Im Juli 2016 vergab die Stadt Mainz den Auftrag für einen Bücherturm als Erweiterungsbau für das Gutenberg-Museum, nun legte Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) den städtischen Gremien die Vorplanung für den Neubau vor. Neu ist: Der Turm soll künftig Hort der Gutenberg-Bibel werden. Das „Bücherturm“ genannte moderne Gebilde soll nun 23,40 Meter hoch und mit einem gehörigen Abstand zum Römischen Kaiser gebaut werden. Der 10 mal 12 Meter große Bau wird dem Liebfrauenplatz ein völlig neues Gesicht geben. Erstmals legte das Planungsbüro DFZ aber auch Entwürfe für die Gestaltung des Platzes daneben vor, also für die Grünfläche. Der Spatenstich für den Bau soll Ende 2017 sein, also nach dem Tag der deutschen Einheit. Der Stadtrat soll über die Vorplanung am 8. Februar abstimmen.

Gutenberg-Museum: Vorplanung vorgelegt für neuen "Bibelturm" - Gutenberg-Bibel soll in Bücherturm
Neue Visualisierung des Bücherturms des Gutenberg-Museums: Bau ohne Fenster – Foto: gik

Es war eine umstrittene Entscheidung: Vor einem Jahr hatte die Stadt die Ergebnisse eines Architekturwettbewerbs vorgestellt, für den ersten Platz kürte die Jury einen Turm aus Sandstein mit einer Fassade aus bronzenem, durchbrochenem Gitter. In der Bevölkerung war die Kritik groß, von „menschenfeindlicher Architektur“ und unpassender moderner Formensprache für diesen Platz im Herzen von Mainz. „Potthässlich“ und „Verschandelung“ kritisierten Mainzer, eine Bürgerinitiative forderte eine Befragung der Mainzer – vergeblich. Die Stadt vergab im Juli den Auftrag für den Turmbau und sprach von einem „Meilenstein“, Museumsdirektorin Ludwig von einem „Leuchtturm der Kultur“ – und unterstrich die dringend notwendige Erweiterung der Museumsfläche.

Keller abgespeckt, Gassen öffnen

Gutenberg-Museum: Vorplanung vorgelegt für neuen "Bibelturm" - Gutenberg-Bibel soll in Bücherturm
Voraussichtlicher Blick vom Markt auf den neuen Bücherturm am Gutenberg-Museum – Visualisierung: DFZ

Der Turm sei „das Signet“, das „Aushängeschild“, sagte Architekt Stephan Kausch am Dienstag bei einer gemeinsamen Sitzung von Werkausschuss der Gebäudewirtschaft und Ortsbeirat Altstadt. Die Idee sei weiter, „dass wir die Gassen öffnen und ein Museumsquartier schaffen, das sich mit den öffentlichen Räumen vernetzt.“ Dafür sollen Gassen zwischen den Museumsgebäuden entstehen, und auch der Verbindungsbau zwischen Römischem Kaiser und Schellbau abgerissen werden, zumindest werde das derzeit geprüft.

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5,1 Millionen Euro stehen der Stadt für den dringend überfälligen Umbau und die Neugestaltung des Weltmuseums der Druckkunst zur Verfügung, davon muss allerdings auch der marode Schellbau aus den 1960er Jahren ertüchtigt werden. 3,4 Millionen Euro brutto stehen so für den ersten Bauabschnitt zur Verfügung, damit soll der neue Turm realisiert werden. Um die Kosten zu reduzieren, wurde nun der Keller des Turms abgespeckt: Das Untergeschoss unter dem Liebfrauenplatz wurde gestrichen, es bleibt noch immer ein großes Untergeschoss für Ausstellungsflächen sowie ein unterirdischer Gang zum Schellbau.

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Neue Gestaltung des Liebfrauenplatzes laut der neuen Pläne – Grafik: DFZ

Liebfrauenplatz: Grünanlage kleiner, aber schöner

Der Verzicht auf den Keller unter dem Liebfrauenplatz macht zudem den Erhalt der Blumenbeete darüber möglich. Dass die Grünanlage hier ursprünglich verschwinden sollte, hatte für heftige Kritik gesorgt, sogar Unterschriften für den Erhalt wurden gesammelt. Entstehen werde „ein toller grüner Bereich, der in neuer Form definiert wird“, sagte Kausch, die Fläche werde „vielleicht etwas kleiner, aber mit neuer Aufenthaltsqualität.“ Wieviel kleiner die Grünfläche wird, konnte er nicht sagen, die Gutenberg-Büste soll aber weiter ihren Platz haben, Platanen, Blumenrabatte und Bänke werden den Platz gestalten. Was indes mit den Buchstaben-Blöcken geschieht, konnte Kausch auf Mainz&-Anfrage nach der Sitzung nicht sagen: Vielleicht könne man dieses Denkmal ja sogar aufwerten, sagte er.

