Die Stadt Wiesbaden will auf dem Wiesbadener Ostfeld einen neuen Stadtteil errichten, die Argumente sind die gleichen wie in der Mainzer Diskussion um einen neuen Stadtteil: Hohe Mieten, steigende Immobilienpreise, erheblicher Zuzug nach Wiesbaden – Wohnungen für bis zu 12.000 Menschen im Gebiet Ostfeld/Kalkofe sollen Abhilfe schaffen. Man brauche das Ostfeld, um Wiesbaden eine gute Zukunft zu sichern, argumentieren die Planer. Die Bürgerinitiative „Hände weg von Os/Ka“ widerspricht: Das Projekt solle durchgepeitscht werden, viel zu viele Fragen seien unbeantwortet – und der neue Stadtteil würde der Mainzer Innenstadt die Frischluftzufuhr abschneiden.

Lufttemperaturkarte des Wiesbadener Ostfelds und Umgebung, ganz unten in Gelb der Rhein, darunter die aufgeheizte Mainzer Innenstadt. - Grafik: Geoplant, Foto: gik
Lufttemperaturkarte des Wiesbadener Ostfelds und Umgebung, ganz unten in Gelb der Rhein, darunter die aufgeheizte Mainzer Innenstadt. – Grafik: Geoplant, Foto: gik

Am Dienstagabend hatte die Wiesbadener Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) zu einer Online-Expertenrunde geladen, man wolle auf die vielen Fragen zum Ostfeld Antwort geben, versprach die Ankündigung. Der Abend fand als Web-Seminar über eine Online-Plattform statt, die Teilnehmer konnten Fragen schriftlich in dem Online-Tool einreichen – ob diese auch gelesen wurden, blieb im Verlaufe des Abends mehrfach unklar. Die Beantwortung mehrerer Fragen blieb jedenfalls aus – es sollte kein Einzelfall im Laufe dieses Abends bleiben.

Die Stadt Wiesbaden will auf einem 490 Hektar großen Gelände zwischen Wiesbaden-Erbenheim, der Bundesstraße B455 und der Deponie Dyckerhoffbruch rund um die bestehende kleine Siedlung Fort Biehler einen neuen  Stadtteil errichten. 8.000 bis 12.000 Menschen sollen hier frühestens ab 2027 eine neue Heimat finden, dafür zwischen 4.000 und 6.000 neue Wohnungen vorwiegend in einem Mix aus Miet- und Eigentumswohnungen entstehen. Auch zwei neue Gewerbegebiete sind geplant, auf dem nördlichen Gelände soll das Bundeskriminalamt einen Neubau erhalten, der alle bisherigen Standorte zusammenführen soll – eine entsprechende Absichtserklärung wurde Ende vergangener Woche unterzeichnet.

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Siedlungsskizze für das Wiesbadener Ostfeld - Grafik: SEG
Siedlungsskizze für das Wiesbadener Ostfeld – Grafik: SEG

„Mit dem Ostfeld planen wir die Zukunft Wiesbadens“, betont Stadtplanungsdezernent Hans-Martin Kessler (CDU). Anlass für die Idee: der erhebliche Wohnungsmangel im ganzen Rhein-Main-Gebiet. Wiesbaden werde laut Stadtentwicklungsprognosen bis 2040 rund 32.500 zusätzliche Wohneinheiten benötigen, schon jetzt gebe es starken Zuzug in das Rhein-Main-Gebiet, argumentiert die Stadt in einer aufwändig produzierten Broschüre für den Stadtteil. Der prognostizierte Bedarf an Wohnraum und Gewerbefläche könne aber durch eine Nachverdichtung nicht annähernd gedeckt werden: „Selbst wenn alle im Stadtgebiet vorhandenen und geeigneten Flächen zu Wohnbauzwecken bebaut würden, würde dies dennoch nicht ausreichen, um die vorliegenden Bedarfe zu decken“, betont die Stadt.

