Seit Jahren messen Experten der Mainzer Initiative gegen Fluglärm höchste Ultrafeinstaubkonzentrationen gerade auch in Anflugzonen des Frankfurter Flughafens – nun musste auch die hessische Landesregierung einräumen: Die giftigen Rußpartikel werden von Flugzeugtriebwerken ausgestoßen, und das auch beim Starten und Landen. „Die Flugzeugtriebwerke stoßen bei der Abfertigung, beim Starten, Landen und Rollen erhebliche Mengen an Ultrafeinstaubpartikeln aus“, sagte Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) am Dienstag in Wiesbaden. Ein neuer Zwischenbericht des Hessischen Landesamtes für Umwelt (HLNUG) belegt nun ebenfalls einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Überflügen und Ultrafeinstaubkonzentrationen. Hessen will nun eine Wirkungsstudie einleiten und Maßnahmen zur Reduzierung suchen – die Mainzer Fluglärmgegner fordern Messungen auch in Mainz.

Flugzeuge stoßen Ultrafeinstaub auch im Landeanflug aus - Hessen will Wirkungsstudie und Schwefel-Grenzwert senken
Die Mainzer Ingenieure Wolfgang Schwämmlein (links) und Joachim Alt warnen bereits seit 2015 vor Ultrafeinstaubpartikeln aus Flugzeugtriebwerken. – Foto: gik

Seit 2015 messen die Mainzer Ingenieure Joachim Alt und Wolfgang Schwämmlein rund um den Frankfurter Flughafen hohe Mengen der als stark gesundheitsgefährdend geltenden Ultrafeinstäube von bis zu 100.000 Partikeln und mehr. Gerade im Januar wiesen die beiden Ingenieure noch einmal anhand von Messungen in Frankfurt-Sachsenhausen nach, dass die extrem hohen Konzentrationen von Ultrafeinstaubpartikeln (UFP) durch überfliegende Flugzeuge verursacht werden – ihre Messungen belegten das schon vor Jahren auch für das rund 20 Kilometer vom Flughafen entfernte Mainz.

Bislang hatte die hessische Landesregierung für die hohen UFP-Werte aber den Bodenverkehr am Frankfurter Flughafen verantwortlich gemacht: Von doirt wehe der Wind die ultrafeinen Partikel ins Umfeld. Es gebe keine Belege, dass als Quelle auch überfliegende Flugzeuge in Betracht kämen, sagte Al-Wazir noch im Juni 2018.

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Am Dienstag veröffentlichte das Hessische Landesamt für Umwelt (HLNUG) nun einen neuen Zwischenbericht zu den Ultrafeinstaubmessungen rund um den Frankfurter Flughafen, und dort heißt es eindeutig: Mit dem Beginn des Flugbetriebs auf dem Frankfurter Flughafen um 5.00 Uhr steige auch die Konzentration ultrafeiner Partikel stark an und sinke schlagartig nach Betriebsende gegen 23.00 Uhr. Gegen 9.00 Uhr werde eine etwa 20-fache Konzentration erreicht, sonntags eine etwa 35-fache Konzentration im Vergleich zum Nachtwert ohne Flugbetrieb, der bei rund 3.000 Partikeln liegt.

Flugzeuge stoßen Ultrafeinstaub auch im Landeanflug aus - Hessen will Wirkungsstudie und Schwefel-Grenzwert senken
Flieger im Landeanflug auf Frankfurt über der Luftmessstation in Raunheim. – Foto: gik

Damit bestätigt der Bericht des HLNUG, wovor Alt und Schwämmlein seit Jahren warnen: einen engen Zusammenhang zwischen dem Flugbetrieb selbst und dem Ausstoß von ultrafeinen Partikeln in die Umwelt. Die Partikel würden „vermutlich von den Flugzeugtriebwerken emittiert“, heißt es in dem Bericht jetzt. Die benachbarte Autobahn A3 habe hingegen so gut wie keinen Einfluss auf die Werte, obwohl sie bei den Messungen nur 100 Meter weit entfernt war. Auch der Bodenbetrieb am Frankfurter Flughafen sei für den Ausstoß der Partikel „eher gering einzuschätzen“, räumt der Bericht ein.