Die Bedeutung des Blumenbeets sei erkannt, auch die Bedeutung des Platzes für das Marktfrühstück, sagte Grosse: „Wir haben sehr viel und detailliert darüber gesprochen.“ Der Platz werde aufgewertet, was Möblierung und Bepflanzung angeht. Allerdings muss ein Teil der Platanen umgesiedelt werden, dies war allerdings von Anfang an in den Planungen für einen Museums-Erweiterungsbau so vorgesehen. „Eine große Fläche wäre gut für das Museum“, seufzte angesichts der Diskussion um den Platz Museumsdirektorin Annette Ludwig – und verwies stolz darauf, dass das Gutenberg-Museum 2016 exakt 129.727 Gäste aus aller Welt gehabt habe.

Bücherturm nun ohne Eingang? Gutenberg-Bibel im Fokus

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Darstellung der Fassade des Bücherturms fürs Gutenberg-Museum bei Tag (links) und bei Nacht (rechts) – Fotos DFZ

Neue Visualisierungen und Pläne zeigen unterdessen, wie sich der Turm auf dem Platz gruppieren und wieviel Platz er wegnehmen würde. Irritierend allerdings: Im Gegensatz zu den alten Visualisierungen weisen die neuen Bilder nun keine Fenster oder Türen mehr im Erdgeschoss des Turms auf, die hatten zuvor aber die Fassade leichter gestaltet. Die neuen Modelle zeigen überhaupt keine Fenster oder Türen mehr, der Eingang zum Gutenberg-Museum werde nun an der alten Stelle bleiben, hieß es. Die Fassade werde aber transparent aussehen und nachts von innen leuchten, betonte Kausch.

Ursprünglich war der Turm als „Bücherturm“ vorgesehen, nun soll er „Bibelturm“ werden: In einem 70 Quadratmeter großen Raum im Untergeschoss soll sich alles um die Gutenberg-Bibel drehen. Die Bibel werde in einem „fast schon sakralem Raum“ von acht bis neun Metern Höhe untergebracht, sagte Kausch. Der „Bibelraum“ werde eine warme, sakrale Atmosphäre haben und überhaupt nicht wie ein Kellerraum wirken. Der Vorteil: Der Raum könne direkt vom Erdgeschoss zugänglich gemacht werden und so die zahlreichen Besucher direkt zur Bibel schleusen. Durch den Kellergang soll es eine direkte Verbindung zur Druckerwerkstatt geben. Die Nutzung des Turms als Bibelturm entlaste den Schellbau erheblich, sagte Grosse.

Doppeltreppe, Aussichtsplattform und Fassade aus durchbrochenen Buchstaben

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Querschnitt des Bibelturms fürs Gutenberg-Museum. Unten links soll der Bibelsaal entstehen, rechts die Treppen, ganz oben links die Aussichtsplattform

Im Inneren soll der Turm glatte Natursteinwände bekommen, die bisher in grau dargestellt werden. Den Turm erschließt eine Doppeltreppe, die aus zwei einander umschlingenden Doppelhelix-Treppen besteht, wie Kausch sagte. Eine Treppe werde für den Auf-, die andere für den Abgang sein, so werde das Problem der großen Enge gut gelöst. Ganz oben am Turm soll es eine schmale Aussichtsplattform geben, eine Art Balkon, von dem aus man einen Blick im Freien auf den Markt erhält. Wie frei dieser Blick ist, ist allerdings noch unklar – der Balkon würde sich noch immer hinter der bronzenen Fassade befinden.

Die beschrieb Kausch als ein Gitter aus durchbrochenen Buchstaben. „Es wird eine matte Oberfläche sein“, betonte er, die solle „dem identitätsstiftenden Gebäude eine weitere Schicht geben.“ Die Buchstaben der Fassade sollten nicht irgendwelche zufälligen Buchstaben sein, sondern Inhalte transportieren, darüber könne „weitere Identität geschaffen“ werden.

