„Lasst uns doch mal für was Demonstrieren“, sagen die Schnorreswackler, „Fastnacht ist ja eine friedliche Demo für Humor.“ In dieser Kampagne aber ist die Fastnacht offenbar nicht nur ein Statement für Humor und Frohsinn, sondern für Demokratie, Meinungsfreiheit und für die Rettung der Welt. Beim Gonsenheimer Carneval Verein (GCV) jedenfalls geht es in der Kampagne 2020 so politisch zu, dass man tatsächlich meinen könnte, man wäre auf eine Demonstration geraten: Da wird der Protokoller zum flammenden Verteidiger der Demokratie, flieht die Queen aus Great Britain zum Roten Rauscher nach Mainz, singen gar schon die Rußpartikelchen Demolieder, und gehen Insekten, Gretas und Buchdrucker auf die Barrikaden. Wer aber glaubt, es gäbe nichts mehr zu lachen, den belehren die Gonsenheimer eines Besseren: Man kann gleichzeitig wahrhaftig auch noch fünf Stunden lang einen Riesensaal wie die Halle 45 rocken…

GCV-Protokoller Erhard Grom liest den Mächtigen die Leviten. - Foto: gik
GCV-Protokoller Erhard Grom liest den Mächtigen die Leviten – hier Bundesverkahrsminister A. Scheuer (CSU). – Foto: gik

„Die Erwartungen sind riesengroß, drum legen wir auch gleich los“, reimt Sitzungspräsident Sebastian Grom zu Anfang, und es geht auch direkt Schlag auf Schlag. Umbruch ist ja ohnehin schon jetzt das Wort der Dekade, beim GCV hat es auch die Rednerriege erreicht – erneut haben einige der legendären Narren-Recken wie Michael Emrich oder Benno Hellmold der Bühne adé gesagt. Immerhin: Dem GCV mangelt es nicht an Nachwuchs, und das erstreckt sich erfreulicherweise auch endlich einmal aufs weibliche Geschlecht – Laura Heinz darf als Sängerin mit einer liebevollen Mainz-Hymne den Abend eröffnen und den rechten Ton setzen.

Ganz modern kommt auch der Protokoller des GCV auf die Bühne gerollt: Erhard Grom kommt per E-Scooter und friert sich ganz klimafreundlich und schadstoffarm den Allerwertesten ab – aber was tut man nicht alles fürs Klima? Kräftig schuften musste auch der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) in seinem Wahlkampf, findet der Narren-Protokoller: „Was musst der Ebling laufe, auf seiner Tour für Schorle saufe/ den Haase hat er, sag ich offe, spielend untern Tisch gesoffe“, reimt Grom und darauf passt dann auch noch: „Hat alles mögliche versproche – heut‘ will er’s meiste nicht mehr wisse: In Vino Ebling Veritas.“

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Wunderschöne Zirkusnummer: das GCV Ballett. - Foto: gik
Wunderschöne Zirkusnummer: das GCV Ballett. – Foto: gik

Mit spitzer Feder und großer Geste schenkt Grom auch in diesem Jahr in seinem Protokoll rundum den Mächtigen einen ein, den neuen „Insolvenzerhaltern“ der SPD-Doppelspitze ebenso wie der „schwarzen Mamba von der Saar“, auch AKK genannt, dem „mobilen Haarteil aus der Pfalz“ alias Donald Trump, Mister Brexit Boris Johnson – einfach alle bekommen ihr Fett weg. „Mädche, halt das Bällche flach“, rät Grom der AKK – sonst werde aus dem Kürzel ganz schnell „KKA: Kandidat hat keine Ahnung.“ Das Publikum quittiert es mit rauschendem Beifall, addiert sogar eine Latte Buhrufe hinzu – als der Name Andi Scheuer fällt. Der „Verkehrsminister infernale“ von der CSU ist so unten durch beim Narrenvolk, dass seine neuen Initialen „A. R. Sch“ so richtig gut ankommen….

Richtig finster aber wird es in der Halle, als der Name Björn Höcke fällt: „Akkustisch klingt der Höcke glatt wie Göbbels einst“, konstatiert Grom über den AfD-Chef aus Thüringen, und so aktuell ist der Protokoller, dass er sogar den drei Tage zuvor erst passierten „Minister-Kurzzeit-Präsident“ Thomas „von Höckes Gnaden“ Kemmerich in seinem Vortrag hat. „Der hätt‘ das Amt von Anfang an nicht nehme dürfe“, ruft Grom in die Halle und schiebt hinterher: „Es tut mir in der Seele weh, wie CDU und FDP, als Höckes nützliche Idiote, paktierten mit der braunen Bande, das ist für Deutschland eine Schande.“ Keine Schande: da steht der Saal und demonstriert mit minutenlangen Ovationen für des Narren Sicht, auch noch einmal, als Grom zum Abschluss seines furiosen Protokolls unterstreicht: „Volksverhetzer, braune Ketzer“ wie einst in den 1920er Jahren, „so weit darf es unbesonnen, Gott bewahr‘ nicht noch mal komme.“

"Greta" war auch beim GCV zu Gast - alias Andreas Bockius. - Foto: gik
„Greta“ war auch beim GCV zu Gast – alias Andreas Bockius. – Foto: gik

Noch einer aus der Riege der „Alten“, der die Narrenfahne fleißig weiter hochhält, ist Rudi Hube: Der Vollblut-Fastnachter widmet sich in diesem Jahr der beinahe ausgestorbenen Kunst des närrischen Couplets und schickt damit höchst närrisch ein Rußpartikelteilchen auf die Reise. Das hat arge Probleme, kriegt es doch kein Visum mehr für Meenz, und so erinnert es sich nostalgisch an die Zeiten, als es mit seinen Freunden NOX und CO2 den Dom besuchte… Doch das mit den Grenzen ist gar nicht so einfach: „Der Wind, der kennt kein Grenze, der Dreck, der fliegt doch mit“, bilanziert das Rußteilchen: „Denkt denn hier keiner mit?“

Grenzen – in Mainz nennt man das Brücken. „Es gibt drei Brücken, die Mainz und Wiesbaden voneinander trennen“, lästert Lars Reichow als Nachrichtensprecher der „Fastnachtstthemen“, und diese drei Brücken seien eigentlich immer irgendwie kaputt. „Ich habe neulich gedacht: Ist das nicht ein Zeichen“, sagt Reichow, „wehren wir uns da nicht gegen etwas, was nicht sein soll…?“ Zum Nachrichtensprecher in Hochform später mehr, Tatsache ist: Greta Thunberg kommt lieber mit dem Schlauchboot. Nicht etwa wegen der CO2-neutralen Anreise, sondern weil ja in Mainz alle Brücken kaputt oder gesperrt sind – die für dreieinhalb Wochen gesperrte Theodor-Heuss-Brücke ist ebenso ein Dauerbrenner bei den Narren wie der Klimawandel und die Klimaproteste der „Fridays for Future“-Bewegung.

„Schön wird die Welt bald nicht mehr sein“, singt jedenfalls Greta alias Andreas Bockius – ja, auch die beiden Bockius Brothers haben den Klima-Blues. Das hindert das kongeniale Gesangsduo Matthias und Andreas Bockius natürlich mitnichten daran, den Saal zu rocken und zum Beben zu bringen, das Hilfsmittel: Ein Margit Sponheimer-Medley der ganz besonderen Art. „Wenn die ganze Welt schön grün ist“, singen die beiden Dobbelbocks nämlich, und „Wähle 06131, dann stehste im Stau auf der Brücke“, und natürlich darf die Narren-Hymne schlechthin nicht fehlen: „Am Futures Friday bin ich gebore…“ Ein Phänomen in der närrischen Mainzer Musikszene.

Das ist fraglos auch Oliver Mager, beim GCV ohnehin ein Liebling des Narrenvolks, und so braucht der Sänger nur Sekunden, um den Saal in ein selig schunkelndes und feierndes Tollhaus zu verwandeln – bei der Zugabe „Badapp“ hört die Menge gleich gar nicht mehr auf zu singen, fast wie einst beim legendären Ernst Neger und seiner Humba. Wie im Rausch lassen sich die Narren mitreißen, wie praktisch, dass der GCV den Coffee Shop gleich mit dabei hat: Torsten Schäfer und Spengler führen mit ihrer grandios-verdrehten Rastaman und Spießer-Performance über Tüten und andere Abhängigkeiten das Publikum herrlich aufs Glatteis – und schließlich in den Plastikhimmel… Was für eine Parodie auf die aktuelle Umweltdebatte!

