Drei Tage vor dem nächsten verkaufsoffenen Sonntag in Mainz am 30. April greift die Industrie- und Handelskammer (IHK) Rheinhessen das Zentrenkonzept der Stadt Mainz für den Einzelhandel frontal an: Das Zentrenkonzept sei „überholt“ und veraltet, es wirke „als reines Verhinderungskonzept“ und müsse „in der bestehenden Form abgeschafft“ werden, fordert die Vollversammlung der IHK in einer Resolution. Das Zentrenkonzept habe zuletzt konkrete Ansiedlungswünsche in Mainz verhindert, Mainz brauche dringend ein zeitgemäßes Einzelhandelskonzept. Damit geht der Streit um das Thema Einkaufen in Mainz in die nächste Runde – die Stadt hatte das Zentrenkonzept gerade erst erneuert.

IHK fordert Abschaffung: Zentrenkonzept in Mainz "reines Verhinderungskonzept"
Leeres Geschäft in der Mainzer Altstadt. Dieser Laden ist inzwischen wieder vermietet, andere aber stehen seit Monaten leer. – Foto: gik

Leere Geschäfte in der Innenstadt, immer schneller wechselnde Shops und eine Dominanz bundesweiter Ketten – die Einkaufsstadt Mainz hat seit einigen Jahren echte Probleme. das Einzelhandelsmonitoring der Stadt selbst entdeckte zwar im August 2016 nur wenig Leerstand und bescheinigte dem Standort Mainz einen guten Mix lebendiger Geschäfte auch jenseits des Ketten-Wahns. Doch viele Mainzer und vor allem auch Auswärtige sehen das vollkommen anders: „Total beschissener Branchenmix“, kritisierten Mainz&-Leser, schlechte Auswahl, hohe Parkgebühren und schlechter Service in mehreren Geschäften waren weitere Kritikpunkte. Leser aus dem rheinhessischen Umland schrieben, sie würden schon lange nicht mehr zum Einkaufen nach Mainz fahren, sondern eher Ingelheim oder Wiesbaden bevorzugen – keine Einzelfälle.

Im Oktober 2016 meldete sich auch der Chef des großen Mainzer Möbelhauses Martin zu Wort: Das Zentrenkonzept sei veraltet, die Stadt blockiere jegliche Neuerung und sei „zu keiner zielführenden Lösung bereit“, kritisierte Filialchef Peter Metzger im Interview. Damit schade die Stadtspitze dem Einkaufsstandort Mainz, weil viel Kaufkraft ins Umland abziehe – etwa zum neuen Globus Einkaufsmarkt in Rüsselsheim. Globus hätte sich auch gerne in Mainz angesiedelt, klagte Metzger, auch Babyfachmärkte interessierten sich für Mainzer Gewerbegebiete – und würden von der Stadt blockiert.

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Die Stadt wies das vehement zurück, Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) hält hartnäckig am Zentrenkonzept fest: Das sei keineswegs rigide oder veraltet, sondern schütze die Innenstadt vor allzu großer Konkurrenz auf der grünen Wiese. Das Zentrenkonzept legt genau fest, welche Waren allein in der Innenstadt verkauft werden dürfen und begrenzt damit die Möglichkeiten für Geschäfte, sich auf der grünen Wiese anzusiedeln. Das ist gewollt, um die Einzelhändler der Innenstadt zu schützen. Doch bei der IHK sieht man das inzwischen als Problem: Das zwölf Jahre alte Konzept habe zuletzt konkrete Ansiedlungswünsche im Mainzer Gewerbegebiet Hechtsheim scheitern lassen, das sei „ein Verhinderungskonzept“ und müsse in der bestehenden Form abgeschafft werden, schimpfte IHK-Hauptgeschäftsführer Günter Jertz.

IHK fordert Abschaffung: Zentrenkonzept in Mainz "reines Verhinderungskonzept"
Wie attraktiv ist die Einkaufsstadt Mainz? Die Filialdichte ist hoch, wie hier am Brand. – Foto: gik

Diese Situation verschärfe sich noch durch die Tatsache, dass sich die Rahmenbedingungen im Handel derzeit rasant änderten – und das Konsumverhalten der Verbraucher. „Der Onlinehandel hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr professionalisiert und umfasst heute auch große Teile des Servicebereiches, mit denen früher nur der stationäre Handel punkten konnte“, sagt Jertz. Folge sei, dass der Online-Handel jährliche Zuwächse in zweistelliger Höhe verzeichne. Im Gegenzug verzeichne der Mainzer Einzelhandel „seit Jahren signifikante Kundenverluste.“

Die IHK-Vollversammlung verabschiedete deshalb am Donnerstag gleich eine offizielle Resolution, in der es heißt: „Keinesfalls darf Innenstadtschutz in letzter Konsequenz dazu führen, dass der Kunde am Standort gar kein Angebot vorfindet und in benachbarte Ballungsräume oder ins Internet abwandert. Solche Entwicklungen schaden dem Wirtschaftsstandort Mainz insgesamt.“

IHK fordert Abschaffung: Zentrenkonzept in Mainz "reines Verhinderungskonzept"
Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) hält hartnäckig am Zentrenkonzept fest. – Foto: gik

Und IHK-Präsident Engelbert Günster forderte, die Attraktivität der Stadt Mainz als Handelsstandort müsse langfristig sichergestellt werden. „Jetzt braucht es ein Konzept, von dem positive Ansiedlungsimpulse für Investoren ausgehen“, forderte er. Im Mittelpunkt müssten dabei die Bedürfnisse der Kunden stehen, die es an Mainz zu binden gelte. „Der Kunde fragt sowohl die Innenstadt als auch die „Grüne Wiese“ nach. Aufgabe von Politik und Verwaltung ist es, zwischen der Entwicklung beider eine gesunde Balance zu finden“, heißt es weiter.

Für die IHK gehört dazu übrigens auch ein Einkaufszentrum an der Ludwigsstraße, die Versammlung übte scharfe Kritik am anhaltenden Stillstand in der Sache. „Die Weiterentwicklung und überfällige Modernisierung der Einkaufsstadt Mainz in der zentralen Achse der Ludwigsstraße stagniert“, klagten die Wirtschaftsvertreter und forderte die politischen Entscheidungsträger der Stadt dringend dazu auf, „wieder Gespräche und Verhandlungen aufzunehmen, um die avisierte Modernisierung der Ludwigsstraße möglichst schnell umzusetzen.“ Zugleich solle „ein zeitgemäßes und ausgewogenes Verkehrskonzept für den fließenden und ruhenden Verkehr“ entwickelt werden. Die Vollversammlung appellierte an den Stadtrat, „mit hoher Priorität die hierzu erforderlichen Beschlüsse zu fassen.“

Info& auf Mainz&: Mainz& hatte im September 2016 ein großes Interview mit Wirtschaftsdezernent Sitte zum Thema Einzelhandel in  Mainz geführt – das Ergebnis lest Ihr hier. Darin versprach Sitte auch, der Einzelhändler Decathlon werde sich in Mainz ansiedeln, passiert ist das bis heute nicht. Decathlon versucht seit Jahren, einen Shop in Mainz zu eröffnen, doch die Stadt verweigert einen Markt in einem Gewerbegebiet – wegen des Zentrenkonzepts. So fahren die Mainzer fleißig weiter nach Hessen zum Einkaufen… Und warum wir in letzter Zeit ständig im Internet einkaufen – dazu lest Ihr hier unsere Mainz&-Kolumne.

 

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