Das ist ein Paukenschlag in Sachen Lesselallee: die Wiesbadener Grünen haben am Donnerstag ein neues Gutachten präsentiert. Und das kommt zum Ergebnis: die Kastanienallee ist zwar angeschlagen, aber trotzdem ein vitales und lebensfähiges System – und zudem keine Gefahr für Besucher. „Das Ergebnis hat uns in dieser Klarheit überrascht“, sagte Ronny Maritzen, Grünen-Politiker und Vorsitzender des Umweltausschusses im Wiesbadener Stadtrat.

Maritzen gab ein Gutachten bei Ulrich Weihs, Professor für Ressourcenmanagement an der Hochschule Göttingen in Auftrag. Drei Stunden sei man mit dem Gutachter durch die Allee gegangen, auch Vertreter der städtischen Ämter seien dabei gewesen, sagte Maritzen.  Weihs sollte den Allgemeinzustand der Allee einschätzen, ihren Erhaltenswert sowie die Verkehrssicherheit – oder eben ihre Verkehrsunsicherheit.

71 Kastanien sollen im Herbst gefällt werden

Neues Gutachten: Lesselallee ist verkehrssicher
Dieser Zaun soll weg – Foto: gik

Zur Erinnerung: Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) hatte die 100 Jahre alte Kastanienallee am 27. März sperren lassen, weil die Allee nicht mehr “verkehrssicher” sei. Die Kastanien seien von einem Wurzel-Pilz befallen, dieser Phytophtora-Pilz habe sich so stark im Boden ausgebreitet, dass die Kastanien inzwischen mangelhaft mit Nährstoffen in ihren Baumkronen versorgt würden. Als Folge drohten Astbruch, damit sei die Allee nicht mehr sicher. Im Herbst werde die aus 71 Bäumen bestehende Alle gefällt.

- Werbung -
Werben auf Mainz&

Mainz& hatte über die Sperrung berichtet sowie über den Protest der Kostheimer gegen die Sperrung, schließlich wird die 100 Jahre alte Allee sogar bei der Mainzer Schriftstellerin Anna Seghers erwähnt. Die Stadt Wiesbaden berief sich auf mehrere Gutachten, die aber alle von einem einzigen Gutachter erstellt wurden.

Gutachter: Keine Astbruchgefahr auf dem Weg durch die Allee

Die Grünen hatten nun Weihs gebeten, die Allee einzuschätzen und zu bewerten. Das Ergebnis ist streng genommen kein Gutachten, sondern nur eine gutachterliche Expertise – aber diese Feinheiten überspringen wir jetzt mal 😉 Wichtiger ist die Erkenntnis des Professors: „Es gibt im Bereich des Weges keinerlei Astbruchgefahr „, zitierte Maritzen Weihs. Ja, der Pilz sei in der Allee drin und an manchen  Stellen deutlich zu sehen. Die Baumkronen seien aber weitgehend gesund, das könne man an der Belaubung, der Blütenentwicklung, sowie an den Ästen selbst sehen: Von Bruch bedroht seien nämlich nur Äste, die waagerecht wüchsen, Äste hingegen, die gerade nach oben wachsen, seien nicht gefährdet.

Neues Gutachten: Lesselallee ist verkehrssicher
Gibt es noch Rettung für die Kastanien-Alle? – Foto: Stadt Wiesbaden

Bäume können Pilz bekämpfen

Zudem müsse man doch gucken, „wie geht das Lebenssystem Baum damit um?“, argumentierte der Grünen-Politiker. Der Baum sei „ja nicht blöd, den gibt es ja seit 470 Millionen Jahren.“ Tatsache sei auch, es gebe für die Bäume durchaus die Möglichkeit, mit dem Pilz zurecht zu kommen. Und da habe die Antwort von Weihs gelautet: der Baum gehe gut mit dem Pilz um. Stand heute sei: „Diese Allee ist ein vitales und weitgehend gesundes System, beschädigt zwar, aber verkehrstüchtig – und unbedingt erhaltenswert“, fasste Maritzen das Ergebnis zusammen.

„Ich habe den Professor Weihs gefragt: Wenn Sie den Zaun jetzt abbauen würden, könnten Sie heute Nacht ruhig schlafen?“, berichtete Maritzen weiter. Die Antwort habe klar gelautet: „Ja, die Allee ist verkehrssicher.“ Die Kastanien könnten bei fachgerechter Pflege UND bei vertretbaren Kosten noch über viele Jahren hinweg erhalten werden.

Grüne: der Zaun muss weg, die Fällung gestoppt werden

Für die Grünen ist damit klar: die Allee muss erhalten werden, der Zaun muss weg, die Fällung abgeblasen werden. „Für mich ist es ein Frevel, solche Bäume ohne Not wegzunehmen“, betonte Maritzen. Ein beobachteter Pflegezustand hingegen sei „im Sinne der Wisenschaft, im Sinne der Bäuem, und im Sinne von Kostheim.“

Neues Gutachten: Lesselallee ist verkehrssicher
Astbruch, oder doch nicht Astbruch? – Foto: gik

Blauäugig geht man aber mit der Lesselallee nicht um: Die Grünen fordern regelmäßige Pflegemaßnahmen für die Bäume sowie eine wissenschaftliche Begleitung, die untersuchen solle, wie sich der Pilz entwickele. Ordnungsdezernent Franz werfen die Grünen vor, mit dem Holzhammer zu agieren und auf unverhältnismäßige Weise Druck auf die Kostheimer auszuüben. Aber warum sollte ein Dezernent Interesse an der Fällung einer Allee haben?

Geht es um Geld? Oder Profilierung?

„Man hat den Eindruck, dass sich Herr Franz in seinem neuen Amt profilieren will“, sagte die Grünen-Umeltexpertin Barbara Düe, sein Agieren habe „den Beigeschmack einer Machtdemonstration.“ Zudem könne die Aktion „einen finanziellen Hintergrund haben, argwöhnte Düe: „Pflegemaßnahmen sind teuer.“

Klar ist in jedem Fall: mit dem neuen Gutachten wird die Diskussion um die Lesselallee neu aufflammen. Am 6. Mai wird sich der Umweltausschuss des Wiesbadener Stadtrats mit dem Thema befassen. Bereits am Dienstag, den 29. April, tagt der Ortsbeirat in Mainz-Kastel. Auf Antrag des Arbeitskreises Umwelt und Frieden (AUF) wird sich das Gremium auch mit der Lesselallee beschäftigen. Ja, es gebe auch „einen sentimentalen Respekt vor den Bäumen“, sagte AUF-Vertreterin Marion Mück-Raab: „Die haben schließlich zwei Weltkriege überstanden.“

Es bleibt also spannend – und Mainz& bleibt dran!

Info& auf Mainz&: Das komplette Gutachten zur Lesselallee könnt Ihr unter www.gruene-fraktion-wiesbaden.de einsehen. Wenn Ihr auf den Link klickt, öffnet sich direkt die Expertise.

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein