„Kann mir mal einer sagen, wann es hier los geht?“ Andreas Schmitt war sichtlich ungehalten: Satte 20 Minuten hing am Mittwoch bei der Generalprobe von „Mainz bleibt Mainz“ der Start, und die Kommunikation zwischen Regie und Sitzungspräsident funktionierte nicht wirklich… Ein bisschen symptomatisch war das schon: Das ZDF zieht „das Event“ Fernsehsitzung routiniert durch – heraus kommt eine Sitzung mit vielen Klassikern, Rednern in Hochform, aber ohne echte Überraschungen.  Die Sendung rocken – die jungen Leut‘. Und ein Überraschungsgast, der eigentlich keiner mehr ist…

Routiniert, unterhaltsam und mit viel Klartext - So wird "Mainz bleibt Mainz" am Freitag
Margit Sponheimer und die Schnorreswackler gratulieren Mainz 05 zum 111. Geburtstag – Foto: gik

Es war jetzt das dritte Mal, wenn wir richtig gezählt haben, dass die Fernsehmacher eine musikalische Überraschung ankündigten – und heraus kam Margit Sponheimer. Zugegeben: Die Ikone der Mainzer Fastnacht ist noch immer eine Wucht. „Es Margittsche“, wie ihr alter Spitzname lautet, muss nur auf die Bühne kommen – und schon ist Stimmung im Saal, Begeisterung, Schwung. Sensationell.

Aber dass die Altsängerin schon wieder als „Überraschungsgast“ in Erscheinung tritt und dabei natürlich schon wieder „Am Rosenmontag bin ich geboren“ schmettert – Leute, Leute. Um genau zu sein: Liebe Fernsehleute. Eine Überraschung ist das nun wirklich nicht mehr, wenn Ihr auf die geniale Sponheimer nicht verzichten wollt oder könnt, nehmt sie doch einfach wieder ins Programm.

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Mainz 05-Moment bei Mainz bleibt Mainz – Foto: gik

Margit Sponheimer darf die Bühne nach etwas über einer Stunde entern, gemeinsam mit Thomas Neger und den Schnorreswacklern gratuliert sie Mainz 05 zum 111. Geburtstag – eine super Nummer mit viel, viel Schwung, wenn auch leider am Mittwoch komplett ohne Fußballer oder auch nur irgendeinem 05er. Mal sehen, ob das am Freitag anders ist. „Wir sind nur ein Karnevalsverein“ – der Hit darf beim Geburtstagsständchen natürlich nicht fehlen, und zum Abschluss der Gratulationsnummer gibt’s dann noch mal „Im Schatten des Doms“.

Da ist dann „Mainz bleibt Mainz“ schon in vollem Schwung: Nach dem Einmarsch der Garden begrüßt Thomas Neger die Gäste im Schloss musikalisch mit „Rucki Zucki“ – ausgerechnet. Der Uralt-Hit kommt zwar ganz gut an – wirklich rocken tun den Saal später andere mit modernen und aktuellen Liedern. Liebe Fernsehmacher: Mainz hat längst ganz andere Hits zu bieten…

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Till auf der Reichstagskuppel – eine Bank – Foto: gik

Friedrich Hofmann fällt dann als „Till“ die Rolle zu, das Protokoll zu halten und die Fahne der politisch-literarischen Fastnacht hochzuhalten – und das tut er mit Bravour. Seehofer, Flüchtlingskrise, Europas Versagen, das unsolidarische Polen, dazu VW, Bundeswehr-Pannen – die Leyen-Truppe -, Fifa und DFB –  der „Till“ ist hochaktuell, scharfzüngig und dabei feinsinnig-gebildet. Hut ab für diesen Vortrag, der auch noch in gekonnten Reimen einher kommt.

Und der „Till“ spricht Klartext, was die Alternative für Deutschland (AfD) angeht – wie übrigens ausnahmslos alle Redner an diesem Abend. Zur Absicht von AfD-Chefin Frauke Petry, an der Grenze auch auf Flüchtlinge zu schießen, sagte der Till ganz ernst: „Hier stoß an Grenzen ich im Vers, denn das ist grenzenlos pervers.“ Wenn es nach dem Beifall geht, den alle Redner bei der klaren Verurteilung der rechts-braunen AfD-Umtriebe am Mittwochabend bekamen, dann kommt die AfD am 13. März bei der Landtagswahl niemals auf zehn Prozent.

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Räumt ab: Jürgen Wiesmann als Ernst Lustig – Foto: gik

Auf den Till folgt übergangslos Jürgen Wiesmann als Ernst Lustig, der den Hausmann mimt. Wiesmann ist grandios gut aufgelegt, seine Witze sitzen, seine Mimik wie immer urkomisch – „VA“, wie Sitzungspräsident Schmitt bewundert anmerkt: „Voll abgeräumt.“ Schade nur, dass Wiesmann quasi die Fortsetzungsgeschichte vom Vorjahr erzählt, dieselben Figuren, dieselbe Machart. Erzählen wir dann nächstes Jahr die Fortsetzung der Fortsetzung der Fortsetzung? Immerhin: Wiesmann schafft die Weiterführung seiner Rolle, ohne platt zu wirken oder sich zu wiederholen.

Ein anderer schafft das nicht: Hansi Greb als „Hoppes“ hatte 2015 einen wirklich grandios-komischen Vortrag, in diesem Jahr wirkt dasselbe Rezept leider in weiten Teilen nur noch platt. Die Witze zünden nur mäßig, der „Hoppes“ rettet sich in Lautstärke und darein, das Publikum einfach mitgrölen zu lassen. Doch Mettigel, Kommunion und Tanten-Geschichten wirken einfach altbacken, wo sich der „Hoppes“ im Vorjahr urkomisch selbst auf die Schippe nahm.

Das ist umso bedauerlicher, als Greb direkt nach dem Mainz 05-Geburtstagsständchen kommt – und ziemlich viel vom gerade eben entstandenen Schwung wieder aus der Sitzung nimmt. Und Nein, das hat mit seinem Platz im Programm nach unserer Beobachtung nichts zu tun. Glänzend kommt nämlich direkt danach Detlev Schönauer als „Bio-Lehrer“ an, denn der widmet sich aktuellen Themen: Veganer-Wahn, Gender-Wahn – und der Dummheit.

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Herrlich-närrischer Sprach-Unterricht: Detlev Schönauer als „Bio-Lehrer“ – Foto: gik

„Facebook macht nicht dumm, aber es hilft vielen Leuten, ihre Dummheit bekannt zu machen“, sagt Schönauer trocken. Und noch sei Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ja auch auf Facebook, „bis sie merkt, dass die AfD auch da ist…“ Schönauer seziert dazu ausgesprochen klug Sprache und Dialekte und konstatiert: „Wofür sollen die Flüchtlinge Hochdeutsch lernen? Mit wem sollen die denn babbele? Kann doch keiner…“

Herrlich, seine Dialekt-Parodien, und irrsinnig, wie er am Ende Punkt, Komma und überhaupt die Satzzeichen vertont – welcher Kabarettist hat das noch mal erfunden…? Schönauer jedenfalls räumt bei seinem zweiten Auftritt bei „Mainz bleibt Mainz“ gehörig ab – doch die tiefe Liebe des Publikums gehört den „echten“ politischen Rednern: Lars Reichow glänzt mit einem starken Auftritt seiner „Fastnachtsthemen“ und spricht dabei auch Talkshows, Angelique Kerbers Gewinn der French Open im Tennis und die Überraschungs-Europameister im Handball an.

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Grandioser Lars Reichow – Foto: gik

Vor allem aber spricht Reichow Klartext: „Liebe Muslime“, sagt er, „wir haben hier nur einen Gott – und der heißt Jokus. Und über den wird auch mal gelacht.“ Köln, IS-Zombies, Grabscher, der Kabarettist schafft es, alle Top-Themen sensibel, klar und mit viel Humor zu verpacken. „Lieber Sven Gerich“, wird sich etwa der SPD-OB von Wiesbaden anhören müssen, „wir können einfach nicht alle aufnehmen, das ist einfach eine andere Kultur.“ Mit Tempo 30 in der Rheinallee und der Schiersteiner Brücke spricht Reichow auch lokale Themen an – und als einziger das Jubiläum 200 Jahre Rheinhessen. Danke, Lars!

Der unangefochtene Star der politisch-literarischen Fastnacht aber ist nach dem Tod von Jürgen Dietz, dem „Boten vom Bundestag“, Hans-Peter Betz. „Guddi Gutenberg“ kommt früh in der Sendung, und er setzt Maßstäbe. „Guck mal, sie interessiert sich doch für Politik“, lästert er über Merkel, droht der AfD bei der nächsten Demo mit den Hofsängern und stellte Pegida, Petry und braune Hetzer gehörig in den Senkel. Ganz stark seine leise, klare Hommage an Paris am Ende – der Saal dankt es ihm mit langanhaltenden Ovationen.

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Liest die Leviten: Hans-Peter Betz als Guddi Gutenberg in Hochform – Foto: gik

Und das Neue in der Sendung? Das Innovative? Das, was die Säle rockt? Nun ja. Die einzigen Neuen sind die A-Cappella-Jungs von S!una mit ihrem fetzigen Mainz-Lied, doch die kämpften am Mittwoch erst einmal mit gewaltig mit der Tontechnik. Die Kapelle zu laut, die Jungs im Saal kaum zu verstehen – hoffentlich kriegt das ZDF das am Freitag besser in den Griff.

Wie man einen Saal rockt, zeigen mal wieder die Gonsenheimer Schnorreswackler. Bei „Fassenacht in Meenz“ tobt der Saal und wackelt die Bühne, leider erst nach drei Stunden Sitzung. Dazu kommt, dass die Fernsehleute die grandiose „Heile Gänsje“-Oper so zusammenstutzen, dass praktisch nichts übrig bleibt. Klar, dass eine 30-Minuten-Nummer für die Fernsehbühne zu lang ist – aber so? Zwei Minuten Ouvertüre und Medley, dann folgt abrupt das „Heile Gänsje“ selbst.

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Starker Auftritt: „Nachtwächter“ Adi Guckelsberger – Foto: gik

Aber was auf der GCV-Sitzung der ultimative Gänsehaut-Moment war, kommt bei „Mainz bleibt Mainz“ fast langweilig daher: Kein verdunkelter Saal, keine andächtige Stimmung, keine Zuschauer, die ganz leise die heimliche Mainzer Nationalhymne raunen – wenn sich die Fernsehleute da nicht noch was überlegen bis Freitag, ist ein potenzielles Highlight der Sendung ohne Not zerschossen.

Man wolle einige Vorträge noch ein bisschen  straffen, sagte ZDF-Redakteur Timo Rieth Mainz& nach der Sendung, „damit mehr Schwung reinkommt.“ Das dürfte auch Adi Guckelsberger betreffen: Der „Nachtwächter“ hat einen starken Vortrag, der aber ein paar völlig unnötige Längen hatte. Das Publikum liebt die Figur und reimt lustvoll die Enden mit – schade, dass Guckelsberger seine Zuschauer so selten aufs falsche Gleis führt, wie er das früher so oft getan hat.

Bleiben die Jungstars Martin Heininger und Christian Schier. Deren Fastnachts-Marketing trieb ja die Zuschauer in den Fastnachtssälen zu Lachkrämpfen, am Mittwoch auf der großen Fernsehbühne war das noch ziemlich verhalten. Die urkomische Nummer zündet so richtig im engen Saal, wir drücken die Daumen, dass am Freitag hier trotz eines Saals voll Polit-Prominenz die Post abgeht.

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Starker Abgang: Obermessdiener Andreas Schmitt – Foto: gik

Den furiosen und starken Schlusspunkt setzt wieder einmal Andreas Schmitt himself. Der Obermessdiener ist bissig und politisch-aktuell wie selten, und er hält ein eindringliches Plädoyer für Lebensfreude, Mitmenschlichkeit und echte Narretei: „Wer’s Leben für die Narrheit hält, hat manche heitere Stunde“ zitiert er den Mainzer Ur-Fastnachter Mundo – ein philosophischer Abschluss eines (stimm)gewaltigen Beitrags.

Bleiben, wie immer, die Hofsänger, die ein schwungvolles Medley aus ihrer 90-jährigen Bestehensgeschichte zum Besten geben. Wahnsinn – der bekannteste Fastnachtschor Deutschlands wird 90. Und gewürdigt wird das eigentlich nicht weiter. Oh Fernsehen – welch‘ Verbindung hast Du eigentlich noch zur Mainzer Fastnacht? Ist das alles nur noch „Event“ und „Show“ und Erfüllung von Erwartungshaltungen? Oder bildet die Mutter aller Fernsehsitzungen irgendwann auch mal wieder ab, mit welchem Schwung die Mainzer Fastnacht in den Sälen tobt?

Info& auf Mainz&: „Mainz bleibt Mainz“ wird am Fastnachtsfreitag, dem 5. Februar, live im ZDF aus dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz übertragen. Es ist die einzige Live-Fastnachtssendung im deutschen Fernsehen – und die 61. Los geht’s um 20.15 Uhr, und wir sind sicher: dieses Mal pünktlich 😉

Und hier wie immer unsere Fotogalerie: So wird die 61. Sitzung von „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht!“

 

2 KOMMENTARE

  1. nach dem bedauerlichen heutigen zugunglück kann man festhalten: der sprachlich stets brillante lars reichow hat den politischen aschermittwoch für die linken dieses landes innen und aussenpolitisch vorgezogen. ob das überhaupt der sinn der fastnacht ist, bleibt jedem selbst überlassen.

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