Der Fluglärm ist in Mainz ja ein Dauerthema und gerade in der Oberstadt geht der Lärm vielen längst an die Nerven. Einer, der sich weigert, das einfach so hinzunehmen, ist der Mainzer Kardiologe Thomas Münzel. Seit zwei Jahren hat der renommierte Arzt aus seiner Wut einen Forschungsschwerpunkt gemacht: „Wir werden eine Fluglärmwirkungsstation aufbauen“, sagte Münzel am Freitag bei einem Pressetermin in der Mainzer Uniklinik. Der Anlass: Die ersten Messergebnisse von der Fluglärm-Messstation auf dem Dach der Uniklinik wurden vorgestellt. Die Erkenntnisse nannte Münzel erschreckend: Die Messwerte seien so hoch, dass ein sofortiges Verbot des Überflugs für die Mainzer Uniklinik her müsse.

Münzel fordert: Keine Flugzeuge über der Uniklinik
Drei Streiter gegen Fluglärm: Stefan Hill, Alexander Schweitzer und Thomas Münzel auf dem Dach der Mainzer Uniklinik – Foto: gik

„Fluglärm ist gesundheitsschädigend und kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorrufen“, betont Münzel am Freitag noch einmal ausdrücklich. Und es seien in den vergangenen Monaten „viele Studien dazu gekommen, die das bestätigen.“ Allein im Oktober 2013 habe es drei neue Studien gegeben, sagte Münzel, darunter eine, die Lärmauswirkungen rund um den britischen Flughafen London-Heathrow untersuchte und eine, die drei US-Flughäfen miteinander verglich. Bei allen Studien gebe es eine „statistisch signifikante Beziehung zwischen höherem Fluglärmspiegel am Tag und in der Nacht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, betonte der Kardiologe. Wer jetzt noch behaupte, es gebe keine schädlichen Auswirkungen durch Fluglärm, „der irrt.“

Leider tun aber genau das noch eine ganze Reihe Experten vor allem aus der Luftfahrtindustrie und speziell am Frankfurter Flughafen. Und weil das so ist, hatte das Land Rheinland-Pfalz im Februar 2013 eine eigene Lärmmessstation auf dem Dach der Uniklinik aufgebaut. Am Freitag stellte nun der Präsident des Landesumweltamtes, Stefan Hill, die ersten Ergebnisse vor. Gemessen wurde ein ganzes Jahr, für die Auswertung wurden aber fünf Monate willkürlich ausgewertet. Heraus kamen die Monate Februar, März, April, Juli und Oktober 2013.

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Das Ergebnis: Über der Mainzer Uniklinik tummeln sich im Schnitt 4.200 Fluglärmereignisse im Monat, im März 2013 waren es beispielsweise 5.026 Flieger unmittelbar über der Uniklinik. Die Maximalpegel lagen dabei durchschnittlich zwischen 60 und 65 Dezibel. Zum Vergleich: 40 Dezibel entsprechen einer leisen Unterhaltung, 45 Dezibel normalen Geräuschen in einer Wohnung wie einem leisen Radio, 60 Dezibel gelten als die Stressgrenze.

Das war aber noch nicht alles: Einzelne Überflüge erreichten Spitzenwerte von 76 Dezibel, „das entspricht einem Lastwagen, der ungeschützt an Ihnen vorbei fährt“, sagte Hill. Schlimmer noch: Die Weltgesundheitsorganisation WHU rät, dass in der Nacht ein Lärmpegel von 40 Dezibel nicht überschritten werden sollte, und das gilt vor allem für Kindern, Kranke und Ältere. Für die Umgebung von Krankenhäusern rät die WHU zu maximal 45 Dezibel. Und das, betonte Hill ausdrücklich, seien „amtliche Messungen“, deren Daten belastbar seien.

Münzel fordert: Keine Flugzeuge über der Uniklinik
Da oben fliegen sie`! Stefan Hill, Alexander Schweitzer und Thomas Münzel auf dem Dach der Mainzer Uniklinik – Foto: gik

„Wir liegen konstant zehn Dezibel über den Empfehlungen der WHU“, sagte Hill. Zehn Dezibel über dem Schwellenwert von 45 Dezibel entspricht übrigens der dreifachen Schallmenge. „Man kann doch die Uniklinik nicht verlärmen, wie man will“, schimpfte Kardiologe Menzel. 20 Dezibel mehr als es für Menschen gesund sei, „das ist nicht mehr hinnehmbar und muss eigentlich sofort Konsequenzen haben“, sagte Münzel und forderte ein sofortiges Überflugverbot für die Mainzer Uniklinik.

Dazu müssten die Flughöhen sofort angehoben werden, weil es damit nachweislich leiser werde, und den Piloten müsse verboten werden, ihre Räder schon über Mainzer Gebiet auszufahren. Fast jedes zweite Flugzeug, so die Forscher, habe nämlich das Fahrwerk über Mainz bereits ausgefahren – und das verursacht heulende und quietschende Töne. Dazu zeigten die Messdaten, dass andere Flieger viel leiser seien. „Wenn man es leiser machen kann, aber nicht tut, erfüllt das den Tatbestand der Körperverletzung“, betonte Münzel – und das wiederum sei eine Grundlage für eine Klage. Komme die nicht vom Land oder der Uniklinik, sagte Münzel noch, „kann ich mir das durchaus auch selbst vorstellen.“

„Wenn es schon leise Maschinen gibt, sollte man doch auch die nutzen“, sagte auch Umweltamtschef Hill. Die lauten Maschinen „tun richtig weh“, betonte er. Die Lärmforscher haben übrigens auch Audioaufnahmen von dem Lärm, darin wird dann auch Straßenlärm und Hubschrauberlärm der Rettungsflieger an der Uniklinik aufgezeichnet. Die Tonbänder würden von Experten ausgewertet, die genau zuordnen könnten, ob der Lärm von Autos oder Hubschraubern verursacht werde“, verriet Hill Mainz&.

Und noch andere interessante Fakten förderten die Messungen zutage: Die erste Lärmspitze gibt es verlässlich morgens früh um kurz nach 5.00 Uhr – und das auch gleich mit den lautesten Werten. Weitere Peaks gibt es um 11.00 Uhr, 15.00 Uhr und 20.00 Uhr, immer dabei mit den höchsten Lärmwerten seien die empfindlichen Nachtrandstunden, also die Zeit zwischen 5.00 Uhr und 6.00 Uhr und zwischen 22.00 Uhr und 23.00 Uhr. Und dabei hatte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig dem Land Hessen bei seinem Urteil ins Stammbuch geschrieben, dass es in diesen Nachtrandstunden „an- und abschwellenden Lärm“ geben sollte. In der Realität findet sich davon nichts wieder, sagte Hill.

Münzel fordert: Keine Flugzeuge über der Uniklinik
Wenn doch auch der Himmel über Mainz so leer wäre wie der Hubschrauberlandeplatz… – Foto: gik

Bleibt die Frage: Was macht eigentlich die Politik? Kardiologe Münzel forderte, sofort einen Runden Tisch einzurichten, und die Messdaten auf den selbigen zu legen. Der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Alexander Schweitzer (SPD) betonte, die Lärmspitzen seien „sehr, sehr ernst zu nehmen.“ Das Land Rheinland-Pfalz habe am 1. März 2013 einen Gesetzentwurf  für verstärkten Lärmschutz im Luftverkehrsgesetz in den Bundesrat eingebracht. Der sei dann erst einmal in den Verkehrsausschuss des Bundestags zur weiteren Diskussion überwiesen worden.

Nun, da in Berlin die Große Koalition regiere, und sich im Koalitionsvertrag für mehr Lärmschutz ausspreche, werde Rheinland-Pfalz genau darauf achten, „ob die neue Bundesregierung zeitnah – und das heißt sehr bald – Verbesserungen auf den Weg bringt“, versprach Schweitzer. Geschehe das nicht, werde Rheinland-Pfalz seine Bundesratsinitiative wiederbeleben. Vielleicht nützt es ja was, dass die neue Bundesumweltministerin Barbara Hendricks heißt und von der SPD ist…

Genützt hat es jedenfalls schon einmal, dass die Landesumweltministerin Ulrike Höfken von den Grünen ist. Die Messstation auf dem Dach der Uniklinik sollte nämlich nur ein Jahr lang laufen. Der Landesministerin ist aber das Thema Fluglärm so wichtig, dass die Werte nun drei Jahre lang gemessen werden.

Und auch Kardiologe Münzel bohrt weiter: Gerade hat der Arzt eine Studie an Kranken mit Herzproblemen abgeschlossen, die in der Nacht mit Fluglärm beschallt wurden. Bei einer ersten Studie mit Gesunden stellte der Forscher bereits fest, dass die Probanden nach der Nacht bereits erste Gefäßschädigungen aufwiesen. Die Ergebnisse mit den kranken Probanden will Münzel in etwa zwei bis drei Wochen vorstellen. Mainz& ist dann jedenfalls wieder dabei.

 

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