Der Streit um die Flüchtlingsunterkunft in Bretzenheim ist kaum ausgestanden, da stellt die Stadt auch schon die fertige Herberge vor: Im ehemaligen SPAZ Haus in der Wilhelm-Quetsch-Straße in Mainz-Bretzenheim werden in Kürze die ersten Flüchtlinge einziehen. Die meisten werden wohl aus dem Bürgerkriegsland Syrien kommen, aber auch Flüchtlinge aus Afghanistan, Ghana und Mazedonien werden hier einziehen. Den Rechtsstreit um den Umbau des Hauses hatte die Stadt gewonnen – Gott sei Dank.

Flüchtlingsunterkunft in Bretzenheim: Spartanisch und dringend benötigt
Ehemals SPAZ-Café, jetzt Gemeinschaftsraum für Flüchtlinge: der Pavillion – Foto: gik

Es ist ja wirklich kaum nachzuvollziehen: Da werden Menschen aus ihrem Leben gerissen, kommen in ein fremdes Land – und stehen dann Bürgern gegenüber, die sagen, eigentlich müsse man doch helfen, aber… Was dann kommt, ist immer gleich, wenn es auch nicht gleich formuliert wird: Können die Kinder noch draußen spielen? Muss ich mein Fahrrad abschließen, oder ist es dann weg? Kleiner Hinweis: Ein nicht abgeschlossenes Fahrrad ist in Mainz meistens weg – und das ganz ohne Flüchtlinge.

Aber im Ernst und ganz ohne Sarkasmus: Es kommen wieder mehr Flüchtlinge zu uns, und in Deutschland macht sich prompt wieder ein Unbehagen breit vor dem Fremden. Dabei hatten wir doch gedacht, jetzt hätte dieses Land es endlich begriffen! Die Deutschen mutierten bei der Fußball Weltmeisterschaft 2006 zu begeisterten Gastgebern und offenherzigen Menschen, die gerne eine gute Party feiern. Der neue Nationalstolz war in aller Munde – nun scheint diese Leichtigkeit im Umgang mit sich und den anderen wie weggeblasen.

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Es liegt wohl auch daran, dass es Flüchtlinge im großen Maße nicht mehr zu geben schien. Jahrelang kamen kaum noch Flüchtlinge nach Mainz, die Stadt schloss Unterkünfte wie die Häuser in der Zwerchallee. Doch dann kam der Krieg in Syrien, kamen die Flüchtlingsboote über das Mittelmeer – und nun sind die meisten Kommunen in Deutschland vom neuen Flüchtlingsschub schlicht überfordert. Dabei kann von einem Ansturm oder gar einer Welle nicht die Rede sein: 2012 kamen 146 Flüchtlinge nach Mainz, 2013 waren es schon 280. Dieses Jahr soll die Stadt noch einmal rund 350 Flüchtlinge aufnehmen, die Zuweisung durch die Dienstaufsichtsbehörde ADD erfolgt nach Größe der jeweiligen Stadt.

Flüchtlingsunterkunft in Bretzenheim: Spartanisch und dringend benötigt
Bett, Tisch, Stuhl: Flüchtlingsunterkunft Bretzenheim – Foto: gik

Die Stadt Mainz reaktivierte also allen Wohnraum, wo es möglich war, baute die alte Zwerchallee zu bescheidenen, aber modernen Wohnungen um, und sucht doch immer wieder nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten. „Die Zwerchallee ist schon wieder ausgeschöpft“, seufzte Sozialdezernent Kurt Merkator (SPD) am Dienstag bei der Vorstellung der Bretzenheimer Räume: „Wir werden die neuen Räume kurzfristig belegen müssen.“

Die neuen Räume, das ist das ehemalige SPAZ-Haus in Bretzenheim, am Rande der Immenhofsiedlung. Hier hatte die SPAZ jahrelang ihr Verwaltungszentrum zur Betreuung und Widereingliederung von Arbeitslosen, hier fanden auch Kurse statt. Doch die SPAZ machte 2013 Pleite, und weil die Räumlichkeiten sowieso schon der Stadt gehörten, griff die beherzt zu: In nur sieben Wochen Bauzeit wandelte die Wohnbau die ehemaligen Schulungsräume in Wohneinrichtungen um.

