Überall in Mainz-Kostheim tauchen gerade so komische gelbe Bänder auf, die um Baumstämme geknotet sind. Im Ortskern von Kostheim, am Aldi-Parkplatz oder auf dem Schulhof der Carlo-Mierendorff-Schule, überall gelbe Bänder. Nanu? Mancher fragte sich schon, ob diese Bäume nun auch gefällt werden, aber nein, das Gegenteil ist der Fall: Die gelben Bänder sind ein Zeichen der Verbundenheit mit den vom Fällen bedrohten Kastanien der Lesselallee.

Lesselallee: Gelbes Band für Erhalt der Kastanien
Tie a Yellow Ribbon round the Old Tree.. Unterstützer-Aktion für den Erhalt der Lesselallee – Foto: Mück-Raab

„Wir nehmen das gelbe Band als ein Zeichen für Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft der Lesselallee“, sagt Marion Mück-Raab, die für die AUF im Ortsbeirat Mainz-Kostheim sitzt. Kommenden Dienstag könnte nämlich in Wiesbaden über die Zukunft der 70 Kastanien auf der Maaraue bei Mainz entschieden werden: Dann will der Umweltausschuss über die Zukunft der Allee beraten.

Eigentlich hatte der Ausschuss ja für die Sitzung beide Gutachter eingeladen, die sich mit der Kastanienallee befasst haben: den Gutachter der Stadt Wiesbaden, Roland Dengler, der die Allee bereits mehrfach seit 2008 untersucht hat. Und den Göttinger Baumprofessor Ulrich Weihs, der im Auftrag der Grünen eine (kürzere) gutachterliche Expertise abgegeben hatte. Beide sollten dem Ausschuss ihre Gutachten vorstellen – doch daraus wird zumindest zur Hälfte nichts.

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Gutachter der Stadt Wiesbaden kommt nicht

Gutachter Dengler nämlich kommt nicht, er hat seine Teilnahme abgesagt. „Wir haben ihn vor Wochen formell eingeladen, bis jetzt hat der Ausschuss darauf keine Antwort“, sagte der Vorsitzende des Umweltausschusses, Ronny Maritzen (Grüne) Mainz&. „Ich finde das merkwürdig“, betonte Maritzen, schließlich habe Dengler seit 2008 eine ganze Anzahl von Gutachten zur Lesselallee erstellt.

Lesselallee: Gelbes Band für Erhalt der Kastanien
Baum auf Schulhof mit gelbem Band – Foto: privat

Denglers Fernbleiben „öffnet allen möglichen Mutmaßungen Tür und Tor“, sagte Maritzen weiter: „Ein Zeichen von Geradlinigkeit und Mut ist das jedenfalls nicht.“ Schließlich bestehe das ganze Leben aus dem Setzen von Prioritäten, der Besuch im Umweltausschuss sei „offensichtlich keine Priorität gewesen“, kritisierte Maritzen.

Mainz& hat übrigens versucht, Dengler zu erreichen, weil wir lieber mit jemandem statt über jemanden reden. Noch hat’s aber nicht geklappt, wir sagen Euch natürlich sofort Bescheid, wenn wir was erfahren haben.

Baumprofessor Weihs und sein Gutachten im Ausschuss

Damit hat der als „Baumprofessor“ hoch angesehene Weihs im Ausschuss nun freie Bahn: Er steht für Fragen zur Verfügung, und wird der Stadtverwaltung direkt erklären, wie er zu der Einschätzung kommt,  dass die Bäume der Lesselallee zwar alt, aber vital und lebensfähig sind. Denglers Gutachten sollen nun von Mitarbeitern des Grünamtes präsentiert werden, ein schwacher Ersatz für den Gutachter …

Die Stadtverwaltung hält jedenfalls bisher weiter daran fest, dass die von einem Wurzelpilz befallenen Bäume nicht mehr lebensfähig sind, die Kastanien gefällt und durch neue Bäume – Flatterulmen – ersetzt werden müssen. „Die Ergebnisse der letzten Untersuchungen haben gezeigt, dass die Lesselallee im Absterben begriffen ist“, schrieb im April Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) in einem Brief an eine Bürgerin, der Brief liegt Mainz& vor. In dem Brief ist ferner von „erheblichem Risiko“ durch Astbruchgefahr die Rede – und vom Fällen der 100 Jahre alten Kastanienallee.

Empörte Reaktionen aus ganz Deutschland zur Lesselallee

Dagegen aber formiert sich immer größerer Widerstand: Eine Allianz aus Kostheimer Bürgern startete vergangene Woche einen Appell für den Erhalt der Kastanienallee und sammelt seitdem Unterschriften. „Alte Leute laufen zu meinem Haus und geben die Zettel persönlich ab, die Bereitschaft, aktiv zu werden, ist extrem groß“, sagte Mit-Initiatorin Mück-Raab Mainz&: „Wir kriegen inzwischen Reaktionen aus ganz Deutschland.“

Lesselallee: Gelbes Band für Erhalt der Kastanien
Bonsai mit gelbem Band – Foto: privat

Längst interessiere das Thema Lesselallee nicht mehr nur Kostheimer, auch aus Frankfurt, Rüsselsheim oder dem Taunus kämen entsetzte Reaktionen. „Radfahrer, die seit fünf Jahren auf der Maaraue Urlaub machen, waren total empört“, sagt Mück-Raab, auch ehemalige Kostheimer meldeten sich, entsetzt. Sogar aus Taunusstein kämen Menschen regelmäßig zum Spazierengehen, das Einzugsgebiet der Maaraue sei offenbar viel größer als gedacht.

Jetzt kommen noch die gelben Sympathie-Bänder an den Bäumen dazu. 60 Stück habe sie bisher gesehen, sagt Mück-Raab, täglich kämen neue hinzu, schickten Leute Fotos von Bäumen mit gelben Bändern. Einer habe sogar den Bonsai auf seinem Schreibtisch mit einem gelben Band verziert.

Gelbes Band um Bäume: ein alter Brauch

Bäume mit gelben Bändern zu schmücken, sei übrigens ein alter Brauch aus dem amerikanischen Raum: Wenn die Soldaten in den Krieg zogen, banden Frauen ein gelbes Band um einen Baum, damit der Geliebte sicher zurückkehre.

Sogar ein amerikanisches Lied erinnert daran: „Tie a yellow ribbon ‚round the old oak tree…“ Kennt Ihr bestimmt, sonst einfach hier anhören. Hat jemand am 22. Juni auf der Facebook-Seite für den Erhalt der Lesselallee gepostet. Und mal sehen, ob nicht auch in Mainz schon Bäume mit gelben Bändern aufgetaucht sind 😉

Bringt Baumprofessor die Verwaltung ins Grübeln?

Sind damit die Kastanien schon gerettet? Keineswegs, politisch gibt es immer noch eine Mehrheit für die Fällung. Maritzen versuchte jedenfalls im Gespräch mit Mainz&, Zuversicht zu verströmen: „Wenn sich der mit den Bedenken nicht zeigt, kommen nicht nur Sie und ich ins Grübeln“, sagte er. Er spüre, dass „die Kompetenz und Wucht von Herrn Weihs einige ins Überlegen bringen.“ Bleibt abzuwarten, ob sich das auch in der politischen Entscheidung spiegelt.

Maritzen sagte jedenfalls, für ihn wäre es „eine logische Konsequenz“, wenn die Verwaltung nun Weihs mit einem weiteren Gutachten beauftragen würde. Das aber kostet wieder Geld… Die Zitterpartie um die Kastanienallee geht also weiter.

Info& auf Mainz&: Der Umweltausschuss der Stadt Wiesbaden tagt am Dienstag, den 1. Juli, um 17.00 Uhr im Wiesbadener Rathaus. Mainz& ist dann natürlich dabei. Wer den Kostheimer Appell zum Erhalt der Allee unterstützen will, kann eine Liste per Email unter mueck-raab@gmx.de anfordern. Unterstützer-Unterschriften müssen bis spätestens 1. Juli, 12.00 Uhr, an die Unterstützer geschickt worden sein.

Und wenn Ihr ein gelbes Band an einem Baum, findet: macht ein Foto und schickt es uns! Oder Ihr postet es direkt auf die Facebook-Seite zur Lesselallee. Was Mainz& am 6. Juni über den Gutachter-Streit berichtet hat, lest Ihr hier.

1 KOMMENTAR

  1. Gelbe Bänder …
    Eine wunderbare Form des Bürgerprotestes.
    Gewaltfrei aber unübersehbar.

    Wir sind nicht machtlos !
    Eine neue Zeit könnte allmählich anbrechen:
    Die repräsentative Demokratie – es gibt kein besseres System auf der Welt – wird gestärkt,
    wenn das Volk die Regierenden ständig wirksam ermahnt, SEINE Interessen zu vertreten.
    Das gilt im Kleinen. wei im Großen.

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