Am Mittwochabend tagte ja der Städteausschuss zwischen Mainz und Wiesbaden, und es war eine gespenstische Veranstaltung, die da im Mainzer Rathaus stattfand. Es wurde gelacht und gescherzt, es wurde Zwischenbilanz dieser neuen Form der Zusammenarbeit gezogen – und es wurde über die Lesselallee gesprochen. Die aber war da schon Geschichte, zu stören schien das hier fast niemanden. Stattdessen wurden Pläne für die neue Allee gemacht – und an den Mainzer OB Michael Ebling (SPD) eine Einladung ausgesprochen, einen Baum zu pflanzen.

Leere in der Lesselallee hinterm Zaun - Foto: gik
Kahlschlag in der Lesselallee, kein Wort des Bedauerns vom OB – Foto: gik

Da war „vom raschen Niedergang der Allee“ die Rede, vom aggressiven Bodenpilz Phytophthora, von mangelhafter Belaubung, drohendem Grünastbruch – und einer verantwortungsbewussten Verwaltung, die statt „langem Siechtum“ lieber eine erneuerte Allee dort haben will. Alle Zitate sind übrigens O-Töne des am Mittwochabend Gesagten, nur damit Ihr nicht denkt, wir würden uns das hier ausdenken… wörtliche Mitschriften sind etwas Feines 😉

Nachpflanzungen in der Allee ausprobiert? Echt?

„Es fand eine breite öffentliche Debatte“ statt, sagte Franz, und vergaß dabei leider zu erwähnen, dass die Debatte zwar öffentlich geführt wurde, er und seine Mitarbeiter sich aber jeglichen Erkenntnisprozesses verweigerten – und am Ende genau das durchzogen, was sie schon vorher beschlossen hatten. Das mit den Nachpflanzungen in Alleenlücken, „wir haben das ausprobiert“, sagte der Dezernent in bedauerndem Ton: „Wir haben uns damit abfinden müssen, dass die Kastanie nicht der geeignete Baum für diesen Standort ist.“

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Ach so? Wann sind denn bitte Nachpflanzungen in der Allee durchgeführt worden? Mit welcher Baumart denn, und wer hat das untersucht? Wieder einmal packte Dezernent Franz urplötzlich eine Behauptung in der Öffentlichkeit aus, die in dem kompletten Verfahren vorher nie eine Rolle gespielt hat. Auf Nachfrage von Mainz& will dann niemand davon etwas gewusst haben.

Bauzaun: 140 Fälle von Vandalismus?

Das war's. Selbst der Zaun gibt jetzt auf - Foto: gik
Ein solches Foto wurde uns vom Grünamt als Beleg für Vandalismus am Zaun gezeigt – Foto: gik

So auch bei Neu-Behauptung Nummer zwei: Die 600 Meter Bauzaun seien „regelmäßig von Vandalen beschädigt“ worden, „wir haben 140 Mal den Bauzaun flicken müssen“, klagte der Grünamts-Mitarbeiter, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Mainz& fragte prompt nach der Sitzung nach, das sei ja eine stattliche Liste, und ob wir die mal sehen könnten?

„Ach, Frau Kirschstein“, sagte daraufhin Grünamtsleiterin Margit See, „wir haben jeden Morgen den Zaun kontrollieren und reparieren müssen, seit dem 27. März!“ Eine Liste? Offenbar nicht vorhanden. Die Schäden? Gezeigt wurde uns ein Bild von einem geöffneten, aber ansonsten völlig heilen Bauzaun. Vandalismus? Belege haben wir dafür nicht gesehen, wohl aber von der Polizei vor einigen Wochen gehört, nein, Vandalismus habe es am Zaun keinen gegeben.

Neues Gerichtsverfahren – erwähnt Franz einfach nicht

Bis heute nehmen es die Wiesbadener Verantwortlichen mit der Wahrheit nur sehr wenig genau. Und Dezernent Franz verbreitete vor dem Ausschuss erneut die Mär, es habe zum Zeitpunkt der Fällung kein anhängiges Gerichtsverfahren mehr gegeben. Am Montag habe der Hessische Verwaltungsgerichtshof „das Verfahren eingestellt“, erklärte Franz, und fügte völlig tugendhaft hinzu: Es werde „ja immer erwartet, dass der Staat von Vollzugsverfahren absieht, solange noch ein Verfahren in der Schwebe ist.“

Leere Alleenzufahrt mit Holzlaster fern
Zufahrt zur Lesselallee, im Hintergund ein Holzlaster – Foto: gik

Dass es am Montagnachmittag um 16.52 Uhr einen neuen Einspruch gegen die Fällgenehmigung beim Wiesbadener Verwaltungsgericht gab – das sagte Franz nicht. Wieder einmal nicht. Von Seiten der Verwaltung wird behauptet, dieser Widerspruch sei erst am Dienstagmorgen gefunden und gelesen worden.

Um 16.52 Uhr wird im Umweltamt keine Post mehr gelesen

Das finden wir interessant: In einem städtischen Amt liest um 16.52 Uhr niemand mehr die eingehenden Schreiben? Ist da niemand mehr? Und wenn etwas wirklich Dringendes geschieht, ein Brand zu Beispiel? Muss der dann auch bis zum nächsten Morgen warten? Mit Verlaub: das ist doch absurd! Tatsache ist: Hier wird nach Strich und Faden die Wirklichkeit zurechtgebogen, wie es einem gerade gefällt.

Der guten Stimmung im Städteausschuss tat das keinerlei Abbruch. Beim Verlassen des Raumes fragten wir OB Ebling aber dann doch einmal, ob er denn von der Fällung informiert gewesen sei? „Nein, wieso, das muss ich doch nicht“, sagte Ebling. Aber die Allee sei doch schließlich einst ein Geschenk der Mainzer an die Kostheimer gewesen, zur Eingemeindung 1913? „So ist das eben manchmal mit Geschenken“, kam die Antwort.

Und dann fragte Grünamtsleiterin Margit See den Mainzer OB: „Wollen Sie nicht in der neuen Allee einen der Bäume pflanzen?“ Antwort Ebling: „Warum nicht?“

5 KOMMENTARE

  1. Mal gespannt, was für eine Antwort ich vom Ortsbeirat Kostheim bekomme über meine schriftliche Anfrage am Mittwoch! Wie hoch die Kosten für den Bürger bis heute seinen für die Fällaktion! ( Bauzaunmiete, Polizeieinsatz, jetzt noch Reparaturen vom Zaun plus tägliche Fahrten des Grünflächenamtes,usw.)

  2. Im Gespräch mit einem von mir an sich sehr geschätzten Bekannten aus Kastell
    mußte ich erfahren, daß er die Maßnahmen der Stadt Wiesbaden für OK hält:
    Die Bäume seien eben krank und es sei Gefahr in Verzug gewesen;
    alles andere sei „Politik“.

    Mich würde einmal interessieren wie groß der Anteil der Wiesbedener Bevölkerung ist,
    die so denkt und die handelnde Personen der Stadtverwaltung so einschätzt,
    als könnten die kein Wässerchen trüben.

    Könnte gik das recherchieren ?

    Meine Prognose; 70 %

  3. Ich bin normale Durchschnittsbürgerin. Das Thema „Kastanienfällung in der Lesselallee“ habe ich gerade entdeckt und aufmerksam gelesen. Aufgefallen ist mir, das überwiegend Vorwüfe bzgl. der Verhaltensweisen einiger Politiker gemacht wurden, was ich durchaus richtig und wichtig finde.

    Was mich aber weitaus mehr beschäftigt ist die Frage nach dem Grund der „Mal-eben-schnell-Kastanien-fällen-Aktion“. WARUM behauptet Herr Franz, dass angeblich alle Bäume krank seien? WARUM wurde diese Fäll-Aktion r ü c k s i c h t s l o s durchgezogen?

    Auf googlemaps sah ich direkt neben der Lesselallee einen Fußballplatz (oder Sportplatz?). Soll die Lesselallee umgebaut werden und Parkplätze entstehen? Soll der Sportplatz umgestaltet werden? Ist ein Bauvorhaben geplant, das den Bürgern nicht gefallen könnte und Herr Franz dann schon mal mit einer – aus seiner Sicht – evtl. kleineren Veränderung beginnt, indem er einfach Fakten schafft, evtl. als Voraussetzung für einen nächsten – vielleicht noch härteren – Schritt?

    Nur einige Kastanienbäume seien krank, las ich. Warum wurden a l l e anderen Bäume ebenfalls gefällt? Und nirgends las ich von einer zukünftigen Gestaltung der Lesselallee. Auf mich wirkt das Ganze so als ob möglicherweise die gesamte Lesselallee aufgegeben wird und – vielleicht zusammen mit der Sportplatzfläche – eine großes Gelände neu bebaut werden soll.

    Wem gehört die Maaraue? Wem gehört die Fläche der Lesselallee? Und wer hat ein Mitspracherecht bei Neubebauungen? In der Mainzer Stadt gibt es Bebauungspläne für festumgrenze Baugebiete. Wenn die Stadt dort was umbauen will, werden die Bürger befragt. (ob deren Einwände Gehör finden, steht auf einem anderen Blatt). Aber wie sähe das bei einer Bebauung/Umgestaltung auf der Maaraue aus? Wer muss wen informieren und wann?

    Welche Pläne liegen schon jetzt in den Schubladen der Stadt?
    Gibt es ein Recht auf rechtzeitige Information der Bürger?

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