Acht Monate hat es nun gedauert, bis der grüne Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir in Hessen ein Kernversprechen aus der Koalitionsbildung mit der CDU umsetzte: Siebenstündige Lärmpausen am Frankfurter Flughafen. Das war das Bonbon, das Al-Wazir seinen Wählern zusicherte, das er in den Verhandlungen mit der CDU „herausgeholt“ hatte. Am Freitag stellte der grüne Minister nun die Umsetzung vor: heraus gekommen sind fünf Modelle, die so kompliziert sind, dass man eines schon ahnt – wirklich leiser wird es dadurch wohl kaum.

Nordwestlandebahn am Morgen immer in Betrieb

Der Grund: Gerade in der Morgenstunde herrscht Stau am Himmel von Fliegern, die landen wollen, zwei Landebahnen seien da unbedingt notwendig, was heißt: Die Nordwestlandebahn wird gebraucht. Im Gegenzug soll die aber in der abendlichen Randstunde zwischen 22.00 Uhd und 23.00 Uhr öfter geschlossen bleiben, so sieht es zumindest eines der Al-Wazirschen Modelle vor.

Flughafen Frankfurt: Fünf Modelle für Lärmpausen
Mach mal Pause, lieber Flieger – so funktioniert das natürlich nicht 😉 – Foto: gik

Aber Halt, erst mal noch kurz einen Schritt zurück, und zur Erklärung für alle Nicht-Experten: Am Frankfurter Flughafen herrscht seit dem Ausbau mit der Nordwestlandebahn ein Nachtflugverbot zwischen 23.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens, das sind ganz sechs Stunden, und das ist für viele Anwohner viel zu kurz. Die Stunden davor – 22.00-23.00 Uhr – und danach – 5.,00-6.00 Uhr – nennt man Randstunden, und in diesen sind 133 Flüge erlaubt, das legt der Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau des Flughafens fest.

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Randstunden: 133 Flugbewegungen erlaubt

Derzeit gibt es in den Randstunden im Sommer knapp 100, im Winter etwas über 60 Flugbewegungen, da ist also noch Luft nach oben – zum Leidwesen der Anwohner. Denn mit der Eröffnung der neuen Nordwestlandebahn am 21. Oktober 2011 begann gerade in Mainz eine neue Zeitrechnung: Seither wird Mainz bei Ostwind nicht mehr nur von einer Perlenkette landender Flieger überquert, sondern gleich von zweien.

Flughafen Frankfurt: Fünf Modelle für Lärmpausen
Ob’s durch die Lärmpausen wirklich leiser wird? – Foto: gik

Hechtsheim, Weisenau und Laubenheim kannten das Problem ja schon, ebenso das kleine Marienborn, doch nun sind weite Teile von Mainz gerade mal eben mitverlärmt worden: Bretzenheim etwa, die Innenstadt, und vor allem die Oberstadt, wo auch die Uniklinik liegt. Dass ausgerechnet eine Herzklinik einfach von laut dröhnenden Flugzeugen überquert werden darf, gehört zu den nicht nachvollziehbaren Unglaublichkeiten unserer Republik.

256 denkbare Varianten geprüft

Al-Wazir versprach im Herbst 2013 jedenfalls, er wolle eine Stunde mehr Ruhe für die Anwohner, und das im Wechsel. Die Idee dahinter: Wird der Lärm auf einer Bahn gebündelt, ist es dort auch schon egal, aber verschafft Anwohnern unter einer anderen Bahn mehr Ruhe. „Eine Stunde weniger Lärm über dem Kopf, wäre eine spürbare Verbesserung“, sagte Al-Wazir am Freitag, wobei er ja nicht Unrecht hat.

Doch der Teufel liegt bekanntlich im Detail, und hier gilt das gleich fünfmal. Acht Monate lang ließ der Minister seine Experten nämlich rechnen und planen, 256 (!) theoretisch denkbare Varianten wurden herausgearbeitet, geprüft und bewertet. Jetzt wissen wir immerhin, warum das alles so lange gedauert hat -)

Ausnahme: Gewitter, Wetterkapriolen, Sicherheit

Am Ende steht Al-Wazir jedenfalls nun mit den fünf Modellen da, die er nun der Öffentlichkeit präsentierte, und das nicht ohne Stolz. Die Modelle zeigten, „dass sieben Stunden Lärmpausen möglich sind“, betonte der Minister, und wir fragen uns da mal, wie oft man ihm wohl das Gegenteil gesagt hat…. Alle Modelle jedenfalls führten „zur Entlastung der Menschen“, sagte Al-Wazir weiter, und das bezweifeln wir, aber dazu gleich mehr.

