweg: Entscheiden wir uns für die Freiheit, für die Demokratie, für ein respektvolles Miteinander? Oder für Hass, Hetze und Niederbrüllen? Für Diffamierungskampagnen, Abscheu und das Abwenden von unseren demokratischen Werten – oder für Mut, Gestalten und Miteinander? „They’re dancing on the Berlin Wall“ – 30 Jahre danach bekomme ich noch immer eine Gänsehaut, fühle den Schauer der Geschichte, und die Verpflichtung, dieses Erbe zu schützen und zu verteidigen. „Einheit, Freiheit, Demokratie – das haben die Mutigen damals erkämpft“, sagte Bundespräsident Steinmeier heute: „Welch ein großartiges, welch ein stolzes Erbe. Machen wir was draus!“

Info& auf Mainz&: Wer bei der Oberbürgermeister-Stichwahl in Mainz morgen zur Wahl steht, wer die Kandidaten sind, was sie wollen und versprechen – all das findet Ihr hier in unserem Spezial-Dossier zur OB-Wahl 2019. Informiert Euch – das ist der Preis der Freiheit. Die wunderbare Definition des Begriffs „Essay“ haben wir aus dem Online-Magazin Sofatutor.de zitiert. Diese historische Nacht, Ihr könnt sie miterleben und nachvollziehen – mit großartigen Livetickern wie hier bei der Süddeutschen, oder mit der Sendung „Mauerfall in Echtzeit“ der Tagesschau, die gerade jetzt auf Youtube, genau parallel, die Entwicklungen dieser Nacht nachzeichnet. Die ganze Rede von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier am Jahrestag 30 Jahre Mauerfall vor dem Brandenburger Tor könnt Ihr hier auf heute.de ansehen – es lohnt sich. Eine der besten Reden zu Freiheit, Einheit und Demokratie ever. Hinhören.

 

 

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