Fahrt mit dem ÖPNV, haben sie gesagt. Lasst das Auto stehen, haben sie gesagt. Schont die Umwelt, haben sie gesagt. Haben wir getan: Wir haben das Auto stehen gelassen, und sind mit Bus und Bahn zur Fastnacht gefahren. Von Mainz-Bretzenheim in die Innenstadt. Frohgemut und heiter. Es hielt nicht lange an: Auf beiden Strecken, Hin- wie Rückfahrt, sind wir – sorry – voll verarscht worden. Busse kamen nicht, verschwanden aus Anzeigetafeln und Apps, dann kam der Bus doch – Anschluss? Och nö. Eine Stunde im Kalten frieren, bittesehr. Beide (!!) Strecken endeten – mit einer Taxifahrt. O-Ton des Taxifahrers: „Die fahren doch, wie sie wollen.“ O-Ton Mit-Warterin: „Das geht doch schon seit Wochen so.“ Jetzt reicht’s.

Mainz&-Kolumne: "Die fahren doch, wie sie wollen" - Wie der ÖPNV ausgerechnet an Fastnacht völlig versagt und die Respect-Kampagne des Landes auch
Anzeigetafel des Busses Linie 6 am Freitagnacht am Landtag, aufgenommen um 0.55 Uhr. Um 0.52 Uhr hätte eine 6 fahren sollen – sie verschwand von Zauberhand. Stattdessen stand diese Anzeige da – die auch nicht stimmte. Es kam trotzdem ein Bus – die Straßenbahn war trotzdem weg. – Foto: gik

Seit Wochen tönen jetzt Polizei und Mainzer Verkehrsbetriebe wieder auf allen Rohren: Lasst das Auto an Fastnacht stehen! Fahrt mit Bus und Bahn, da kommt Ihr sicher an! Respekt Your Limit! lautet die neue Kampagne der Mainzer Polizei, das Ziel: die Narren sollen das Auto stehen lassen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Sitzung fahren. Ach, wirklich?

Freitagabend, Viertel vor acht.  Die Straßenbahn rollt Richtung Hauptbahnhof, zwei (!) Apps weisen den Anschlussbuch als pünktlich aus, das Timing wäre perfekt. Drei Minuten zum Umsteigen, 15 Minuten Fahrzeit zwischen Wohnhaus und Fastnachtssitzung – super. Am Münsterplatz dann kommt das böse Erwachen: Was nicht kommt – ist der Anschlussbus. Die 6 Richtung Wiesbaden – Fehlanzeige. Urplötzlich verschwindet der Bus von der elektronischen Anzeige, in der App ist er nicht mehr zu finden. Nächster Bus Nummer 6: In 15 Minuten. Einfach so. Ohne Ansage. Hex-hex – Bus ist weg.

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Na toll. In 11 Minuten beginnt die Fastnachtssitzung, verspätet reinplatzen, als Berichterstatterin – hochnotpeinlich. Na, die nimmt uns ja schön ernst, heißt es dann in dem betroffenen Verein. Kommt, wann sie will. Wird ja ein schöner Bericht werden. Vor mir hält ein Taxi – die Rettung! Hineingehüpft, zum Landtag gefahren worden. „Ja“, sagte der Taxifahrer, „die Busse, die fahren doch, wie sie wollen. Ist schon seit Wochen so.“ Kaum ausgestiegen – hält hinter mir der Bus Nummer 6. Sagt mal, MVG, RMV – geht’s noch?? Was war denn das jetzt? 6,- Euro ins den Sand gesetzt, überflüssig geärgert, fängt ja gut an der Abend.

Die Sitzung tobt, die Stimmung hoch – doch die Berichterstatterin macht sich schon mal auf den Heimweg – der Bus ruft. Wenn nicht jetzt, dann heißt es eine Stunde warten, also losgeeist, zur Haltestelle aufgemacht, gewartet. Es wird 00.52 Uhr. Es wird 00.53 Uhr. 0.55 Uhr. Was fehlt? Genau: Der Bus. Und wie durch Zauberhand verschwindet auch dieses Mal die Nummer 6 von der Anzeigetafel. Und aus der App. Nächster Bus: 1.22 Uhr, heißt es auf einmal. Hex-hex – der Bus ist ja schon wieder weg?! Nur dass es dieses mal so richtig nett wird: Um 1.00 Uhr fährt die Straßenbahn ab Hauptbahnhof. Um 00.59 Uhr steht auf einmal, wie von Zauberhand ein Bus Nummer 6 vor uns, den Hauptbahnhof erreichen wir um 00.5 Uhr. „Tja,“, sagt die Mitwartende an der Haltestelle nur Schulterzuckend, “ das geht schon seit Wochen so. Kann man nix machen.“

Mainz&-Kolumne: "Die fahren doch, wie sie wollen" - Wie der ÖPNV ausgerechnet an Fastnacht völlig versagt und die Respect-Kampagne des Landes auch
Innenminister, Polizei – alle werben seit Wochen für die Kampagne „Respect Your Limit – Lass es Auto stehen!“ Klar doch. (Die Fastnachter nehmen wir ausdrücklich aus). – Foto: gik

Ach? Wirklich? Sagt mal, Mainzer Mobilität, Wiesbadener ESWE, RMV – geht’s eigentlich noch??? Eure Busse fahren mal gerade nach dem Motto kommt-kommt nicht-kommt vielleicht doch? Habt Ihr mal was von Fahrplänen gehört? Von Anschlüssen und verlässlicher Beförderung? Von vernünftigen Taktzeiten wollen wir mal gar nicht reden – Lücken von einer (!) Stunde an einem Freitagabend zur Fastnachtszeit in Mainz gehören aus unserer Sicht jedenfalls nicht dazu. Ihr wollt Menschen zum Umstieg auf Busse und Bahnen bewegen? Wirklich? Um 1.05 Uhr war die Straßenbahn natürlich – gerade weg. Die nächste Fahrt: 1.55. Klasse, wirklich klasse. Wer bezahlt jetzt das Taxi von 10,- Euro?

Mit öffentlichem Nahverkehr fahren Sie entspannt – diese Lüge werde ich nie mehr glauben. Der Abend endete in tierischem Ärger, Fluchen und jeder Menge unnötiger Unkosten, die positive Stimmung der Sitzung – komplett verflogen. Danke, Mainzer Mobilität, so macht man Abende richtig schön kaputt. Und es ist ja nicht das erste Mal: Am 8. Januar fuhr ich zu einem Termin ins Mainzer Unterhaus, die Straßenbahn hielt direkt vor der Tür – besser geht’s nicht, dachte ich.

Um 23.11 Uhr fiel ich aus dem Unterhaus, frohgemut die Straßenbahn erwartend. Es wurde 23.15 Uhr. Es wurde 23.17 Uhr. Was nicht kam – die Straßenbahn. Wie von Zauberhand verschwand die Bahn von der elektronischen Anzeige, auf der sie eben ncoh angekündet, sie verschwand aus App Nummer 1, sie verschwand aus App Nummer zwei. Nächste Fahrt: um Mitternacht. In 45 Minuten. „Tja,“, sagte die Mitwartende am Schillerplatz, „das geht seit Wochen so.“

Danke, ich habe fertig. Ich werde also wieder Auto fahren die nächsten Tag und Wochen. Wie die vielen anderen Autos um mich herum. Für Strecken, die weniger als zehn Minuten brauchen. Ich werde dann eben keinen Alkohol trinken, nicht feiern, die Gastronomie bei den Sitzungen wird es so richtig freuen, wenn ich mich den ganzen Abend an einem Wasser festhalte. Bedankt Euch bei der Mainzer Mobilität, bei der ESWE Verkehr und dem RMV, werde ich sagen. 16,-, 20,- Euro fürs Taxi für eine Fahrt, die mich sonst 5,- Euro kosten würde – nein, vielen Dank. Dazu dann noch 30,- Euro für Getränke und Essen pro Abend – tut mir Leid, aber bei der Menge an Sitzungen, die ich als Presse so ableiste, kann ich mir das nicht leisten.

Respect Your Limit? Lass‘ es Auto stehen? Spart Euch Eure Kampagnen, spart Euch Eure tollen Parolen und Worte – solange unser ÖPNV so aussieht, ist das ein schlechter Scherz. „Vorsicht, Auto und Alkohol, geht nicht zusammen“, heißt es in der Fastnachtskampagne der Polizei. Ich sage: Vorsicht, ÖPNV und Fastnacht gehen offenbar überhaupt nicht zusammen. Es wäre so wichtig gewesen…. aber das mit dem Klimawandel, och jo. Wir haben ja noch elf Jahre Zeit. Dann ist 2030 und der Klimawandel endgültig im Eimer. Macht ja nix. Können wir ja noch ein paar Kampagnen machen bis dahin. Und bloß nix ändern.

Info& auf Mainz&: Dies ist eine Kolumne. Eine Kolumne ist ein persönlicher Meinungsbeitrag, der zugespitzt ein Thema glossiert und so (hoffentlich) auf einen Missstand aufmerksam macht. Die geschilderten Ereignisse trugen sich zu am Freitagnacht, den 22. Februar 2019 in Mainz am Rhein und sind persönliche Erlebnisse der Autorin.

 

 

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