Es war ein merkwürdiger Abend im Kurfürstlichen Schloss: Kaum Besucher im Großen Saal, vorwiegend Funktionsträger gekommen – oder Vertreter von Bürgerinitiativen. Normales Fußvolk? Weitgehend Fehlanzeige. Dabei ging es um ein wirklich wichtiges Thema: Wie soll sich die Mainzer Innenstadt künftig entwickelt. Die Stadt Mainz hat dafür die Entwicklung eines „Integrierten Konzeptes“ in Auftrag gegeben an externe Experten für Stadtplanung. Und deren Erkenntnisse waren auf der ersten Blick alles andere als Neu. Auf den zweiten Blick aber barg die Sache Überraschungen: In freundlichem Ton sprachen die Experten allerlei Baustellen in der Innenstadt an.

–Demnächst weitere Berichte dazu, siehe unten–

Forum IEK Innenstadt: das war die Analyse der Planer
Schöner Shoppen in Zukunft auf der LU? – Foto: gik

Einkaufs-Ströme, Park-Such-Verkehr, mehr Grünanlagen, bessere Einbeziehung der B-Einkaufslagen, bessere Radwege-Planung, bessere Vernetzung der Stadtteile mit der Innenstadt – „im Wesentlichen war das ja nichts Neues, die Sachen werden in Mainz seit 50 Jahren diskutiert“, merkte ein Zuschauer an. Natürlich hatte der Mann Recht, und dennoch: So auf einem Haufen zusammengetragen, gab es bislang weder Haken noch Chancen der Mainzer Innenstadt.

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„Alter Hut“ und neue-alte Ziele

„Ich weiß, dass das eine oder andere für Sie ein alter Hut ist“, versuchte denn auch der Leiter der Studie, Kunibert Wachten zu beschwichtigen. Aber Zielsetzungen verlören „nicht ihre Berechtigung dadurch, dass sie schon zehn Mal aufgerufen wurden“, gab Wachten zu bedenken. Vor allem, wenn gewisse Ziele nie umgesetzt wurden…

Wachten ist Professor für Stadtplanung an der Technischen Hochschule in Aachen und Mitbegründer des Planungsbüros scheuven + wachten in Dortmund. Das Büro wiederum wurde von der Stadt Mainz damit beauftragt, ein sogenanntes „Integriertes Entwicklungskonzept“ (IEK) für die Mainzer Innenstadt zu entwicklen. Gut daran ist: Die Stadt Mainz will einen Plan haben, wie sich die Innenstadt in den kommenden 15 Jahren entwickeln soll – eine Art Agenda 2030 für Mainz.

Forum IEK Innenstadt: das war die Analyse der Planer
Überblick über Mainz verschaffen – das ist die 1. Phase des IEK – Foto: gik

In der Phase 1 wird erst einmal der Ist-Zustand analysiert, werden Schwächen identifiziert und Chancen. Mit seinem Team hat der Professor seit Ende 2013 Gutachten, Fakten und Zahlen aus der Mainzer Verwaltung zusammengetragen, gesichtet und ausgewertet. Wachten stützt sich damit auf die Vorgaben aus Mainz, und in Sachen Einkaufen heißt das vor allem: das Tripol-Konzept der drei Einkaufsschwerpunkte Brand, Römerpassage und Ludwigsstraße – wobei Letzteres Zukunft ist.

 Scharfe Kritik an ECE

Ob er denn die Planungen für das ECE einbeziehe, und auch die Kritik daran kenne, wollten  gleich eine ganze Riege von Fragestellern von Wachten wissen. Der wand sich da gehörig und betonte lediglich, er habe als „Geschäftsgrundlage“ von der Stadt vorgegeben bekommen, dass er den Stadtratsbeschluss pro ECE-Einkaufszentrum als gegeben nehmen müsse. Etwas Anderes konnte Wachten auch gar nicht sagen, saßen seine Auftraggeber doch direkt neben ihm.

Wer aber genau hinhörte, der bekam auch mit, dass Wachten explizit von einer „ausgewogenen Innenstadt-Entwicklung sprach“ und auch die Frage stellte: Wenn es denn so komme mit ECE, wie könne man dann das Zentrum „so einbinden, dass sie für die Innenstadt verträglich ist?“ Und welche Forderungen könnten „hinsichtlich der Mischung der Nutzung“ gestellt werden?

 IEK als „Instrument, Fehlentwicklungen aufzufangen“

„Begreifen Sie das IEK als ein Instrument, Fehlentwicklungen aufzufangen“, betonte Wachten, und versprach, sein Team werde „ein Auge auf die Brennpunkte“ haben.“ Ich nehme alles mit, wir werden alles beleuchten“, betonte Wachten. Schließlich sei dies erst die erste von fünf Phasen und damit die „Positionsbestimmung.“

Schade nur, dass dies zwar die erste Bürgerbeteiligung war – aber auch vorerst die Letzte. Bis Jahresende wollen Wachten und sein Team zwar weitere Gespräche führen, und dies auch an bestimmten Standorten, die Bürger selbst werden aber erst wieder zum Jahresende befragt – wenn das Konzept schon steht. Ob dann noch viel Zeit und Raum für Änderungen ist, wagen wir mal zu Bezweifeln.