Die Queen und ihr Prinz Boris - Thomas Becker und Frank Brunswig. - Foto: gik
Die Queen und ihr Prinz Boris – Thomas Becker und Frank Brunswig. – Foto: gik

Apropos Parodie – da gibt es doch zwei Akteure beim GCV, die diese Kategorie einfach für sich gepachtet haben. Nach Donald Trump und Montserrat Caballé nehmen sich Thomas Becker und Frank Brunswig in diesem Jahr die Briten vor. Heraus kommt – natürlich – eine sehr tränenreiche Angelegenheit – für die Zuschauer. Denn das Drama mit neun Akten (oder so) um die Queen und ihren Prinzen Boris ist so ein Feuerwerk an Kalauern und vollkommen närrischem Unsinn, dass die Lachtränen nur so laufen, und ganz nebenbei bekommt auch noch OB Ebling einen mit: „Wir nennen ihn nur den Roten Rauscher…“

„Hör gut zu, ich bin Dein Glück“ – zu diesen Klängen fegt das Ballett der Gonsenheimer Füsiliergarde über die Bühne, das Ballett des GCV wiederum hat Pferdchen und Löwenkätzchen, einen Clown und einen Zirkusdirektor dabei – eine tolle Zirkus-Demonstration mit echten Clownereien und Katzenschnurren untermalt. Die Fleischworschtathlete wiederum haben völlig unkorrekterweise ein Mett-Ley dabei und bewegen damit den Saal – zum Tanzen und Schunkeln nämlich.

Rocken die Halle 45: Matthias und Andreas Bockius. - Foto: gik
Rocken die Halle 45: Matthias und Andreas Bockius. – Foto: gik

Gesungen wird auch eine ganze Menge bei Jürgen Fliege, Doktor Motte und Wolfgang Skarabäus Mozart – der Eintags-Fliege muss nämlich unbedingt noch schnell zum Geburtstag gratuliert werden, weil sie den ja nur einmal erlebt… Da singt der Saal voller Inbrunst gerne und oft: „Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten Dich sonst so vermisst“ – die Jungs von der Herpes House Band landen mit ihrer Insektennummer einen grandiosen Narrenhit und singen: „Glyphosat in der Natur, ein Weihnachtsmarkt nur bis neun Uhr – Dummheit, Dummheit, ist’s woran’s dem Mensch nicht fehlt.“ Dann rocken sie noch mit „Wann wirds mal wieder richtig Winter“ den Saal – diese Newcomer haben ihren Platz gefunden.

Die Steigerung von Narretei aber heißt noch immer Heininger & Schier, und die unbestrittenen Meister des närrischen Nonsens kommen in diesem Jahr als Fastnachts-Influencer daher. Es ist der perfekte Rahmen für die „Internisten“, um E-Scooter und Bitcoins – pardon: Kronkorken – knallen zu lassen und ganz nebenbei das Mainzer Fastnachtsmotto zu sezieren: „Humor und Spaß, mit Suff gepaart, das hält die Meenzer Leber hart.“ Zwischendurch wird noch schnell der Saal gerockt und mit Hüftschwung zum Beben gebracht, sogar noch bevor der Hähnchengrill sich dreht – mehr närrische Meisterschaft geht nicht.

Achtung, die Fastnachts-Influencer kommen! Martin Heininger und Christian Schier in Hochform. - Foto: gik
Achtung, die Fastnachts-Influencer kommen! Martin Heininger und Christian Schier in Hochform. – Foto: gik