Damit ordnet nun erstmals auch das hessische HLNUG den Hauptausstoß der UFP den Flugzeugtriebwerken zu. Ultrafeinstaub gilt als hochgradig gesundheitsgefährdend, die winzigen Rußpartikel können Medizinern zufolge nicht nur in die Lunge eindringen, sondern auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Schon kleinste Mengen können erhebliche Gefahren auslösen wie eine veränderte Herzfrequenz, und das bereits nach wenigen Minuten, warnt etwa das Münchner Helmholtz-Institut. Neue Daten zeigten, dass die ultrafeinen Partikel über die Lunge sofort in die Blutbahn und in die Gefäße hinein gelangten und dort unmittelbar zu Entzündungen führten, warnt etwa der Mainzer Kardiologe Professor Thomas Münzel.

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Luftmessstation des HLNUG in Raunheim, hier werden auch ultrafeine Partikel gemessen. – Foto: gik

Damit steht nun auch die Frage im Raum: Wie viel Ultrafeinstaub gelangt von den Flugzeugen im Landeanflug oder beim Start zu den Menschen auf dem Boden? In Hessen räumt man nun erstmals ein, dass Ultrafeinstaub auch beim Starten und Landen eine Rolle spielt. Zu startenden Flugzeugen habe man bislang aber keine Erkenntnisse aus den Messungen, räumt der Bericht ein – die Messstationen des Landes Hessen liegen alle im Bereich von Landebahnen. Messungen am Düsseldorfer Flughafen ergaben indes, dass bei startenden Flugzeugen sogar noch mehr Partikel ausgestoßen werden könnten. Beim hessischen HLNUG heißt es nun, der Ausstoß an UFP-Partikeln beschränke sich „somit nicht nur auf das Flughafengelände selbst, sondern erstreckt sich auch entlang der Anfluglinien.“

Bislang maß das Hessische Landesamt vor allem in Raunheim und Schwanheim, erst Ende 2018 kam eine Messstation auf der Martin-Buber-Schule in Frankfurt-Sachsenhausen hinzu, die von der Stadt Frankfurt betrieben wird. Das HLNUG stellte zudem für ein halbes Jahr eine mobile Messstation zwischen dem Frankfurter Flughafen und der Autobahn A3 auf, und insbesondere dieses Messgerät ergab offenbar hochspezifische Ergebnisse. So sei „an manchen Standorten ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Überflugereignissen und Konzentrationsspitzen“ festgestellt worden, heißt es in dem Bericht.

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Standorte des Messstellen des HLNUG für Ultrafeinstaub, oben links die häufigste Windrichtung. Rot markiert: die temporäre Messstation zwischen dem Flughafen und der A3. – Grafik: HLNUG

Allerdings habe nicht jeder Überflug eine solche Spitze verursacht, betont das HLNUG. Weder in Frankfurt-Sachsenhausen, noch in Raunheim lasse sich eine eindeutige Kausalität zwischen einzelnen Überflugereignissen und kurzzeitigen Konzentrationsspitzen am Boden nachweisen. Es sei wohl eher die Summe der Anflüge unterhalb einer bestimmten Höhe, die einen Beitrag zu einer generellen Erhöhung der UFP-Konzentration am Boden leiste.

Experten der Initiaitve „Stopp Fluglärm“ betonten indes, dass das HLNUG keine eindeutige Korrelation zu einzelnen Flugzeugen herstellen könne, liege am Messverfahren: Das vom Umweltamt inzwischen eingesetzte SMPS-Messverfahren messe nur Partikel ab einer Größe von 10 Nanometer und das nicht sekundengenau, sondern in einem Intervall von 30 Sekunden. So werde ein Großteil der Partikel wie vor allem die besonders gefährlichen Partikel von 2,5 bis 10 Nanometern Größe gar nicht erfasst, die Messwerte gering gehalten und lediglich eine Gesamtkonzentration dargestellt, kritisiert die Initiative: „Man versucht nach wie vor mit einer unzulänglichen Messtechnik die Belastung herunterzuspielen.“

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Auswertungen von Schwämmlein und Alt der UFP-Werte in Frankfurt-Sachsenhausen. – Grafik: Alt

Auch Alt betont, entscheidend für die Erfassung der UFP-Konzentrationen sei die Messmethode sowie der Standort am Boden: Die Wirbelschleppen hinter den Flugzeugen drückten die Abgase nach unten, die UFP-Konzentrationen stiegen dort an, wo die Wirbelschleppe den Boden erreiche: „Kommt eine Windbö, stehe ich am falschen Platz, und der Eintrag passiert 100, 200 Meter weiter“, erklärte Alt.

Beim HLNUG heißt es nun, die Befunde sprächen dafür, dass Wirbelschleppen die Partikel nach unten brächten, das sei aber nur bei einer Höhe von bis zu 400 Metern der Fall: „Befinden sich die Flugzeuge jedoch noch auf zu großer Flughöhe, reichen die Wirbelschleppen nicht bis zum Boden, weshalb dort auch keine erhöhten UFP-Konzentrationen am Boden gemessen werden können“, heißt es im Fazit des Berichtes. In der Hauptsache würden die Partikel deshalb weiter vom Gelände des Frankfurter Flughafens mit dem Wind ins Umland getragen – und das bis zu einer Reichweite von acht Kilometern um den Flughafen herum.

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Wie viel Ultrafeinstaub wird beim Landeanflug ausgestoßen, wie viel beim Start? Beim HLNUG will man das nun messen. – Foto: gik

„Nach erster Schätzung erstreckt sich dieser Bereich bis zu einem Abstand von etwa 7-8 km vom Aufsetzpunkt“, so der Bericht weiter. So seien prinzipiell nicht die Gebiete unterhalb der Einflugschneisen von erhöhten UFP-Konzentrationen betroffen, „sondern vielmehr die Regionen, die sich in der Abluft des Flughafens inklusive der angesprochenen Anflugkorridore unterhalb einer Flughöhe von ca. 400 Metern befinden.“ Wegen der beiden Hauptwindrichtungen Süd-Südwest sowie Nordost betreffe dies vor allem das Stadtgebiet Frankfurt sowie Gemeinden südwestlich des Flughafens wie etwa Teile des Kreises Groß-Gerau.

„Das ist das Festhalten an der These: Es weht herüber und nicht, es weht herunter“, kritisiert Alt gegenüber Mainz&, das Land Hessen versuche noch immer, die Auswirkungen herunterzuspielen. „Wirbelschleppen kommen in allen Höhen vor, es muss auch von größeren Höhen etwas unten ankommen“, betonte Alt. In Los Angeles seien noch in einer Entfernung von 16 Kilometern hohe UFP-Werte am Boden gemessen worden. In Düsseldorf zeigten Studien, dass gerade beim Abflug noch weitaus höhere UFP-Konzentrationen emittiert würden als beim Landeanflug. Kurz: Werden die gefährlichen Partikel durch Flugzeugtriebwerke verbreitet, dann muss das auch für Anflug und Abflug gelten.

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Ultrafeinstaub dringt tief in den menschlichen Körper ein, warnen Mediziner. – Grafik: Initiative für Fluglärm Mainz

Alt fordert, die Politik müsse nun endlich reagieren und wirksame Schutzmechanismen für die Bevölkerung entwickeln. „Wir brauchen mehrere Messstellen, die die UFP-Belastung großflächig und vor allem vollständig abbilden“, sagte er, die Bevölkerung müsse bei hohen Belastungssituationen gewarnt werden. „Dann sollte man keinen Marathon laufen und längere körperliche Arbeiten bzw. der Aufenthalt im Freien vermeiden“, sagte Alt. Es brauche Messstationen in Rüsselsheim, Bischofsheim und Ginsheim-Gustavsburg, vor allem aber auch in Mainz, vor allem in den Anflugschneisen Mainz-Weisenau oder der Mainzer Uniklinik.

Hessen will nun die Messungen rund um den Frankfurter Flughafen ausweiten und eine UFP-Wirkungsstudie analog zur großen Norah-Lärmstudie in Auftrag geben. Eine zweitägige Expertenanhörung Ende dieser Woche soll als Auftakt dazu dienen. Die Initiative „Stopp Fluglärm“ kritisierte unterdessen, dass ausgerechnet die Experten Alt und Schwämmlein zu der Expertenahörung nicht eingeladen seien – obwohl es ihre Messungen und Veröffentlichungen gewesen seien, die erst die Forschungen von HLNUG und Umweltbundesamt angestoßen hätten.

