Es ist schon eine seltsame Szenerie da in Mainz-Kostheim auf der Maaraue: Wo sonst Jogger, Radfahrer und Spaziergänger ihre Runden unter wunderbaren alten Baumkronen ihre Runden drehten, sperrt jetzt ein großer Bauzaun den Durchgang. Und nicht einfach am Anfang oder Ende der Allee, nein: auf fast 500 (!) Meter Länge verläuft jetzt ein Bauzaun! Entlang der Konrad-Schollmayer-Straße, über Wiesen und unter Bäumen lang – was für ein Aufwand! Und wofür? Um eine rund 70 Bäume fassende Allee abzusperren, die im Herbst gefällt werden soll.

"Als würde man den Dom fällen": Protest gegen Aus für Kastanienallee
Die Lesselallee abgesperrt mit Zaun – Foto: gik

„Diese Allee wird schon bei Anna Seghers beschrieben“, sagt Marion Mück-Raab, und erzählt auch gleich, wo genau: Im 7. Kreuz, dem berühmten Roman der Mainzer Schriftstellerin Anna Seghers über die Flucht von sieben Häftlingen aus einem Konzentrationslager. In dem Roman fliehe einer der Verfolgten durch eben jene Allee, erzählt Mück-Raab, und das die Kastanien bereits 1910 gepflanzt wurden. „Man kann doch nicht hingehen, und eine solche Allee einfach fällen“, sagt sie empört: „Das ist eine Sünde!“

Tatsächlich hat die Stadt Wiesbaden die komplette Allee am 27. März gesperrt, weil die Allee nicht mehr „verkehrssicher“ sei. Die Kastanien seien von einem Wurzel-Pilz befallen, dieser Phytophtora-Pilz habe sich so stark im Boden ausgebreitet, dass die Kastanien inzwischen mangelhaft mit Närhstoffen in ihrem Baumkronen versorgt würden. Als Folge drohten Astbruch – und damit sei die Lesselallee einfach nicht mehr sicher. “Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, die Lesselallee komplett zu sperren“, teilte Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) damals mit – und Mainz& hatte darüber berichtet.

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"Als würde man den Dom fällen": Protest gegen Aus für Kastanienallee
Meterweise Zaun entlang der Lessellallee – Foto: gik

„Ich verstehe das nicht“, sagt Marion Mück-Raab, warum schneide die Stadt Wiesbaden nicht einfach die gefährlichen Äste? Warum fälle man kranke Bäume nicht einfach – und könne danach die Benutzung der Allee wieder gestatten? Die Allee umfasse nämlich genau 71 alte Kastanien, die meisten von ihnen seien tatsächlich hundert Jahre alt, sagt Mück-Raab. Dass die stolzen Bäume mit ihren dichten Kronen tatsächlich alle krank sein sollen – beim Anblick des dichten Laubs ist das tatsächlich schwer vorstellbar. Vielleicht sollte mal jemand dran rütteln…

Die Lesselallee sei der Stolz von Kostheim, erzählt Mück-Raab, viele alte Menschen hätten Tränen in den Augen bei der Nachricht gehabt, dass die Bäume fallen sollen. „Die Alteingesessenen, die Kinder – die hängen alle total an der Allee!“ Ein alter Kostheimer habe gesagt: “Es ist als würde man in Mainz den Dom abreißen.” Mück-Raab selbst lebt seit gut 14 Jahren in Kostheim, die parteilose Journalistin sitzt seit 2011 für die „Alternative Umwelt und Frieden“ (AUF) im Kostheimer Ortsbeirat. In Hessen sind die nächsten Kommunalwahlen übrigens erst 2016 – anders als in Mainz, wo am 25. Mai wieder gewählt wird.

3.000 Unterschriften kamen bereits 2013 gegen den Fall der Bäume zusammen, und das, obwohl Mainzer laut Mück-Raab den Protest an die Wiesbadener Verwaltung gar nicht unterschreiben durften. Und dabei joggt doch halb Mainz am frühen Abend durch Kostheim, und bisher auch durch die Kastanienallee… „Mein Eindruck ist: die Mehrheit ist für den Erhalt der Allee“, sagt Mück-Raab. „Wir haben aufgerufen, an den Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) zu schreiben“, sagt sie kämpferisch.

"Als würde man den Dom fällen": Protest gegen Aus für Kastanienallee
Vorbeugung gegen Astbruch? Lesselallee Maaraue – Foto: gik

Denn die Lokalpolitikerin bezweifelt, dass der Fall der kompletten Allee notwendig ist – und sie hat gute Gründe dafür: „Über die Lesselallee diskutieren wir bereits seit Jahren“, sagt sie. Erst habe es geheißen, die Miniermotte schädige die Bäume. Daraufhin räumte sie mit Mitstreitern das Laub unter den Bäumen weg, weil es hieß, die Motte breite sich so aus. „Danach sahen die Bäume wieder gut aus“, sagt Mück-Raab. Nun sei es also der Wurzelpilz. „Ich zweifle das gar nicht an“, betont Mück-Raab: „Aber was folgt denn daraus? Der Fall der kompletten Allee?“

Die Stadt Wiesbaden hatte in ihrer Mitteilung davon gesprochen, die Allee müsse ersetzt werden, die Kastanien sollten sogenannten Flatter-Ulmen weichen, die besser dafür geeignet seien, regelmäßig vom Hochwasser nasse Füße zu bekommen. Dass es sich bei der Allee um sage und schreibe 71 Bäume handelt, schrieb sie nicht. Doch die Stadt beruft sich auf Gutachten: Diese hätten in den vergangenen Jahren den Befall der Lesselallee mit Phytophthorapilzen nachgewiesen, nun habe sich der Pilz so flächendeckend ausgebreitet, dass bei der “überwiegenden Anzahl der Kastanien eine maßgebliche Astbruchwahrscheinlichkeit” bestehe.

Unversorgte Baumkronen? Brüchige Äste? Bäume, die nicht mehr standsicher sind? Mück-Raab kann das nicht glauben: „Nach der Logik kann man ganze Wälder abholzen“, sagt sie: „Unsere Kinder werden dann keine alten Bäume mehr kennen.“ Die Frage sei doch, wie man mit so einem Naturerbe umgehe: Noch nie sei nämlich die Frage gestellt worden, wie man die alten Bäume retten könne. Von 30 der alten Bäume gehe nämlich gar keine Gefahr aus – das stehe im Gutachten der Stadt Wiesbaden, betont Mück-Raab. Die Stadt aber wolle sich lieber um das Problem nicht kümmern – und zäune es deshalb ein.

"Als würde man den Dom fällen": Protest gegen Aus für Kastanienallee
Allee hinter Gittern – Foto: gik

„Der Zaun ist doch eine Schikane“, sagt Mück-Raab und zeigt, wie weit der von der Allee entfernt ist. „Ob die Bäume wohl Äste weit werfen?“, fragt sie sarkastisch. Auch eine Wiese daneben wird großflächig abgesperrt, der Zaun zwingt nun aber Fußgänger, Jogger und Radfahrer auf die kleine Fahrstraße gemeinsam mit den Autos, die zum Bolzplatz, zum Turnverein oder zum Restaurant Rhein-Main-Terasse wollen. „Wenn im Sommer das Schwimmbad aufhat, geh‘ ich hier mit meinen Kindern nicht mehr lang“, schimpft ein Kostheimer Spaziergänger: „Viel zu gefährlich!“

Mück-Raab und ihre Mitstreiter fordern nun ein weiteres Gutachten, sie trauen dem der Stadt nicht. Die verweist darauf, dass der Ortsbeirat in Kostheim vor einem Jahr dem Austausch der Allee zugestimmt habe. „8 zu 7“, sagt Mück-Raab prompt, so sei die Abstimmung ausgegangen: 8 Stimmen von CDU, FDP und Freien Wählern dafür, 7 Stimmen von SPD und AUF dagegen. Sonst sei der Stadt Wiesbaden im übrigen völlig egal, was der Ortsbeirat beschließe, sagt Mück-Raab: Ein seit Jahren einstimmig geforderter Zebrastreifen am Altenheim werde ignoriert, aber hier berufe man sich auf einen Ortsbeiratsbeschluss – demokratisch sei das nicht.

"Als würde man den Dom fällen": Protest gegen Aus für Kastanienallee
Zaun mit Schildern, Marion Mück-Raab mit Hund Bella – Lesselallee 2014 – Foto: gik

Am Zaun auf der Maaraue entwickelt sich derzeit ein wahrer Zauntourismus. Menschen bleiben stehen, steigen vom Rad, lesen die Hinweisschilder der Stadt Wiesbaden. Und sie hinterlassen eigene Spuren: „Ich will Laufen auf eigene Gefahr!“ hat einer in sechs einzelnen Schildern an den Zaun gehängt, ein anderer dichtete: „Ich fühle mich genötigt zu schreiben: Hier entsteht Kleister in Scheiben.“ Presseberichte hängen hier, und ganz oben ein Schild: „Mr. Gerich – open this gate… tear down this wall!“

Die Hoffnung von Mück-Raab ruhen nun auf dem Wiesbadener Umweltausschuss, der nun über das Schicksal der Allee beraten soll. Unter der früheren Wiesbadener Umweltdezernentin Rita Thies (Grüne) habe es die Diskussionen um die Lessellallee übrigens auch schon gegeben, sagt Mück-Raab. Die Haltung von Thies sei damals gewesen: die Allee in Würde altern lassen. „Das“, sagt Mück-Raab“ wünschen wir uns für die Leselleallee auch.“

Info& auf Mainz&: Die Kostheimer wollen für den Erhalt der Allee weiter kämpfen. Auf einer eigenen Facebook-Seite informieren die Allee-Kämpfer über aktuelle Entwicklungen, ein Fest zur Kastanienblüte in den kommenden Wochen ist geplant. Zudem verkauft Marion Mück-Raab einen Kalender mit Bildern der Lesellallee zum Unterstützer-Preis von 20,- Euro. Das Geld soll in Fachgutachten fließen. Interessenten können sich unter mueck-raab ät gmx.de melden. Zu den Infos und Gutachten der Stadt Wiesbaden geht es hier.

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