Die Friedrich-Ebert-Stiftung gab eine Studie in Auftrag, das Thema: Rechte Tendenzen in der Bevölkerung. Das Ergebnis: die Deutschen denken weniger rechts denn je, rechtsextreme Aussagen finden keinen Zuspruch. Dann kam Pegida, das rechte Bündnis, und auf einmal gehen Zehntausende auf die Straße gegen eine ángebliche Islamisierung der Gesellschaft – die völlig aus der Luft gegriffen ist.

Und da wurde auch der zweite Teil der Studie interessant: die Angst vor Verlust des eigenen Lebensstandards. Die Auswirkung: andere Gruppen abwerten. Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein war auf einer Vorstellung der Studie in Mainz und hat mit Mitautorin Eva-Maria Groß gesprochen.

Mainz. Sie demonstrieren zu Tausenden, ziehen jeden Montag durch Dresden und skandieren: „Wir sind das Volk!“ Pegida nennt sich die Gruppierung, die dazu aufruft, gegen eine vermeintliche „Islamisierung“ Deutschlands zu protestieren. „Pegida, das ist eine leider gelungene Agitation der extremen Rechten“, sagt Eva-Maria Groß. Hier würden Ressentiments gegen Ausländer abgerufen und „niedere Instinkte geweckt.“

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Deutschland – ein Land, in dem rechtsextreme Haltungen so eine Zustimmung finden? Nein, sagt Groß, die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen sei in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Deutschland aber sei ein Land, in dem Bruchstellen im gesellschaftlichen Konsens ein Einfallstor für rechte Agitatoren bilden.

Groß ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gewalt- und Konfliktforschung in Bielefeld und Koordinatorin der Studie „Fragile Mitte, feindselige Zustände.“ Die Studie untersucht, wie weit rechtsextreme Einstellungen in Deutschland vertreten sind, und sie kommt zu eben jenem Paradoxon: Die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen wie Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit sank seit 2002 sehr deutlich ab.

Ausländerfeindliche Tendenzen etwa befürworteten 2002 in einer Vergleichsstudie noch ungefähr 27 Prozent – im Jahr 2014 sank der Wert auf ganze 7 Prozent. „Wir haben bei allen sechs Bereichen zu rechtsextremen Einstellungen starke Rückgänge“, sagt Groß. Warum das so sei, darüber könne man nur spekulieren. So könnte ein Grund die Aufdeckung der Mordserie des rechtsextremen NSU ein Grund sein, ein anderer die wirtschaftliche Lage: „Es geht uns ziemlich gut“, sagt Groß.

Doch genau der letzte Punkt ist auch eine der möglichen Bruchstellen im gesellschaftlichen Gefüge. Denn wer seinen Lebensstandard bedroht sieht, etwa durch die Eurokrise, oder sich Sorgen um seine Ersparnisse und die Zukunft der Kinder oder Enkel macht – der tendiert eher dazu, andere Gruppen von Menschen abzuwerten.

2.000 Bürger ließen die Experten im Sommer 2014 telefonisch befragen, 639 Krisenbedrohte machten sie aus – ein hoher Prozentsatz. Wenn Menschen aber ihren Lebensstandard bedroht sehen, reagieren sie mit Abwertung. So stimmten 60,8 Prozent der Befragten dem Satz zu: „Wer irgendwo neu ist, sollte sich erst mal mit weniger zufrieden geben.“ Und 39,9 Prozent konnten den Satz unterschreiben: „Wer immer schon hier lebt, sollte mehr Rechte haben als die, die später zugezogen sind.“ Etabliertenvorrechte nennen die Wissenschaftler das, sie sind ein typisches Abwehrmittel.

Dazu passt auf den ersten Blick gar nicht, dass der Begriff des Flüchtlings derzeit in Deutschland sehr positiv besetzt ist. Doch gleichzeitig werden Asylbewerber unter den Generalverdacht des Abgreifens von staatlichen Sozialleistungen gestellt. Das sei Ausdruck eines „marktförmigen Extremismus“, sagt Groß, und der sei weit verbreitet.

Beim marktförmigen Extremismus wird das gesamte Denken ökonomisiert, die Menschen und ganze Gruppen nach ihrer Nützlichkeit für den Markt beurteilt und bei geringem Nutzen abgewertet. Das kann Langzeitarbeitslose betreffen – oder eben Asylbewerber. Bei diesem Extremismus wurde die Ideologie eines allgegenwärtigen Wettbewerbs und die Norm der Selbstoptimierung verinnerlicht, sagt die Expertin – ein Ergebnis neoliberaler Denkmuster.

Die Folge kann eine „Gruppen bezogene Menschenfeindlichkeit “ sein, sagt Groß. In der Gesellschaft entsteht ein Ungleichgewicht, und wenn die Ungleichheit zur Ideologie wird, dann ist das ein offenes Tor für Rechtsextreme.

Die Gefahr sei da, heißt es bei rheinland-pfälzischen Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus, die sogenannte Mitte „franst an den Rändern zunehmend aus.“ Rechtsextremes Gedankengut kommt eher bei Älteren und Jüngeren vor, im Osten sind diese Haltungen deutlich häufiger als im Westen.

Dazu haben rechtsextreme Gruppen ihre Strategie geändert: Während rechtsextreme Parteien wie die NPD, starken Rücklauf haben, versuchen Rechte heutzutage eher als Trojanische Pferde gesellschaftliche Gruppen zu unterwandern. Beim Netzwerk kennt man rund 250 Facebook-Gruppen, die getarnt als Bürgerinitiativen zentral von Rechten gesteuert werden.

Auch die Bereitschaft zur Gewalt ist stark gestiegen, sagen die Forscher, beobachten konnte man das bei der Hooligan-Demo in Köln. Und die Dresdener Pegida findet längst auch in anderen Städten Nachahmer – etwa in Kassel, Düsseldorf oder Bonn.

Was man dagegen tun kann? Wachsam sein, gesellschaftliches Geschehen analysieren und die NSU-Mordserie gründlich abarbeiten, sagt Martin Gräfe von der Friedrich-Ebert-Stftung. Und Groß hat noch einen Tipp: Zvilcourage, das Eintreten gegen solche Strömungen sei wichtig –damit Zivilcourage aber auch in Handeln umschlägt, sagt die Wissenschaftlerin, dafür brauche es „ein gewisses Maß an Nonkonformismus.“ Wie bei Tugce Albayrak, die gerade beerdigt wurde.

 Info& auf Mainz&: Die Studie „Fragile Mitte, Feindselige Zustände“ könnt Ihr Euch hier als pdf herunterladen – oder als Buch gebunden im Internet für 9.,90 Euro kaufen – zum Beispiel hier.

 

 

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