Und doch sind es auch in diesem Jahr beim GCV wieder die politischen Redner, vor denen sich die Narren verneigen. Lars Reichow, 2018 bei „Mainz bleibt Mainz“ in der Livesendung in der Publikumsgunst abgestürzt, läuft dieses Jahr zu Hochform auf: Der Nachrichtensprecher spießt „Dandy Andy“ und SPD-Doppelspitze ebenso genüsslich auf wie „Donald Mülleimer Trump“ und die „Bundesinteressenausgleichsministerin für Rindfleisch und Süßes“ samt ihrem Nestlé-Cabrio – Julia Klöckner (CDU) natürlich. Den Kirchenvertretern schreibt Reichow ins Stammbuch, wer die Frauen zum Schnittchen-Schmieren in der Ecke stehen lasse, „der ist nicht mehr von dieser Welt“. So richtig ernst wird aber auch Reichow beim Thema Thüringen: „Höcke, die Nachgeburt Hitlers, hat den beiden Parteien von CDU und FDP ein dickes braunes Würstchen hingehalten – und der von der FDP hats gefressen“, konstatiert Reichow und fragt: „Wie lange wollen wir der AfD eigentlich noch dabei zuschauen, wie sie unsere Demokratie demoliert?“

Richtig stark in Form: Buchdrucker-Geselle Sebastian Grom. - Foto: gik
Richtig stark in Form: Buchdrucker-Geselle Sebastian Grom. – Foto: gik

Eine Lanze für die Frauen bricht auch der Buchdruckergeselle Sebastian Grom: „Ich hätte eine grüne Oberbürgermeisterin begrüßt“, sagt der ganz offen, „es ist einfach an der Zeit, dass mal eine Frau an der Spitze der Stadt steht.“ Zum zweiten Mal schlüpft Grom in die Rolle des Buchdrucker-Lehrlings und trumpft in seinem zweiten Jahr noch stärker auf als bei seiner sensationellen Premiere 2019. Grom streut sogar noch ein kleines Liedchen an die SPD ein – „Saskia, Scheiß drauf, die Wahl ist erst im kommenden Jahr, ole, ole, da sind wir nicht mehr da“ – und widmet sich ansonsten mit viel Hingabe der Mainzer Stadtpolitik.

„Die Grünen haben als stärkste Fraktion eigentlich nur blockiert und vertagt, beispielsweise das 365-Euro-Ticket“, analysiert Grom und schiebt gleich hinterher: „Die Stadtspitze, die Ampel macht nix“, und der wiedergewählte SPD-OB Ebling „regiert unsere Stadt mit viel Würde – hätte und könnte.“ Grom nimmt sich auch die geplante Schaffung eines zusätzlichen, ehrenamtlich tätigen Wirtschaftsdezernenten in den Händen der FDP vor: „Eine Aktion, die nur eines tut: Politikverdrossenheit fördern“, schreibt der Buchdruck-Narr den Koalitionären ins Stammbuch und seufzt: „Aber komische FDP-Aktionen in Mainz sind ja alte Sitte…“ Die Narren im Saal bedenken die offenen Sätze indes mit sehr viel Applaus – der Narrenmund, er wird zur Demonstration, und Grom – zugleich ja auch GCV-Sitzungspräsident – mit den längsten Ovationen des Abends geehrt.

Grandiose Klima-Demonstranten: die Schnorreswackler. - Foto: gik
Grandiose Klima-Demonstranten: die Schnorreswackler. – Foto: gik

„Wir wollen ja voll gegen die Eliten und so“, sagt da Schnorreswackler und GCV-Chef Martin Krawietz – die Schnorreswackler kommen in diesem Jahr voll Öko und richtig demonstrationsbewegt daher. „Fridays for Future“ hat hier seine tiefsten Spuren hinterlassen, und wieder einmal beweist die Gonsenheimer Gesangstruppe, dass sie mit ihrer Kombination aus hoher Politkunst und rockigen Liedern eine Sonderklasse in Mainz sind. Die Schnorreswackler lassen die Puppen tanzen, besingen „Die Liebe der Despoten“ und setzen dann noch mit ihrer Klima-Demo einen drauf: „Wir müssen auf die Kinder horchen, sie tun uns die Welt nur borgen. Wir und unsere Wohlstandsorgen, ändern uns erst übermorgen“, singen die Schnorreswackler, „doch am Ende zählt nur eines, die Erde hier zu retten: Es gibt nur unsere eine Welt!“ Da ist die Narretei zum Manifest geworden – und die Klimademo zum Ohrwurm.

Info& auf Mainz&: Wie sich der neue Klima-Ohrwurm der Schnorreswackler anhört, könnt Ihr Euch hier auf unserem Mainz&-Youtube-Kanal anhören. Dort findet Ihr auch weitere Videos aus der GCV-Sitzung.

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