„Hartmann? Drogen?? Nie im Leben!“ So oder ähnlich hört man das in Mainz seit vergangenen Mittwoch permanent – niemand, der die Vorwürfe versteht, niemand der es für möglich hält. Seit vergangenen Mittwoch Drogenvorwürfe gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Hartmann bekannt wurden, steht das politische und gesellschaftliche Mainz unter Schock. Hartmann ist Stadtgespräch – und die ganze Stadt steht hinter ihm.

„Als ich das gehört habe, war ich völlig sprachlos, ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen“, sagte Johannes Gerster, Ex-Bundestagsabgeordneter der CDU. „Ich war so verdattert, ich kann gar nichts dazu sagen“, sagte ebenfalls ein Bundestagsabgeordneter der SPD, Marcus Held aus Oppenheim. Und so ging es weiter: Entsetzen, Unglauben, Schock – wohl selten hat ein Politiker so flächendeckende Unterstützung aus allen politischen Lagern erhalten.

Verdacht wegen Besitzes von Crystal Meth

Hartmann: Mainz geschockt über Drogenvorwürfe
Immer im Einsatz: Michael Hartmann im August 2013 im Bundestags-Wahlkampf – Foto: gik

Am 2. Juli hatte der Bundestag Hartmanns Immunität aufgehoben, die Kripo hatte einen Anfangsverdacht wegen Drogenbesitzes vorgelegt. Angeblich soll eine Drogendealerin in Berlin den Politiker als ihren Kunden identifiziert haben, der Spiegel berichtet von drei Einkäufen zu je einem Gramm. Crystal Meth heißt die Droge, die sofort süchtig machen und Verheerungen in den Körpern anrichten soll.

- Werbung -
Werben auf Mainz&

Hartmann trat noch am selben Tag von seinem Posten als Innenpolitischer Sprecher der SPD zurück, ebenso legte er seinen Sitz in der Parlamentarischen Kontrollkommission, die Geheimdienste und die höchsten Ermittlungsebenen in Deutschland überwacht. Ausgerechnet…

„Das passt einfach nicht zu ihm!“

„Er weiß doch um die Gefährlichkeit“, sagt denn auch Carsten Pörksen, Innen politischer Sprecher der SPD im Landtag in Mainz, der seit Jahren eng mit Hartmann zusammenarbeitet: „Das passt nicht in das Bild, das man von ihm hat, das passt einfach nicht!“

Hartmann sei „ein bodenständiger und ehrlicher“ Mensch, sagte der Draiser Stadtrat Norbert Solbach (CDU) Mainz& am Sonntag. „Das ist keine politische Affäre“, betonte Solbach: „Das ist eine persönliche Tragödie.“ Und auch Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) sagte am Donnerstag, die Nachricht habe ihn „völlig überrascht.“ Allerdings habe die Staatsanwaltschaft bei der Durchsuchung von Hartmanns Berliner Wohnung nichts gefunden. Deshalb gelte die Unschuldsvermutung, und die „verbietet bis zur Klärung jede Spekulation.“

Hartmann lebt seit vielen Jahren vor den Toren von Mainz in Wackernheim, seine Karriere ist eng mit Mainz und der hiesigen SPD verbunden. Seine bundespolitische Karriere begann, als der Pressesprecher von Innenminister Walter Zuber 2001 für den Bundestag kandidierte. Hartmann, stets korrekt in dreiteiligen Anzug gekleidet, ackerte, klopfte an Türen und legte sich auch sonst ins Zeug. 2002 zog er in den Bundestag ein, die Innenpolitik wurde fast zwangsläufig sein Expertengebiet. Und Hartmann wurde ein echter Experte, keiner, der einfach so daher redet.

„Der Mann arbeitet akribisch 18, 19 Stunden“

Hartmann: Mainz geschockt über Drogenvorwürfe
Hartmann im August 2013 in der Wahlarena des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück in Mainz – Foto: gik

„Ich war der erste, der ihn mit dem Thema Integration bekannt gemacht hat, ich habe ihn zu einem persischen Neujahrsfest ein, 400 Leute kamen da“, erinnert sich Mehdi Jafari Gorzini, der Hartmann seit den gemeinsamen Studienzeiten in Mainz kennt. Gorzini war in Hartmanns Wahlkampf-Team und betont, der sei „einer der besten Parlamentarier“ im Bundestag. „Der Mann arbeitet akribisch 18,19 Stunden, und er gehört zu den Abgeordneten, die wirklich die original Gesetzestexte lesen“, sagt Gorzini: „Dieses Pensum, diesen unglaublichen Druck, den kann man nicht aushalten.“

Schuld: Berliner Politikkbetrieb?

Und so sehen denn viele aus der Mainzer Politikszene den Berliner Politikbetrieb als wahren Auslöser, sollte denn Hartmann tatsächlich die Droge konsumiert haben. „Wenn das stimmt, kann das nur der Druck der Berliner Politik sein, dass er sich unter dem täglichen Stress aufputschen wollte“, sagte Gerster. Gerade in Berlin sei die Politik „ein Haifischbecken“, sagt auch Solbach, der daran erinnert, dass auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck auf der Berliner Bühne scheiterte: „Man sieht, Berlin ist ein anderes Pflaster…“

In Mainz engagierte sich Hartmann auch für seine Wähler vor Ort, im Kommunalwahlkampf unterstützte er auch noch den SPD-Nachwuchsmann Johannes Klomann bei der Ortsvorsteher-Wahl in der Neustadt. Hartmann stand auch bei uns vor der Tür – gut gelaunt, korrekt gekleidet und sehr überzeugend. „Der ist ein Kümmerer“, sagte Hartmann über Klomann, und beschrieb damit doch gleichzeitig auch sich selbst.

Hartmann bereitet angeblich Erklärung vor

„Er hat sich immer gekümmert, uns sofort geantwortet“, sagte Schaustellerin Margit Sottile-Barth Mainz& vergangenen Freitag. Da war Hartmann bereits aus der Öffentlichkeit abgetaucht, doch um die Probleme der Schaustellerin in Punkto Weihnachtsmarkt kümmerte er sich trotzdem – kompetent und sachlich. „Wenn ich nur wüsste, wie ich ihm helfen kann…!“, sagte Sottile-Barth.

Hartmanns Anwalt teilte vergangene Woche in einem Schreiben mit, Hartmann bemühe sich derzeit, den genauen Inhalt und die Gründe für die Vorwürfe durch Akteneinsicht bei der Berliner Staatsanwaltschaft zu klären. Hernach werde er entscheiden, wie er sich zu den Vorwürfen äußern werde. Am heutigen Montag soll die Berliner Drogenhändlerin vor Gericht zu ihren Kunden befragt werden. Hartmann selbst soll eine persönliche Erklärung vorbereiten.

 

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein