Scheu’s Traum, das war ein Weinbau mit hochqualitativen Weinen, einer ganzheitlichen Betrachtung des Weinbaus und modernen Weinen für den Verbraucher – ganz klar: Georg Scheu war ein Vorreiter des modernen Weinbaus. 1916 züchtete Scheu in Alzey eine ganze Reihe neuer Rebsorten, die wichtigste darunter: die Scheurebe. Und die lange als altbacken-süß verschriebene Rebsorte setzt nun zu einem neuen Siegeszug durch die Weingläser an: Gerade junge Winzer aus Rheinhessen entdecken und interpretieren die Scheurebe neu, als filigraner, mineralischer Wein mit einem ganzen Haufen toller Aromen von Cassis über Grapefruit bis hin zu Maracuja.

Jeder Schluck ein Geheimnis - Scheurebe feiert zum 100. Geburtstag Renaissance
Scheurebe Sekt vom Weingut Eva Vollmer in Mainz-Ebersheim – Foto: Eva Vollmer

„Bei meinem ersten Tank war ich ihr verfallen“, sagt Eva Vollmer, Jungwinzerin aus Mainz-Ebersheim, „das war echt eine Granate, was da rauskam.“ Vollmer gehört zu den jungen Wilden, die aufbauend auf alten Rebbeständen spannende moderne Weine kreieren. Und in den alten Rebbeständen der Eltern fand Vollmer bei Gründung ihres Flaschenweinguts 2007 eben auch Rebstöcke der Scheurebe. „Kann man ja mal probieren“, dachte sich die Jungwinzerin – es war Liebe auf den ersten Blick im Tank.

Schwarze Johannisbeere und Exotik, gerne auch mal grasige Noten, Grapefruit oder auch reife Mangodüfte: Die Scheurebe könne einfach alles, sagt Vollmer, und alles ist genau, was sie aus der Rebsorte macht: Scheurebesekt, Scheurebe trocken und Scheurebe als Cuvee mit Silvaner. Süß, natürlich das kann die Scheurebe, aber eben auch trocken-mineralisch, ein ganzes 6-Gang-Menü begleiten könne sie auch, sagt Vollmer, die am Freitagabend genau das beweisen will – zum 100. Geburtstag der Scheurebe gibt es ein Scheurebe-Diner unter dem Motto „Scheu Dich nicht“ im Weingut Eva Vollmer.

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Dabei galt die Scheurebe lange Zeit als Inbegriff für altmodische Weine, die gelegentlich auch noch den „Duft“ von Katzenurin annahm – Schuld war der Ausbau des Weins ab den 1950er Jahren: Nach dem Krieg liebte Deutschland seine Weine weitgehend fett und süß, Wein war kein Essensbegleiter, sondern wurde eher nachmittags zum Kuchen getrunken, mehr Likör als edler Tropfen. Dann kam der Glykolskandal 1985 – und süße Weine fielen in Ungnade. Man trank fortan trocken – und die Winzer warfen die Scheurebe aus den Weinbergen. Von über 4.000 Hektar sank die Weinbaufläche auf rund 1.400 Hektar heute, etwas mehr als die Hälfte davon steht in Rheinhessen.

Jeder Schluck ein Geheimnis - Scheurebe feiert zum 100. Geburtstag Renaissance
Scheurebe-Weintraube – Foto: DWI

Und genau hier, am Ursprung, entdecken zunehmend junge Winzer die Scheurebe ganz neu. Gerade zum Jubiläum gibt es eine Fülle neuer Weine – und sie nennen sie forsch „Tabularasa“ oder „Scheu’s Traum“, wie beim Weingut Köster-Wolf. „Diese krispe Lady verdreht jedem den Kopf, der sich traut, sie zu schnüffeln!“, schreibt Eva Vollmer auf das Etikett ihrer Scheurebe-Flaschen: Schwarze Johannisbeere raubt Dir die Sinne! Scheu Dich nicht!“

„Die Chancen für einen Scheurebe-Reset stehen gut“, sagt auch Bernd Wechsler von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt in Oppenheim. Die Rebsorte sei unverwechselbar in Duft und Geschmack, und genau solche Rebsorten seien gerade stark gefragt: „Bukettrebsorten sind im Kommen“, sagt Wechsler, denn der Verbraucher wolle immer mehr experimentieren, individuelle Weine entdecken. Bukettrebsorten, das sind Weine wie Gewürztraminer, Muskateller oder eben die Scheurebe, Weine mit starkem eigenen Aroma und individueller Ausprägung.

„Everybody’s Darling“ sei die Scheurebe sicher nicht, sagt Wechsler, „aber dafür haben wir ja auch den Grauburgunder.“ Bei der Scheurebe aber könne man entdecken, sie sei die rheinhessische Antwort auf den Sauvignon Blanc, der vielfach ähnliche Aromen habe. Tatsächlich war es der Siegeszug des Sauvignon Blanc, der die Rückbesinnung auf die Scheurebe mit auslöste: Neben grünen-grasigen Sauvignons mit viel Mineralik gibt es nämlich auch die Variante mit reifen Pfirsichnoten – und die erinnerte so manchen an die Scheurebe.

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Die große Vielfalt der Scheurebe zeigten rheinhessische Winzer schon beim Vinocamp Rheinhessen – Foto: gik

Nun entdecken die Winzer selbst wieder, was „die Scheu“ alles kann: „Hochfeines, verstärktes Rieslingbudget mit frischer Säure“, beschreibt Otto Schätzel, Chef der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt in Oppenheim die Aromen, „die Weine sind dann edel, stahlig, harmonisch, duftig und körperreich.“ Edel – wer hätte das gedacht. Gute Lagen brauche die Scheurebe, sagt Schätzel, und sie gedeihe hervorragend in schwersten Kalk- und Mergelböden – perfekt für Rheinhessen. „Die Scheurebe war ein großer Wurf in jener Zeit“, sagt Schätzel.

Und dabei entsprang Scheu’s Traum eigentlich einem Zufall, einem handwerklichen Fehler: Scheu selbst nämlich dachte, er habe Riesling und Silvaner miteinander zur neuen Rebsorte verschmolzen, so trug er es ins Zuchtbuch ein. Doch DNA-Analysen ergaben 2012: das stimmt gar nicht. Dem Züchter kamen offenbar Pollen einer anderen Rebsorte dazwischen, es war die Bukettrebe, die mit dem Riesling die Partnerschaft zur Scheurebe einging. „Man hat sich immer gewundert, wo das wunderbare Cassisaroma herkam“, sagt Schätzel schmunzelnd.

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Porträt des Rebzüchters Georg Scheu, gemalt posthum von Haieck – Foto: Klaus Benz

Georg Scheu, geboren in Krefeld, war eigentlich ein Gartenbautechniker aus Hannover, 1903 kam er nach Geisenheim, um dort Weinbautechnik zu studieren – und war entsetzt: „Ich hatte mir die sagenumwobenen Weinberge des Rheines ganz anders vorgestellt“, notierte er enttäuscht, „hatte von Laubengängen und Rebgirlanden geträumt und fand nun die Rebstöcke als armselige, zusammengeschnittene kümmerliche Gebilde vor.“ Und dann die Weine! „Harte, saure Rheingauer Weine“, schrieb Scheu entsetzt, er sei „sehr enttäuscht.“

Fortan widmete der angehende Rebenzüchter seine Arbeit der Verbesserung des Weinbaus, erforschte Boden und Rebkrankheiten, entwickelte neue Anbaumethoden und setzte sich für mehr Platz für die Rebstöcke ein. „Stelle mich frei, ich trage für zwei“, nach dem Motto forderte Scheu mehr Abstände zwischen Rebstöcken und Rebzeilen, und beklagte nicht selten die sture Konservativität und mangelnde Beweglichkeit der Weinbauer. „Höhere Erträge, bessere Durchlüftung, gesunde Trauben – seine Forderungen sind heute hochmodern“, sagt Schätzel.

