Es ist eine Sensation, was da in der Mainzer Stadtbibliothek nach und nach ans Tageslicht kam: 66 Fragmente alter jüdischer Texte aus dem Hochmittelalter wurden hier gefunden – verborgen in alten Buchrücken, als Unterlegpapier benutzt. Zutage traten die alten Texte, weil die Stadtbibliothek ihre alten Handschriften noch einmal unter die Lupe nahm. Eine gute Idee 😉

Über zehn Jahre hinweg wurde gesammelt, gepuzzled und ausgewertet, die gefundenen Schriften geben nun seltene Einblicke in die Hochzeit des jüdischen Magenza, einer der drei wichtigsten Städte des abendländischen Judentums im Hochmittelalter. Das Buch mit den Ergebnissen wird kommenden Dienstag in der Stadtbibliothek vorgestellt. Mainz& hat schon vorher mit dem Autor, dem Professor für Judaistik an der Uni Mainz, Andreas Lehnardt, gesprochen.

Nein, wie Indiana Jones sieht Andreas Lehnardt nicht aus, und doch fühlte sich der Mainzer Judaistik-Professor manches Mal wie der berühmte Film-Archäologe. „Ich bin bei jedem Neufund in die Stadtbibliothek gerannt, das war wie in eine Höhle zu steigen“, erzählt Lehnardt. Gerannt ist Lehnardt immer dann, wenn Annelen Ottermann von der Mainzer Stadtbibliothek wieder einen Fund meldete: wieder ein Fragment einer jüdischen Schrift aus dem Mittelalter.

- Werbung -
Werben auf Mainz&
Indiana Jones in der Stadtbibliothek - Forscher finden Fragmente jüdischer Schriften
Jüdische Fragmente verborgen im Buchrücken – Foto Lehnardt

66 solcher Fragmente fanden Ottermann und Lehnardt binnen zehn Jahren, kommende Woche stellt der Mainzer Professor ein Buch über die Funde vor. „Die Bücher waren aus Pergament, das lässt sich sehr gut wiederverwenden, recyceln sozusagen“, berichtet Lehnardt. In früheren Zeiten war es üblich, nicht mehr gebrauchte Schriften für das Binden neuer Bücher wieder zu verwenden, auch christlichen Schriften ging es so „ans Leder.“

Ältester Text aus dem späten 12. Jahrhundert

Was die zwei Forscher fanden, nennen sie eine Sensation: Texte aus jüdischen Gebetbüchern und Bibelkommentaren, aus dem jüdischen Talmud, dem wichtigsten jüdischen Gesetzeswerk. Die ältesten Texte stammen aus dem späten 12. Jahrhundert, die jüngsten aus dem frühen 15. Jahrhundert.

Da gibt es einen Gesetzestext, der sich mit der Menstruation der Frau und der Frage nach ihrer Verunreinigung beschäftigt, auf anderen Seiten sind handschriftliche Vermerke zu sehen. „Die Fragmente ermöglichen einen direkten Einblick in das Leben der Juden zu jener Zeit“, schwärmt Lehnardt: „Man sieht, dass die Schriften wirklich gelebt, wirklich studiert wurden.“

Rashi-Kommentar zu Psalmen gefunden

Der Einblick in die Jüdische Welt des Hochmittelalters ist deshalb so spannend, weil Mainz zu jener Zeit ein Hort des Judentums war. Gemeinsam mit den Städten Worms und Speyer  war das jüdische Magenza die Geburtsstätte des abendländischen Judentums, hier lebten und lehrten führende Rabbiner wie Gershom ben Jehuda oder Rashi – von Rashi wurde nun ein Text mit Kommentaren zur Bibel gefunden.

Indiana Jones in der Stadtbibliothek - Forscher finden Fragmente jüdischer Schriften
Kommentar des Mainzer Rabbiners Rashi zu Bibelpsalmen – Foto Lehnardt

Bisher gab es für diese Zeit in Mainz nur wenig Funde, zu oft wurden Juden durch Progrome getötet oder vertrieben, ihr Besitz aufgelöst und verkauft. Mainz wurde etwa 1096 während des ersten Kreuzzuges erobert, seine Juden vertrieben oder getötet. 1349 kam es zu Progromen, weil die Menschen Schuldige für die Pestepidemie suchten. Im 17. Jahrhundert wiederum plünderten die Schweden im 30-jährigen Krieg die Stadt.

Handschrift verweist auf Judenprogrom in Frankfurt

Eine Handschrift konnte Lehnardt mit einer Judenverfolgung im 17. Jahrhundert in Frankfurt in Verbindung bringen, dem Fettmilch-Progrom, benannt nach einem Bäcker namens Fettmilch, der die Verfolgung auslöste. Beim Aufstand der Zünfte wurde auch die Frankfurter Judengasse geplündert, alle Juden für zwei Jahre vertrieben. In unserer Zeit löschten schließlich die Nationalsozialisten das Judentum fast vollständig aus, auch in Mainz.

Indiana Jones in der Stadtbibliothek - Forscher finden Fragmente jüdischer Schriften
Fragmente eines Talmuds aus dem 13. Jahrhundert – Foto Lehnardt

Die Fragmente seien deshalb „ein wichtiger Baustein, um das versunkene Judentum zu rekonstruieren“, sagt Lehnardt. An den Schriften sehe man, dass damals über das Judentum und seine Gesetze noch diskutiert wurde, vieles sei noch nicht so fixiert wie heute. Die Schriften belegten denn auch die herausragende Rolle von Mainz zu jener Zeit.

Gebet für Neujahr aus Magenza

So wurde in Mainz ein Gebet für den Neujahrsmorgen entwickelt, das Unetane Tokef. „Dieses Gebet sprechen heute noch Juden in aller Welt am Neujahrsmorgen“, weiß Lehnardt. Nun sei zum ersten Mal eine Originalhandschrift des Gebets in Mainz aufgetaucht, der einzige noch erhaltene Textzeuge – eine Sensation.

Allerdings gestaltete sich die Bergung der Funde nicht einfach: Die Schriften waren meist zerschnitten und überlebten nur als Fragmente in den Büchern. Entdeckt wurden sie, weil die Mainzer Stadtbibliothek ihre alten Handschriften noch einmal untersuchte. Gefunden wurden einzelne Blätter, manchmal auch Doppelseiten, manchmal aber auch nur kleine Schnipsel. „Ich kam mir manchmal vor, wie auf der Schnipseljagd“, berichtet Lehnardt. Bis auf sechs kleinen Schnitzel konnten alle Fragmente zugeordnet werden.

Sensation vergleichbar mit Qumran-Rollen

Indiana Jones in der Stadtbibliothek - Forscher finden Fragmente jüdischer Schriften
Die neue Synagoge in Mainz mit ihrer ausdrucksstarken Silhouette – Foto: gik

Unter den Schriften sind auch Fragmente vom heiligen Buch der Juden, der Tora, sehr kostbare liturgische Handschriften und sogar einige komplett unbekannte Schriften. Lehnardt vergleicht den Fund deshalb mit dem Fund der Qumran-Rollen am Toten Meer, auch dies Handschriften aus dem antiken Judentum.

Und noch eine wichtige Rolle können die Fragmente aus Mainz in Zukunft spielen: Die Stadt Mainz bewirbt sich nun gemeinsam mit den Städten Speyer und Worms für die Aufnahme in die Welterbeliste der Unesco. Denn gemeinsam bildeten diese drei Gemeinden im Hochmittelalter die sogenannten SchUM-Städte, die Bezeichnung leitet sich von Schpira (Speyer) , Warmaisa (Worms) und eben Magenza (Mainz) ab.

Neue Mainzer Synagoge der jüdischen Schriftkunst gewidmet

Indiana Jones in der Stadtbibliothek - Forscher finden Fragmente jüdischer Schriften
Wand der neuen Synoge Mainz mit Zitat – Foto gik

In ganz Europa waren die drei Zentren des aschkenasischen Judentums berühmt, heute blühen in den drei Städten langsam wieder neue Gemeinden auf. Der Bau der neuen Mainzer Synagoge war ein sichtbares Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens nach Mainz. Die alte Synagoge, einen prächtigen Kuppelbau ganz ähnlich der Christuskirche, wurde 1938 in der Reichskristallnacht zerstört. Die neue Synagoge in der Mainzer Neustadt wurde genau 72 Jahre danach eingeweiht.

Die kühne Silhouette des Baus des Kölner Architekten Manuel Herz ist geformt aus fünf Buchstaben, die das Wort „Quedusha“ bilden, hebräisch für „Segnen“. Die Fassade aus grünem Keramik erinnert mit ihrer geriffelten Struktur an die älteste Form des Schreibens, das Ritzen. Innen sind die Wände dicht bedeckt mit jüdischen Schriftzeichen, an verschiedenen Stellen heben sich Texte von jüdischen Rabbinern aus dem Mittelalter hervor.

Die Synagoge ist so eine Hommage an die Welt der jüdischen Gelehrsamkeit. Nun treten als bedeutende Zeugen der versunkenen Zeit die jüdischen Fragmente daneben, und werden die Bewerbung als Weltkulturerbe weiter befördern. Die Chancen stehen gut: gerade wurden die SchUM-Städte auf Platz fünf der deutschen Vorschlagsliste gesetzt.

 

 

 

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein