Was für ein Festival! Das Open Ohr 2015 hat alle, wirklich alle Rekorde gesprengt. Ausverkauft praktisch schon am ersten Abend, überrannt am Sonnatg – das gab’s noch nie. Das Thema Flüchtlinge unter dem Motto „Kein Land in Sicht“ bewegte einfach. Workshops, Filme, Podien, Theaterstücke – alles drehte sich um das Thema Flucht, Verantwortung und Identität. Wer hat Schuld – die Politik, „das System“, wir alle? Keine leichte Aufgabe, befriedigende Lösungen zu finden. Dazu ein Feuerwerk an Musik, und wieder einmal zeigte sich: nicht Alt-Stars wie Nina Hagen brillierten – sondern die Newcomer.

Open Ohr 2015: Flüchtlinge, Nina Hagen und ganz viele Leute
size-full wp-image-7300″ />Festival-Leuchtturm Pharos leuchtet – Foto: gik

Der Leuchtturm auf der großen Hauptwiese war Programm: „Kein Land in Sicht“ lautete das Motto, doch „Pharos“, der Open-Ohr-Leuchtturm sandte unverdrossen bunte Lichter in die Festivalnacht. Ein Leuchtfeuer, das für Orientierung steht, für Ankunft, für den sicheren Hafen. Doch den gibt es für viel zu wenig Menschen, viel zu viele Flüchtlinge sterben in den Fluten des Mittelmeers, weil sie verzweifelt versuchen, eine sicheren Flecken Erde für ihre Zukunft zu finden.

Podien überrannt, Frage nach Macht und Ohnmacht

Das Open Ohr fragte nach Macht und Ohnmacht der deutschen und der europäischen Flüchtlingspolitik, fragte, wie willkommen die Flüchtlinge hier bei uns sind, spürte Schuld und Empathie nach und lieferte Grenzberichte mit und über Flüchtlinge. Ein ungemein spannendes Programm – und es hätte durchaus mehr sein dürfen. Die gut ein Dutzend Podien – und da haben wir jetzt auch Vorträge mitgerechnet – reichten vorne und hinten nicht: alle überfüllt, alle überlaufen, das Interesse riesig.

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„Stell Dir vor, Du bist in der Situation eines Flüchtenden“, hieß es da etwa in einem Podium. Der Beschreibung der Situation von Flüchtlingen wurde viel Raum eingeräumt – etwa in einem Fotovortrag über das Schicksal von Flüchtlingen. Oder im Gespräch mit Flüchtlingen selbst. Oder wenn Obdachlosenarzt Gerhard Trabert wieder einmal eindringlich darauf hinweis, dass Flüchtlinge keine medizinische Versorgung haben, bis sie beinahe tot umfallen.

Open Ohr 2015: Flüchtlinge, Nina Hagen und ganz viele Leute
Beeindruckender Vortrag: Elias Bierdel von der früheren Cap Anamur – Foto: gik

Elias Bierdel berichtete eindrücklich von Rettungsaktion der Cap Anamur

Trabert will demnächst auf der Sea Watch im Mittelmeer helfen, Flüchtlinge zu retten, einer, der das schon vor elf Jahren getan hat, war auch da: Elias Bierdel rettete mit der Cap Anamur 37 Flüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot – und wurde dafür in Italien als Schlepper angeklagt. Seine schonungslose Analyse: Das System versucht alles, um Flüchtlinge vom Kommen abzuschrecken, und es wird dabei mit härtesten Bandagen gekämpft. „Ich mache mir Sorgen um die, die da jetzt mit bestem Gewissen lostuckern“, sagte Bierdel: „Die Entschlossenheit, sich abzuschotten, ist enorm groß und jeder, der hilft, ist permanent in Gefahr.“

Ob das heute noch gilt, nach den großen Katastrophen mit Hunderten Ertrunkener, blieb unklar. Die Flüchtlinge im Mittelmeer würden systematisch im Stich gelassen, behauptet Bierdel: „Lasst Euch bloß nicht erzählen, wir hätten sie nicht gesehen!“ Satelliten, Navigationsgeräte, Radar – das Netz ist in der Tat eng.