Das galt auch für seine Behandlungen der Reben selbst: „Er hat immer gesagt: du musst mit dem Rebstock babbeln – also dich mit ihm befassen“, fasst Schätzel den ganzheitlichen Ansatz Scheus zusammen, dicht am Rebstock müsse der Winzer sein, die Versorgung der Böden im Blick behalten. Und Scheu begann, neue Rebsorten zu züchten, um den Weinbau voran zu bringen – der deutsche Weinbau litt Anfang des 20. Jahrhunderts noch immer unter den Folgen der Reblaus-Katastrophe, die einheimische Reben fast vollständig vernichtet hatte.

Scheu begann zu veredeln und zu züchten, kreuzte Reben, schmiss weg, experimentierte weiter. 1909 war er Leiter der Rebzuchtanstalt Alzey geworden, ab 1916 kam es zum Durchbruch: Scheu gelang die Züchtung gleich einer ganzen Reihe neuer Weinsorten. Septima, Kanzler, Huxelrebe, Faber- und Siegerrebe, sie alle züchtete Scheu und war damit der erfolgreichste deutsche Rebzüchter überhaupt. Alle diese Rebsorten sind noch heute bei deutschen Weingütern im Anbau, der Star aber war die Züchtung des Jahres 1916: „Sämling 88“, die spätere Scheurebe.

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Scheufieber im DLR Oppenheim heute – Foto: gik

Ganz ideologiefrei blieb Scheu bei seiner Arbeit nicht: Unter den Nazis trat er früh in die NSDAP ein und benannte seinen „Sämling“ schließlich in Wagnerrebe um  nach dem NSDAP-Landesbauernführer, der erhebliche Mittel für die Rebforschung in Alzey bereit stellte. Nach dem Krieg war die Scheurebe deshalb die einzige Rebsorte, die entnazifiziert wurde – sie wurde schlicht unbenannt, und zwar nach ihrem Züchter, der 1949 mit nur 70 Jahren starb.

Heute gelte es, der Scheurebe ein klares Profil für den Markt zu geben, sagt Wechsler, sie eben auch als trockenen Essensbegleiter bekannt zu machen. „Was brauche ich einen Sauvignon Blanc, wenn ich die filigranste aller Rebsorten im Weinberg stehen habe?“, sagt Vollmer. Die Scheurebe sei zuerst hier gewesen, eine zutiefst rheinhessische Rebsorte, „sie verdient es, von uns gehyped zu werden.“ Denn wenn „die Scheu“ gut gemacht sei, fügt die Winzerin hinzu, „ist sie Schluck für Schluck ein neues Geheimnis.“

Info& auf Mainz&: Das nächste Mal könnt Ihr Scheurebe pur bei Eva Vollmers Weinpicknick am Freitag, den 2. September erleben. Ab 17.00 Uhr könnt Ihr Euch dann im Weingut Eva Vollmer in Mainz-Ebersheim – ganz hinten am Ortsausgang Richtung Nieder-Olm rechts abbiegen – mit einer Picknickdecke im Genussgarten oder auf der Sommerterrasse niederlassen und edle Weine genießen. Voranmeldung ist nicht nötig, beim letzten Mal kamen allerdings 250 Gäste…. Ende ist gegen 23.00 Uhr, zu Essen gibt’s natürlich auch. Infos hier auf der Homepage des Weinguts. Oder Ihr stöbert beim Mainzer Weinmarkt an den Ständen – der ein oder andere Winzer dürfte eine Scheurebe dabei haben.

Mainz&-Besucher der CineLady vergangenen Mittwoch hatten schon ihr ganz eigenes Scheurebe-Erlebnis: Mainz& verloste drei Flaschen des Scheurebe-Silvaner-Cuvees von Eva Vollmer mit dem schönen Namen „11 Komma 3“ – es freuten sich riesig Nina aus Mainz-Kastel, Elvira aus Mainz-Kostheim und Lottofee Denise aus Nieder-Olm – herzlichen Glückwunsch!

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