Lärmpausen, sagte Al-Wazir nämlich auch, seien keine Reduzierung des Flugverkehrs, der Lärm werde lediglich an einer Stelle gebündelt. Ziel sei auch, die Lärmpausen „möglichst zuverlässig“ umzusetzen, doch das werde „nicht an jedem Tag gelingen.“ In Gewitternächten etwa werden keine Lärmpausen möglich sein, auch bei anderen Wetterkapriolen nicht, bei Streiks wohl auch nicht. Und dann hat die Deutsche Flugsicherung (DFS) noch das Recht, die Lärmpausen außer Kraft zu setzen, wenn es die Sicherheit verlangt – „Abbruchkriterien“ nannte Al-Wazir das.

Drei Bahnen parallel

Flughafen Frankfurt: Fünf Modelle für Lärmpausen
Das Bahnsystem am Frankfurter Flughafen, unten links die Nordwestlandebahn, oben die beiden Parallelbahnen Center und Süd – Foto: gik

Und so wird es mit den Lärmpausen schwierig werden, was auch an der Lage der Bahnen in Frankfurt liegt: Da sind nämlich einmal im Zentrum des Flughafens die beiden Parallelbahnen, die Centerbahn, und darunter die Südbahn. Von ihnen geht im rechten Winkel nach unten die Startbahn West ab, auf der Flugzeuge nach Süden starten und dann – Ihr erinnert Euch – in die Südumfliegung gehen, wenn sie nach Norden wollen.

Dazu kommt nun noch die Nordwestlandebahn, die – wie der Name sagt – nordwestlich von den beiden Zentralbahnen liegt und zwar parallel zu ihnen. Und hier beginnt die Krux. Will man nämlich von den drei parallel verlaufenden Bahnen eine stilllegen, muss aber die Nordwestlandebahn offen halten, bleibt…? Genau: die Center- oder die Südbahn.

Centerbahn und Südbahn ganze 500 Meter auseinander

Nur verlaufen die beiden Zentralbahnen in einem Abstand von ganzen 500 Metern zueinander, und so fragen wir uns: Wenn man die Centerbahn sperrt, die Südbahn aber weiter genutzt wird – welche Lärmentlastung kann das denn für die Anrheiner haben? Doch wohl eher wenig bis keine…

Und so geht es auch bei den anderen Modellen weiter: Eines sieht den derzeitigen Status Quo vor, der in den Morgenstunden schon jetzt die Starts ein wenig bündelt. Andere lassen Starts und Landungen aus beiden Richtungen und in beide Richtungen zu, wodurch dann eine Entlastung nur in den Regionen nördlich des Flughafens stattfinden würde – wenn überhaupt. Kompliziert, das ist wohl das treffendste Wort.

Flughafen Frankfurt: Fünf Modelle für Lärmpausen
Lärmpausen Modell 1: In der Mitte die Landungen, rechts und links die Start- und Landungen im Modell – Foto: gik

Reaktionen: Placebo, Mogelpackung, Trickserei

Entsprechend enttäuscht und kritisch waren die Reaktionen: Mogelpackung, Placebo-Modelle, Trickserei hieß es von der Opposition im hessischen Landtag. Echte Ruhe gebe es nicht, keine Verlässlichkeit und keine Planbarkeit, hieß es ausgerechnet von der FDP, die bis heute strikt für den Ausbau ist.

„Die Pausen werden nicht funktionieren“, sagte der SPD-Abgeordnete Marius Weiß, gemessen an den Ankündigungen sei „das Ergebnis mehr als dürftig.“ Dazu schiebe der Minister nun die Entscheidung in die Region ab, „hier ist Streit vorprogrammiert“, während sich der Minister „aus der Verantwortung stiehlt.“

Region muss sich auf ein Modell einigen

Flughafen Frankfurt: Fünf Modelle für Lärmpausen
Wer macht Pause, wer startet wohin? – Foto: gik

Tatsächlich liegt der Ball jetzt bei der Region, die fünf Modelle sollen nämlich jetzt mit den Kommunen und den Bürgerinitativen besprochen werden. Am Freitagnachmittag präsentiert Al-Wazir seine Modelle direkt in der Fluglärmkommission, das ist der Zusammenschluss der Kommunen im Rhein-Main-Gebiet – und hier sollen sich die Beteiligten nun auf ein (!) Modell einigen. Nur das wird dann im kommenden Jahr erprobt, ein Jahr lang, um Erfahrungen damit zu sammeln.

