Der neue Fahrplan 2020 sorgt nicht nur in Mainz für Ärger wegen der gestrichenen Nachtfahrten, auch im Mainzer Umland ist die Enttäuschung groß: Anstatt einer besseren Anbindung an Mainz habe sich der öffentliche Nahverkehr weiter verschlechtert, kritisiert Wolfgang Groening – und das ausgerechnet in den Mainz am nächsten liegenden Gemeinden Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim. „Wir sind hier in Klein-Winternheim 800 Meter von der Stadtgrenze entfernt“, sagt Groening im Gespräch mit Mainz&, „aber an der Stadtgrenze hört das Denken abrupt auf.“ Schlimmer noch: der ÖPNV auch, Groening hat deshalb 2019 eine Petition im Internet gestartet. Sein Ziel: „Die Umlandgemeinden müssen ins Netz der Mainzer Mobilität.“

Kaum Nahverkehr fürs Mainzer Umland - Petition fordert bessere Anbindung von Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim
Bus am Mainzer Hauptbahnhof – ins Umland fahren viel zu wenige, klagen die Bewohner. – Foto: gik

Gerade erst macht es die Sperrung der Theodor-Heuss-Brücke deutlich, wie viele Pendler am Tag den Weg durch die Innenstadt nach Hessen suchen – seit dem Beginn der Brückensperrung vor einer Woche herrscht deutlich weniger Verkehr in der Mainzer Innenstadt. Mindestens 40 Prozent des Verkehrs in Mainz wird von Umlandgemeinden verursacht – und die gehen jetzt auf die Barrikaden: Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim seien einfach enorm schlecht an den ÖPNV angebunden, das direkte Umland werde in Sachen Busanbindung einfach „komplett ignoriert“, klagt Groening.

Der gebürtige Mainzer wohnt selbst mit seiner Familie in Klein-Winternheim, im Neubaugebiet Hechtsheimer Berg. „Wir sind das nächste zum Zentrum liegende, nicht eingemeindete Wohngebiet“, sagt Groening, „Marienborn und Klein-Winternheim sind gerade einmal 800 Meter voneinander entfernt.“ Doch in Sachen Mobilität sind es Welten: „In der Hauptverkehrszeit haben wir ja noch eine ordentliche Anbindung“, sagt Groening, „aber im Nachtverkehr ist praktisch nichts vorhanden, und sonntags fährt alle zwei Stunden ein Bus, und das nur zwischen 12.00 und 18.00 Uhr.“ Zwar gebe es auch noch Regiobuslinien, aber das nebeneinander mit den Stadtbussen funktioniere überhaupt nicht: „Stadtbus und Regiobus sind nicht aufeinander abgestimmt, und auf die Regiobusse kann man sich sowieso nicht verlassen.“

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Das Ergebnis: „Hier in den Randbezirken fahren alle schön mit dem Auto in die Stadt“, sagt Groening. Und dabei würde er wie viele andere auch, viel lieber entspannt mit dem Bus in die Stadt fahren, gerne mal abends in der Altstadt einen Trinken gehen – allein: nachhause kommt er dann mit Bus und Bahn nicht mehr. Mehr noch: Behinderte Menschen, Senioren Schüler, sie alle sind auf Busverbindungen angewiesen. „Ich wohne mit meinen drei Kindern in Ober-Olm, muss ständig Taxidienste übernehmen“, schreibt eine Ober-Olmerin. „Nach Konzert oder Theaterbesuch kein Bus nach Klein-Winternheim“, schreibt ein Einwohner des Ortes.

Kaum Nahverkehr fürs Mainzer Umland - Petition fordert bessere Anbindung von Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim
Für den Trip ins Rheinhessische bleibt meist nur das eigene Auto – und auch für Pendler ist der ÖPNV ins Mainzer Umland viel zu schlecht ausgebaut. – Foto: gik

„Jeder hier hat dazu eine Story“, sagt Groening, „ob es die Enkel sind, die die Oma besuchen sollen, das Mamataxi, was keiner einsieht, oder eben auch die Ökologie und die Verkehrswende.“ Da werde monatelang über die Notwendigkeit der Verkehrswende diskutiert, Mainz drohe eine Dieselfahrverbot, die Stadt rufe gar den Klimanotstand aus, ärgert sich Groening – doch die ÖPNV-Anbindung werde statt besser sogar noch schlechter. „Seit Ewigkeiten würde ich gerne mein zweites Auto abschaffen“, sagt er, „keine Chance. Für die Stadt Mainz erzeugt das doch nur immer mehr Probleme.“

Groening startete deshalb Ende 2019 eine Petition im Internet, binnen sechs Wochen hatte er bereits mehr als 1.000 Unterzeichner – aktuell sind es 1071. „Damit hat faktisch jeder sechste Klein-Winternheimer unterschrieben“, freut sich Groening. Mindestens einen 30-Minuten-Takt fordert die Petition am Abend und in den Nebenverkehrszeiten sowie am Wochenende, einen 15-Minuten-Takt zur Hauptverkehrszeit an Werktagen, dazu ein gleiches Versorgungsniveau für alle Ortsbereiche. Auch das gleiche Tarifniveau wie das Mainzer Stadtgebiet fordert die Petition – derzeit zahlen Klein-Winternheimer stolze 4,10 Euro für eine einfache Fahrt, wo die Mainzer nur 2,80 Euro zahlen.

„Wir sind hier näher an Mainz als selbst der Stadtteil Ebersheim“, sagt Groening, „selbst Zornheim ist viel besser angebunden, aber doppelt so weit weg von Mainz.“ Groening will deshalb mit seiner Petition vor allem eines erreichen: „Die Umlandgemeinden müssen ins Netz der Mainzer Mobilität“, fordert er. Das Tandem aus Regiobus und Stadtbus funktioniere doch überhaupt nicht, die Fahrten seien nicht aufeinander abgestimmt. Auch gebe es weiter keine Anbindung der Busse an die Endstation der Mainzelbahn auf dem Lerchenberg, für Groening völlig unverständlich, denn von Zornheim klappe die Anbindung an die Straßenbahn in Hechtsheim doch auch.

Kaum Nahverkehr fürs Mainzer Umland - Petition fordert bessere Anbindung von Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim
Karte mit Vergleichen zu ÖPNV im Umkreis von Mainz. – Grafik: Petition Gröning

„Der RNN könnte ja auch Geld sparen, in dem nicht jede Linie bis zum Hauptbahnhof in Mainz fährt“, sagt er, „sie könnte ja auch bis zum Lerchenberg fahren und dort den Umstieg in die Mainzelbahn ermöglichen – das ist aber überhaupt nicht geplant.“ Seine Forderung: „Man müsste sich gemeinsam hinsetzen und sehen, was Sinn macht.“ Und dazu sei die Gelegenheit gerade jetzt ausgesprochen günstig: Der Kreis Mainz-Bingen legte nämlich im September 2019 erstmals wieder ein neues., umfassendes Nahverkehrskonzept auf, das 2022 in Kraft treten soll.

Vier bis 4,5 Millionen Euro nehme der Kreis dafür in die Hand, sagt Sprecher Bardo Faust gegenüber Mainz&: „Das Konzept wird auf völlig neue Füße gestellt.“ Ziel seien mehr Verbindungen im Kreis, höhere Taktungen und auch einen Nachtbusverkehr, der Plan ist aber noch in der Abstimmung, auch mit Mainz. Groening kritisiert hingegen, auch im neuen Konzept sei eine enge Anbindung an Mainz an den Wochenenden und in der Nacht nicht vorgesehen, auch eine Anbindung an die Mainzelbahn auf dem Lerchenberg sei dort nicht geplant. „Und dabei hätten wir jetzt die große Chance, das Problem zu lösen“, betont er: „Die Anbindung der direkten Umland-Gemeinden muss durch die Mainzer Mobilität erfolgen.“ Die sei auch durchaus offen dafür, doch brauche sie das Geld und das Go der Stadt dafür.

Und dabei habe doch im Wahlkampf der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) selbst gefordert, das Mainzer Umland müsse städtischer werden, es brauche engere Kooperationen mit dem Umland, gerade in Sachen ÖPNV. „Es ist nichts passiert“, kritisiert Groening, „das Denken von Mainzer Seite aus hört an der Stadtgrenze auf.“ Das zeige ja auch der bis heute unfertige Radweg zwischen Klein-Winternheim und Marienborn, noch im OB-Wahlkampf hatten drei Bürgermeister der Umlandgemeinden der Stadt Mainz vorgeworfen, das Projekt zu blockieren und insgesamt keine gemeinsamen Absprachen mit dem Umland zu tätigen – von der Vollendung des seit zehn Jahren geplanten Radweges ganz zu schweigen. „Die Zusammenarbeit zwischen Mainz und dem Umland existiert de facto nicht“, hatte Eblings Gegenkandidat Nino Haase (unabhängig/CDU/ÖDP/FW) konstatiert.

Groening betont, er selbst sei in keiner Partei und vollkommen überparteilich tätig, der Zuspruch zeige ja, wie sehr das Thema in den Umlandgemeinden bewege. „Man muss sich jetzt zusammensetzen und die Achsen ins Umland planen“, fordert er. 314 Kommentare finden sich unter der Petition, alle kritisieren die mangelhafte Anbindung, die Unpünktlichkeit der Busse, das Abhängen am Abend und an den Wochenenden. „Das Umland muss verkehrstechnisch als Teil von Mainz begriffen werden“, fordert gar ein Mainzer. „Die Verkehrswende muss endlich angegangen werden, dafür braucht es einen attraktiven ÖPNV auch im ländlichen Raum“, fordert ein Ober-Olmer, und eine Klein-Winternheimerin stichelt: „Wenn man schon eine „Autofreie Stadt“ möchte, sollte man auch an Alternativen denken.“

Info& auf Mainz&: Mehr zum neuen Mainzer Fahrplan findet Ihr hier auf Mainz&, die massive Kritik Mainzer Gastronome an ausgedünnten Nachtfahrplan könnt Ihr hier nachlesen. Unseren Bericht über den bis heute unvollendeten Radweg zwischen Klein-Winternheim und Marienborn lest Ihr hier auf Mainz&. Die Petition „Besserer ÖPNV für Klein-Winternheim, Ober-Olm und Essenheim“ läuft noch einige Wochen weiter, eine  Internetseite mit ausführlichen Informationen zur der Petition findet Ihr hier, zur Petition selbst geht es hier entlang.

1 KOMMENTAR

  1. Paradox:
    Vom Lerchenberg oder Ebersheim nach Walluf/Rheingau für 2,30 Euro
    Oder bis Lorchhausen gerade mal 5 Euro
    Von Klein-Winternheim nach Marienborn 4,10 Euro
    Hat da die Autolobby die Finger drin? Mich wundert schon lange gar nichts mehr. Wie pervertiert die Welt ist, zeigt Fiat mit Radiowerbung für einen „Stadt-SUV“.

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