Deutschland lässt mit großen Schritten den Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie hinter sich, doch Virologen sehen das mit Argwohn: Praktisch alle Experten warnen vor einer zweiten Infektionswelle, die erheblich schlimmer ausfallen könnte. „Wir bewegen uns auf dünnem Eis, man kann auch sagen: auf dünnstem Eis“, warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 25. April. Deutschland riskiere mit den Lockerungen seinen weltweit bewunderten Erfolg in der Coronapandemie, warnt auch der Virologe und SPD-Politiker Karl Lauterbach. Bislang nämlich kam Deutschland so gut durch die Pandemie wie kaum ein anderes Land – geschafft haben wir das mit Disziplin, Vorbereitung, Wissenschaft, und einer großen Portion Glück. Das Problem: Mit den erheblichen Lockerungen riskiert Deutschland nun genau diesen Erfolg.

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Fallzahlen Coronavirus am 7. Mai nach Angaben der Johns Hopkins Universität. – Screenshot: gik

7.392 Tote zählte Deutschland am 7. Mai in den späten Abendstunden in Folge der Corona-Pandemie bei 169.430 Infizierten, – Tote, bei denen zuvor eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt wurde, und die in Folge der Infektion starben. Deutschland steht damit im Vergleich mit seinen unmittelbaren Nachbarländern gut da: Nachbar Frankreich zählt aktuell 174.918 Infizierte – aber 25.990 Tote, Italien kommt inzwischen auf fast 30.000 Todesfälle, Spanien auf 26.070. In Deutschland aber halten sich die Todesfälle vergleichsweise in Grenzen, Deutschland gilt inzwischen in der westlichen Welt als Vorbild in der Bekämpfung der Coronapandemie – wie hat das Land das geschafft?

Faktor 1: Starkbier, eine Karnevalssitzung und unglaubliches Glück

„Wir hatten unglaubliches Glück“, sagte der Virologe Karl Lauterbach am 24. April in der ZDF-Talkshow „Lanz“ trocken, und konstatierte: Deutschland habe vor allem ein Infektionsgeschehen in einzelnen Hotspots gehabt. Eine Karte des Robert-Koch-Instituts zeigt das eindrucksvoll (siehe unten): In manchen Regionen blieb die Zahl der Infektionen verschwindend gering, allen voran Mecklenburg-Vorpommern. Damit blieb aber genau das aus, was Experten zuvor befürchtet hatten: „Der Flächenbrand hat nicht stattgefunden“, sagte Lauterbach – der SPD-Politiker und Virologe hatte damit gleich drei wichtige Faktoren genannt, warum die Coronapandemie in Deutschland so vergleichsweise glimpflich verlief: Glück, regional begrenzte Infektionsregionen und kein breites Infektionsgeschehen.

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Es war schieres Glück, dass es an Rosenmontag in Mainz keine Infektionswelle mit dem Coronavirus gab. – Foto: gik

„Die bislang vergleichsweise günstige Entwicklung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland großes Glück hatte“, schreibt auch der Virologe Alexander Kekulé gerade in einem Gastbeitrag der Zeit: „Statt in Norditalien hätte die Pandemie auch zuerst auf einer Frankfurter Messe, dem rheinischen Karneval oder dem Münchner Oktoberfest zuschlagen können.“ Tatsächlich war der erste größere Infektionsherd mit dem Coronavirus in Deutschland zwar tatsächlich eine Karnevalssitzung im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg, doch die Sitzung war vergleichsweise klein: Eine einzige Sitzung mit rund 300 Besuchern führte zu einem massiven Ausbruch rund um Heinsberg, der wahrscheinlich auch mit die Ursache war, warum Nordrhein-Westfalen eines der am schwersten betroffenen Bundesländer ist,

Ein anderes stark betroffenes Land ist Bayern, der Grund dort: Im Südosten des Landes wurden noch im März fröhlich Starkbierfeste gefeiert, Resultat war eine massive Infektionswelle, die bis heute anhält. Gemeinsam ist all diesen Event seine gewisse regionale Beschränktheit – hätte ein solcher Infektionsherd an  Karneval in der Kölner Altstadt oder am Rosenmontag in Mainz mit rund 500.000 Besuchern stattgefunden, der Verlauf der Corona-Pandemie in Deutschland wäre ein anderer gewesen.

