Bloß keine Experimente. Nicht zu viel Musik. Gaaaanz viel Kokolores. Bisschen Politik. Und so weitermachen wie vergangenes Jahr. So könnte man – boshaft gesagt – das Programm für die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ 2016 zusammenfassen. Oder so: Symbolfiguren der Mainzer Fastnacht in Bestform, geliebte Redner, auf die die Republik wartet, dazu junge Akteure mit fetzigen Nummern und typisch Meenzer Lieder. Tatsache ist: Das ZDF wandelt mit seinem Programm für „Mainz bleibt Mainz“ 2016 definitiv auf gewohnten Pfaden. Daran werden sich die Geister scheiden, prophezeien wir: Die einen werden die typisch Mainzer Sitzung genießen, die anderen frischen Schwung vermissen.

Mainz bleibt Mainz: Same Procedure... - ZDF setzt in Fernsehsitzung auf Bewährtes
Ein politischer Redner zu viel: Werner Renkes als Kantinenwirt vom Bundestag schafft es trotz starkem Comeback nicht zu „Mainz bleibt Mainz“ – Foto: gik

Es ist ja nicht so, dass die Mainzer Fastnacht keine neuen und gleichzeitig guten Akteure oder frische Elemente zu bieten hätte. Da wäre etwa Sascha Jung, ein waschechter Pfarrer, der in dieser Kampagne endgültig zum Star auf Mainzer Fastnachtsbühnen wurde. Für die Macher von „Mainz bleibt Mainz“ war Jung offenbar eine Option – mehr nicht. Da wäre Werner Renkes, der mit starkem Comeback als hochpolitischer Kantinenwirt vom Bundestag für Furore in den Sälen sorgte – für das ZDF war er ein politischer Redner zu viel.

Thomas Neger eröffnet – mit „Rucki Zucki“

Oder Thomas Neger: Der Stimmungssänger legt ein neues Lied über Margit Sponheimer auf – doch die Fernsehsendung wird er mit dem Uralt-Hit „Rucki Zucki“ eröffnen. Als gäbe es keine neuen, fetzigen Mainz-Hits, zu denen die Sitzungen rocken, was das Zeug hält. Vielleicht ist es ja der ultrakurzen Kampagne geschuldet, aber das in diesem Jahr zuständige ZDF setzt wieder sehr stark auf Bewährtes: die gleichen Redner, die gleiche Machart, über weite Strecken sogar exakt die gleiche Reihenfolge. „Mainz bleibt Mainz“ – Same Procedure as last Year. Und das Jahr davor.

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Das allerdings kann man auch gut finden, denn die neun ausgewählten Vorträge bieten tatsächlich Akteure in Bestform: Da ist ein blendend aufgelegter Hans-Peter Betz als „Guddi Gutenberg“, Lars Reichow mit seinem „Fastnachtsjournal“ und Friedrich Hofmann als „Till“, der nicht nur eine Symbolfigur der Mainzer Fastnacht darstellt, sondern auch „die brennenden politischen Themen sehr inhaltsvoll auf die Bühne bringt und sie humorvoll auflöst“, wie ZDF-Redakteur Timo Rieth am Sonntag bei der Vorstellung des Programms sagte.

Mainz bleibt Mainz: Same Procedure... - ZDF setzt in Fernsehsitzung auf Bewährtes
Friedrich Hofmann liest wieder als Symbolfigur „Till“ zu Beginn der Fernsehsitzung das Protokoll – Foto: gik

Nur 3 x Politik, 6 x Kokolores

Doch wie auch in den Vorjahren, so beschränkt sich das ZDF auch 2016 auf drei politische Vorträge – und das in einem Jahr, in dem die Politik die Menschen bewegt, wie lange nicht mehr. Es sei „eine sehr zentrale Frage“ gewesen, wie viel Politik in die Sendung solle, sagte ZDF-Showchef Oliver Heidemann, die Politik, „das erwartet man aus Mainz, das ist unser Markenzeichen.“ Warum dann trotzdem nur drei politische Redner in die Sendung durften – so Recht gab es darauf keine Antwort.

Renkes sei trotz seines starken Vortrags ein politischer Redner zu viel, sagte Heidemann, die Kokolores-Beiträge in diesem Jahr einfach sehr stark. Tatsächlich bringt Hansi Greb als „Hoppes“ mit seinem  60. Geburtstag die Säle zum Beben, Adi Guckelsberger räumt als „Nachtwächter“ ab und schaffte mit einem ganz starken Vortrag die Rückkehr auf die Fernsehbühne. Und Detlev Schönauer hat als „Bio-Lehrer“ offenbar auch einen Stammplatz erobert – der Profi-Kabarettist hatte 2015 eine ganz starke Nummer auf die Fernsehbühne gelegt.

Sehr klassischer Start, A-Cappella mit S!una, Junge Akteure weit hinten

Jürgen Wiesmann wiederum soll gleich an dritter Stelle als Traummann „Ernst Lustig“ die Stimmung hochbringen. Wiesmann sei der „Comedian des Kokolores“, schwärmte Rieth, mit ihm wolle das ZDF direkt am Beginn der Sitzung „eine Marke setzen und Fahrt aufnehmen.“ Doch gleichzeitig setzt das ZDF damit auch direkt am Sitzungsbeginn sehr traditionelle Zeichen: Nach dem klassischen Einmarsch der Garden, folgt Negers „Rucki Zucki“, dann der „Till“ als Protokoller, gefolgt von Wiesmann mit seinem klassischen Stil – junge Leute dürften da längst zu den Nachbarsendern weggezappt sein.

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Die Schnorreswackler mit ihrer Heile Gänsjer-Oper sind im Schloss dabei – Foto: gik

Schade eigentlich, denn an Position vier kommt die junge A-Capella-Gruppe S!una, die ihren „Das ist Mainz“-Song schmettern dürfen. Allerdings verschwinden dann die jungen Gesichter wieder in der Sendungs-Versenkung – bis fast zum Ende der Sendung. Dann nämlich dürfen die Gonsenheimer Schnorreswackler mit ihrer furiosen Heile Gänsje-Oper die Bühne entern, das allerdings wird wohl nicht vor 23.00 Uhr der Fall sein. „Wir brauchen diese junge Farbe, diese tollen Stimmen, die sind uns immens wichtig“, betonte Rieth.

Direkt nach den Schnorreswacklern dürfen deshalb Martin Heininger und Christian Schier wieder die Bühne entern, ihr diesjähriges „Fastnachtsmarketing“ ist einfach unglaublich närrisch-verrückt und lässt das Publikum in den Sälen vor Lachsalven beben. Wir sind sehr gespannt, wie die Nummer auf der Fernsehbühne ankommt – diesen abgedrehten Klamauk über die Bildschirme zu transportieren, könnte nicht so ganz einfach sein.

Obermessdiener und Hofsänger am Schluss

Den lautstarken und furiosen Schlusspunkt bei den Rednern setzt dann – wie schon gewohnt – Andreas Schmitt als Obermessdiener, eine Bank als Schlussredner. Schmitt fungiert aber natürlich auch wieder als Sitzungspräsident, eine „Urkraft“ an der Glocke nannte ihn Heidemann, völlig zu Recht. Zu begrüßen wird Schmitt in diesem Jahr Viele haben: Wenige Wochen vor der Landtagswahl am 13. März wird sich die Polit-Prominenz im Saal drängen.

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Klassisches Medley, klassisches Finale: Die Mainzer Hofsänger setzen den Schlusspunkt – Foto: gik

Das Finale gestalten natürlich dann die Mainzer Hofsänger, was wäre „Mainz bleibt Mainz“ auch ohne Olé Fiesta und Sassa? Zuvor darf die Truppe noch einen Teil ihres Medleys zum besten geben, das gehört einfach dazu. Bleibt noch die Sparte getanzte Fastnacht, und da wird es nur ein einziges Ballett geben: die Showtanzgruppe „Fantasy“ des TSV Schott mit ihrer grandiosen Ägypten-Nummer.

Ercan Demirel wieder nicht dabei

Nicht in die Sendung aber schafft es mal wieder einer: Ercan Demirel, Popstar in der Türkei, räumte gerade wieder beim Gonsenheimer Carnevals-Verein (GCV) und bei der Stehung mit seinen Mainz-Liedern ab. Ein Deutsch-Türke, der seit sechs Jahren in der Fastnacht aktiv ist, die Säle rockt und auch noch die Integration zum Thema macht – das wäre in diesen Zeiten doch nun wirklich ein Signal gewesen. Zumal Demirel als Musik-Profi nun wirklich Qualität auf die Bühne bringt.

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Rockig, fetzig, jung: Die „Blues Brothers“ des GCV mit ihrem Hit „Das heeßt Meenzer“ – Foto: gik

Demirel habe die Fernsehmacher „nicht überzeugt“, sagte Heidemann, dazu habe sich die Musik in den vergangenen Jahren als Wegzapp-Moment erwiesen. „Zuschauerwanderungs-Moment“ nennen die Fernsehmacher das, und vielleicht sollte man dann doch mal über die Musikauswahl nachdenken, wenn dem so ist 😉

Wo bleibt die junge Mainzer Musik?

Denn Mainz hat gerade in den vergangenen Jahren tolle und fetzige Mainz-Songs hervor gebracht – Schade, dass sich die so gar nicht in der Fernsehsendung wiederfinden, finden wir. Wobei wir S!una gar nicht klein reden wollen – aber warum spiegeln sich die zahlreichen Akteure der „Stehung“ so gar nicht wieder? In der Mitte der Sendung werde es noch eine „musikalische Überraschung“ geben, kündigten die Fernsehmacher heute an – in welche Richtung die gehen soll, wollten sie sich aber partout nicht entlocken lassen.

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Klassische Fraktin: Hans-Joachim Greb als „Hoppes“ – Foto: gik

„Gut Redner zu haben, auf die die Leute warten“

Fazit: „Mainz bleibt Mainz“ bleibt sich treu und präsentiert bekannte und vielfach geliebte Akteure auf hohem Niveau. „Wir haben uns vom Qualitätsgedanken leiten lassen“, betonte Heidemann, „am Ende entscheiden manchmal Nuancen.“ Zwar hätte es „sicher noch Menschen gegeben, die erfolgreich in den Sälen waren“, aber neue Namen um neuer Namen willen, das sei es ja auch nicht.  „Es ist auch gut die Kandidaten zu haben, auf die die Menschen warten“, fügte Heidemann hinzu.

Bleibt für uns die Frage, was ein Akteur eigentlich noch tun muss, um die Fernsehverantwortlichen zu überzeugen. „Mainz bleibt Mainz“ bleibt so typisch Mainz – die Dynamik der Mainzer Fastnachtssäle bleibt damit aber weitgehend außen vor. Ob man so auf Dauer ein Fernsehpublikum überzeugen kann, gar neue und jüngere Zuschauer gewinnt – da machen wir mal ganz bewusst ein Fragezeichen.

Zum Vergleich: 2014 fuhr das ZDF mit knapp unter 6 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von 21 Prozent ein, 2015 der SWR mit 6,37 Millionen Euro einen Marktanteil von 22,4 Prozent. Schlecht ist das allerdings auf dem umgekämpften Fernsehmarkt beileibe nicht – „Mainz bleibt Mainz“ bleibt als einzige Live-Fastnachtssitzung im bundesdeutschen Fernsehen weiter Kult.

Info& auf Mainz&: Kommende Woche könnt Ihr Euch selbst ein Bild machen: Am Fastnachtsfreitag, dem 5. Februar, ab 20.15 Uhr live im ZDF aus dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz.

Und das ist der geplante Programmablauf von „Mainz bleibt Mainz“ 2016:

  1. Einmarsch und Eröffnung mit den Mainzer Garden
  2. Thomas Neger und die Humbas mit „Rucki Zucki“
  3. Friedrich Hofmann als „Till“ mit dem Protokoll
  4. Jürgen Wiesmann als „Traummann Ernst Lustig“
  5. S!una „Das ist Mainz“
  6. Hans-Peter Betz als „Gudde Gutenberg“
  7. Musikalische Überraschung
  8. Hansi Greb als „Hoppes“ mit 60. Geburtstag
  9. Detlev Schönauer als „Bio-Lehrer“
  10. Showtanzgruppe „Fantasy“ vom TSV Schott mit „Ägypten“
  11. Lars Reichow und sein „Fastnachtsjournal“
  12. Adi Guckelsberger als „Nachtwächter“
  13. Schnorreswackler mit „Heile Gänsje-Oper“
  14. Martin Heininger und Christian Schier „Fastnachtsmarketing“
  15. Andreas Schmitt als „Obermessdiener“
  16. Die Mainzer Hofsänger
  17. Finale

2 KOMMENTARE

  1. Wahrscheinlich haben Sie Recht, ich kann’s nicht so beurteilen, war bisher in dieser Kampagne noch auf keiner Sitzung, erst an Fastnachtssonntag (Eiskalte Brüder), um unsere Tochter tanzen zu sehen, die ich nun schon vorher im Fernsehen bewundern kann – „Fantasy“ hat es wieder geschafft, sehr schön!

  2. Nix für ungut, aber wer erwartet denn Innovation, wenn der zuständige ZDF-Redakteur Timo Rieth heißt, der einst als Redner über Straußwirtschaften so spritzige Sätze reimte, wie: „Da hocke se im Eckelche, Bäckelche an Bäckelche“?

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