Die Geschichte rund um die Lesselallee wird ja immer skurriler. Mittlerweile löst sich ja ein Argument nach dem anderen für die Fällung der 74 Kastanien in Luft auf. Die Astbruchgefahr wurde quasi vom Winde verweht, als der Megasturm nicht ein Ästchen in der Lesselallee von den Bäumen holte. Nun hat sich Mainz& mal die Frage gestellt: Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass die Kastanien, falls sie denn fallen, auch ersetzt werden? Die Antwort lautet: gering. Die Ulmen bräuchten zum Gedeihen nämlich einen Deich…

So sieht eine Flatterulme aus - wenn sie gesund ist - Foto: Stadt Wiesbaden
So sieht eine Flatterulme aus – wenn sie gesund ist – Foto: Stadt Wiesbaden

Bislang wird von SPD und CDU in Wiesbaden ja immer kräftig damit argumentiert, dass man jetzt handeln müsse, wolle man eine neue Allee haben. „Ich will, dass da eine funktionale Allee für die nächsten Generationen steht“, sagte Gerd-Josef Weckbacher (FWG), stellvertretender Ortsvorsteher, jüngst im Ortsbeirat Kostheim. Wenn er dann gesagt bekomme, in zehn Jahren werde für die Allee kein Geld da sein, wolle er die Allee lieber jetzt „umbauen“.

Abgesehen davon, dass es schon merkwürdig ist, wenn ein Dezernent jetzt schon weiß, wofür er in zehn Jahren Geld haben wird oder nicht, stellt sich doch die Frage: Sind die geplanten Flatterulmen überhaupt  für den Standort geeignet?

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„Die Risiken einer Neuanpflanzung sind hoch, niemand weiß, wie die Flatterulme mit dem Phytophthora-Pilz klarkommt“, sagte Marion Mück-Raab, parteilose Vertreterin der AUF im Ortsbeirat, in derselber Sitzung. Und sie verwies auf das Ulmensterben, das dazu geführt habe, dass es in Kostheim keine einzige Ulme mehr gibt.

Ulme durch einen Ulmensplintkäfer vom Aussterben bedroht

Die Ulme hat nämlich selbst mit einem für sie hochgefährlichen Schädling zu kämpfen : Vor etwa einhundert Jahren sei ein für die Ulmen tödlicher Pilz eingeschleppt worden, übertragen werde der von dem Ulmensplintkäfer, heißt es auf Waldwissen.net, einer Internetseite forstwirtschaftlicher Forschungsinstitute. Weil sich der Käfer massiv verbreite, komme es bei den Ulmen in Wald und Flur zu einer „wahren Tragödie“, die Ulme drohe auszusterben. Das Problem bestehe inzwischen Europaweit, eine Lösung sei nicht in Sicht.

Karte Lesselallee Kostheim. Der Standort der Lesselallee auf der Maaraue bei Mainz-Kostheim liegt direkt am Wasser - im Überschwemmungsgebiet
Der Standort der Lesselallee auf der Maaraue bei Mainz-Kostheim liegt direkt am Wasser – im Überschwemmungsgebiet

„Alle einheimischen Ulmenarten (Berg-, Feld- und Flatterulme) sind von der Ulmenwelke betroffen“, heißt es in einem Merkblatt zur Ulmenwelke der Forschungsanstalt WSL, das ist die Schweizer Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Die Ulme, heißt es auch in Nordrhein-Westfalen, „ist vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben.“

Und auf Waldwissen.net wird mit Blick auf Neuanpflanzungen von Ulmen explizit gewarnt: „Auch Neuanpflanzungen zum Generhalt werden allzu oft doch vom umher streichenden Ulmensplintkäfer entdeckt, die tödliche Sporenfracht im Gepäck.“

Dengler: Jungbäume bräuchten einen Deich

Die Ulme ist also beileibe kein unproblematischer Baum, und das hat im Übrigen auch der städtische Gutachter Roland Dengler in einem Gutachten von 2008 so gesehen. Der hatte nämlich in seinem Gutachten „Lessel-Allee in Kostheim, Untersuchung von 24 Rosskastanien“ auch Vorschläge für eine Neuanpflanzung unterbreitet. Und was Dengler da auf Seite 172 schreibt, lässt einem wirklich den Mund offen stehen:

„Auch im Falle des Ersatzes der Kastanien durch Jungbäume müsste für deren künftige Entwicklung durch bauliche Veränderungen des Flussufers dafür Sorge getragen werden, dass in Zukunft die Standfläche der Bäume nicht mehr überschwemmt wird. Dies bedeutet, dass der Uferbereich durch eine entsprechende Staumauer einzufassen wäre oder dass ein geeigneter Deich entlang der jetzigen Uferzone errichtet wird. Hierzu wäre es erforderlich, die entlang des Ufers stockenden Weiden ersatzlos zu entfernen.“

Im Klartext sagt Dengler damit Folgendes: Damit überhaupt Jungbäume an der Stelle der Lesselallee gedeihen können muss man einen Deich entlang des Ufers bauen, der künftige Überschwemmungen verhindert. Und zweitens muss man den kompletten Uferbewuchs samt Weiden entfernen. Also braucht es weiteren Kahlschlag und vor allem einen sehr teuren Dammbau für eine künftige Allee.

Weiden am Ufer müssten auch weg

Baumreihen Lesselallee - Foto privat
Die Kastanienallee gedieh mehr als 100 Jahre lang – Foto: privat

Mehr noch: Dengler führt im weiteren Verlauf des Kapitels eine ganze Reihe möglicher Neuanpflanzungen auf – die Ulme ist nicht darunter. Ohne Deich und mit Überschwemmung, sagt Dengler kämen an dem Standort der Kastanienallee nur (!) Weide und Pappel infrage.

Zudem empfiehlt Dengler eindringlich, eine Neuanpflanzung müsse unbedingt drei Jahre lang vorbereitet werden, in dieser Zeit die Bäume in einer Baumschule unter Beobachtung wachsen zu lassen, und schließlich die neue Allee unbedingt pflegerisch zu begleiten. Billiger dürfte eine neue Allee an dieser Stelle offenbar nicht werden.

Bohrer: Flatterulmenallee würde scheitern

Der Kasteler Linke Hartmut Bohrer glaubt deshalb nicht an eine neue Allee an derselben Stelle auf der Maaraue: „Das Projekt Flatterulmen an derselben Stelle wird scheitern“, sagte Bohrer Mainz&. Offenbar sollten jetzt erst einmal die alten Bäume weg, dann werde man weiter sehen. „Irgendwelche Leute haben eine Rechnung aufgemacht, dass es sich rechnet, wenn das alles wegkommt“, sagte Bohrer weiter.

Ein Deich aber „würde die Weichaue völlig verändert“, sagt Bohrer mit  Blick auf die Ufer am Main. Lege man aber die Maaraue trocken, sei das der erste Schritt in Richtung Bebauung. „Die Maaraue“, sagt Bohrer“ ist ins Blickfeld geraten als ein potentielles Investitionsfeld für Immobilienspekulanten.“ Denen sei das Freibad auf der Maaraue im Weg, und eben auch die Lesselallee. Das Fällen der Kastanienallee gehöre zu „den Vorarbeiten für eine Entwicklung der Maaraue in Richtung Wohnbebauung.“

Info& auf Mainz&: Das Gutachten von Roland Dengler aus dem Jahr 2008 findet Ihr auf den Seiten der Stadt Wiesbaden, genau gesagt: hier. Einfach das unterste der vier Gutachten anklicken, auf Seite 172 findet Ihr dann das Kapitel zur Neuanpflanzung.

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