Das Open Ohr 2020 nimmt sich wieder einmal ein hoch aktuelles und hoch brisantes Thema vor: „KEINRAUMWOHNUNG“ lautet das Thema für das 46. Open Ohr an Pfingsten auf der Zitadelle in Mainz. Das politische Jugendkulturfestival widmet sich damit einem der brennendsten Themen unserer Zeit: Wohnraummangel, existenzielles Recht auf Wohnen, Kapitalvermehrung von Aktionären sowie soziale Verwerfungen, Gentrifizierung und Verdrängung, Mietpreisbremse und Mietdeckel – all diese Themen will das Festival in gewohnt kritischer und hintergründiger Weise beleuchten. Ein Wermutstropfen: Die Ticketpreise werden erstmals wieder teurer, und das deutlich. Man müsse die Kapazitäten des Festivals begrenzen, lautete eine Begründung, Gagen und Infrastruktur seien teurer geworden.

Kein Raum zum Wohnen - das ist das Thema des Open Ohr-Festivals 2020 in Mainz. - Foto: gik
Kein Raum zum Wohnen – das ist das Thema des Open Ohr-Festivals 2020 in Mainz. – Foto: gik

Vier Tage lang wird traditionell auf der Zitadelle in Mainz an Pfingsten gegroovt und gefeiert, aber eben auch diskutiert und nachgedacht: das Open Ohr ist das letzte politische Jugendkulturfestival seiner Art in Deutschland – und längst Kult geworden. Nach Parteienzukunft, moderner Sklaverei und Flüchtlingskrise geht es 2020 nun also um das Thema Wohnen – eigentlich überfällig. Gerade in Mainz ist das Thema längst zur Dauerkrise geworden, zeigen jüngste Studien wieder einmal auf: Mainz gehört inzwischen zu den zehn teuersten Städten der Republik, noch vor Düsseldorf und Köln. In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Mietpreise um mehr als 30 Prozent – Mieten in Mainz werden sogar für Normalverdiener inzwischen zunehmend unbezahlbar.

„Keinraumwohnung“ nennt die Freie Projektgruppe nun das Festivalthema 2020, und spielt damit gleich auf mehrere Dinge an: Das Thema spielt mit modernen Kinofilm-Titeln wie „Keinohrhasen“, vor allem aber greift „Kein Raum zum Wohnen“ das Kernthema des eklatanten Wohnraummangels in Mainz auf: Noch Mitte 2019 warnte die Wohnungswirtschaft, in Mainz gebe es viel zu wenig Wohnraum, vor allem im günstigen Sektor. Bei knapp 11,- Euro pro Quadratmeter liegen Mieten in Mainz inzwischen, das ist sogar mehr als in Wiesbaden – und eine Entspannung ist nicht in Sicht. Als Grund nennen Immobilienexperten gerade auch neue Luxuswohngebiete wie den Mainzer Zollhafen, der die Preise insgesamt hochtreibe, auch beim Neubaugebiet dem Heilig-Kreuz-Areal – eigentlich zur Entspannung des Wohnungsmarktes geplant – explodieren die Immobilienpreise schon wieder – im OB-Wahlkampf sorgte das für gehörige Kritik.

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Wohnen sei für alle Menschen existenziell, das zeige sich auch schon durch die Verankerung des Menschenrechts auf menschenwürdiges Wohnen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und im UN-Sozialpakt, heißt es von Seiten der Freien Projektgruppe zur Themenwahl des Jahres 2020. Doch der Wohnungsmarkt scheine zunehmend zur Kapitalvermehrung von Aktionären zu dienen, während sich immer mehr Menschen eine Wohnung nur noch am Stadtrand oder auf dem Land leisten könnten. „Wir möchten uns mit den Problemen auf dem Wohnungsmarkt auseinandersetzen“, sagte Theresa Bicknell von der Freien Projektgruppe. So solle es etwa um Diskriminierungen und Benachteiligungen bei der Wohnungssuche gehen oder um die Situation von Wohnungslosen, denen am Ende nur noch Gemeinschaftsunterkünfte blieben.

Gehobenes Wohnen im Mainzer Zollhafen - solche Projekte sind Preistreiber für ganz Mainz. - Foto: gik
Gehobenes Wohnen im Mainzer Zollhafen – solche Projekte sind Preistreiber für ganz Mainz. – Foto: gik

Natürlich wirft das Open Ohr auch wieder die Frage nach Lösungsmöglichkeiten auf, und das gewohnt kritisch: „Wie wirkungsvoll kann beispielsweise eine Mietpreisbremse sein, wenn sich die aktuellen Mieten kaum noch jemand leisten kann?“, fragt Konrad Herfurth von der Freien Projektgruppe. Auch gesundheitliche und infrastrukturelle Aspekte will das Festival beleuchten und etwa der Frage nachgehen, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll.

Das Thema soll in diversen Podien beleuchtet werden, dazu gibt es wie immer ein buntes inhaltliches Programm mit Theater, Musik, Kabarett, Film und Mitmach-Aktionen rund um das aktuelle Festivalthema. Zu dem dürfte auch ein Akteur besonders gut passen: Bei der Lesung des Ex-Obdachlosen Dominik Bloh im Dezember 2019 wurden auch Mitglieder der Freien Projektgruppe gesichtet – mehr zu Dominik und seiner Geschichte lest Ihr hier bei Mainz&.

Rappelvolle Bühnen beim Open Ohr 2019, hier bei Kabarettist Luc Jochimsen. - Foto: gik
Rappelvolle Bühnen beim Open Ohr 2019, hier bei Kabarettist Luc Jochimsen. – Foto: gik

Eine Sache wird sich in diesem Jahr allerdings ändern: Nach jahrelang konstanten Preisen werden die Tickets fürs Open Ohr in diesem Jahr teurer. Statt 36,20 Euro kostet eine Dauerkarte für alle vier Festivalkarte in diesem Jahr nun 47,20 Euro im Vorverkauf und 52,- Euro an der Tageskasse. Eine Dauerkarte mit Zeltplatz (4 Tage) kostet ab sofort 75,80 Euro im Vorverkauf oder 80,- Euro an der Tages- und Abendkasse – bisher waren das 56,- Euro im Vorverkauf. Die Tageskarten stiegen von 23,- Euro auf 30,- Euro, der Montag kostet künftig 15,- statt 11,- Euro.

Die Festivalmacher begründen das mit steigenden Kosten durch Künstlergagen und Infrastrukturausgaben: Mit den bisherigen Ticketpreisen könne „nicht mehr kostendeckend gearbeitet werden“, das Festival wolle auch künftig unkommerziell und unabhängig von großen Sponsoren bleiben. Deshalb hebe man die Ticketpreise und vor allem die Gebühren für den sehr kostenintensiven Zeltplatz an, dadurch werde der Fortbestand des Open Ohrs gesichert. Allerdings hatte es noch im vergangenen Jahr geheißen, das Festival trage sich selbst und schreibe sogar schwarze Zahlen.

Volle Hauptwiese, lange Schlangen an Ständen, Toiletten, Workshops - das Open Ohr stößt an seine Grenzen. - Foto: gik
Volle Hauptwiese, lange Schlangen an Ständen, Toiletten, Workshops – das Open Ohr stößt an seine Grenzen. – Foto: gik

Der Etat des Open Ohrs habe in den vergangenen Jahren aber schon um ein Drittel angehoben werden, argumentieren die Macher jetzt, gleichzeitig werde das Festival immer beliebter, was „zunehmend die Kapazitäten der Zitadelle sprengt.“ Das habe in den vergangenen Jahren wiederholt zu langen Warteschlangen, überfüllten Workshops und Bühnen geführt, eine Bühne habe 2019 sogar erstmals gesperrt werden müssen. „Da die entstandenen Probleme trotz infrastruktureller und programmplanerischer Änderungen nicht abflauten, musste die Projektgruppe einsehen, dass die Besucher-Kapazitäten stärker beschränkt werden müssen, um die inhaltliche Dichte und die Freiräume erhalten zu können, die das Open Ohr so auszeichnen“, teilte die Projektgruppe nun mit.

Damit das Festival aber möglichst vielen Menschen zugänglich bleibe, wolle man die Ermäßigungen ausweiten, und zwar jetzt auch auf Jugendliche von 13 bis 17 Jahren. So wolle man vor allem Jugendliche und Familien finanziell entlasten. Kinder bis einschließlich 12 Jahre haben weiter freien Eintritt, Ermäßigungen können zudem Personen mit ALG II- oder Jobcenter-Bescheid, mit Sozialausweis, einem Familienpass oder Mainz-Pass, einer Julei-Card oder der Ehrenamtskarte von Reinland-Pfalz in Anspruch nehmen, dazu auch Asylsuchende. Die ermäßigten Dauerkarten seien nun auch im Vorverkauf erhältlich.

Der Vorverkauf für das 46. Open Ohr Festival und den Zeltplatz beginnt am Mittwoch, den 22.01.2020. Dauerkarten können dann online oder über die bekannten Vorverkaufsstellen gekauft werden, Tageskarten gibt es weiter nur an der Tageskasse des Festivals.

Info& auf Mainz&: Das 46. Open Ohr-Festival findet vom 29. Mai bis 1. Juni 2020 auf der Zitadelle in Mainz statt, alle Informationen zum Festival sowie zu den Tickets findet Ihr hier im Internet. Achtung: Das Open Ohr hat Mitte Januar seine Facebook-Seite stillgelegt, der Grund: „der Wunsch nach einem selbstbestimmten Umgang mit den eigenen Daten.“

 

3 KOMMENTARE

  1. Paradox.
    Wir haben nicht zu wenige Wohnungen sondern zu viele Menschen und das treibt die Preise. Die Spekulanten und Profiteure haben den Nutzen. Wohnen gehörte einmal zur Daseinsvorsorge. Das konnte sich der Staat in schlechten Zeiten leisten, jetzt sind die Zeiten wohl noch schlechter geworden „in dem Land in den wir gut und gerne leben“, am liebsten sozialadäquat in „Küche mit Wohnklo“.

  2. Es gibt das bekannte Phänomen, dass der Neubau von Straßen Verkehr generiert, den es vorher nicht gab, noch nicht einmal im weiteren Umfeld. Mit Wohnungen scheint das ähnlich zu sein. Der massenhafte und überteuerte Neubau dient nicht den Mainzern sondern lockt zahlungsfähige Fremde an. Und das verdirbt dem Immobilien- und den Mietmarkt. Nach dem total verdichteten Ghetto Winterhafen und der grausamen Betonorgie am Zollhafen geht es in diesem Stil am Heiligkreuzweg weiter. Wie großzügig und funktional wurde in der Nachkriegszeit gebaut. Längst werden diese Bauten abgerissen und zu Hitzepolen verdichtet (neues Beethovenquartier). Unser enges Land quillt über mit Menschen. Wachsen bis zum Platzen kann keine Lösung sein.

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