Open Ohr 2015: Flüchtlinge, Nina Hagen und ganz viele Leute
Weltkarte der Flucht auf dem Open Ohr – Foto: gik

Anfrage bei der EU geplant: Wer zählt die Ertrunkenen?

Aber wer zählt die Leiber, nennt die Namen? Niemand, bekannte der Europapolitiker Norbert Neuser (SPD) auf einem Podium. Kein einziger Beamter sei zuständig dafür zu zählen, wer nicht ankommt in der Festung Europa. Eine Anfrage beim Europäischen Parlament soll nun den Finger in diese Wunde legen, beschloss das Podium – eines der seltenen konkreten Ergebnisse.

Wie auch die Frage beantworten nach Schuld und Sühne? „Morgen schreiben sie Mathe, und ich bin nicht da“, hadert Elvira, und schreit ihren Vater an: „Warum sind wir hier, im Kosovo?“ – „Weil wir aus dem Flugzeug ausgestiegen sind“, antwortet der Roma dumpf. Die Abschiebung einer Roma-Familie ins Kosovo griff die Landesbühne Niedersachen mit ihrem Stück „Deportation Cast“ auf. Schade, dass das eindringliche Stück nur ein einziges Mal am Samstagmittag gespielt wurde – es hätte ein noch größeres Publikum verdient gehabt.

Open Ohr 2015: Flüchtlinge, Nina Hagen und ganz viele Leute
Tolles Podium zur Solidarität am Sonntag – rappelvoll – Foto: gik

Fragen nach Schuld, Verantwortung, Solidarität

Die in sekundenschnelle wechselnden Rollen stellten Fragen: Wer ist verantwortlich für die Abschiebung der Familie? Könnte sich der Pilot weigern, die Maschine zu fliegen? Kann die Lehrerin mehr dagegen tun, als ihre verstörte Klasse beruhigen? „Wir brauchen mehr Solidarität in Europa“, forderte der Mainzer CDU-Landtagsabgeordnete Gerd Schreiner, und was ernst gemeint war und engagiert vorgetragen wurde, klang unweigerlich hilflos.

„Ich erlebe Politiker zu mutlos“, sagt Cesy Leonard vom Zentrum für politische Schönheit in Berlin. Die Aktionskunst-Aktion zeigt die Erstarrtheit politischer Phrasen und zelebriert die Schönheit von kreativem Widerstand und Visions-Kunst. Schade, dass Leonard in Mainz so wenig erzählte von den Aktionen und wenig Anstöße für kreatives Umdenken gab.

Open Ohr 2015: Flüchtlinge, Nina Hagen und ganz viele Leute
Wandgemälde auf dem Open Ohr – Foto: gik

Kirchenasyl: Hilfe für Menschen, die zwischen Akten fallen

Die kamen indes von anderen: „Vor Euch sitzt ein zum Glück nicht verfolgter Verbrecher“, sagte Sascha Heiligenthal, Pfarrer der Mainzer Philippus-Gemeinde, mit einem Schmunzeln. Heiligenthal hat bereits selbst Flüchtlingen în Kirchenasyl beherbergt, doch streng genommen sei das illegal. Doch was tun mit „Menschen, die zwischen Akten gefallen sind“, wie Schreiner es formulierte? Ihnen helfen natürlich, da waren sich Pfarrer und Politiker einig. „Würden Sie dafür Ihren Posten in der Politik riskieren?“ fragte Leonard. „Muss ich nicht“, konterte Schreiner: „In der CDU denken viele wie ich.“ Mutige Bekenntnisse

„Die Öffentlichkeit ist der eigentliche Schutzwall für diese Menschen“, sagte Heiligenthal, und betonte: „Jedes Kirchenasyl ist Kritik an der EU-Gesetzgebung.“ Der Staat aber „kommt seiner moralischen Verantwortung überhaupt nicht nach“, kritisierte der Asylrechtsanwalt Tim Kliebe. Es brauche legale Zugänge nach Europa und dort freie Länderwahl, denn die Menschen gingen ohnehin dorthin, wo sie hin wollen. „Und es werden trotzdem nicht alle nach Deutschland kommen – das ist Bullshit“, betonte Kliebe.

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Barriere im Weg mit Laken und Mülltonne – Foto: gik

Das Boot ist nicht voll, 75 Prozent sagen Ja zu Flüchtlingsheim

Das Boot, es ist noch lange nicht voll, demonstrierte einer der Walking Acts auf dem Festivalgelände, doch wie weit geht unsere Solidarität? „Würdet Ihr einen Flüchtling bei Euch zuhause verstecken?“ fragte provokativ das Solidaritäts-Forum. Und ist das überhaupt nötig? In einer Umfrage ausgerechnet der BILD-Zeitung gaben Bierdel zufolge 75 Prozent der Befragten an, sie hätten mit einem Flüchtlingsheim bei sich überhaupt kein Problem. „Diese Umfrage brauche ich unbedingt“, platzte Politiker Neuser heraus. Und Leonard brachte es – wenn auch auf einem anderen Forum – auf den Punkt: „Die Hilfsbreitschaft ist riesig.“

Auf dem Weg hinauf zum Podium Auf der Mauer ist auf einmal der Weg versperrt. Weiß gekleidete Gestalten sperrten auf einmal die enge Treppe mit einem weißen Laken – nichts geht mehr. Nur ein kleines Stück Weg wird wieder frei gegeben, die Besucher müssen sich unter einer Mülltonne durchzwängen. Willkürliche Grenzen, Demütigung – mit solchen kleinen Acts weckte das Open Ohr Bewusstsein für Grenzerfahrungen.

Grenzerfahrung im Container

Open Ohr 2015: Flüchtlinge, Nina Hagen und ganz viele Leute
Beklemmendes Erlebnis: Flucht im Container – Foto: gik

„Schnell, schnell“, sagt der Mann drängend, „kommt! Macht Euch ganz klein, setzt Euch, schnell!“ Ein handelsüblicher Container, die Türen gehen auf, 40 Leute drängen sich hinein, verstört, still, wie die Lemminge. Dabei sind sie Besucher eines Theaterstücks – und werden doch für Minuten zu Gejagten, Gehetzten. Die Türen gehen zu, es ist dunkel, es ist kalt. „Polizei kommt, still!“ warnt der Mann: „Sehen Taschenlampe. Aber keine Hunde. Gut.“

Das Stück „November und wie weiter“ erzählt die wahre Geschichte zweier afghanischer Jugendlicher, die in einem Kühlcontainer von Griechenland nach Italien flüchteten. Es war bereits der 20. Versuch von Najib Asswadi, der jetzt in einem Trainingsanzug vorne im Container kauert und den Menschen neben sich demonstriert, wie es war damals, in Dunkelheit und Kälte. „Hab‘ ich dem Mann Geld gegeben – 1.200 Euro“, sagt Asswadi zu Beginn des Stücks.

Und im Container erleben die Besucher ein wenig mit, wie sie den Fahrer alarmierten, der nichts wusste von der Fracht in seinem Kühlraum… Seit zwei Jahren sei er jetzt hier in Deutschland, sagt Asswadi am Ende des Stücks, und verbeugt sich vor seinem Publikum: „Ich gehe jetzt Schule, Sport – alles gut.“ Beklemmend, verstörend – und sehr nachdenklich machend dieses Erlebnis.

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Verhalten, aber kraftvoll: Sängeirn Nneka aus Nigeria – Foto: gik

Lösungen gesucht gegen Festungsmentalität

Was also tun gegen Elend und Ungerechtigkeit, für die Flüchtlinge? „Es ist unsere Lebensweise, die andere Länder ausbeutet“, sagt Bierdel: „Es sind unsere Regeln, es ist unser System – es ist unser Problem.“ Widerstand dagegen, sagt Bierdel, müsse „aus der Ziviligesellschaft kommen“ – der politische Diskurs, „er steckt fest in der Festungsmentalität.“

Aber auch im Kleinen kann jeder Einzelne etwas tun: “Ich kann jedem nur raten, einen Flüchtling persönlich kennen zu lernen”, sagte Raphael Ott, der in Wiesbaden jugendliche minderjährige Geflüchtete betreut. Dann nämlich, so Ott, verwischten sich die anonymen Mediengeschichten, „dann ändert sich die Wahrnehmung – und man merkt, dass die Geflüchteten vor allem eines brauchen: Wertschätzung.” In Mainz gibt es dafür jetzt eine neue Anlaufstelle: Eine Koordinatorin bei den Maltesern soll die ehrenamtlichen Helfer und Hilfeangebote besser koordinieren, mehr dazu erfahrt Ihr in den kommenden Tagen auf Mainz&.

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HG. Butzko begeisterte mit messerscharfen Sprüchen – Foto: gik

Fetziger Freitag, ruhiger Samstag – und eine skurrile Alt-Punkerin

Doch natürlich wurde auch gelacht und gefeiert: Rapper Curse und We Have Band rockten das Open Ohr bereits am ersten Abend. Der Samstagabend verlief dann deutlich ruhiger: Die Höchste Eisenbahn konnte die Festivalbesucher nicht wirklich von der Liegedecke locken, die großartige Nneka blieb ein wenig verhalten. Gefeiert wurden dagegen Bands am Sonntag wie Stereo Dynamite auf dem Drususstein. Messerscharfe Pointen aus dem Ruhrgebiet kamen von KJabarettist HG. Butzko Samstagnacht – ein Highlight im Kabarettzelt.

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Faxen und ganz viel Schminke: Altpunkerin Nina Hagen – Foto: gik

Mit großer Spannung erwartet worden war Alt-Punkerin Nina Hagen. Sie würde alles im Gepäck haben, was sie an Grooves, Beats und Messages in ihren 45 Bühnenjahren gesammelt habe, versprachen die Veranstalter im Vorfeld. Doch nix da: die Hagen machte den Liedermacher und bombardierte das Ohr mit Biermann, Brecht, dem amerikanischen Liedersänger Woody Guthrie – und schließlich gar mit Country-Musik. Und als sie gar „We shall overcome“ zur Gitarre intonierte, schüttelte so mancher entgeistert das Haupt.

Nur zwei Mal packte die Hagen die Rockröhre aus – die begeisterten Reaktionen verleiteten sie aber leider nicht zu mehr in der Richtung… Schade. Wie man die Hauptwiese rockt, das zu beweisen bleib dann an den Jungs von Go Go Berlin hängen. Und die Metall-Jungs aus Dänemark lieferten: harte Riffs, softe Balladen und eine tolle Lightshow – das war Festivalfeeling pur!

Open Ohr 2015: Flüchtlinge, Nina Hagen und ganz viele Leute
Echte Rockband: Go Go Berlin – Foto: gik

Fazit: tolles Thema und ein Festival an seinen Grenzen

Und so bleibt als Fazit: tolles Thema, tolle Orga – und ein Festival, das an seine Grenze kam. Bereits am Freitagabend war Ende bei den Dauerkarten, am Samstag hieß es dann: Nur noch 1.200 Tageskarten. Immerhin konnten diejenigen, die Freitagabend nur ein Tagesticket bekommen hatten, ihre Karten zu Dauerkarten upgraden. Das Problem der Verantwortlichen: Im Vorfeld des Open Ohr waren rund 3.500 Dauerkarten verkauft worden, so viele wie nie. Und niemand wusste: wann kommen die, kommen die überhaupt?

Am Sonntag dann waren die 1.200 Tageskarten bereits um 14.00 Uhr verkauft. Hauptwiese, Podien, Konzerte – nirgend war auch nur noch ein Fleckchen freie Erde. Das Open Ohr ächzte auf einmal unter dem Ansturm, Getränkestände, Essen, überall überlange Schlangen. Gut fürs Open Ohr! Vielleicht, so sinnieren wir, lag das aber nicht nur am Thema: vielleicht auch daran, dass es zeitgleich kein Rock am Ring gab…?

Wir freuen uns jedenfalls schon aufs Open Ohr 2016!

Info& auf Mainz&: Wir haben leider gerade ein paar Technikprobleme auf Mainz&, sorry… Deshalb findet Ihr mehr Fotos von Nina Hagen und Nneke sowie Videos von Nina Hagen und Go Go Berlin auf der Mainz&-Facebook-Seite. Folgt uns ruhig!

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