„Politische Schönfärberei“

Das zeigt aber auch, unter welchem Druck der Minister von Seiten der Luftverkehrswirtschaft steht. Die fünf Modelle nämlich wurden von Flughafen-Betreiber Fraport, von der DFS und der Lufthansa abgesegnet, die übrigen Varianten nicht. Al-Wazir hatte also nicht nur ein dreidimensionales Puzzle zu lösen, sondern auch noch gegen die Interessen der Gegner anzukämpfen. „Und glauben Sie nicht, dass die Luftverkehrswirtschaft Jubelschreie ausgestoßen hat“, merkte der Minister süffisant an.

Die Bürgerinitiativen rund um den Flughafen zeigten sich denn auch ernüchtert bis wütend. Das Bündnis der BIs kritisierte, die hohe Zahl der Modelle lasse „auf einen verzweifelten Versuch schließen, die Quadratur des Kreises zu schaffen.“ Bestenfalls seien Lärmbündelungen und Lärmverschiebungen möglich, der Begriff Lärmpause „politische Schönfärberei.“

Schmierentheater und „Lärmpausen“-Clowns

Flughafen Frankfurt: Fünf Modelle für Lärmpausen
Lärmpausen-Clowns Al-Wazir und Bouffier – Plakat BI Fluglärm

Auf unserer Rheinseite sieht die Mainzer Initiative gegen den Fluglärm „fünf konfuse und völlig unbrauchbare Konzepte“, kritisiert das Ganze als „Mogelpackung“ und wirft Al-Wazir und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) vor, als „Lärmpausen“-Clowns ein „Schmierentheater“ zu spielen, „indem sie eine Entlastung für die Menschen nur vorgaukeln“, wie Jochen Schraut, Vorsitzender der Mainzer BI sagte: „Das Konzept gehört schlicht in den Schredder.“

Und auch die Linksfraktionschefin im Hessischen Landtag, Janine Wissler wettert: „Die Lärmpausen sind ein reines Placebo und bringen überhaupt nichts.“ Schlimmer noch: die Modelle zielten darauf ab, „einen Spaltpilz“ zwischen die Kommunen zu treiben, weil diese über das Erprobungsmodell entscheiden müssten. Al-Wazir könne dann sagen, „ich habe was gemacht, wenn ihr euch nicht einigen könnt, liegt das nicht an mir“, argwöhnte Wissler.

Das ist in der Tat nun die Gefahr, denn natürlich bringt kein Modell allen eine Entlastung. Wie es jetzt weiter geht? Nun, bis Ende des Jahres, so hofft Al-Wazir, hat sich die Region für ein Modell entschieden, dann könnte das ab März 2015 erprobt werden, ebenfalls ein Jahr lang. Und wenn sich die Region nicht entscheiden kann oder will? „Ich hoffe immer auf das Gute“, sagt Al-Wazir dazu, „wenn es anders kommt, treffen wir uns hier wieder.“ Will sagen: Dann geht die ganze Sache von vorne los…

Info& auf Mainz&: Die offizielle Vorstellung der Lärmpausen samt Werbe-Video und Übersicht der Modelle findet Ihr auf der Homepage des hessischen Wirtschaftsministeriums, genau hier. Die Mainzer Initiative gegen Fluglärm findet Ihr hier. Die Initiative feiert übrigens am heutigen Samstag ihr Sommerfest und benennt dabei den Landwehrweg in der Oberstadt in „Lärmwehrweg“ um. Mehr dazu findet Ihr hier.

2 KOMMENTARE

  1. Und schon wieder hat Main& den Lerchenberg stiefmütterlich behandelt ;-((

    Wir haben nämlich ein besonderes Privileg:

    Seit der neuen Bahn hören wir Stereo.
    Liegen genau dazwischen.
    Es ist ein ergreifender Anblick die Mschinen im Parallelflug zu beobachten.
    Wirklich wunderschön :-))

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