Faktor 2: die Skifahrer

So war es neben den Feiernden vor allem eine Gruppe, die für den Start der Infektionswelle in Deutschland sorgte: die Skifahrer. Es waren vor allem die Fastnachtsflüchtlinge und Skiferien-Urlauber aus den italienischen und österreichischen Alpen, die das Coronavirus im Gepäck mit nachhause brachten – allen voran die Urlauber aus dem Partyort Ischgl. Dort ignorierten die Verantwortlichen Warnungen über Coronavirus-Infektionen und ließen den Partyzirkus munter weiterlaufen, Ischgl wurde so zur Virenschleuder für ganz Europa – auch in Mainz gab es fünf Ischgl-Rückkehrer, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

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Regionale Verteilung der Infektionen mit dem Coronavirus nach Landkreisen. – Karte: Robert-Koch-Institut

Mit den Skifahrern traf das Coronavirus aber eine Gruppe eher fitter und jüngerer Menschen, die Erkrankungen verliefen in dieser Gruppe bei Weitem nicht so tödlich. Dass gerade Deutschland zu Beginn der Pandemie so geringe Todeszahlen hatte,w ar genau diesem Umstand zu verzeichnen. Die Todesrate stieg gerade erst in den vergangenen Tagen erheblich an, der Grund: Das Virus erreichte in den vergangenen zwei Wochen zunehmend Alten- und Pflegeheime.

„COVID-19-bedingte Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern werden weiterhin berichtet“, heißt es im aktuellen Lagebericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Donnerstag – und die Zahl der Verstorbenen sei bei einigen dieser Ausbrüche hoch. Der Altersdurchschnitt der in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen liegt dem RKI zufolge bei 81 Jahren, 87 Prozent der Verstorbenen waren 70 Jahre und älter – das waren alleine mehr als 6.000 Personen. Die deutschen Todesraten schnellten also erst hoch, als das Virus die Pflegeheime erreichte – ist das der Fall, fordert Covid-19 aber auch bei uns durchaus hohe Opferzahlen.

12.756 Infektionen zählt das RKI inzwischen allein in Pflegeeinrichtungen, Obdachlosenunterkünfte und Asylsuchendenheimen, dazu wurden hier rund 7.500 Pfleger und Mitarbeiter dieser Heime infiziert. In Krankenhäusern., Arztpraxen und Rettungseinrichtungen zählt das RKI sogar knapp 10.270 Infektionen bei Ärzten, Pflegern und anderem Personal – und hier lag der Altersdurchschnnitt der Infizierten bei 42 Jahren. Neue Studien haben inzwischen gezeigt, dass die Gefahr einer gefährlichen Covid-19-Erkrankung mit der Dauer der Exposition zu dem Virus steigt. Wer sich also lange in infizierten Räumen aufhält, hat ein weit überdurchschnittliches REisiko schwer an Covid-19 zu erkranken, und auch daran zu sterben.

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In Kliniken infizierten sich laut RKI bereits mehr als 10.000 Ärzte und Pfleger mit dem Coronavirus. – Foto: Uniklinik Mainz

In Deutschland traf das dem RKI zufolge bisher 17 Mitarbeiter in Krankenhäusern und Praxen sowie 30 Mitarbeiter von Pflegeheimen. Da insgesamt bisher „nur“ 49 Menschen in der Altersgruppe der 40 bis 49-Jährigen und nur 16 Menschen im Alter zwischen 30 und 39 Jahren an Covid-19 in Deutschland starben, sind diese Zahlen nicht unbedingt niedrig. 233 Tote waren zwischen 50 und 590 Jahre alt – aber 1.580 über 70 und 3.170 über 80 Jahre alt. Das zeigt: Die Skifahrer und auch die Urlauber aus dem Norden Italiens zu Beginn der Pandemie in Deutschland brachten wenig Todesfälle mit – aber sie alarmierten die deutschen Behörden, die Pandemie endlich ernst zu nehmen.

