Ganz Mainz, ach was: das ganze Rhein-Main-Gebiet spekuliert inzwischen, was der enorme Riss in der Vorbrücke zur Schiersteiner Brücke zu bedeuten hat. Der Riss ist lang, und er ist offenbar tief – wie stehen die Chancen, dass das Bauwerk möglichst bald wieder Verkehr tragen kann? „Die Brücke ist richtig marode“, sagt der Mainzer Landtagsabgeordnete Gerd Schreiner (CDU). Und die Ingenieure müssten jetzt prüfen, „ob die Brücke überhaupt noch zu retten ist.“ Das klingt gar nicht gut.

Schreiner ist Architekt und beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Schiersteiner Brücke. Im Gespräch mit Mainz& sagte Schreiner nun, in Rheinland-Pfalz sei „zu viel Zeit verplempert worden“ mit Streit – und zwar über den Ausbau der A643 in Fortsetzung der Schiersteiner Brücke auf Mainzer Seite. In Mainz wollen alle Seiten eigentlich einen Ausbau 4+2, also vier Fahrspuren plus zwei Standstreifen, die bei hohem Verkehrsaufkommen als dritte Spur dazugenommen werden können.

Dieser Riss ist der Grund der Sperrung - Foto: gik
Dieser Riss ist der Grund der Sperrung – Foto: gik

Allerdings, sagt Schreiner, zahle der Bund nur dann für Lärmschutzmaßnahmen, wenn die Autobahn 6-spurig ausgebaut wird. Das Bundesverkehrsministerium hat inzwischen den 6-spurigen Ausbau angeordnet.

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Schreiner argumentiert nun, die Autobahnböschung samt angrenzenden Streifen sei ohnehin so stark mit Tausalzen und Russ belastet, dass dieser Bereich ohnehin keine schützenswerten Bereiche mehr seien. „Das hat die Vegetationsschicht geändert“, betont er. Diesen Bereich von zehn bis fünfzehn Metern könne man dann auch bebauen – ohne dass man in das Naturschutzgebiet einzugreifen.

Auch die Schiersteiner Brücke selbst samt der Vorbrücke auf Mainzer Seite sei stark geschädigt: Über viele Jahrzehnte seien Tausalze mit dem Regenwasser in den Beton eingedrungen, und hätten diesen massiv geschädigt. In den Beton sind zur Verstärkung Stahlträger eingebaut, und genau diese seien von Rost bedroht. „Es hat schon einen Grund, dass man da nur 60 kmh fahren durfte“, sagte Schreiner.

Der jetzt entstandene Riss lege den Verdacht nah, dass hier die Stahlkonstruktion „nicht nur oberflächig verrostet ist“, sagt Schreiner: „Man muss befürchten, dass die Stahlkonstruktion an dieser Stelle komplett gebrochen ist.“ Die Vorlandbrücke, erklärt Schreiner, funktioniere aber „nur als Ganzes.“ Die Brücke sei nicht, wie heute üblich, in zwei Teilen gebaut worden, ein Teil pro Fahrtrichtung, sondern bilde ein einziges Stück – und das ruhe jetzt auf einem Pfeiler weniger.

Ist denn dann die Brücke überhaupt noch zu retten? Und es ist ja geradezu unheimlich, aber der Bruch in der Brücke ist genau im Zeitplan. Im Hessischen Verkehrsministerium warnte man nämlich bereits im Jahr 2005, der Schiersteiner Brücke blieben noch genau zehn Jahre – dann müsse das marode Bauwerk abgerissen werden. „Die Brücke wird in zehn Jahren nicht mehr sicher sein“, sagte der damalige Sprecher des hessischen Verkehrsministeriums: „Die Restnutzungszeit läuft 2015 ab.“

Berichtet hatte das die Mainzer Rhein-Zeitung, die als Konsequenz zog: „Zehn Jahre bleiben den Planern, um Mainz vor einem Verkehrschaos zu bewahren.“ Die schwindende Tragfähigkeit der Brücke lasse dann einen Autoverkehr nicht mehr zu. Beim Landesbetrieb Mobilität wird dagegen betont, das Absacken der Brücke sei ein Unfall im Rahmen der Bauarbeiten und habe mit dem Zustand der Brücke an sich nichts zu tun.

Schreiner aber wirft den Rheinland-Pfälzern vor, zu lange gewartet zu haben und jetzt hinterher zu hinken: Der Brückenteil in Wiesbaden „ist praktisch fertig, und in Rheinland-Pfalz diskutieren wir noch.“ Das allerdings mochte man beim Verkehrsbetrieb Hessen Mobil so nicht bestätigen: Alle Arbeiten seien im Zeitplan – auch die auf Mainzer Seite.

Schreiner jedoch klagt, es gebe einen Minimalkonsens zwischen SPD und Grünen, sich in Sachen Autobahnausbau „nicht weh zu tun.“ Die Grünen hätten einen schnellen Neubau verhindert, „so kommt man aber nicht weiter.“

Schiersteiner Brücke - Wendeltreppe und Riss hoch - Foto Kirschstein
Übel, übler, Schiersteiner – das sieht nicht gut aus – Foto: gik

Die Grünen weisen das empört zurück und werfen Schreiner eine „dreiste Lügenkampagne“ vor: „Egal wie oft der Vorwurf wiederholt wird, die Grünen hätten den Neubau der Schiersteiner Brücke blockiert, er wird immer eine Lüge bleiben“, schimpft Nils Wiechmann, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Landtag. Er verlange eine Entschuldigung und eine Rücknahme von Schreiner.

Das Bündnis zum Schutz des Naturschutzgebietes Mainzer Sand, betont seinerseits: “ Die Stellungnahmen der Naturschutzverbände im Rahmen der Planung von Schiersteiner Brücke und Schiersteiner Kreuz haben nie zu Verzögerungen geführt.“ Man habe einen sechsspurigen Ausbau der Brücke sowie des Teils bis zum Schiersteiner Kreuz auf der hessischen Seite „immer als notwendig“ angesehen. Der Ausbau sei nämlich nötig, um die Stauursachen zu beseitigen – und die lägen auf hessischer Seite.

„Man sollte dieses bedauerliche Unglück, das vielen Pendlern und auf das Auto angewiesenen Mitbürgern große Probleme bereitet, nicht missbrauchen“, sagte Jürgen Weidmann, Sprecher des Bündnisses „Nix in den (Mainzer) Sand setzen.“ Im Übrigen sei die 4+2-Lösung „für die Abschnitte durch den Mainzer Sand und den Lennebergwald die kostengünstigste, naturschonendste und am schnellsten umsetzbare Variante.“

Mainz& Meinung: Wir sagen jetzt mal so: Das Marode der Brücke war bekannt, doch beeilt hat sich deshalb trotzdem niemand. Erst 2013 wurde mit dem Neubau der Schiersteiner Brücke begonnen, viel zu spät also. Man hat wohl gehofft, es werde schon gut gehen. Doch das ist es nicht: die Schiersteiner Brücke ging geradezu pünktlich in die Knie. Jetzt ist guter Rat teuer – und niemand will es gewesen sein…

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