Was für eine Johannisnacht: Das Mainzer Stadtfest beweist in diesem Jahr einmal mehr, es gibt einfach kein schöneres Fest. Schon am Freitag strömten die Mainzer bei absolutem Traumwetter in die Innenstadt, bereits am frühen Nachmittag wurde es rappelvoll. Seither trifft sich in der Stadt alles, was sich auf den Beinen halten kann: Es wird flaniert, auf dem Künstlermarkt geshoppt, im Weindorf der Winzer ge-Schoppt, vor den Bühnen getanzt. Ein Highlight: Der Auftritt des alten Woodstocker Blues-Rock-Musikers Miller Anderson am Samstagabend. Und beim Gautschen landete nicht nur Ehrengautschling Frank Golischweski im Bottich – es wurde auch ein Urgestein verabschiedet.

Mainzer Johannisnacht 2019 bei Traumwetter: Mainz tanzt - Verneigung vor Schwammhalter Wiese beim Gautschen
Wilfried Wiese, 40 Jahre Schwammhalter beim Buchdruckergautschen auf der Mainzer Johannisnacht wurde verabschiedet. – Foto: gik

Er war bereits bei der allerersten Mainzer Johannisnacht im Jahr 1969 dabei, seit 40 Jahren bekleidete er die wichtige Position des Schwammhalters: Winfried Wiese hat wahrlich ein Stück Mainzer Zeitgeschichte miterlebt. „1968 wurde ich selbst hier beim ersten Gautschen reingewaschen“, erzählte Wiese am Samstag beim großen Buchdruckergautschen: „Jetzt, nach 50 Jahren als Packer, 40 Jahre davon als Schwammhalter, ist es Zeit, den Schwamm weiterzureichen.“

Das Buchdruckergautschen wurde 1968 auf der Mainzer Johannisnacht wiederbelebt, nach uralter Buchdruckertradition werden dabei die Lehrlinge am Ende ihrer Lehrzeit von den Sünden der Lehrzeit reingewaschen und in die „Schwarze Zunft“ aufgenommen – indem sie tief in einen Bottich mit eiskaltem Wasser getunkt werden. Heute landen im Bottich nicht mehr „echte“ Drucker, sondern Auszubildende aus dem Druck – und Mediengewerbe, die ihre Abschlussprüfung erfolgreich bestanden haben. 24 Auszubildende waren es in diesem Jahr, mit großem Hallo und zur Gaudi der Hunderte von Zuschauern wurden sie getunkt und getaucht und noch zusätzlich mit Wasser übergossen.

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Mainzer Johannisnacht 2019 bei Traumwetter: Mainz tanzt - Verneigung vor Schwammhalter Wiese beim Gautschen
Noch einmal den Schwamm gehalten: Wilfried Wiese, 40 Jahre Schwammhalter beim Buchdruckergautschen auf der Mainzer Johannisnacht wurde verabschiedet. – Foto: gik

Der Schwammhalter ist dabei die zweitwichtigste Person nach dem Gautschmeister Harro Neuhardt: Es ist der Schwammhalter, der mit dem großen Schwamm das Ende der Prozedur signalisiert und damit den Gautschling erlöst. „Ich wollte immer die Tradition aufrecht erhalten, sie ist wichtig für uns in Mainz“, sagte Wiese, der selbst noch Drucker beim Mainzer Zabern-Verlag lernte. Nun reichte er den Schwamm an den gelernten Drucker Jürgen Schunk weiter, der gleich stilecht getauft wurde – mit Bier.

Es war nicht der schlechteste Tag für einen Ausflug ins kühle Nass: Bei knapp 30 Grad musste kein Gautschling bibbern, das galt dann auch für den Ehren-Gautschling des Tages: Frank Golischewski widerfuhr die Ehre, der Komponist und Texter des Gutenberg-Museicals war eine logische Wahl für die Aufnahme in die Riege der „Jünger Gutenbergs“. Golischweski revangierte sich denn auch umgehend: Kaum gegautscht, führte er mit zwei Kollegen aus der Musical-Crew den Gutenberg-Rap auf – ein Video davon findet Ihr auf unserer Mainz&-Facebookseite und in unserem Youtube-Channel.

Mainzer Johannisnacht 2019 bei Traumwetter: Mainz tanzt - Verneigung vor Schwammhalter Wiese beim Gautschen
Der neue Schwammhalter Jürgen Schunk wird mit Bier getauft. – Foto: gik

Das Musical selbst wurde im Januar dieses Jahres mit großem Erfolg uraufgeführt, im Januar 2020 gibt es neuerliche Vorstellungen im Mainzer Unterhaus – die Hälfte der Karten ist schon weg, verriet Golischewski. Und er träume ja immer noch von einer Open Air-Vorstellung am Dom… Ebenfalls im Bottich landete an diesem Tag aber auch der verrückte „Holländer“ Frederik van der Sonne, die Kunstfigur des Entertainers Tobias Mayer muss dran glauben – herrlich. Am Ende schworen alle Gautschlinge den traditionellen Eid und erhielten den Gautschbrief – wir sind schon gespannt, wem die Ehre im kommenden Jahr wiederfährt….

Mainzer Johannisnacht 2019 bei Traumwetter: Mainz tanzt - Verneigung vor Schwammhalter Wiese beim Gautschen
Zauberhafte Johannisnacht bei Traumwetter am Freitag – und der Mainzer Dom glühte. – Foto: gik

Es war ohnehin bisher eine verzaubernde, mitreißende Johannisnacht: Auf allen Plätzen und in allen Gassen tummelten sich die Menschen, und trotzdem schafft man es, Bekannte und Freunde in der Menge zu entdecken. Am Ballplatz wurde im Büchermarkt gestöbert, am Freitagabend drängten sich hier Hunderte, um die Mainzer Fastnachtsgrößen Christian Schier, Andreas Bockius und Thomas Becker gemeinsam auf einer Bühne zu erleben – belohnt wurden sie mit urkomischer Nonsens-Comedy. Auf dem Bischofsplatz rockte SWR1 die Gäste vor der Bühne, auf dem Rathausplateau bespielt das KUZ ein eher jüngeres Publikum. Gut angenommen wird auch der neue Platz der Vereine, der mitten im Festgeschehen an der LU auf einem der Zwischenplätze am Karstadt-Areal ein gutes neues Zuhause gefunden hat.

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Eröffnung der Mainzer Johannisnacht 2019 am Freitagabend auf dem Schillerplatz – da tobte das Fest längst. – Foto: gik

Viel Altbekanntes hingegen fand sich auf dem Künstlermarkt am Rhein, so ein bisschen fehlte die Vielfalt, das Besondere. Die „echten“ Künstler machten inzwischen einen Bogen um den Markt, erzählte ein Standbetreiber Mainz&, manch einer komme nur noch wegen seiner Stammkundschaft, viele störe der Durchgangsverkehr in Richtung Kirmes. Seit das Rheinvergnügen auf den Platz zwischen Theodor-Heuss-Brücke und Kaisertor gezogen ist, ist der Unmut vieler Standbetreiber gerade in den Abendstunden groß, erzählten mehrere Marktbeschicker – das Publikum passe nicht zum Künstlermarkt und dränge auch nur durch, um zur Kirmes zu kommen.

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Hingucker und Denk-Anregung: Herr Gutenberg und seine Begleiterinnen gaben sich persönlich bei der Mainzer Johannisnacht 2019 die Ehre. – Foto: Andreas Undeutsch

Gemütlich hingegen der neue Biergarten auf dem Fischtorplatz, überhaupt hatten viele Standbetreiber dafür gesorgt, das in vielen Ecken Tische und Bänke standen – gut so! Ein Hingucker waren auch Herr Gutenberg und seine Begleiterinnen – der Buchdruckerfinder höchstpersönlich gab sich rund um den Ballplatz die Ehre und plauderte mit den Besuchern über die Bedeutung seiner Erfindung bis heute, eine charmante Aktion des Freundeskreises Gutenberg. Überhaupt fand sich in diesem Jahr so viel Gutenberg wie selten: Beim Buchdruckergautschen wurde auch das neue Kartenspiel „Die Bleilaus“ verkauft, mehr dazu erzählen wir Euch hier.

Zu einem absoluten Höhepunkt aus musikalischer Sicht aber kam es am späten Samstagabend: Niemand Geringeres als Miller Anderson gab sich am Schillerplatz die Ehre. Vor 50 Jahren stand er beim legendären Woodstock-Festival mit der Keef Hartley-Band auf der Bühne, es war nur ein Kurzauftritt am Nachmittag, die Band eine Randnotiz des Festivals, das einmal das legendärste der Rockgeschichte werden sollte. Für viele Musiker wie Santana oder Joan Baez war Woodstock der Zünder für große Karrieren, auch Anderson profitiert bis heute davon.

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Eine Legende an der Gitarre: Der Blues-Rocker Miller Anderson spielte 50 Jahre nach seinem Auftritt bei Woodstock auf der Mainzer Johannisnacht. – Foto: gik

Warum, das zeigte der 74-Jährige am Samstagabend: Glasklare Gitarrenriffs, singende E-Gitarre, rasante Läufe – Anderson rockte den Schillerplatz völlig mühelos. Mal streute er eine schottische Ballade dazwischen, mal versank er in seinem Instrument, mal ließ er seine brillianten Bandmusiker Solos in die Menge werfen – die Flasche mit Rheinhessenwein immer greifbar neben dem Stuhl. Doch wenn Anderson die alten Woodstock-Songs herausholte und die Gitarre singen und die Riffs tanzen ließ – ja, dann wehte ein Hauch von Geschichte über den Schillerplatz und man meinte, ein staubiges Feld im US-Bundesstaat New York zu sehen, und Hunderttausende versunken Tanzen zu sehen… Hey, Joe!

Info& auf Mainz&: Die 52. Mainzer Johannisnacht läuft noch am Montag und endet mit dem großen Höhenfeuerwerk am 22.30 Uhr am Mainzer Rheinufer. Achtung: Die Theodor-Heuss-Brücke wird für die Dauer des Feuerwerks komplett gesperrt! Videos vom Auftritt Miller Andersons ebenso wie vom Buchdrucker-Gautschen findet Ihr hier auf unserem Mainz&-Youtube-Kanal. Und natürlich darf unsere Fotogalerie nicht fehlen: (wird noch ergänzt nachgereicht…)

 

 

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