Na, habt Ihr auch schon Euer Kind morgens „schnell mal“ mit dem Auto zur Schule gefahren? Ist ja verständlich, vor allem, wenn es morgens noch dunkel ist und so kalt, vielleicht noch regnet… Aber: Lasst es doch, bitte. Dafür wirbt jetzt die Polizei in Mainz mit einer neuen Kampagne unter dem Titel „Befreien Sie Ihr Kind!“ Das Ziel: Die Eltern ermuntern, ihre Kinder wieder selbstständig und zu Fuß zur Schule zu schicken. Das nämlich stärke die Kinder im Umgang mit dem Straßenverkehr – und sei außerdem sicherer, als die Kids mit dem Auto zur Schule zu fahren.

Elterntaxi - Drei für den selbstständigen Schulweg - Foto: gik
Elterntaxi – Drei für den selbstständigen Schulweg: Hans-Günther Escher, Jugendverkehrsschule, Schulleiterin Valerie Osmenda und Kampagnen-Initiator Michael von Focht. – Foto: gik

Chaosszenen an den Schulen gefährden Kinder

Dennoch spielen sich jeden Morgen vor den Schulen völlige Chaosszenen ab: Fahrzeuge parken mitten auf der Fahrbahn, halten am Überweg, wenden in engen Straßen – und die Kids wuseln kreuz und quer durch die Autos durch. „Da herrscht wirklich das reinste Verkehrschaos, an fast allen Schulen in Mainz sieht die Realität tagtäglich so aus“, berichtet die Mainzer Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Grüne).

Und es sei ja nicht so, als ob die Stadt nichts gegen diese Zustände machen würde: Man habe Wendeschleifen eingeführt, Fußgängerzonenbereich ausgeschildert und versuche, den Verkehr von den Schulen fern zu halten, zählte Eeder auf. Genützt habe das bislang alles nichts: das Phänomen Elterntaxis scheint jedes Jahr noch zuzunehmen.

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Dabei ist gerade das Chaos vor der Schule für die Kids enorm gefährlich: „Viele Gefahren entstehen erst durch den Elternverkehr“, sagt von Focht, und sein Kollege Hans-Günther Escher von der Jugendverkehrsschule der Polizei zählt Beispiele auf: „Die Autos parken im Kreuzungsbereich, oder der dicke Mercedes parkt gleich vor der Feuerwehrzufahrt, damit das Kind samt Ranzen bis in den Klassenraum gebracht werden kann.“ Oder das Kind sitze mit dem Ranzen auf dem Rücken auf dem Autositz – nicht angeschnallt. „Die Leute denken, auf 500 Metern passiert halt nichts“, sagt Escher.

ADAC: Kinder fahren ist gefährlich, als sie laufen zu lassen

Das aber kann ein fataler Irrtum sein: Eine Studie des ADAC – angeblich wissenschaftlich 😉 – ergab nun, sein Kind in die Schule zu fahren ist sogar gefährlicher, als es selbst gehen zu lassen. Laut Statistischem Bundesamt, sagt der ADAC, kamen allein im vergangenen Jahr 10.363 Kinder unter 15 Jahren im Auto ihrer Eltern zu Schaden – deutlich mehr als Kinder, die zu Fuß unterwegs waren. Gleichzeitig gehe durch die regelmäßigen Hol- und Bringdienste die selbständige Mobilität von Schulkindern immer mehr verloren.

Buslinie 54 auf dem Weg nach Wiesbaden - Foto gik
Dichter Verkehr auf der Rheinallee, kein schöner Weg für Kinder. Die Polizei rät: Lieber einen sicheren Weg suchen als den schnellsten – Foto: gik

„Die Eltern tun den Kindern nichts Gutes“, sagt auch Polizist von Focht. Den Kindern werde nämlich die Möglichkeit genommen, eigenverantwortlich am Straßenverkehr teilzunehmen und Selbstsicherheit im Umgang mit dem Verkehr zu gewinnen. Studien zeigten, dass es in der Entwicklungsphase der Kinder wichtig sei, selbstständig Entscheidungen zu treffen und positive Erfahrungen zu machen, sagt Focht. Sein Sohn  laufe morgens „mit Stolz geschwellter Brust in die Schule – weil man ist ja schon groß.“

Eltern haben Angst um ihre Kinder – und es gibt Mobbing

Aber warum dann fahren die Eltern ihre Kids trotzdem mit dem Auto zur Schule? „Eltern haben Angst, dass den Kindern auf dem Weg früh morgens etwas zustößt“, sagte der stellvertretende Landeselternsprecher Jürgen Saess Mainz&: Ist der Schulweg eisfrei, was passiert, wenn das Kind hinfällt, oder auch: tut jemand meinem Kind etwas an? Vor allem aber seien durch die Medien sind Gefahren wie Kindesentführungen und Kindesmissbrauch „heute ganz anders präsent als früher“, sagt Saess. Auch Mobbing spiele eine Rolle, weil sich die Kinder untereinander hänseln: „Ich werde gefahren, du aber nicht“, berichtet Saess.

Verkehrsdezernentin Eder ist das ein Dorn im Auge: Werden Kinder mit dem Auto zur Schule gefahren, „prägt sich das Verkehrsverhalten für das ganze Leben“, kritisiert sie. Gingen die Kinder aber zu Fuß oder führen mit dem Fahrrad oder dem Bus lernten sie: so geht’s auch.

Schulleiterin: Kinder zu Fuß = ausgeglichener und konzentrationsfähiger

Flyer Polizei-Aktion "Befreien Sie Ihr Kind!" - Foto: gik
Seltsamer Slogan, gute Aktion: Schulweg statt Elterntaxi – Foto: gik

Saess hingegen sagt, der Schulweg müsse sicherer gemacht werden und ist sich sicher: „Wenn die Eltern wüssten, ich kriege mein Kind wirklich sicher da hin, würden sie die Marotte Elterntaxi aufgeben.“ Saess schlägt dafür vor, die in Rheinland-Pfalz geltende Schulbus-Grenze von 1,5 Kilometern aufzugeben und allen Kindern die Möglichkeit zu geben, mit dem Bus zur Schule zu fahren. Auch könnten Schülerlotsen helfen, den Weg sicherer zu machen.

Wo sind eigentlich die Schülerlotsen?

Da haben wir natürlich gleich mal bei der Polizei nachgefragt, denn dabei fiel uns auch auf: Wann haben wir denn zuletzt einen Schülerlotsen gesehen, gibt es die überhaupt noch? Ja, sagt Polizist Escher, die gibt es noch – allerdings nicht überall. In Zahlbach gebe es seit 20 Jahren Schülerlotsen, die eigentlich Eltern seien, in Ebersheim hingegen habe man jahrelang vergeblich versucht, das zu installieren. „Die Eltern waren aber nicht bereit, sich da selbst hinzustellen“, berichtet Escher.

Also, liebe Eltern – was wollt Ihr eigentlich? Geht’s wirklich um die Sicherheit unserer Kinder, oder nicht vielleicht auch ein klein wenig um Egoismus und Bequemlichkeit? Denn Polizei, Stadt und Verkehrsbetriebe bieten umfangreiche Hilfen an: Beratung für Eltern für sichere Schulwege, Schulwegplaner, Infos der Schulen selbst. Dort kann man auch nach Schülerlotsen fragen – und vielleicht ja eine eigene kleine Truppe aufstellen. Wer sich im Wechsel an die Straße stellt, muss nur einmal in der Woche früh auf die Straße 😉

Bustrainings für Schulklassen, gemeinsam laufen

Die Mainzer Verkehrsbetriebe bieten sogar Bustrainings für Schulklassen an, bei denen die Kids lernen, sich richtig festzuhalten, und dass bei einer Bremsung schon mal der Ranzen quer durch das Fahrzeug schlittert, wenn man es nicht ordentlich verstaut. Ansonsten lautet der Rat an die Eltern: Üben! Übt den Schulweg mit Euren Kindern, und habt Geduld dabei.

Weitere Tipp der Polizei: Viele Kinder, die zusammen laufen, fallen mehr auf als ein Kind, das morgens allein zur Schule läuft. Lasst Eure Kids also mit Freunden gehen, das ist erstens viel lustiger, und zweitens helfen die sich dann auch gegenseitig. Und vor allem: traut Euren Kindern ruhig etwas zu! Wir sind ja auch früher am dunklen Morgen und trotz Regens heil in der Schule angekommen. Und damals gab’s noch nicht diese tolle Funktionskleidung von heute….

Wettbewerb Schulweg für Grundschulklassen

Die Polizei und das städtische Ordnungsamt werden jedenfalls kommende Woche zum Schulanfang verstärkt an den Schulen kontrollieren, und die Eltern auf ihre „Taxis“ ansprechen. Die Polizei will aufklären und für den Schulweg zu Fuß werben – für renitente Eltern kann es allerdings auch Knollen geben. Und die Polizei lobt einen Wettbewerb für alle 1. und 2. Klassen an den Grundschulen aus: Die Kinder sollen sich in ihrem Ortsteil mit ihrem Schulweg auseinander setzen, und erarbeiten, wo der sicherste Weg ist, wo man sich gut mit Freunden treffen kann.

„Film drehen, Kollage machen – alles ist möglich“, sagt Schulleiterin Osmenda und weist auf die wirklich tollen Preise hin. Gewinnen kann man nämlich etwa eine Besichtigung der neuen Feuerwache, eine Fahrt mit dem Boot der Wasserschutzpolizei oder einen Besuch der Johanniter mit einem Unfallwagen an der Schule. Ein 1.000-Euro-Gutschein eines großen Möbelhauses könnte für die Klassenkasse genau richtig kommen. Also: mitmachen, liebe Lehrer!

 

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