Der Bär ein futuristisches Monster, eine gigantische Seeschlange, ein Zähne fletschernder Hai – nein, nett sind die Figuren nicht, die Graffiti-Meister am Wochenende auf die Wände unter der Theodor-Heuss-Brücke auf Kasteler Seite zauberten. Das Graffiti-Festival Meeting of Styles hat wieder einmal gezeigt, wozu Graffiti imstande ist: große Kunstwerke, politische Aussagen, gebannt in eine düstere Unterwasserwelt. Und auch NSA und BND sind dabei…

Graffiti-Kunst in Kastel: Tiepolo unter der Brücke
Bär jagt Zug mit Künstlern – Graffiti Kastel 2014 – Foto gik

Seit 1997 findet einmal pro Jahr das Treffen unter der Kasteler Seite der Theodor-Heuss-Brücke statt, das Happening ist zum größten Event der Sprayer-Szene weltweit geworden. 120 Künstler aus wirklich allen Herren Länder waren in diesem Jahr dabei: China und USA, Israel, Venezuela und natürlich Deutschland.

3.000 Quadratmeter Wandfläche stehen in Kastel zur Verfügung, am Wochenende wurden sie transferiert in eine gigantische Unterwasserwelt auf der einen, eine futuristische Szenerie mit Hai und Seeschlange auf der anderen Seite – wobei noch mehr Werke in der Unterführung und dahinter warteten. Mainz& war natürlich am Sonntagabenjd schon mal gucken, da wurde aber an verschiedenen Szenen noch gearbeitet, und die Gerüste standen auch noch.

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Acht bis neun Stunden hat „Panik“, ein Sprayer aus Koblenz für seine Panik-Figur gebraucht, gesprayed wird mit Acrylfarbe aus der Spraydose. Ist das nicht gesundheitsgefährdend? Panik nickt, die größte Gefahr gehe aber für die Hände aus, deshalb seien Handschuhe für ihn Pflicht. Seit er 15 Jahre als ist, ist der 28 Jahre alte „Panik“ ein Sprayer, auch sein Freund Sebastian aus Koblenz geht das so. Wie man das macht? „Das kommt bei mir aus dem Kopf raus“, sagt Sebastian.

„Sprayen, das ist der Drang nach Freiheit, danach sich auszudrücken, gesehen zu werden“, sagt Sebastian Schmidt, einer der Organisatoren aus Wiesbaden. Graffiti komme „von der Straße“ und habe immer auch den Hauch von Illegalität, sagt er, und ja, es gebe auch „Schmierereien“, keine Frage.

In diese Kategorie fallen die meterhohen Gemälde unter der Brücke weiß Gott nicht. Ganz dicht an der Wand arbeiten die Künstler mit ihrer Sprühdose, und müssen doch das große Ganze im Auge haben. 30 Sprayer haben an einer Wand gearbeitet, berichtet Schmidt, einer habe dabei das Gemälde im Auge, die anderen arbeiteten jeweils in ihrem Bereich. Trotzdem verbinden sich die einzelnen Bilder untereinander auf faszinierende Weise – und sie erinnern an Künstler früherer Zeiten.

Graffiti-Kunst in Kastel: Tiepolo unter der Brücke
Aug‘ in Aug‘ mit der Schlange – Graffiti Kastel 2014 – Foto: gik

Da gab es etwa einen Venezianer namens Giovanni Battista Tiepolo, der Mitte des 18. Jahrhunderts ein riesiges Deckengemälde in das Treppenhaus der Würzburger Residenz malte. Auch Tiepolo musste ein Bild des Ganzen im Kopf haben, während er nur wenige Zentimeter von der Wand entfernt Teile malte. Die Tiepolos der Neuzeit schaffen ihre Werke unter Brücken und in Unterführungen, und auch ihre Werke sind ausdrucksstark. „Die Spraydose ist der Pinsel der Neuzeit“, sagt Schmidt.

Die Visionen der heutigen Künstler sind allerdings düstere: Ein Ringkampf der Titanen, versunkene Schiffe und Welten, NSA und BND als verzerrte Gnomen – der Untergang der abendländischen Welt vollzieht sich düster und pessimistisch. An der Wand gegenüber hat sich „Friendly Fire“ als humorvoller Kopf mit Sprühdose eingeschlichen, ein Bodybuilder-Hahn zeigt deutlich den Überschuss von Testosteron – Graffiti-Kunst kann auch ironisch.

„Wir wählen Künstler aus, die zusammen arbeiten  können“, sagt Schmidt. Die Sprayer bekommen die Reise gestellt, und die Sprühdosen fürs Werk. Das Wiesbadener Festival, es begann am alten Schlachthof, inzwischen ist das Meeting of Styles in die Welt hinaus gezogen. Etwa 20 Events dieser Art finden weltweit statt. Dass Graffiti weitaus mehr ist als Namenstags und Schmierereien, wer das noch bezweifelt, sollte dringend nach Kastel gehen. Vergesst den Fotoapparat nicht! „Graffiti“, sagte Schmidt noch, „sollte auch als Kunst anerkannt werden.“

 

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