Chance zur Beteiligung nutzen – Anregungen mailen

Die wenige „echten“ Bürger, die am Donnerstagabend im Schloss waren, hatten nämlich durchaus gute Anregungen zu geben: mehr Gastronomie am Rhein, ein schöneres, durchgehende Rheinufer mit Flächen zum Verweilen, billigere Parkgaragen und mehr Angebote für Touristen. ABER Ihr habt auch noch eine Chance zur Beteiligung: Mailt den Planern Eure Wünsche, Vorstellungen, Ideen und Kritik! Wachten versprach ausdrücklich, auch die Mails ernsthaft aufzunehmen.

Also: Was für eine Stadt wollt Ihr?

  • mehr Grünanlagen, und wenn ja: wo
  • großes Einkaufszentrum
  • kleine Ladenlokale
  • was vermisst Ihr?
  • Was kritisiert Ihr?
  • Wo soll es hingehen mit Mainz?
  • Gemütliche Altbauten, moderne Ökohäuser – oder beides?
  • Was soll aus dem alten FH-Gelände und der früheren Neutorschule in der Altstadt werden?

Das sind nur einige Anregungen für weitere Vorschläge. BITTE macht mit!! Helft mit, die Agenda 2030 für Mainz nicht denselben Leuten wie immer zu überlassen – also der Stadtspitze und einigen engagierten Bürgern 😉

Ihr könnt Eure Vorschläge noch bis zum 27. März per Email an iek@stadt.mainz.de schicken.

Mainz& wird in den kommenden Tagen ausführlich über das Forum sowie die Analyse der Planer berichten. Die Präsentation des Planungsbüros liegt uns nämlich vor, und ist durchaus inhaltsreich. Außerdem hat Mainz& nach dem Forum noch ein Gespräch mit Professor Wachten zum ECE geführt – das Ergebnis lest Ihr demnächst hier. Mehr zu den fünf Phasen schon einmal hier.

 

2 KOMMENTARE

  1. Was verstehen Sie denn bitte unter „echten Bürgern“? Sind Bürger für Sie keine „echten“ Bürger mehr, wenn sie ECE kritisch gegenüberstehen, einen Laden in Mainz besitzen, einem Ortsbeirat angehören? Warum wohl waren so wenige „echte“ Bürger anwesend? Könnte es damit zu tun haben, dass viele „echte“ Bürger an 8 LuFos teilgenommen haben und sich nun von der Stadt über den Tisch gezogen fühlen? Da muss man ja schon extrem naiv und kritiklos sein, um Leute hier noch zum emailen aufzufordern. Reden Sie ruhig auch mal mit kritischen Bürgern, bevor sie hier solch eine augenwischende Veranstaltung zur „Bürgerbeteiligung“ hochjubeln. Was soll denn das heißen: man solle die Diskussion nicht engagierten Bürgern überlassen? Wem denn sonst?

    • Hallo Frau Johann, da haben Sie mich aber gründlich missverstanden! Natürlich sind engagierte und kritische Bürger „echte“ Bürger, und wie Sie vielleicht gesehen haben, habe ich das „echte“ ja auch in Anführungsstriche gesetzt – den Begriff also mit einem Augenzwinkern verwendet. Wenn Sie meine Seite studieren, werden Sie viele solche Augenzwinkern finden. Und bin ich nicht im Artikel genau auf die Kritikpunkte gegen ECE eingegangen? Außerdem steht explizit drunter, dass zu dem Forum weitere Artikel folgen werden. Warten Sie doch erst einmal ab, wo meine Berichterstattung hinläuft, bevor Sie Ihr Urteil brechen. Und ich bin weder naiv, noch kritiklos und jubele auch nichts hoch – im Gegenteil. Ich finde nämlich, dass die Entwicklung unserer Stadt nicht einigen wenigen überlassen bleiben sollte. Denn solche Veranstaltungen dienen genau dazu, hinterher mit dem Holzhammer alle Kritik abbügeln zu können, nach dem Motto: Ihr habt Euch ja nicht beteiligt… Genau so wird die Stadtratssitzung mit dem unseligen ECEBeschluss ja verwendet! Genuso wurde auch damals der Stadtratsbeschluss zum Kohlekraftwerk verwendet! Und wie wurde das wieder gekippt? Genau: durch massive Bürgerproteste – und eine Kommunalwahl. Und genau so eine Wahl steht jetzt wieder vor der Tür… Genau deshalb rufe ich explizit zur Beteiligung auf: Überlasst das nicht der Stadtspitze und einigen Planern, sondern mischt Euch ein, schlagt Sie mit ihren eigenen Waffen! Diskutiert, liefert Ideen und kritisiert scharf, was Ihr nicht wollt! So kann man einen ECE-Beschluss wieder kippen, und nur so… Was Sie übrigens auch wüssten, wenn Sie meinen ersten Text zum Forum gelesen hätten. Empfehle also: Genauer hingucken, und nicht gleich die eigene Vorurteils-Keule auspacken 😉

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