Flüchtlingsunterkunft in Bretzenheim: Spartanisch und dringend benötigt
Luftig-heller Gemeinschaftsraum – Foto: gik

Die neuen Räume sind groß, luftig und noch sehr karg. In einigen Zimmern stehen einfache Betten, wie man sie aus Jugendherbergen kennt, auch Stock-Betten sind dabei. Nebenan glänzt eine Reihe Waschmaschinen, es gibt eine Küche mit mehreren Herden. Als Aufenthaltsraum dient das ehemalige SPAZ-Café im alten Pavillion, ein luftiger Raum mit Sofas und einem Thekenbreich. 60 Menschen können im alten SPAZ-Haus insgesamt Platz finden. Das Hauptgebäude umfasst 970 Quadratmeter, der Pavillion noch einmal rund 190 Quadratmeter.

Über die Kosten hätten sich Stadt und Wohnbau gerne ausgeschwiegen, kein Wunder bei einem Bauvolumen von ungefähr einer halben Million Euro. Der Brandschutz des Gebäudes sei völlig veraltet gewesen, durchs Dach habe es reingeregnet, die Böden hätten komplett erneuert werden müssen. erklärte Wohnbau-Geschäftsführer Thomas Will. 35 Firmen mit 54 Einzelaufträgen mussten koordiniert werden. Und trotzdem sei man noch unter den Vorgaben der Stadt gewesen, betonte Will stolz.

Flüchtlingsunterkunft in Bretzenheim: Spartanisch und dringend benötigt
Herde und Spülbecken: Küche in der Flüchtlingsunterkunft – Foto: gik

Die Zurückhaltung bei den Kosten hatte indes einen guten Grund: Ein Nachbar hatte gegen die Bauarbeiten Einspruch erhoben, und war damit vor das Mainzer Verwaltungsgericht gezogen. Hätte er Recht bekommen, hätten die Baurbeiten ruhen müssen. Das Gericht aber lehnte Mitte März den Einspruch ab – da konnte man im Mainzer Rathaus aber ein paar Steine von verschiedenen Herzen purzeln hören 😉

Der Nachbar hatte geklagt, die Umgebung der Unterkunft sei ein reines Wohngebiet, die Genehmigung des Heims verstoße „gegen das baurechtliche Gebot der Rücksichtnahme.“ Das Mainzer Verwaltungsgericht sah das anders: Die Baugenehmigung verletze keine Rechte des Antragstellers als Nachbar, weil „nämlich die geplante Flüchtlingsunterkunft und das Grundstück des Antragstellers nicht in demselben Gebiet“ lägen. Und selbst wenn, wäre die Flüchtlingsunterkunft „als eine Anlage für soziale Zwecke“ dort in jedem Fall zulässig.

Flüchtlingsunterkunft in Bretzenheim: Spartanisch und dringend benötigt
Noch sind die langen Gänge leer: Flüchtlingsunterkunft Bretzenheim – Foto: gik

Das war eine Ohrfeige für den Kläger und eine Bestätigung der städtischen Umbaupläne. „Es ist eine Pflichtaufgabe für die Stadt“, machte Merkator deutlich. Eine andere Form der Unterbringung wäre zudem viel teurer geworden, und trotz der hohen Sanierungssumme habe die Renovierung nur ein Drittel der Kosten für einen Neubau betragen.

Die Flüchtlinge sollen nun von der Öffentlichkeit in Ruhe ankommen und sich zurechtfinden dürfen. Allein gelassen werden sie dabei nicht: das private Unternehmen Juventa wird nach deren Angaben zwei hauptamtliche Kräfte sowie mehrere Studenten zur Betreuung ins Spaz-Haus schicken. Die Stadt Mainz sucht derweil weitere Unterbringungsmöglichkeiten, sagte Merkator: Mindestens zwei weitere werden man benötigen, in den kommenden zwei Wochen werde die Stadt deshalb weitere Räumlichkeiten vorstellen.

Mehr& auf Mainz&: Eine ausführliche Reportage über den Streit um die Flüchtlingsunterkunft, die Klage des Nachbarn sowie die Reaktionen aus dem Stadtteil lest Ihr in der Reportage „Das diffuse Unbehagen – Warum die neuen Flüchtlingsunterkünfte Widerstand in der Bevölkerung wecken“. Die Reportage ist ein Stück guter und ausführlich recherchierter Journalismus und deshalb kostenpflichtig – wir würden uns freuen, wenn Ihr das unterstützt.

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