Deutschland verabschiedet sich vom kompletten Shutdown in der Coronakrise, vom heutigen Montag an dürfen die ersten Läden wieder öffnen – und Rheinland-Pfalz geht dabei einen Sonderweg: Hier dürfen nicht nur kleine Läden mit bis zu 800 Quadratmetern wieder öffnen, sondern auch große Geschäfte, sofern sie ihre Verkaufsfläche auf dieselbe Größe von 800 Quadratmetern begrenzen. Hessen zog am Wochenende nach und erließ dieselbe Regel – das sorgte prompt für Kritik der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di: Das sei doch eine erweiterte Ladenöffnung „durch die Hintertür“ – denke da noch jemand an die Corona-Pandemie? Auch Virologen warnten: die Lockerung des Lockdowns könne zu einem Rückschritt bei der Bekämpfung der Pandemie sorgen. „Jede Lockerung ist epidemiologisch gesehen falsch“, sagte der Braunschweiger Systemimmunologie Michael Meyer-Hermann: Sie könne dazu führen, dass Deutschland viel länger mit den Einschränkungen würde leben müssen.

Läden öffnen wieder - Flächen bis zu 800 Quadratmeter erlaubt - Kritiker fürchten Rückschlag
Welche Läden genau ab Montag in der Mainzer Altstadt wieder öffnen, ist unklar – sie dürfen aber wieder. – Foto: gik

Vergangenen Mittwoch hatten sich Bund und Länder auf Lockerungen beim Shutdown geeinigt. Zwar gilt bis zum 3. Mai weiter eine Kontaktsperre, nach der sich mehr als zwei Personen außerhalb des Familienverbundes gleichzeitig nicht in der Öffentlichkeit bewegen dürfen, doch gleichzeitig einigte man sich auch darauf, dass Läden wieder öffnen dürfen. In einem ersten Schritt sollte das eigentlich nur für kleine Läden gelten, der Sinn dahinter: Die Politik will verhindern, dass die Menschen gleich wieder in Scharen zum Shoppen in Innenstädte und Shopping Center strömen. Der Bevölkerung wird des halb auch eindringlich empfohlen, Mund-Nasen-Masken zu tragen, bislang sind menschen mit solchen Masken zumindest in Mainz in der Öffentlichkeit noch immer deutlich in der Minderheit.

Deutschland habe zwar einen wichtigen Zwischenschritt mit der Eindämmung der Neuinfektionen reicht – der aber sei noch fragil, mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch vergangener Woche:  „Wir müssen die Erfolge sichern, die wir erreicht haben, es geht um äußerste Vorsicht, die wir walten lassen müssen“, betonte Merkel und warnte, ein „falsches Vorpreschen“ dürfe es nicht geben. Denn auch am Wochenende stieg die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland weiter an: Um 3.00 Uhr früh in der Nacht zum Montag zählte die Johns Hopkins Universität 145.742 Infektionen – das waren knapp 7.300 mehr als am Freitagabend. Die Zahl der Toten stieg von 4.193 am Freitagabend auf 4.642 am frühen Montagmorgen, damit waren übers Wochenende fast 450 Menschen in Deutschland an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben.

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Läden öffnen wieder - Flächen bis zu 800 Quadratmeter erlaubt - Kritiker fürchten Rückschlag
Nicht nur kleine Läden dürfen ab Montag wieder öffnen, sondern auch Kaufhäuser – mit verkleinerter Verkaufsfläche. – Foto: gik

Trotzdem lockerte das Land Rheinland-Pfalz am Freitag die Verordnung auch für größere Geschäfte: In ganz Rheinland-Pfalz dürfen ab heute nicht nur Geschäfte bis zu einer Größe von 800 Quadratmetern öffnen, sondern auch große Läden – sofern sie ihre Verkaufsfläche auf 800 Quadratmeter begrenzen. Welche Geschäfte nun tatsächlich am Montag wieder aufmachen, ist noch unklar: Viele Läden müssen sich erst einmal auf die neuen Hygiene- und Abstandsvorschriften einstellen und genug Platz für Abstand zwischen den Kunden ermöglichen.

Öffnen dürfen ab heute nun auch wieder Fahrradläden, Autohändler, Bibliotheken, Büchereien, Buchhandlungen und Archive,  Zoos, Tierparks und Botanische Gärten dürfen ihre Außenanlagen wieder öffnen, Eisdielen ihren Straßenverkauf. Friseure dürfen erst am dem 4. Mai wieder öffnen, in Mainz bleiben die städtischen Museen, Archive und Bibliotheken sowie das Peter-Cornelius-Konservatorium und die Volkshochschule Mainz ebenfalls bis einschließlich 3. Mai 2020 geschlossen. Die Spielplätze bleiben ebenfalls zu, das Land Rheinland-Pfalz erlaubt aber wieder Sportarten wie Rudern, Segeln, Tennis, Luftsport, Leichtathletik, Golf, oder Reiten – alles, wo nur maximal zwei Personen gleichzeitig aktiv sind.

Hessen hatte zunächst nur kleineren Geschäften unter 800 Quadratmetern eine Wiederöffnung am Montag erlauben wollen, änderte am Samstag aber seine Regel: Angesichts der Tatsache, dass die Nachbarländer auch größeren Geschäften die Öffnung mit der beschränkten Verkaufsfläche erlaubten, habe man sich nun auch zu diesem Weg entschieden, teilten Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir und Gesundheitsminister Kai Klose (beide Grüne) mit. Es müsse aber sichergestellt werden, dass sich in jedem Geschäft pro angefangene 20 Quadratmeter nur ein Kunde aufhalte, damit der Mindestabstand von 1,50 Metern zwischen Personen eingehalten werden könne. Auch dürfe im Umkreis von 50 Metern um Eisdielen kein Eis verzehrt werden.

Läden öffnen wieder - Flächen bis zu 800 Quadratmeter erlaubt - Kritiker fürchten Rückschlag
Wirtschaftsvertreter begrüßten die Möglichkeit zur Öffnung auch für große Läden, Kritiker befürchten einen Run auf die Geschäfte.- Foto: gik

Vertreter der Wirtschaft begrüßten die Lockerungen promt als „ermutigendes“ und „konsequentes“ Zeichen. Die Stadt Wiesbaden kündigte am Wochenende an, die Stadtpolizei werde die Einhaltung der Regeln am Montag genau kontrollieren, auch das Mainzer Ordnungsamt kündigte Kontrollen an. Al-Wazir und Klose mahnten derweil: „Die Lockerung der Einschränkungen heißt nicht, dass die Bedrohung durch das Virus vorbei ist – im Gegenteil: Wenn wir jetzt leichtsinnig werden, gefährden wir unsere gemeinsamen Erfolge bei der Bekämpfung der Pandemie, die nur durch die Kontaktverbote und drastischen Maßnahmen erreicht werden konnten.“

Bei jeder Lockerung müsse „mit äußerster Vorsicht und Augenmaß“ vorgegangen werden, das Virus sei weiter da und könne eine zweite Ansteckungswelle auslösen, die zu einer wieder steigenden Zahl schwerer Erkrankungen und Todesfällen führe. „Um die Ausbreitung des Virus weiter zu bremsen, müssen wir Menschenansammlungen mit ihrer großen Ansteckungsgefahr unbedingt vermeiden“, betonten die Politiker. Doch die Gefahr ist groß, dass viele Menschen die Wiedereröffnung der Läden als Zeichen sehen, die Pandemie sei vorbei, das Schlimmste überstanden – nun könne man ja zum Normalzustand zurückkehren.

„Wer denkt denn dabei noch an die Corona-Pandemie“, schimpfte etwa der hessische Ver.di-Vertreter Bernhard Schiederig, die Wiederöffnung der Läden richte sich offenbar rein nach den wirtschaftlichen Zielen der Unternehmen – die Gesundheit spiele offenbar keine Rolle mehr. Auch Virologen sehen die Lockerungen durchaus mit Argwohn: „Wir sind auf einer Gratwanderung“, es gelte jetzt unbedingt durchzuhalten, sagte der Leiter der Abteilung Systemimmunologie der Helmholtz-Zentrums in Braunschweig, Professor Michael Meyer-Hermann, und betonte: „Epidemiologisch gesehen ist jede Lockerung falsch, auch diese Lockerung.“

Läden öffnen wieder - Flächen bis zu 800 Quadratmeter erlaubt - Kritiker fürchten Rückschlag
Aktueller Stand der Infektionen und Toten durch das Coronavirus am frühen 20. April 2020. – Grafik: JHU, Screenshot: gik

Jede Lockerung werde ein Ansteigen der Reproduktionszahl bedeuten, also umgangssprachlich der Ansteckungsrate, vergangene Woche gab die das Robert-Koch-Institut mit zwischen 0,7 und 0,8 an – also ein Mensch steckt jetzt weniger als einen anderen Menschen an. Das würde bedeuten, dass die Zahl der Neuinfektionen abnimmt – am Wochenende kehrte sich dieser Trend aber nach den Zahlen der Johns Hopkins Universität aber wieder um.

„Ich appelliere, dass man sehr genau aufpasst und hinschaut“, mahnte Meyer-Hermann in einem Interview mit dem Heute Journal, und äußerte sich sehr skeptisch zu den Lockerungen: Die Regierung scheine versuchen zu wollen, eine Koexistenz mit dem Virus herzustellen, um der Wirtschaft Lockerungen zu ermöglichen – wofür er Verständnis habe. Der Haken dabei: „Diese Philosophie wird uns wohl lange bremsen, wir werden lange Zeit mit einer Handbremse weiter fahren“, warnte Meyer-Hermann: „Ich hätte es bevorzugt, wenn wir versucht hätten, eine totale Bremse zu ziehen, damit wir in einer absehbaren Zeit zu einer großen Normalität zurückkehren können.“ Das werde wahrscheinlich mit der neuen Strategie nicht möglich sein – sondern sehr lange dauern.

Info& auf Mainz&: Das ganze Interview mit Meyer-Hermann im Heute Journal könnt Ihr hier ansehen. Mehr zu der Einigung zwischen Bund und Ländern zu den Lockerungen und ihren Begründungen lest Ihr hier bei Mainz&. Alle Informationen, Meldungen und Hintergründe zur Coronavirus Epidemie findet Ihr weiter auf unserer Sonderseite „Alles zum Coronavirus“ genau hier bei Mainz&.

1 KOMMENTAR

  1. Es muss gar nicht zu einem Aufflackern kommen, wenn es denn eine Maskenpflicht gäbe. Eine flächendeckende Anordnung unterbleibt nur, weil es nicht ausreichend Masken gibt. Wir haben ja alles zu unseren Arbeissklaven in Billlgländer ausgelagert und sind von deren Lieferungen abhängig. Beliefert wird, wer am meisten zahlt. Die Globalisierung rächt sich. Geschieht uns recht.

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