Glühwein ist rot oder weiß – richtig? Wer mit offenen Augen über den Mainzer Weihnachtsmarkt geht, weiß: Das stimmt so schon lange nicht mehr. Zwischen all die Glühweine aus Spätburgunder, Regent und Merlot, aus Riesling und Morio-Muskat mischen sich längst andere Töne: Rosa sind sie, duften nach Zimt und Himbeeren, kommen vielleicht auch mit einem Hauch Sternanis und Nelke daher – Rosé Glühweine. Doch die Bezeichnung wird man auf den Tafeln der Stände vergeblich suchen, denn Rosé Glühweine dürfen genau so nicht heißen – das Weinbezeichnungsrecht verbietet es. Und während die Bürokratie blockiert, finden Lady Rose, Rosarios oder Pink Ladys begeisterte Abnehmer.

Pink Lady, Rosario oder Lady Rose - Rosé-Glühweine sind im Trend, doch so heißen dürfen sie nicht
Glühwein aus Roséweinen sind im Trend – doch so heißen dürfen sie nicht. – Foto: gik

Er ist derzeit das Lieblingsgetränk der Deutschen: Glühwein. Der heiße Wein, mit Weihnachtsgewürzen angereichert, boomt, rund 50 Millionen Liter werden Schätzungen zufolge pro Jahr getrunken. Glühwein wird damit deutlich mehr konsumiert als Federweißer heißt es beim Deutschen Weininstitut (DWI) in Bodenheim, der junge Wein kommt nur auf einen Absatz von sechs bis sieben Millionen Litern. Und so gibt es längst auch Winzer, die sich auf die Produktion von Glühweinen spezialisiert haben und sie in großen Mengen abgeben, so sind inzwischen selbst in Discountern Winzer-Glühweine zu finden. Winzer-Glühweine dürfen sie immer noch heißen – solange sie aus den eigenen Trauben eines Weinguts hergestellt wurden.

Und längst ist Glühwein nicht länger nur dunkelrot: weiße Glühweine liegen ebenfalls stark im Trend – und roséfarbene. Seit zwei Jahren bieten sie etwa am Stand des Weinguts Kissel auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt einen Rosé-Glühwein an, hergestellt aus einem Spätburgunder Weißherbst. Der Wein duftete nach Rosen und Wacholder, kommt mit Zimt und einem Hauch Ingwer daher – es könnte ein perfekter Glühwein sein. Wenn, ja wenn da nicht eine bürokratische Besonderheit wäre: Glühwein darf das Getränk nicht heißen, obwohl es aus hochwertigem Wein hergestellt wurde.

- Werbung -
Werben auf Mainz&

„Weinrechtlich gesehen ist Glühwein ein „aromatisiertes weinhaltiges Getränk“, das aus Wein hergestellt wird – und zwar ausschließlich aus Rotwein oder Weißwein“, erklärt Ernst Büscher, Sprecher des Deutschen Weininstituts (DWI). Festgelegt ist das auf höchster Ebene: im Weinbezeichnungsrecht der Europäischen Union. Und dort stehen als Ursprung eben tatsächlich nur Rotweine oder Weißweine drin, und das mit dem Zusatz „ausschließlich“.

Pink Lady, Rosario oder Lady Rose - Rosé-Glühweine sind im Trend, doch so heißen dürfen sie nicht
Roséfarbene Glühweine auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt. – Foto: gik

„Rosé ist tatsächlich eine andere Weinart, diese aufzunehmen, hat man bei der Formulierung schlicht und einfach vergessen“, erklärt Büscher. Als das Gesetz erstellt wurde, habe es praktisch noch keine Glühweine aus Rosés gegeben, inzwischen aber finde man solche Getränke immer häufiger. Einer der Gründe dafür: „Roséweine in Deutschland haben in den vergangenen Jahren qualitativ zugelegt“, sagt Büscher. Viele Winzer arbeiteten inzwischen gezielt auf die Roséproduktion hin, produzierten Weißherbste und Blanc de Noirs auf hohem Niveau.

Der Absatz von Roséweinen liege inzwischen stabil bei zehn Prozent Marktanteil in Deutschland, heißt es beim DWI. Manch Weingut hat sich gar auf die Weine spezialisiert – im Weingut Listmann im rheinhessischen Dorn-Dürkheim etwa boomt ein leichter Blanc de Noir aus Merlottrauben, hergestellt aus dem ersten Saftabzug nach der Lese. „Das ist inzwischen unser meistverkaufter Wein“, erzählt Juniorchef Leif Listmann.

„Man kann von einer neuen Roséstilistik sprechen, die Rosés sind charaktervoller geworden“, sagt Büscher: „Es hat sich in der Roséweinbereitung in Deutschland unheimlich viel getan.“ Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der Rosé auch seinen Weg auf die Weihnachtsmärkte fand. Auf den Menukarten der Glühweinstände darf indes das Wort „Glühwein“ in Zusammenhang mit Rosé nicht verwendet werden – den Standbetreibern drohen sonst Abmahnungen und gar Geldbußen.

Pink Lady, Rosario oder Lady Rose - Rosé-Glühweine sind im Trend, doch so heißen dürfen sie nicht
Winzer Rüdiger Huf mit verschiedenen Glühweinen auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt. Hufs gewannen 2019 auch den „Sonderpreis Rosé“ beim großen Mainz&-Glühweintest. – Foto: gik

So werden die Winzer kreativ, nennen ihre Kreationen „Pink Lady“ oder „Rosario“. „Lady Rose“ heißt der Spätburgunder Weißherbst beim Weingut Huf aus Ingelheim, seit sechs Jahren machen sie hier schon einen Glühwein aus einem Spätburgunder Weißherbst. Das duftende Heißgetränk kommt mit Noten von Zimt, Vanille und Anis daher, angereichert mit Himbeersirup – und gewann 2019 den Sonderpreis Rosé beim großen Mainz&-Glühweintest. „Der kommt super an“, sagt Winzer Rüdiger Huf, „der Name ist noch mal ein Eye Catcher für die Gäste.“

Bei Kissels hat der Rosé Glühwein die Umschreibung „Rosa Lisa“, auch hier kommen sie mit der Namensumschreibung gut klar. „Die Kunden sagen auch Mona Lisa, weil er ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert“, sagt Juniorchef Magnus Kissel. „Es ist schade, dass Roséglühweine nicht als solche bezeichnet werden dürfen, es wäre sicher sinnvoll, diese Gesetzeslücke zu schließen“, findet indes Büscher: „In der Zubereitung unterscheidet sich Glühwein aus Roséweinen ja nicht von anderen Glühweinen.“

Das Problem dabei: Eine Änderung des Weinbezeichnungsrechtes in Brüssel ist ein Großprojekt, das niemand ohne Not anpacken mag. Im Weinbauministerium in Mainz heißt es denn auch, der Änderungswunsch für solche Vorgaben komme in der Regel von einem Verband der Branche. „An uns ist deswegen aber noch niemand herangetreten“, sagte ein Sprecherin, und auch im Bundeslandwirtschaftsministerium teilt man auf Anfrage mit, es bestünden derzeit keine Pläne, die EU-Verordnung in Punkto Glühwein zu ändern.

Schnell würde das wohl ohnehin nicht gehen: Wegen einer Bezeichnung allein werde niemand das Gesetz ändern. Bis ein Rosé-Glühwein auch Rosé-Glühwein heißen darf, wird es sicher noch ein paar Jahre dauern – bis dahin müssen die Verbraucher mit allerlei Pink Ladys Vorlieb nehmen.

Info& auf Mainz&: Mehr zur hohen Qualität der Glühweine auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt könnt Ihr natürlich bei Mainz& lesen – wir machen jedes Jahr den großen Mainz&-Glühweintest. In diesem Jahr fanden wir wieder herausragende Glühweine made by Winzern – und einen ganz speziell herausragenden Rosé Glühwein beim Weingut Huf. Die genauen Ergebnisse zu Anis, Ingwer und Rosenduft lest Ihr hier bei Mainz&.

 

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein