Wie behindertengerecht ist der Mainzer Weihnachtsmarkt? Ihr erinnert Euch ja vielleicht daran, dass bei der verkorksten Neuausschreibung der Stände im Vorfeld des Marktes auch Verwirrung um das Thema Barrierefreiheit herrschte – Standbetreiber hatten etwa ihre Maßnahmen in der Bewerbung gar nicht erwähnt und waren dadurch ‚runtergestuft worden. Nun lud die Behindertenbeauftragte der Stadt Mainz zum Rundgang – und Mainz& war natürlich dabei.

Karte mit Blindenschrift bei Tanja Levy und ihren Süßigkeiten - Foto: gik
Karte mit Blindenschrift bei Tanja Levy und ihren Süßigkeiten – Foto: gik

„Das ist die magische Höhe von 85 Zentimetern“, sagt Marita Boos-Waidosch, und strahlt. Die Rollstuhlfahrerin steht vor der Auslage eines Standes auf dem Weihnachtsmarkt. Hier gibt es mit Schokolade überzogene Spieße, Kräuterbonbons und andere Süßwaren. Die Theke zu den Kunden vorn ist niedrig – und sie ist verglast. Rollstuhlfahrerin Boos-Waidosch kann genau auf ihrer Höhe in die Auslagen schauen, „das ist total toll“, lobt sie.

Karte in Blindenschrift

Standinhaberin Tanja Levi reicht derweil eine metallene Tafel zum Anschauen über die Theke – es ist eine Karte in Blindenschrift. Hier steht, welche Kräuterbonbons und Schokofrüchte es gibt, zwei solcher Tafeln hat Levy extra bei der Blindenschule in Marburg in Auftrag gegeben. „Aber eigentlich brauchen wir die gar nicht so richtig“, erzählt Levy – Blinde kämen nämlich selten ohne Begleitung auf den Weihnachtsmarkt. „Wir reden ja mit denen“, sagt sie noch.

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Das Gedränge zwischen den Buden ist ja schon für nicht behinderte Menschen anstrengend, hier mit dem Blindenstock oder dem Rollstuhl durch… besser nicht. Aber eigentlich ist das schade, sollten doch Vergnügen wie diese von allen Menschen in der Gesellschaft genutzt werden können. Seit Jahren nimmt deshalb Boos-Waidosch den Weihnachtsmarkt kritisch unter die Lupe – und das hat gewirkt.

Niedrige Theken, flache Rampen – gute Noten für Mainz

Honighaus - Rampe gut, Stufe schlecht - Foto: gik
Honighaus – Rampe gut, Stufe schlecht – Foto: gik

„Mainz ist da hervorragend“, sagt die Behindertenbeauftragte, die seit einer Kinderlähmung mit zwei Jahren stark eingeschränkt ist. „Wir haben hier ein gutes Niveau“, stimmt ihr Ursula Wallbrecher zu, sie ist die Vorsitzende des Mainzer Behindertenbeirats und sitzt ebenfalls im Rollstuhl. Ein großes, schweres und eben auch breites Gefährt ist das, der Rollstuhl braucht Platz, auch zum Manövrieren.

Hohe Theken, unerreichbare Glühweine, enge Gänge, fehlende Rampen – für einen Rollstuhlfahrer kann ein Weihnachtsmarkt schnell zum unüberwindbaren Hürdenlauf werden. Am Honighaus führt eine Rampe zum Eingang hinauf, „gut“ lautete das Urteil der Rollstuhlfahrerinnen. Allerdings könnte die Rampe noch stufenfreier abgeflacht werden, finden sie – selbst eine kleine Stufe von wenigen Zentimetern kann den Unterschied machen zwischen „da komm‘ ich rein“ und „da nicht.“

Barrierefreiheit: Qualität für alle

Doch das betrifft nicht nur Rollstuhlfahrer: Angelika Kräuter-Uhrig ist mit einem Rollator unterwegs, sie hat Multiple Sklerose, ihre Beine verdrehen sich beim Laufen, ohne den Rollator ginge das gar nicht. Am Honighaus demonstriert sie, wie mühsam sie das Gerät über die kleine Stufe heben muss. „Jede Kante ist ein Stopp“, erklärt Boos-Waidosch, und das gelte für den Kinderwagen ebenso wie für die Oma mit Rollator. „Barrierefreiheit ist ein Qualitätsmerkmal für alle“, betont sie.

Lebkuchenhaus überm Abfalleimer: gut für Blinde - Foto: gik
Lebkuchenhaus überm Abfalleimer: gut für Blinde – Foto: gik

In der Tat: Auch für Kinder sind niedrige Theken viel schöner, für nicht so groß gewachsene Menschen auch 😉 Beim Gang über den Weihnachtsmarkt fällt nun auf, wie viele Theken abgesenkt und mit Glas gestaltet sind. „Das Lebkuchenhaus da“, sagt Boos-Waidosch, „ist gut für Blinde, das kann man gut ertasten.“ Lebkuchenhaus? Ah, der Mülleimer ist gemeint, der über seinem Einwurfloch tatsächlich ein Häuschen hat, mit vielen Hubbeln. Auf den Sinn mit der taktilen Oberfläche wären wir jetzt nicht so gekommen…

Kabelbrücken – weitgehend abgeschafft

So ergeht es einem überall, lässt man sich auf die Blickwinkel behinderter Menschen ein – die Umgebung bekommt eine ganz neue Bedeutung. Kabelbrücken, zum Beispiel. Früher waren die gelb-schwarzen Schwellen völlig normal, jetzt fällt auf, dass sie fast komplett verschwunden sind. „Schauen Sie mal dort hoch“, zeigt Wallbrecher auf über den Buden verlaufende Kabelstränge. Der Strom ist auf dem Markt einfach höher gelegt – und für Rollstuhlfahrer fallen hemmende Schwellen weg.

Hinter dem Kinderkarussell hinterm Dom finden wir doch noch eine Kabelbrücke. „Die ist gut“, lautet das Urteil von Boos-Waidosch, die Brücke ist angenehm abgeschwächt. Wir sind auf dem Weg zum Hintereingang des Käthe Wohlfahrt-Standes, hier im Dunkeln führt eine enge Rampe zum Haus hinauf.

Rollstuhl im Käthe Wohlfahrt-Haus : der Gang ist breit genug - Foto: gik
Rollstuhl im Käthe Wohlfahrt-Haus : der Gang ist breit genug – Foto: gik

Zugestellte Rampe, aber absenkbare Tische als Highlight

Vor dem Eingang müssen eine große Holzplatte, hinter der Tür Körbe weggeräumt werden. „Man rechnet wohl doch nicht ernsthaft damit…“ sagt Wallbrecher. Im Haus drinnen aber ist der Gang sogar für ihren Rollstuhl breit genug, selbst wenden und umkehren klappt problemlos. Beim Schwarzwaldhaus hingegen wird diskutiert: Ist die Rampe nun glatt genug, oder die Türschwelle doch ein Problem? „Verbesserungsfähig“, lautet das Urteil schließlich.

Ein Stand aber bekommt höchstes Lob von den beiden Testerinnen: An der Raclette- und Schnitzel-Hütte kommt Standbetreiber Rudolf Barth sofort nach vorne und greift nach den unscheinbaren kleinen Tischen vor seiner Hütte. Ein Griff – und der Tisch senkt sich auf perfekte Höhe für die Damen ab. Sogar die Beine passen ein Stück weit unter den Tisch. „Unterfahrbarkeit, das ist ganz wichtig“, sagt Wallbrecher glücklich: „Das ist ganz toll!“ Den Tischsäulen wohnen Stoßdämpfer wie in einem Bürostuhl inne, verrät Barth den Journalisten noch – dann geht’s schon weiter.

„Auch mit Einschrankungen gut zu genießen“

Absenkbarer Tisch, unterfahrbar - großartig! - Foto: gik
Absenkbarer Tisch, unterfahrbar – großartig! – Foto: gik

„Wir haben 2014 eine echte Verbesserung erreicht“, lautet nach einer Stunde das Fazit von Boos-Waidosch. Dazu habe auch die Neuausschreibung beigetragen, die Diskussion schärfte das Bewusstsein auch in Sachen Barrierefreiheit. „Es ist deutlich besser geworden“, findet auch Wallbrecher, und betont noch, dass Barrierefreiheit eben immer „ein work in progress ist.“

Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP), der beim Rundgang dabei war, versicherte denn auch, der Stadt sei das Thema wichtig, man bleibe auch bei den neuen Erkenntnissen dran. „Man muss ein Bewusstsein schaffen“, sagt Wallbrecher noch, und Boos-Waidosch sagt zufrieden: „Der Mainzer Weihnachtsmarkt ist auch mit Einschränkungen gut zu genießen.“

Info& auf Mainz&: Zum Thema barrierefreies Mainz gibt es eine Fülle an Informationen auf der Internetseite der Stadt Mainz unter dem Stichwort barrierefrei. Eine Reportage, die sich mit Rollstuhl-Hindernissen, dem Rollstuhl im Sportunterricht und die unbefangene Neugier nicht behinderter Kinder dreht, findet Ihr im Premium Bereich von Mainz& unter dem Stichwort „Schule rollt!“.

 

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