Faktor 2: Schneller Shutdown und ein sehr gutes Gesundheitssystem

Das war ein Glücksfall: Deutschland reagierte gerade noch rechtzeitig auf den Beginn der Pandemie: Als Deutschland am 16. März Schulen und Kitas sowie alle Läden schloss, rollte die Welle der Coronavirus-Infektionen längst auf einem Höchststand durchs Land. Wie die neue Berechnungsmethode des „Nowcasting“ des RKI eindrucksvoll zeigt, steuerte Deutschland da bereits auf 4.000 bis 6.000 Infektionen pro Tag zu – wenige Tage danach brach die Welle, vermutlich, weil die Deutschen schlagartig die meisten Kontakte und Treffen einstellten. Deutschland ging in den Lockdown – und rettet damit wohl gerade noch rechtzeitig das Land vor einem Flächenbrand.

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Verlauf der Coronapandemie in Deutschland, berechnet mit der „Nowcasting“-Methode. – Grafik: RKI

Den Schock mit ausgelöst hatten die Bilder aus Norditalien von völlig überrannten Krankenhäusern, überforderten Ärzte und Pflegepersonal, schließlich von Militärkonvois, die Leichen aus der Stadt fuhren – die Alptraumhaften Bilder aus Bergamo brannten sich den Deutschen tief ein. Und sie rüttelten auf: Virologen und Politiker begannen zu rechnen, wie viele Intensivbetten hätte den eigentlich Deutschland? Wie viele Beatmungsgeräte stünden hier zur Verfügung, falls eine Infektionswelle auch uns überrollen würde?

Die schlichten Zahlen waren ein Schock, der sich deutlich in den Gesichtern von Politikern wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu diesem Zeitpunkt Mitte März abzeichneten: Bei 80 Prozent leicht verlaufenden Fällen, aber 20 Prozent schweren  Erkrankungen mit Klinkaufenthalt, bräuchte Deutschland im Fall eines Flächenbrands mindestens 8,8 Millionen schwere Krankheitsfälle – und bei sechs Prozent potenziell tödlichen Fällen 2,85 Millionen Tote.

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Deutschland schloss Schulen, Kitas, Spielplätze und Läden – gerade noch rechtzeitig. – Foto: gik

Deutschland hatte zu Beginn der Pandemie bundesweit 28.000 Betten auf Intensivstationen und rund 20.000 Beatmungsgeräte, das wären nicht annähernd genug gewesen – es drohten genau die gleichen Bilder wie in Bergamo und später in Madrid, im benachbarten Elsass und in New York. Deutschland reagierte daraufhin in einer unglaublichen Geschwindigkeit und Effizienz: Planbare Operationen wurden abgesagt, ganze Stationen in Kliniken freigeräumt und zu Reservebetten für eine Corona-Welle umgerüstet. Binnen weniger Wochen wurde die Zahl der Intensivbetten auf 40.000 und die Zahl der Beatmungsplätze auf 30.000 gesteigert – Deutschland bekam damit so hohe Behandlungskapazitäten wie kaum ein anderes Land weltweit.

Dazu trug auch bei, dass Deutschland als föderal organisiertes Land die Zahl seiner Klinken im ländlichen Raum noch nicht in so einem Ausmaß reduziert hatte, wie viele seiner Nachbarländer – in Frankreich findet man in ländlichen Regionen kaum noch ein Krankenhaus, auch aus Italien werden solche Zustände berichtet. Trotz zunehmender Privatisierung und immer wieder gefordertem Bettenabbau erwies sich Deutschland damit als ausgesprochen gut für die Pandemie gerüstet.

