„Das ist besser als jeder Tatort“, sagte ein Mitarbeiter am Frankfurter Flughafen im April 2013. Die Fraport hatte geladen, um mal zu zeigen, wie das so aussieht mit dem Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen. Das Nachtflugverbot zwischen 23.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens ist für die geplagte Region viel zu kurz, keine Frage. Doch wie die Flughafenlogistik um jede Minute feilscht und zockt, das ist tatsächlich ein spannendes Stück – das jeden Abend am Flughafen aufgeführt wird.

Mainz&-Erfinderin Gisela Kirschstein war im April 2013 live dabei, wenn der Flughafen auf den letzten Metern noch Überseeflüge und Postflieger auf die Reise schickt – und es heißt: „Meistens schafft sie es noch.“ Eine Reportage über Logistik, hundertfach reservierte Hotelbetten – und ein spannungsgeladenes Finale, das um Punkt 23.00 Uhr endet.

Von Gisela Kirschstein

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Flughafen Frankfurt/Main. Der Countdown für die Nacht beginnt um 20.00 Uhr. Am Himmel über dem Frankfurter Flughafen leuchtet eine Perlenkette anfliegender Maschinen. Noch drei Stunden bis das Nachtflugverbot um 23.00 Uhr greift. Und noch wollen rund 200 startenden und landende Flugzeuge abgefertigt werden, darunter allein 100 von der Lufthansa. „Wir ringen jede Nacht um die letzten Minuten“, sagt Andreas Döpper, Stationsleiter der Lufthansa am Frankfurter Flughafen.

Ringen um jede Minute bis 23.00 Uhr - Reportage vom Frankfurter Flughafen (€)
Wer schafft vor 23.00 Uhr noch den Start am Frankfurter Flughafen? – Foto: gik

Problemfälle sind orange

„Die Problemfälle können wir schon jetzt identifizieren“, sagt Prümm. Das Computersystem der Leitstelle kann die Abfertigungsschritte jeder einzelnen Maschine berechnen und bis auf die Minute genau die Startzeit prognostizieren. Es ist 20.30 Uhr, und drei Maschinen sind orange markiert. „Bei denen wird’s eng“, sagt Prümm.

Den 21. Oktober 2011 sprechen sie hier am Frankfurter Flughafen nur noch in Großbuchstaben. Es war der Tag, an dem das Nachtflugverbot seine Gültigkeit bekam, seitdem müssen sie hier um 23.00 Uhr den Flughafenbetrieb weitgehend stilllegen, erst um 5.00 Uhr darf es mit Starts und Landungen weitergehen.

Für die Anwohner um den Frankfurter Flughafen ist das nicht genug: Seit anderthalb Jahren protestieren sie mit ungebremster Wut gegen die Maschinen, die Tag und Nacht über ihre Köpfe donnern. Wenn es nach ihnen ginge, würde das Nachtflugverbot auf 22.00 Uhr bis 6.00 Uhr ausgeweitet – 49 Prozent der Hessen sehen das genauso. Die Proteste gelten auch den Maschinen, die immer wieder per Ausnahmegenehmigung nach 23.00 Uhr starten dürfen: Das Nachtflugverbot sei „löchrig wie ein Schweizer Käse“, schimpfen sie.

Bei Fraport sieht man das anders: „Die Behörde ist extrem rigide“, sagt Peter Schmitz, Operations-Vorstand der Fraport AG. Die Ministeriumsvertreter, die am Flughafen die Einhaltung des Nachtflugverbots überwachen, schauten auf die Sekunde genau hin: „Bei denen gilt nicht 23.01 Uhr, sondern Punkt 23.00 Uhr“, seufzt Schmitz. Die Folge: An 408 Tagen fand seit Oktober 2011 kein einziger Start nach 23.00 Uhr statt, 28.000 Passagiere strandeten am Flughafen. „Fliegen ist eine Outdoor-Veranstaltung“, sagt Schmitz.

1.300 Starts und Landungen, Pünktlichkeit: 84,5 Prozent

Ringen um jede Minute bis 23.00 Uhr - Reportage vom Frankfurter Flughafen (€)
Startender Airbus Lufthansa am Frankfurter Flughafen – Foto: gik

Inzwischen ist es 22.09 Uhr, und der Countdown läuft. Noch 51 Minuten bis zur Deadline, aber noch zeigt das System 18 Landungen und 27 Starts. „Jetzt wird’s sportlich“, sagt Lufthansa-Manager Döpper, und zeigt auf eine Maschine. LH 1290 ist orange eingefärbt, die Maschine hätte schon um 21.50 Uhr nach Ankara starten sollen. Doch Crew und Passagiere mussten wegen eines technischen Fehlers die Maschine wechseln, ganze 30 Minuten bleiben dafür an Zeit. „Wir schaffen das“, sagt Döpper.

450 Hotelzimmer vorreserviert, für alle Fälle

450 Hotelzimmer hat sich die Lufthansa, wie in jeder Nacht, in umliegenden Hotels vorreservieren lassen – falls eine Maschine doch nicht mehr rechtzeitig starten kann. „Heute Abend werden wir mit 40 Zimmern auskommen“, sagt Döpper, doch das sei auch schon anders gewesen: 9.000 Passagiere musste die Lufthansa im Januar in einer einzigen Nacht unterbringen, da habe man bis nach Würzburg hinunter „alles aufgekauft.“

Ankara-Maschine, Postflieger – schaffen sie es noch?

22.15 Uhr. Eigentlich sollten jetzt alle Flugzeuge ihre Positionen an den Terminals verlassen haben und Richtung Startbahn rollen. Die Ankara-Maschine steht aber noch immer an ihrem Platz, ebenso ein Postflieger des Paketdienstes DHL nach Leipzig. „Die ist jede Nacht die Letzte“, sagt Schmitz: „Meistens schafft sie es.“

Ringen um jede Minute bis 23.00 Uhr - Reportage vom Frankfurter Flughafen (€)
Lufthansa Maschine am Frankfurter Flughafen – Foto: gik

419 Ausnahmeanträge hat die Lufthansa im ersten Betriebsjahr wegen Wetterturbulenzen oder auch wegen starkem Andrangs an den Startbahnen in der letzten Stunde gestellt, 395 Maschinen durften nach 23.00 Uhr noch abheben. An diesem Abend lässt die Deutsche Flugsicherung nach Süden starten, dort steht aber nur eine Bahn, die 18 West, zur Verfügung, es gibt Stau.

Noch neun Starts und noch 30 Minuten

22.29 Uhr, noch immer wollen neun Maschinen starten. „Das wird passen“, sagt Döpper optimistisch. Trotzdem werde jetzt schon mal ein Antrag auf Ausnahmegenehmigung für die Ankara-Maschine vorbereitet – sicher ist sicher. Die Entscheidung könne binnen zehn Minuten getroffen werden, berichtet er.

22.37 Uhr. Alle Augen sind jetzt auf die Bildschirme gerichtet. „Das ist jeden Abend wieder besser als der Tatort“, sagt der stellvertretende Verkehrsleiter der Fraport, Patrick Spijkers. In der Leitstelle können sie jetzt nur noch zugucken, der Ablauf liegt ganz bei der Deutschen Flugsicherung. „Es ist jetzt an denen, das Letzte rauszuholen“, sagt Spijkers. Mindestens drei Minuten Abstand muss zwischen den startenden Maschinen sein.