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Messstation für Fluglärm auf der Mainzer Uniklinik – Experten fordern, hier auch ultrafeine Partikel zu messen. – Foto: gik

Al-Wazir forderte zudem, einen EU-weiten Grenzwert für Ultrafeinstäube zu entwickeln, bislang gibt es Grenzwerte nur für den groberen Feinstaub. Die Entwicklung eines neuen Grenzwertes dauert indes Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, umfangreiche Wirkungsstudien sind dazu notwendig. Kurzfristiger könne die Absenkung des Grenzwertes für Schwefel im Flugbenzin helfen, betonte der Minister deshalb: Während bei Autos, der Bahn und bei Binnenschiffen ein Grenzwert von 0,01 Gramm pro Kilogramm Kraftstoff gelte, seien es bei Flugbenzin drei Gramm. „Das muss sich ändern“, forderte Al-Wazir. Schwefel sei mit verantwortlich für die Entstehung von Ultrafeinstaub. Zudem wolle er die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe vorantreiben, diese seien klimaneutral und kämen ohne Verunreinigungen aus.

Die hessische Linke kritisierte, die hessische Regierung spiele auf Zeit: Obwohl jetzt auch das HLNUG bestätige, „dass es der Flugverkehr ist, der je nach Windrichtung einen Giftcocktail über die Anrainergemeinden treibt“, setze man auf die Absenkung des Schwefelgrenzwertes für Kerosin – obwohl der in Praxis längst unterschritten werde. Tatsächlich liegt der Schwefelwert in Frankfurt auch nach offiziellen Angaben im Schnitt nur bei 0,5 Gramm. Nötig sei eine Reduzierung des Flugverkehrs, sagte der Umweltexperte der Linken, Torsten Felstehausen: „Entschwafeln statt Entschwefeln.“

Die Mainzer OB-Kandidatin Tabea Rößner (Grüne) sieht hingegen den Bund in der Pflicht: Für die Auswirkungen von Ultrafeinstaub auf die Gesundheit „fehlt es noch an quantitativen Studien, das ist ein klares Versäumnis“, sagte Rößner. Die Bundesregierung sei nun aufgefordert, „die vielen Vorzeichen endlich richtig zu deuten und eine valide Entscheidungsgrundlage zu schaffen, um auf EU-Ebene Grenzwerte auch für Ultrafeinstaub zu erwirken.“ Die Forderung der hessischen Kollegen nach Minderungsmaßnahmen begrüße sie.

Info& auf Mainz&: Mainz& berichtet schon seit 2015 intensiv über die Messungen zu Ultrafeinstaub rund um den Frankfurter Flughafen sowie die Schlussfolgerungen der Experten – etwa in diesem Artikel vom Dezember 2015 über hohe UFP-Werte auch über Mainz. Erst im April 2019 warnten Schwämmlein und Alt erneut vor UFP aus Flugzeugen und wiesen, gestützt auf Daten des HLNUG aus Frankfurt-Sachsenhausen, einen direkten Zusammenhang zwischen Flugzeugen und UFP-Werten nach. Die Aussagen Al-Wazirs und des HLNUG von vor einem Jahr im ersten Zwischenbericht zu den Ultrafeinstaub-Messungen in Hessen könnt Ihr hier nachlesen. Den neuen, zweiten Zwischenbericht zu den Ultrafeinstaubmessungen findet Ihr hier beim HLNUG zum Download als pdf.

1 KOMMENTAR

  1. Müsste die Konsequenz nicht eine Reduktion des Flugverkehrs sein? Frankfurt versucht aber mit allen Mitteln, Flugbewegungen zu erhöhen. Man geht so weit, die Billigflieger mit Discountpreisen hier anzulocken damit die unnötige Nordwestbahn auch ihre Existenzberechtigung hat. Und das auch mit Genehmigung des hessischen Verkehrsministers Al Wazir (Grüne).

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