Der Kern des neuen Stadtteils soll dabei rund um das heutige Fort Biehler auf 67,5 Hektar Fläche entstehen, man wolle einen „dichten und urbanen Wohnungsbau in einem nachhaltigen Stadtteil im Sinne der Stadt der kurzen Wege“, heißt es in der Broschüre der Stadt. Zwischen den bebauten Flächen werde es aber „ein Netz von vielfältigen Naturräumen“ geben, heißt es weiter, 75 Prozent des Planungsgebietes blieben Natur und Landwirtschaft vorbehalten, lediglich 94 Hektar würden für die Bebauung beansprucht.

Die Siedlung Fort Biehler solle in ihrem Bestand erhalten bleiben, an das Gebiet „intensiv nutzbare Freiräume für Sport und Naherholung“ angrenzen. Zudem könne das Ostfeld ein Vorbild-Stadtteil in Sachen Umwelt mit umweltfreundlichen Materialien, hoher Dämmung, niedrigem CO2-Ausstoß und einer 100-prozentigen nachhaltiger Strom- und Wärmeversorgung aus erneuerbaren Energien werden – festgelegt ist das allerdings nicht.

Luftbild des Wiesbadener Ostfelds - Foto: Stadt Wiesbaden, Screenshot: gik
Luftbild des Wiesbadener Ostfelds – Foto: Stadt Wiesbaden, Screenshot: gik

„Wir sitzen hier im Maschinenraum, dies ist der Startschuss für eine Entwicklung“, betonte SEG-Geschäftsführer Roland Stöcklin am Dienstagabend: „Es ist hier nichts in Stein gemeißelt, da ist noch nichts  entschieden.“ In dem Seminar präsentierte dann ein Städteplaner aus Wien langatmig moderne Formen der Wohnbebauung und pries die Vorzüge klimaangepassten Bauens, inwiefern so etwas im Ostfeld umgesetzt werden würde, blieb indes unklar. Womöglich schon im September soll die Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung einen ersten Grundsatzbeschluss fassen, ob die Pläne für das Ostfeld weiterverfolgt werden sollen – Stöcklin erweckte mehrfach den Eindruck, als sei dies nur noch Formsache.

„Die Auswirkungen einer Ostfeld-Bebauung werden verheerend sein“, warnt indes der Grünen-Stadtverordnete Ronny Maritzen, das Problem dabei: Das Ostfeld ist eines von zwei wichtige Kaltluftentstehungsgebieten im Umfeld von Wiesbaden, die Felder liegen auf einer Anhöhe oberhalb der Rheinebene – und von dort ergießt sich jede Nacht ein breiter Kaltluftstrom den Hang hinunter zum Rhein. Mehr noch: Der Kaltluftstrom macht keineswegs am Rhein Halt – er fließt besonders in den Nachtstunden zwischen Mitternacht und 2.00 Uhr morgens auch über den Rhein und versorgt die Mainzer Neustadt, aber auch die Mainzer Altstadt mit kühler Frischluft.

Kaltluftanalysen des Deutschen Wetterdienstes im Rahmen von Klimprax, gut sichtbar: der lilafarbene Kaltluftstrom vom Ostfeld Richtung Rhein. - Foto: gik
Kaltluftanalysen des Deutschen Wetterdienstes im Rahmen von Klimprax, gut sichtbar: der lilafarbene Kaltluftstrom vom Ostfeld Richtung Rhein. – Foto: gik

Genau dies war eines der wichtigsten und auch überraschendsten Ergebnisse der Klimafolgenstudie Klimprax 2019. Bei dem Modellprojekt berechnete das Hessische Landesamt für Umwelt erstmals umfassend und mit neuen Methoden die Auswirkungen des Klimawandels für die Region Mainz-Wiesbaden, man erforschte, woher die Frischluft für die Innenstädte kommt, wo die Kaltluft entsteht und welchen Weg sie nimmt. Das für die Forscher durchaus überraschende Ergebnis: Der Kaltluftsee des Ostfelds ist nicht nur die zweitwichtigste Frischluftquelle für das Wiesbadener Stadtgebiet – sondern auch ein zentral wichtiger Frischluftlieferant für die Mainzer Innenstadt, vor allem entlang des Rheinufers.

Die kalte Luft versorgt nämlich vor allem in der ersten Nachthälfte Wiesbaden-Biebrich, sowie die rechtsrheinischen Stadtteile Amöneburg, Kastel und Kostheim (AKK) mit frischer Luft und schafft sogar den Sprung über den Rhein. Berechnungen aus dem Umweltamt der Stadt Mainz zeigen, dass weite Teile der Mainzer Neustadt, aber auch Teile der Mainzer Altstadt von der Frischluftzufuhr aus dem Ostfeld profitieren – der Wiesbadener Kaltluftsee trägt damit erheblich zur Senkung der Temperaturen in der aufgeheizten Mainzer Innenstadt bei.

Zwischen 2.00 Uhr und 4.00 Uhr wird der Kaltluftstrom aus dem Ostfeld zum breiten Kühlstrom entlang des Rheins. - Foto: gik
Zwischen 2.00 Uhr und 4.00 Uhr wird der Kaltluftstrom aus dem Ostfeld zum breiten Kühlstrom entlang des Rheins. – Foto: gik

Das ist keine Lappalie: Die Klimprax-Forscher warnten 2019, gerade die Mainzer Innenstadt könne schon ab 2030 durch den sich verstärkenden Klimawandel ein wahrer Glutofen mit 27 tropischen Nächten pro Jahr und mehr werden. 30 und mehr Hitzetage von mehr als 30 Grad, nahezu eine Verdoppelung der Tropennächte, Mainz drohe, ein Hitze-Hotspot zu werden, so die Experten. Klimprax war denn auch einer der Gründe für den Mainzer Stadtrat, im Herbst 2019 den Klimanotstand auszurufen.

„Wenn eines von zwei Kaltluftentstehungsgebieten mit Bauten zuknallt wird, wird das unseren Mainzer Nachbarn die Luft abdrehen – und den AKKlern auch“, warnt Maritzen: „Ich denke, es wird dann vier bis sechs Grad wärmer entlang des Rheins werden.“ Die Planer argumentieren, man könne ein Stadtgebiet so planen und bauen, dass es Luftschneisen aufweise und die Kaltluft noch immer hindurchströmen würden – Maritzen hält das für Unsinn: „Ein Kaltluftentstehungsgebiet, das zugebaut ist, da entsteht nichts mehr“, sagt er.

Die Stadt verweist auf ein Geogutachten, nach dem keine erheblichen Auswirkungen einer Bebauung auf die Kaltluftströme zu erwarten seien. „Bei einer Bebauung haben wir Staueffekte zu erwarten“, räumte der Geograph des Büros Ökoplana zwar am Dienstag im Webinar ein, die seien aber „gering, so dass in Richtung Kastel und Mainzer Altstadt keine Beeinträchtigung“ zu erwarten seien. Die Abschwächung der Kaltluft werde sich „maximal bis 1000 Meter nach Süden erstrecken.“

Darstellung des Mainzer Umweltamtes zu den Auswirkungen des Kaltluftstroms aus dem Mainzer Ostfeld für die Mainzer Innenstadt. - Foto: gik
Darstellung des Mainzer Umweltamtes zu den Auswirkungen des Kaltluftstroms aus dem Mainzer Ostfeld für die Mainzer Innenstadt. – Foto: gik

Dem widersprach sogar einer der städtischen Experten: „Einer Auswirkung durch eine Bebauung kann man nicht entgehen“, sagte Professor Lutz Katzschner: „Das Ostfeld ist klimatisch bedeutsam, und dem müsste auch Rechnung getragen werden.“ Ihm fehle ein klimatisches Gesamtleitbild für Wiesbaden, das Fragen beantworte, welche Kaltluftströme man für Wiesbaden erhalten wolle – und welche für Mainz. Alle diese Punkte stünden „noch an, wenn man ins Konkrete geht“, hieß es daraufhin von Seiten der SEG, derzeit könne man dazu nur grobe Aussagen machen. Detailliertere Berechnungen sollten im Rahmen der weiteren Planung erfolgen – nach dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung.