Faktor 3: Der Deutsche und der Gang zum Arzt

Als hochleistungsfähig erwies sich schließlich auch das deutsche Gesundheitssystem: Deutschland besitzt eine im weltweiten Vergleich „überdurchschnittlich hohe ärztliche Versorgungsdichte“, wie das Deutsche Ärzteblatt im März feststellte – und die Deutschen gehen gerne und viel zum Arzt. Das liegt auch an der im internationalen Vergleich hervorragenden Absicherung im Krankheitsfall: In Deutschland werde Arztbesuche ebenso bezahlt wie Klinikaufenthalte, Operationen und viele Medikamente – international ist das beileibe nicht Standard.

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Deutschland richtete Corona-Ambulanzen ein, vielfach blieben die sogar leer. – Foto: gik

So sterben in den USA deutlich mehr Menschen, weil dort die Krankenversicherung an den Job gekoppelt ist: Wer seine Arbeit verliert, verliert auch seine Absicherung im Krankheitsfall, gerade für Kranke ist das ein Teufelskreis, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen, denn ohne Geld gibt es in den USA meist nicht einmal eine Behandlung. So sind viele ärmere oder arbeitslose Menschen medizinisch sehr schlecht versorgt – ihre chronischen Krankheiten werden nicht richtig behandelt, Krankheiten oft nicht voll auskuriert. Das Ergebnis: Ein deutlich schlechterer allgemeiner Gesundheitszustand, als das in Deutschland überhaupt denkbar wäre. So sterben in den USA viele jüngere Menschen, die an Übergewicht und Bluthochdruck leiden – in Deutschland sind solche Todesfälle bisher kaum bekannt.

So kam es, dass fünf Wochen nach dem Start der Haupt-Pandemiephase in Deutschland in vielen Regionen Intensivbetten leer standen und Ärzte und Krankenschwestern vergeblich auf den Ansturm warteten. Dennoch: vergeblich waren die Anstrengungen nicht: An diesem Donnerstag meldete das RKI von aktuell 31.893 Intensivbetten rund 62 Prozent belegte Betten – das waren genau 19.627 – und nur 38 Prozent freie Kapazitäten – also 12.266 Betten. Mit weniger Behandlungskapazitäten wäre Deutschland damit bereits an seiner Grenze angelangt.

Faktor 4: Tests, Tests, Tests und eine dichte Laborlandschaft

Deutschland ist das Land der Pharmaunternehmen, in kaum einem anderen Land gibt es eine so hohe Dichte an Chemiekonzernen, Arzneimittelherstellern und medizinischen Laboren – in der Coronakrise erwies sich das als Segen. Mehr als 200 Labore hatten sich bereits Ende April beim RKI als Testlabor registriert, testeten Infizierte und übermittelten ihre Zahlen wöchentlich ans RKI. Konnten Ende Februar in Deutschland noch nur 7.115 Coronavirus-Tests pro Tag durchgeführt werden, waren es acht Wochen später schon rund knapp 154.000 Tests – pro Tag, wohlgemerkt.

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Drive-In für Coronatest in der Kreisklinik Groß-Gerau. – Foto: Kreisklinik GG

Seit Mitte März wurden rund 2,75 Millionen Labortests in Sachen Coronavirus durchgeführt, meldet das RKI – Deutschland testet damit so viel und so breit wie kaum ein anderes Land weltweit. Deutschland bekam so einen weitaus besseren Überblick über das Infektionsgeschehen als die meisten seiner Nachbarn – und konnte entsprechend reagieren.

Dennoch testet Deutschland nach Ansicht von Experten noch immer nicht genug: 800.000 Tests könnten deutsche Labore pro Tag durchführen, doch das finde nicht statt, kritisiert Virologe Kekulé: Die weiterhin rigiden Testvorgaben des RKI bremsten das aus. Es sei aber überhaupt nicht zu verstehen, warum nicht vorbeugende Tests zum Schutz von Arztpraxen, Bewohnern von Altersheimen und anderen Risikopersonen durchgeführt würden. Denn auch jetzt noch werden nicht alle Menschen mit Verdacht auf Covid-19 getestet, sondern weiterhin nur Menschen mit eindeutigen Covid-19-Symptomen oder mit Kontakt zu anderen Infizierten – so lauten die Vorgaben des RKI.

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Zahl der täglich in Deutschland gemeldeten Toten in Folge der Coronavirus Sars-CoV-2. – Quelle: Worldometer

In Deutschland dürfte es deshalb eine erhebliche Dunkelziffer an verdeckten Coronavirus-Infektionen geben – Experten schätzen bis zu einem Zehnfachen – das würde aber auch bedeuten: Deutschland hat womöglich viel mehr Corona-Tote als bekannt. Nicht jeder Infizierte werde in Krankenhäusern und Pflegeheimen auch erkannt, verlässliche Informationen, ob ein Mensch an Covid-19 gestorben sei oder nicht, gebe es vielfach gar nicht, berichtet ein Bestatter aus Rheinland-Pfalz im Gespräch mit Mainz&.

„Wir wissen vielfach gar nicht: handelt es sich bei einer Leiche um einen Corona-Infizierten oder nicht“, bestätigte auch Hermann Hubing, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands Leben Raum Gestaltung, der Bestatterinnung für Rheinland-Pfalz und Hessen, im Gespräch mit Mainz&: „Es gibt eine hohe Dunkelziffer.“

Faktor 4: Wissenschaft und Physikerin als Kanzlerin

„Warum haben die Deutschen den Ausbruch dieses Virus so viel besser gehandhabt als die USA“, fragte gerade die Sängerin Barbra Streisand auf Twitter, und lieferte ihre Erklärung gleich hinterher: „Vielleicht, weil da eine brilliante Wissenschaftlerin an der Spitze des Landes steht…“ Tatsächlich wurde die Tatsache, dass mit Angela Merkel eine promovierte Physikerin Bundeskanzlerin von Deutschland ist, zu einem echten Faktor in der Coronakrise. Merkel berief sich von Anfang an auf Virologen und die Wissenschaftler des RKI, aber auch der Berliner Charité, der Virologe Christian Drosten wurde zu so etwas wie dem inoffiziellen Regierungsberater in Sachen Pandemiebekämpfung.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrer ersten großen Fernsehansprache zur Coronakrise. – Foto: gik

Die Grundlage der Politik bildete von Beginn an die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Experten – und das mit größter Selbstverständlichkeit. Das aber war es nicht: Weltweit machten Populisten wie US-Präsident Donald Trump, aber auch der Brasilianer Jair Bolsonaro oder gar der Brite Boris Johnson mit Negierung und wirren Theorien zu dem Virus und seiner Verbreitung Schlagzeilen – alle diese Populisten steuerten ihre Länder geradewegs in eine Katastrophe mit den höchsten Todesraten weltweit.

In Deutschland hingegen steuerte eine Physikerin ihr Land besonnen und nüchtern durch die Krise und erklärte in diversen Fernsehansprachen in klaren und direkten Worten ihre Politik. Pressekonferenzen, auf denen Merkel mal eben den Journalisten souverän wissenschaftliche Kennzahlen wie die Reproduktionszahl erklärte, wurden geradezu zu Highlights – Deutschland erwies sich als Wissenschaftsland, das die Kompetenz seiner weltweit anerkannten Experten erfolgreich zur Bekämpfung des Virus nutzte.