Ringen um jede Minute bis 23.00 Uhr - Reportage vom Frankfurter Flughafen (€)
Wenn die Sonne untergeht… – Foto: gik

Noch 7 Starts – und noch 12 Minuten

22.48 Uhr. Noch immer warten sieben Maschinen auf ihren Start, die Flugsicherung nutzt jetzt auch eine der Centerbahnen. Um 22.51 Uhr warten noch immer fünf Flugzeuge auf ihren Start. „Ob sie die alle noch rauskriegen…“, sagt einer: „Jetzt wird’s eng.“

22.53 Uhr. Die Lufthansa-Maschine nach Ankara hebt vom Boden ab, hinter ihr warten noch immer vier Flugzeuge. Die letzte in der Reihe ist jetzt eine Lufthansa-Maschine nach Kiew. Der Airbus A321 hätte schon um 22.15 Uhr starten sollen, jetzt hoffen sie in der Leitstelle, dass sie die 200 Gäste nicht zurückholen müssen.

22.57 Uhr. Die vorletzte Maschine, ein Flug nach Qatar, hebt ab. Die anderen Flugbahnen werden jetzt offiziell gesperrt – und für die Bautrupps freigegeben. Jede Nacht werden die Bahnen ausgebessert, unter Hochdruck. In sechs Stunden muss alles wieder bereit sein.

22.59 Uhr und ein paar Sekunden. Die Maschine nach Kiew hebt ab, als letzte an diesem Abend. Es hat mal wieder geklappt, wenn  auch erst auf die letzte Minute. Eine Condor-Maschine nach Panama hat es wegen technischer Probleme nicht mehr rechtzeitig geschafft, 260 Passagiere müssen dableiben. Auch die Maschine nach Graz hat es nicht geschafft – sie ist in London geblieben. Die Terminals am Flughafen leeren sich. Der nächste Flug wird hier am Freitagmorgen abheben: um 5.00 Uhr nach Palma de Mallorca.

 

 

 

 

1 KOMMENTAR

  1. Ich habe zum Thema Fluglärm bereits vor ein paar Tagen einen Kommentar verfasst und ich kann nur genauso hartnäckig wie die ewigen Meckerer immer wieder sagen: jedes Ding hat nun mal zwei Seiten! Und wenn ich nun lese, dass eine heftige Gewitterzelle unbeweglich über dem Flughafen hing, dann kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb in diesem Falle von sogen. „Höherer Gewalt“ man sich dann darüber beschwert, wenn danach Flüge stattfinden. „Jeder ist sich selbst der Nächste“ oder wie ist da die Geisteshaltung der Beschwerdeführer? Wie wäre es, wenn man mal überlegen würde, WARUM dann so spät noch Flüge stattfinden – immerhin ist es ja zu normalen Tagen mittlerweile nicht mehr so und wird offenbar bis an die „Schmerzgrenze“ aller Verantwortlichen täglich bzw. allnächtlich neu ausgefochten! Stress pur!!!! Ich beneide diese Leute wirklich nicht!
    Und nochmal an alle Gegner: Flughafen nein? – Aber Flugreisen schon? – Arbeitsplätze ja, auch mit dem Arbeitgeber Flughafen? JA? – wirtschaftliche Prosperität im Rhein-Main-Gebiet Ja? – Flughafen gut erreichbar ohne lange zusätzliche Anreise Ja? Sollten Sie überwiegend „ja“ sagen, dann ist Ihre Ablehnung gegen den Flughafen und die damit nun mal einhergehenden und sicherlich nicht immer angenehmen Begleiterscheinungen eigentlich nicht haltbar! denn , wer A sagt muss auch B sagen. Es wäre sehr ratsam, wenn man mal die Perspektive wechselt und dann versucht, eine etwas unaufgeregtere und weniger egoistische Beurteilung zu finden.
    Wir leben nun mal in einer sehr lauten Zeit, bedingt durch alle Verkehrsmittel, aber auch verursacht durch das mittlerweile sehr laute Verhalten des Menschen selbst, z.B. laute Unterhaltung überall und in jeder Situation, lautes Verhalten ohne Rücksicht auf allgemeine Ruhezeiten z.B. 13.00 -15.00 Uhr oder nach 22.00 Uhr, etc. und wir leben geographisch auf engem Terrain.

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