Die Bürgerinitiative „Hände weg von Os/Ka“ wirft deshalb der Stadtentwicklungsgesellschaft vor, mit unklaren Aussagen einen Entschluss pro Ostfeld herbeireden zu wollen: „Die SEG sagt immer: Danke für Ihre Fragen, wir klären das später, alle Detailfragen werden nur mit warmer Luft beantwortet“, kritisiert BI-Sprecherin Sabine Maritzen. Nach außen werde der Eindruck erweckt, die Projektidee Ostfeld/Kalkofen sei innerhalb der zuständigen Gremien vollständig geprüft und für gut befunden worden, doch dem sei nicht so: „Die Planung ist in allen Bereichen nicht sauber vorbereitet“, kritisiert Maritzen, „aber sie soll in der Stadtverordnetenversammlung zur Abstimmung gestellt werden.“

Könnte so die Bebauung des Wiesbadener Ostfelds aussehen? Dieses Foto wurde bei einer Veranstaltung der Stadt gezeigt. - Foto: Maritzen
Könnte so die Bebauung des Wiesbadener Ostfelds aussehen? Dieses Foto wurde bei einer Veranstaltung der Stadt gezeigt. – Foto: Maritzen

Zu den unbeantworteten Fragen gehöre etwa die Frage der Dichte und Höhe der Bebauung, sagt ihr Mann Ronny Maritzen: „Wenn ich dort 10.000-12.000 Menschen auf der geplanten Fläche unterbringen will, dann muss dort sechsstöckig gebaut werden“, befürchtet er – das Ostfeld würde dann ein hoch verdichtetes, sehr urbanes Gebiet. Wo und wie dort sozialer Wohnraum – wie angekündigt -entstehen solle, sei ebenfalls unklar. „Das natürliche Wachstum von Wiesbaden gibt den Bedarf nicht her“, betont Maritzen zudem: Die hessische Landeshauptstadt sei von 2016 bis 2020 gerade einmal um 0,11 Prozent seiner Einwohner gewachsen.

Maritzen fordert, erst einmal die vorhandenen Verdichtungspotenziale in Sachen Wohnraum im Stadtgebiet zu nutzen: „Allein entlang der Rheinschiene entstehen in den nächsten fünf Jahren 2000 Wohnungen“, sagte er. Dazu habe das Integrierte Wiesbadener Stadtentwicklungskonzept, erstellt in 2018, ein Potenzial von 10.000 Wohneinheiten ermittelt – ohne das Ostfeld. „Vor zwanzig Jahren hat die Stadt Wiesbaden entschieden, dass im Ostfeld nicht gebaut wird – und zwar aus Artenschutz- und Klimagründen“, betont Maritzen. Jetzt, nachdem auch Wiesbaden den Klimanotstand ausgerufen habe, solle das Ostfeld doch bebaut werden.

Dann würde ein Frischluftentstehungsgebiet für rund 125.000 Menschen versiegelt, rechnet Sabine Maritzen vor, in Mainz und den AKK-Gemeinden werde es dann keine Abkühlung mehr geben. „Wenn wir jetzt nicht darauf achten, dass diese Kaltluftentstehungsbahnen frei bleiben“, warnt sie, „dann ist das Klima so kaputt, dann spielen auch Dieselfahrverbot und Citybahn keine Rolle mehr – dann können wir da auch gleich mit dem Diesel-SUV durchbrettern.“

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Ergebnissen der Klimafolgenstudie Klimprax könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen, die Studie selbst mit allen Ergebnissen und Handlungsempfehlungen findet Ihr hier im Internet. Umfassende Informationen zum geplanten Wiesbadener Stadtteil Ostfeld/Kalkofen gibt es hier auf dieser Internetseite. