Ausverkauft – wieder einmal. Das 45. Open Ohr zog an Pfingsten 2019 wieder einmal die Besucher in Scharen auf die Zitadelle nach Mainz. Es war aber auch ein zu spannendes Thema: „Partei ergreifen“ stellte die Frage nach dem Zwecke, dem Machtanspruch und der Möglichkeit der Repräsentanz durch die politischen Parteien – ein hochaktuelles Thema. Der Beginn am Freitagabend war noch verhalten, ein heftiges Gewitter samt Platzregen fegte die Zitadelle erst einmal wieder leer. Doch dann ging es richtig los: am Samstag und vor allem am Sonntag strömten die Besuchermassen, 9.100 Besucher allein am Sonntag – ab 16.00 Uhr hieß es „Ausverkauft!“ Vier Tage lang wurde getanzt, abgehangen, diskutiert – Kritik gab es vor allem an der fehlenden politischen Besetzung mancher Podien.

Parteien? - "Müsste man genau jetzt erfinden" - 45. Open Ohr diskutiert, feiert, tanzt - Kritik an Zusammensetzung der Podien
Wofür ergreifst Du Partei, fragte das Open Ohr 2019 an Pfingsten auf der Zitadelle. Viele Aktionen riefen zum Einmischen und Mitdenken auf. – Foto: gik

Die kleine Demonstration vor dem Zelt macht sich lautstark bemerkbar, die Mini-Demonstranten schwenken Plakate und skandieren laut Parolen. „Kommt doch hier rauf und sagt Eure Forderungen“, fordert sie die Moderatorin der Podiumsrunde auf, und zwei kleine Knirpse folgen mutig. „Wir protestieren, dass es viel zu viele Hausaufgaben gibt“, sagt ein kleiner Protestant, „manche Kinder kriegen fünf Hausaufgaben, das finde ich richtig schlimm.“ Ein anderes Mädchen ruft: „Der Klimawandel muss dringend gestoppt werden“, und erntet frenetischen Applaus.

„Partei ergreifen“ lautete das Motto des 45. Open Ohr Festivals, vier Tage lang lud das letzte politische Jugendkulturfestival der Republik auf die Zitadelle in Mainz zum Mitdiskutieren und Mitmachen ein. Wie zeitgemäß sind politische Parteien noch, und schaffen sie es noch, den „Willen des Volkes“ zu repräsentieren? Die Frage, die das Open Ohr stellte, war hochaktuell und brisant. Da gab es Speeddating mit der Demokratie, Workshops und Filme rund um das Thema und ein wahrscheinlich spannendes Theaterstück „Staging Democracy“ – nur leider wurde eine ganze Reihe Besucher trotz pünktlichen Erscheinens und nicht vollem Zelt nicht mehr hinein. Schade.

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Podium zur Kommunalpolitik auf dem Open Ohr 2019, von links: Myriam Lauzi (SPD), Bundestagsabgeordnete Ursula Groden-Kranich (CDU), Moderatorin Carina Schmidt, Bundestagsabgeordneter Manuel Höferlin (FDP) und Kulturanthropologe Jonathan Roth, SPD-Mitglied. Grüne: Keine.- Foto: gik

„Mehr Demokratie wagen“ hieß es gleich am Eingang zur Zitadelle – wer über den Haupteingang kam, wurde mit der legendären Rede von Willy Brandt beschallt. Auf den Podien ging es um politische Inhalte versus Gesichter, um Lobbyismus im deutschen Parteiensystem, an die Besucher richtete sich vor allem die Frage: „Wofür ergreifst Du Partei?“ Da sorgte es auch für Irritationen, dass auf den Diskussionspodien Politiker stellenweise Mangelware waren: Es diskutierten Wissenschaftler und Journalisten, doch vielfach fehlten gerade die politischen Akteure, die man zum Zustand der Parteien gerne befragt und gehört hätte.

„Wieso sitzt da oben denn kein Grünen-Vertreter“, wunderte sich etwa eine Besucherin bei einem Forum zur Kommunalpolitik, waren doch die Grünen just bei der Kommunalwahl in Mainz stärkste Kraft geworden. So erzählten stattdessen Vertreter/Innen von CDU, FDP und SPD, wie sie zur Kommunalpolitik kamen und wie parteipolitisch-dogmatisch es vor Ort zugehe. Erschreckende Erkenntnis: Während es in kleineren Gemeinden noch weitgehend um die Sache vor Ort geht, Parteipolitik eher eine untergeordnete Rollre spielt – wie etwa der FDP-Bundestagsabgeordnete Manuel Höferlin aus Harxheim berichtetet – sieht es in den großen Städten deutlich anders aus: Auch in den Stadträten spiele inzwischen die parteipolitische Farbe die Hauptrolle, sagte auch die Mainzer CDU-Bundestagsabgeordnete Ursula Groden-Kranich.

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Auf diesem Podium wurde über das Thema Repräsentanz in Parteien diskutiert, von links: Bildungsreferent Ehsan Ghandour (Grüne), die Politikwissenschaftlerin Regina Weber aus Klewe, Moderatorin Nicole Staender und Katrin Langensiepen (Grüne), MdEP. – Foto: gik

Viele Podien verliefen indes zäh, nicht immer lieferten sie Erhellendes zur Kernfrage des Festivals, ob die Parteien noch den „Willen des Volkes“ abbilden und wie sie aktuelle Strömungen besser vertreten können. „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit“, heißt es im Artikel 21 des Grundgesetzes. „Wenn die Parlamentarier tatsächlich das Volk repräsentieren sollen, müssen wir darüber reden, wie wir das hinkriegen“, sagte die Moderatorin eines Forums, Nicola Staender.

Ohne eine Quote wäre sie heute nicht Politikerin, erzählte etwa Katrin Langensiepen, die gerade bei der Wahl im Mai für die Grünen ins Europaparlament gewählt wurde. Langensiepen zog Dank der Frauenquote ein, sie kämpft aber auch für mehr politische Teilhabe von Menschen mit Behinderung – Langensiepen selbst fehlen von Geburt an die Unterarme. Man könne nicht eine Gruppe repräsentieren, für die man nicht selbst stehe, meinte sie, der Bildungsreferent und Grünen-Mitglied Ehsan Ghandour pflichtete ihr bei: Es brauche eine Quote für alle Minderheiten. „Wie viele Quoten brauchen wir denn dann, und welche zählt dann mehr?“ fragte daraufhin Staender – schnell stellte sich heraus: Die Frage der Repräsentanz ist ohne politische Parteien gar nicht einfach zu lösen.

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Gefeiert und abgetanzt wurde aber natürlich auch auf dem Open Ohr, hier am Eröffnungsabend, dem Freitag. – Foto: gik

„Wir haben ja in Deutschland schon lange den Vorteil, dass hier immer auch neue, kleine Parteien entstanden sind, und auch in die Parlamente kamen“, sagte der Mainzer Sozialdezernent Eckart Lensch (SPD) im Gespräch mit dieser Zeitung am Rande eines Podiums – das Thema bewegte und lud zum Diskutieren auf dem ganzen Festival ein. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wo zwei große Blöcke die Politik bestimmten, habe Deutschland Linke, Grüne und FDP, die auch immer wieder an der Regierung beteiligt würden, fand Lensch, das sei ein Vorteil und erlaube es, verschiedene Strömungen abzubilden.

Die politischen Parteien seien ja im 19. Jahrhundert entstanden, um die Interessen bestimmte sozialer Milieus zu vertreten, referierte Kulturanthropologe Jonathan Roth auf dem Podium zur Kommunalpolitik: Arbeiter, katholische, bürgerliche Milieus. Doch das Beziehungsverhältnis zwischen den Parteien und ihren sozialen Milieus habe sich heute zunehmend aufgelöst, die Parteien müssten darauf reagieren. „Etablierte Parteien, die verpennt haben, die aktuellen Trends abzubilden, gehen den Bach herunter, andere entstehen dafür“, diagnostizierte die Politikwissenschaftlerin Regina Weber auf einem anderen Forum passenderweise. „Die Bereitschaft, die Klappe zu halten und sich klein zu halten, ist massiv gesunken“, fand sie, Parteien müssten das aufgreifen, oder der Protest organisiere sich von außen.

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Kritisch-kabarettistische Einwürfe von der Seite: Jess Jochimsen begeisterte auf der Bühne am Drususstein am helllichten Sonntagnachmittag. – Foto: gik

Und dafür müssten die Parteien ihre Strukturen und Modalitäten ändern, plädierte der FDP-Bundestagsabgeordnete Manuel Höferlin: „In einem Ortsverband darf man erst einmal ein, zwei Jahre drüber diskutieren, ob die Blumenkübel links order rechts hängen“, sagte er auf dem Podium zur Kommunalpolitik, „der Anspruch derer, die sich heute engagieren wollen, ist ein anderer.“ Die Parteien müssten andere Andockpunkte für Engagements-Willige finden, „sonst schreckt das ab.“

Dass sich das politische System sich gegen Veränderung sperre, biete aber auch Sicherheit und habe sich in den vergangenen 70 Jahren als sehr stabil erwiesen, gab Roth zu bedenken – es werde so auch unempfindlicher gegen „spontane politische Emotionen“ etwa von Rechts. Der große Vorteil sei: Parteien böten „sehr komplexe Formen, wo Partikularinteressen ausgetauscht und vertreten werden können“, sagte Roth: „Unsere Institutionen geben uns die Chance, um Ideen zu ringen, und zwar bis aufs Blut.“

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Abtanzen mit The Grand East auf dem Open Ohr 2019. – Foto: gik

Und genau das müsse Politik mehr liefern, fand er: „Wir brauchen mehr Konflikt, Politik muss viel streitbarer sein“, plädierte Roth. Die Doktrin des Konsenses, dass sich alle einig seien, das sei die größte Beförderung von Politikverdrossenheit. Bei Politik vor Ort gehe es ja gerade, wie Max Frisch gesagt habe, „um die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“, betonte Roth, und bilanzierte: „Wenn es Parteien nicht gäbe, müsste man sie genau jetzt erfinden.“

Doch natürlich wurde auf dem 45. Open Ohr nicht nur diskutiert und gegrübelt, es wurde auch feste gefeiert, sich getroffen und ausgetauscht. Das Open Ohr ist längst zu einem großen Treffpunkt der Generationen geworden, selten sah man so viele kleine Kinder durchs Gelände wuseln. 81 Programmpunkte hatte die Freie Projektgruppe in diesem Jahr aufgeboten, die 22 Musikacts boten wieder die volle musikalische Bandbreite: Da wurde mit Sookee gerappt, am Eröffnungsabend mit „Orange“ gehüpft und gefeiert oder am Sonntagabend mit dem Electric Swing Circus gegrooved und getanzt.

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„Summit 2.0“, die große Platzperformance des polnischen Teatr Osmego Dnia Sonntagnacht auf dem Open Ohr 2019. – Foto: gik

Kabarettist Jess Jochimsen begeisterte die Menge an der Bühne am Drususstein mit seinen politischen Spitzen. Und Sonntagnacht ergriffen wieder zahlreiche Festivalbesucher bei der „Open Stage“ auf der Hauptbühne die Gelegenheit, Lieder oder eigene Gedichte, Geschichten und Skurriles zum besten zu geben – während im Großen Zelt mit großer Begeisterung beim Pub Quizz gerätselt wurde.

Das optische Highlight war am fragloses wieder einmal die große Platzbespielung am Sonntagabend. „Summit 2.0“ lautete der Titel der großen Inszenierung des polnischen Teatr Osmego Dnia, der Inhalt erschloss sich vielen Zuschauern allerdings nur mühsam.  Auf vier großen Fahrgestellen schoben sich da zunächst die Mächtigen durch die Menge, Adlige, Kleriker und blinde Herrschende schoben sich huldvoll von ober herab winkend durch die Menge und verströmten gnädig goldene Brotkrumen aus dem Himmel. Um Macht und Positionen drehte sich die Inszenierung, das Volk wurde geködert mit Geld und Orden und einem kleinen Stück des Einflusskuchens – symbolisiert durch die Kleidung der Herrschenden.

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Martialisch, bedrohlich, die Recken des Teatr Osmego Dnia bei der Platzbespielung auf dem Open Ohr 2019. – Foto: gik

Mitten in den Tanz um den Vulkan platzte dann die Revolution, die Herrschenden wurden ersetzt durch strenge, bärtige Männer in grauen Uniformen, die wiederum durch gesichtslose Ritter hinweggefegt wurden. Am Ende siegten – die Radfahrer. Eine sich bunt drehende Kirmesplattform featurete drei glückliche Radfahrer, was immer uns dieser Schluss sagen wollte. Licht, Masken und Inszenierungen waren in jedem Fall optisch eindrucksvoll, den Inhalt hätte die Truppe irgendwie besser erklären können. Ein großes Fest für die Augen war es dennoch – wir freuen uns schon mal aufs Open Ohr 2020!

Info& auf Mainz&: Mehr über das Festivalthema „Partei ergreifen“ haben wir im Vorfeld des Open Ohr genau hier geschrieben. Bei mehr als 80 Veranstaltungen ist es einfach nicht möglich, alle Veranstaltungen zu besuchen – dies hier ist unsere individuelle, aber gleichwohl journalistische (!) Sicht auf das Open Ohr 2019. Gut möglich, dass Ihr völlig andere Erlebnisse gemacht hat, dann schreibt uns gerne in den Kommentaren dazu! Übrigens standen im Vorfeld des Festivals viele Politiker (noch) nicht im Internet-Programm, die aber dann vor Ort waren, andere kritisierten, sie seien gar nicht eingeladen worden – die Besetzung der Podien war ein Kritikpunkt, der uns vielfach zugetragen wurde. Ein Video der Performance „Summit 2.0“ findet Ihr übrigens hier auf unserer Mainz&-Facebookseite – ganz ansehen lohnt!

 

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