Faktor 5: Disziplin, Gehorsam und „einsame“ Alte

Dabei war es keineswegs so, dass sich die Deutschen begeistert in den Shutdown begaben: Bevor Merkel eine Kontaktsperre verkündete, taten sich die Deutschen durchaus schwer mit dem Einhalten von Abstand oder dem vermeiden sozialer Kontakte. Das änderte sich mit dem Verkünden der Maßnahme schlagartig: Von einem Tag auf den anderen waren die Innenstädte leer, befolgten die Menschen Abstandsregeln und blieben zuhause – dasselbe Bild ein paar Woche später in Sachen Masken. Noch einen Tag vor der Maskenpflicht fühlten sich maximal 20 Prozent der Menschen zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verpflichtet. Kaum war die Maskenpflicht in Kraft, folgten mindestens 95 Prozent der neuen Regel – Deutschland, so lehrt es die Corona-Pandemie, ist noch immer ein Land, in dem Befehle befolgt und Regeln eingehalten werden.

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Deutschland trug Maske und hielt Abstand – hier Innenminister Roger Lewentz (SPD) auf dem Mainzer Schillerplatz. – Foto: gik

Das liegt durchaus auch an dem Hang der Deutschen zur Disziplin: Wer sich je in südlicheren Nachbarländern mit dortigen Arbeitnehmern unterhalten hat, der weiß, dass Arbeitsdisziplin, Pünktlichkeit und Effizienz durchaus zu Recht als „deutsche Tugenden“ gerühmt werden – auch in den USA lässt sich das im Vergleich der Nationalitäten gut beobachten. Die Deutschen sind damit übrigens keineswegs allein: Auch in skandinavischen Ländern wie etwa in Schweden gehört es durchaus zum guten Ton, sich an Regeln zu halten, dort wird sogar noch deutlich mehr Rücksicht aufeinander im öffentlichen Raum genommen, als in Deutschland. Das Einfordern von Regeln funktionierte deshalb in diesen Ländern gut – so wie in Deutschland.

Ganz anders in den südlichen Nachbarländern: Mobilitätsdaten aus Italien und Frankreich belegten, dass sich dort rund 40 Prozent der menschen weiter viel im Freien bewegten – obwohl es dort sogar eine rigide Ausgangssperre gab. Menschen mit Verwandten in Italien berichten, viele Jüngere hielten sich auch nicht an Besuchsverbote bei ihren Großeltern, das sonntägliche Essen etwa fand offenbar in vielen Familien trotzdem statt – das dürfte zu den hohen Todeszahlen gerade bei alten Italienern mit beigetragen haben. In Deutschland hingegen reichte es in den meisten Bundesländern, ein Kontaktverbot zu erlassen – eine Ausgangssperre sparten sich bis auf Bayern und das Saarland alle Länder. So war es in Deutschland weiter erlaubt, spazieren zu gehen, im Park ein Buch zu lesen und Sport zu treiben – ein großer Vorteil für die Deutschen.

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Disziplin, Abstand, Einhalten von Regeln – in Deutschland klappte das bislang gut. – Foto: gik

Dazu wird in Ländern wie Spanien und Italien deutlich mehr im Familienverbund gelebt als in Deutschland üblich. Großfamilien sind dort noch eine Realität, in Italien ziehen Kinder oft erst dann aus, wenn sie heiraten – Söhne, die mit Anfang 30 noch bei ihren Eltern leben, sind dort keine Seltenheit. In Deutschland dagegen ist statt Großfamilie die Kernfamilie die vorherrschende Lebensform, die Großeltern leben separat in einem eigenen Haus oder einer anderen Wohnung, oft nicht einmal in derselben Stadt. So trug die „Vereinzelung“ der Lebensformen in Kombination mit einer tatsächlich eingehaltenen Kontaktsperre womöglich auch dazu bei, die Infektionszahlen gerade bei Risikogruppen wie Senioren vergleichsweise niedrig zu halten.

Die Todesrate: Alles andere als eine Grippe

War’s das also? Pandemie over – Deutschland gerettet? Deutschland stürzt sich gerade in eine wahre Öffnungsorgie, als wäre nichts gewesen: Läden, Schulen und nun auch die Restaurants, danach Hotels, Campingplätze, Feriengebiete – Deutschland stürzt sich gerade in einen Rausch der Freiheit. Doch das Gefühl ist ein trügerisches, denn das Virus ist keineswegs besiegt. „Wir stehen noch immer am Anfang der Pandemie“, sagte RKI-Vizepräsident Lars Schaade noch einmal am Donnerstag auf der vorerst letzten der regelmäßigen Pressebriefings – der Satz verhallte praktisch ungehört.

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Bis zu einem Impfstoff gegen Covid-19 wird es noch mindestens ein Jahr dauern, schätzen Virologen. – Foto: RKI

Tatsache ist jedoch: Gegen Covid-19 gibt es weiter keinen Impfstoff, und es gibt nicht einmal eine wirksame Behandlungsmethode. Stattdessen argwöhnen Mediziner inzwischen, dass die Beatmung der Covid-19-Erkrankten allein die Patienten gar nicht rettet – Sars-CoV-2 richtet noch ganz andere Schäden im menschlichen Körper an, als bislang gedacht.  Und noch immer verzeichnet Deutschland im Schnitt rund 1.000 Neuinfektionen pro Tag, Virologen ist diese Zahl noch viel zu hoch. Um Infektionsketten zuverlässig nachverfolgen und eindämmen zu können, dürfe sich die Zahl der Infektionen nur im Hunderterbereich bewegen, sagt RKI-Präsident Lothar Wieler bereits vor Wochen.

„Wir sind in einem sehr fragilen Bereich“, warnte auch Virologe Drosten bereits am 22. April in seinem NDR-Podcast: Nun drohe Deutschland mit seiner Ungeduld auf Lockerungen ein drastischer Rückschlag einer zweiten Infektionswelle. „Wenn man die Maßnahmen komplett lockert, oder wenn alle anfangen, sich die eigenen Interpretationsspielräume auszulegen“, warnte der Virologe, dann werde es in Deutschland an ganz vielen Orten plötzlich neue Infektionsketten geben – und nicht mehr nur an einigen Ecken.

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Der Virologe Christian Drosten bei einer Pressekonferenz in Berlin. – Foto: gik

Eine zweite Welle werde nicht mehr nur lokal begrenzt sein, weil nun viel mehr Menschen in Deutschland infiziert seien – es drohe eine viel schlimmere zweite Welle, warnt auch die Virologin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Institut im Spiegel-Interview, und auch RKI-Vizepräsident Lars Schaade unterstrich gerade erst: „Wenn wir alle weiter jetzt so tun, als ob das Problem überwunden wäre, werden wir wieder einen Ausbruch haben. Das ist ziemlich sicher.“ Sollten die Fallzahlen in Zukunft massiv zulegen, „kann das Gesundheitssystem immer noch sehr schnell überlastet werden.“

Die Todesrate von Sars-CoV-2 gibt das RKI inzwischen mit 4,2 Prozent an – das ist erheblich höher als bei der echten Influenza-Grippe. Denn deren Todeszahlen liegen weitaus niedriger als die stets kolportierten 20.000 Grippe-Toten pro Jahr. Zwar spricht auch das RKI von 20.000 möglichen Toten – das aber ist nur eine Schätzung, die auf einer rechnerischen Ermittlung beruht und zudem nur für die Saison 2017/2018 galt, als der Grippe-Impfstoff den tatsächlich kursierenden Virus verfehlte.

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Zu schnelle Lockerungen gefährden den Erfolg Deutschlands bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, warnen die Virologen. – Foto: gik

Tatsächlich liegt die Zahl der mit einem Labortest bestätigten Toten durch die Influenza-Grippe pro Jahr in Deutschland zwischen 26 bis 198 pro Saison – für die Saison 2019/2020 gab das RKI selbst gerade die Zahl von 161 Toten bekannt. Die Zahl der durch Labortests bestätigten Covid-19-Toten liegt – noch einmal zur Erinnerung – bereits bei 7.392. Das ist noch immer die achthöchste Zahl weltweit. Weil aber unsere Nachbarländer so viel höhere Todesraten haben, weil die Überlastung des deutschen Gesundheitssystems bisher ausblieb, glauben nun viele Deutsche, es sei doch alles „gar nicht so schlimm gewesen“

„Wir haben in Deutschland im Moment unglaublich viel erreicht“, betont deshalb Virologe Drosten: Deutschland habe es mit einem sehr milden Lockdown mit sehr milden Maßnahmen geschafft, die Pandemie so weit einzudämmen, dass sogar eine komplette Auslöschung des Virus in Sicht war. Doch genau dieser Erfolg werde jetzt aufs Spiel gesetzt: Er würde sich angesichts der vielen Lockerungen „nicht wundern“, sagte Drosten, „wenn wir über den Mai und Ende Juni hinein plötzlich in eine Situation kommen, die wir nicht mehr kontrollieren können, wenn wir nicht aufpassen.“ Er fürchte, „dass wir gerade dabei sind, diesen Vorsprung hier in Deutschland vielleicht komplett zu verspielen.“

Info& auf Mainz&: Die ganze Podcast-Folge von Christian Drosten zu diesem Thema könnt Ihr hier beim NDR nachhören und auch nachlesen, den aktuellen Lagebericht des RKI findet Ihr hier als pdf zum Download im Internet. Alle übrigens Quellen haben wir im Text oben angegeben. Einen ausführlichen Bericht zur „Nowcasting“-Methode des RKI über den Verlauf der Coronapandemie in Deutschland findet Ihr hier bei Mainz&. Den Gastbeitrag des Virologen Alexander Kekulé in der Zeit findet Ihr hier im Netz. Unser umfangreiches Dossier über die Corona-Pandemie mit allen Entwicklungen findet Ihr hier auf Mainz& – bitte vergesst nicht, Euch durch die Seiten zu blättern, den Button dazu findet Ihr am Ende der Seite.

 

2 KOMMENTARE

  1. Wir haben die Auswahl zwischen einem schnellen Ende mit Schrecken oder einem alles zerstörenden Schrecken ohne Ende. Ich erwarte, dass sich das Virus festsetzt wie die Influenza und der Virenschnupfen. Gegen beide angestammten Vireninfektionen gibt es keine dauerhafte Auto-Immunität. Selbst die nur bedingt wirksame Grippeschutzimpung hechelt immer hinter den Mutationen des Virus her. Ursache oder Keimzelle der Pandemie ist die verdichtete Massenpopulation als Seuchenherd. Dazu kommt die Hypermobilität als Schlüssel der rasanten Verbreitung. Wir müssen endlich das Lebensmuster der Natur akzeptieren, nämlich „Mutation – Selektion – Evolution“. Stattdessen verortet sich die Menschheit in ihrer Überheblichkeit gerne als unveränderliche Krone der Schöpfung. In Wahrheit sind wir nur ein Baustein des Gesamtgefüges aus Prionen, Viren, Bakterien, Pilzen und höherem Leben. Alles ist von allem abhängig.

  2. Nachtrag zu meinem Post:
    Ich bin gerade ohne Maskierung mit dem Rad eine Runde gefahren. Rund um Bretzenheim war „Slalom“ angesagt. Alles voll mit frohen Gruppen zumeist junger Leute, natürlich ohne Mund-Nasen-Bedeckung. Ein Hauch von Johannisfest. Ich gebe zu, dass ich trotz meines Alters die Dinge eher locker sehe, aber jetzt ist die Sorglosigkeit ausgebrochen. Hoffentlich geht das gut.

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