Martina Vogler hat ein Bild dabei, eines dieser winzigen schwarz-weiß Bilder mit gezacktem, weißen Rand, von denen man sofort weiß: Das ist alt. „Da war ich drei Jahre alt“, sagt die Kostheimerin, „und sehen Sie mal: Ich stand da in der Lesselallee.“ Martina Vogler hat das Bild zu einer Veranstaltung über direkte Demokratie mitgebracht. Es ist Tag eins nach der Fällung der Lesselallee, und die Wut über das Abholzen von 72 uralten Kastanien ist keineswegs verstummt.

Martina Vogler mit Kinderbild Lesselallee - Foto: gik
Martina Vogler heute und als Kind in der Lesselallee – Foto: gik

Im Gegenteil: Es scheint, als würden die Menschen erst so langsam begreifen, was da geschehen ist. Im Morgengrauen des 4. Novembers waren die Maschinen angerückt in der Lesselallee, binnen weniger Stunden fiel ein Kastanienriese nach dem anderen Greifer und Säge zum Opfer.

Zurückhaltende Frauen schimpfen „Sauerei“

„Eine Sauerei ist das“, sagt Martina Vogler, ein Schock sei das gewesen, „Wut“, sagt sie, „und Trauer.“ Die 59-Jährige ist in Kostheim geboren und aufgewachsen, „man hat so viele Erinnerungen an die Allee, mit Verwandten, Kind und Hund sind wir dagewesen“, sagt sie. Die Allee „hatte etwas Geschütztes, Romantisches.“

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Genau so denken die Menschen hier in Kostheim über den Kahlschlag auf der Maaraue, jeder bleibt am Tag 2 nach der Fällung stehen und schaut fassungslos auf die gähnende Leere. „Eine Frechheit“, sagt eine Spaziergängerin Donnerstagmittag auf der Maaraue.

Es ist eine freundliche, zurückhaltende Dame, die das sagt, eine, die überhaupt nicht so wirkt, als würde sie normalerweise Schimpfwörter benutzen. „Ich komme da nicht mit“, sagt sie weiter, und meint nun die Verantwortlichen in Wiesbaden. Die Fällung, das Übergehen der Bürgerstimmen, „das dürfte eigentlich nicht sein.“

Tiefe Erschütterung des Grundvertrauens

Es hat sich etwas verschoben im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim. Die Fällung der von vielen geliebten Baumriesen hat etwas erschüttert in diesem Stadtteil und in der Seele der Menschen hier. Entsetzen ist ein unzureichendes Wort dafür, Fassungslosigkeit auch. Es ist mehr noch eine tiefgreifende Erschütterung des Vertrauens darin, dass Politiker die Menschen nicht hintergehen. „Hinterlistig ist das“, sagt Christian Vogler, und er klingt angewidert dabei.

„Meine Frau will hier nicht mehr wohnen“

Leere hinterm Zaun an der Lesselallee - Foto: gik
Leere, wo einst die Lesselallee stand – Foto: gik

„Meine Frau hat gesagt, sie will hier nicht mehr wohnen“, sagt Carsten Liebegott. Der waschechte Meenzer zog vor Jahren mit seiner Familie nach Mainz-Kostheim. Dabei hatte es Liebegott bisher nicht weiter gestört, von Wiesbaden regiert zu werden, „mir war das eigentlich egal“, erzählt er Mainz&.

Doch dann kam der 4. November und mit ihm der Kahlschlag in der Lesselallee – und Gottlob war „schockiert“, wie er erzählt: „Das hat mich ziemlich mitgenommen, ich bin da 15 Jahre lang mit meinem Hund spazieren gegangen.“ Und fügt dann noch hinzu, dass es ihn auf einmal sehr stört, von Wiesbaden regiert zu werden. „Ich möchte eigentlich zurück nach Mainz“, sagt Liebegott.

Und auf einmal ist da Sehnsucht nach Mainz

Gottlob ist beileibe nicht der einzige. Auf Facebook äußerten sich in den zwei vergangenen Tagen gleich reihenweise Menschen wütend über die Wiesbadener Stadtregierung. Dort kümmere sich doch niemand um die AKK-Stadtteile, den Wiesbadenern seien die Kostheimer „scheißegal“, von „Ignoranz“ ist gleich reihenweise die Rede. „Wir wollten doch immer zurück nach Mainz“, sagte nun einer.

Grablichter auf Baumscheiben in der ehemaligen Lesselallee - Foto: gik
Grablichter markieren die Baumscheiben, wo einmal uralte Kastanien standen – Foto: gik

Und so könnte der rücksichtlose Umgang der Wiesbadener Stadtspitze mit den Kastanien und ihren Bürgern eine uralte, längst tot geglaubte Debatte wieder befeuern: die AKK-Debatte um die Zugehörigkeit zu Mainz. Amöneburg, Kastel und Kostheim wurden ja nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten Streitkräften Wiesbaden zugeschlagen, obwohl sie jahrhundertelang zu Mainz gehörten. Seit 1945 ist der Rhein die Grenze zwischen Mainz und Wiesbaden, Rheinland-Pfalz und Hessen.

Es gab Initiativen, die drei AKK-Gemeinden zurück nach  Mainz zu holen, sie scheiterten alle an zögernden Politikern und einer Wiesbadener Stadtspitze, die sich schlicht taub stellte. Wir erzählen Euch die kommenden Tage mehr dazu, versprochen 😉

Interessant ist aber dies: Der unsensible und arrogante Umgang der Wiesbadener Stadtpolitiker ist Wasser auf die Mühlen all derer, in deren Hinterköpfe die alte Idee von der Wiedereingliederung zumindest von Kastel und Kostheim nach Mainz noch herumspukt. Und sie hat auch noch all diejenigen aufgeweckt, denen das Thema bisher egal war. „Wenn es noch einmal eine solche Initiative gäbe“, sagt Liebegott: „Ich würde sofort unterschreiben.“

 

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