Turm wird Römischen Kaiser überragen – Denkmalschutz gab noch kein Okay

Von außen wird der Turm entgegen den bisherigen Vorstellungen ein Stückchen höher. „Der Turm wird den Römischen Kaiser etwas überragen, aber noch unter der Firsthöhe der umliegenden Gebäude bleiben“, sagte Kausch. In der Ausschreibung waren für den Turm noch 19 Meter vorgegeben, das entspricht der Höhe des Römischen Kaisers. Diese müsse man nun nicht mehr einhalten, weil der Bücherturm einen Abstand zum Nachbargebäude einnehme und die mögliche bebaubare Fläche nicht ausreize, erläuterte Kausch. Einen Bebauungsplan für das Gebiet, der eine maximale Firsthöhe vorgebe, gebe es nicht, erfuhr Mainz& am Rande der Sitzung. Die nun vorgesehene Turmhöhe von 23,40 Meter sei „abstandsflächentechnisch unproblematisch, genehmigungsfähig und aus stadtplanerischer Sicht problemlos“, heißt es in der Beschlussvorlage für die städtischen Gremien.

Gutenberg-Museum: Vorplanung vorgelegt für neuen "Bibelturm" - Gutenberg-Bibel soll in Bücherturm
Bücherturm und Erneuerung des Schellbaus (später) aus der Vogelperspektive dargestellt

Allerdings hat die Stadt offenbar noch keine Zustimmung der Denkmalpflege zu der Turmhöhe: „Mit der Denkmalfachbehörde wurde das Thema Höhenentwicklung zwischenzeitlich ebenfalls mehrfach beraten“, heißt es in der Beschlussvorlage. „Wir sind in einer sehr guten Diskussion mit der Fachbehörde Denkmalschutz“, sagte Grosse dazu und musste einräumen: Nein, einen Konsens gebe es noch nicht, man sei aber „dabei, einen Konsens zu erzielen.“

„Der Turm ist uns ein Dorn im Auge“, sagte ÖDP-Stadtrat Claudius Moseler, die Dominanz im Vergleich zum Römischen Kaiser zu groß. „Der Turm ist in seiner Form beliebig austauschbar und hat keinen Bezug zur Umgebung“, kritisierte er. Allerdings war Moseler der einzige in der ganzen Runde, der sich so äußerte, er war am Ende auch der einzige, der gegen die Beschlussvorlage stimmte. Alle anderen Mitglieder des Werkausschusses stimmten für die vorgestellte Vorplanung. Man habe mit allen Fraktionen außer der ÖDP „einen Konsens erreicht“, sagte Altstadt-Ortsvorsteher Brian Huck (Grüne), und von der SPD hieß es gar: „Die meisten freuen sich auf den Turm.“

Bürgerinformation am 21. Februar

Eine Bürgerbeteiligung ist weiterhin nicht vorgesehen, allerdings wird es laut der Beschlussvorlage nun eine Bürgerversammlung geben: „Eine Bürgerinformationsveranstaltung zu den aktuellen Planungen zum Gutenberg-Museum ist für den 21.02.2017 um 18.00 Uhr im Vortragssaal des Gutenberg-Museums geplant“, heißt es dort – das ist der Dienstag vor Fastnacht.

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Lage des Bücherturms auf dem Liebfrauenplatz – Foto: DFZ

 

Ferner soll am 1. Februar erstmals die angekündigte Baukommission tagen. Die soll den Planungs- und Bauprozess begleiten und die Planenden beraten, hat aber keine eigenen Befugnisse, den Vorsitz hat Baudezernentin Grosse inne. Mitglieder sind Abgeordnete aller Fraktionen des Mainzer Stadtrats sowie Vertreter der Fachverwaltungen und des Museums, Museumsfachleute sowie das Bistum Mainz.

Ob die Kommission denn öffentlich tagen werde, wollte Moseler wissen. Die Kommission könne sowohl öffentlich als auch nicht-öffentlich tagen, sagte Grosse und betonte, dies sei „eine freiwillige Einrichtung. Wir werden alle lernen, wie wir damit umgehen.“ Moseler forderte zudem ebenso wie die CDU-Opposition eine Kostenschätzung vorzulegen. „Wir werden jetzt in eine Kostenschätzung eintreten“, sagte Grosse.

Info& auf Mainz&: Mit der gemeinsamen Sitzung von Werkausschuss und Ortsbeirat Altstadt hat der Gang der Vorplanung durch die Gremien begonnen. Als nächstes werden die Planungen im Bauausschuss (26.01.) und im Kulturausschuss (31.01.) beraten, der Stadtrat soll am 8. Februar die Vorplanung beschließen. Die komplette Beschlussvorlage sowie eine ausführliche Präsentation zu der Vorplanung für den Erweiterungsbau Gutenberg-Museum könnt Ihr Euch hier im Internet herunterladen. Macht Euch selbst ein Bild!

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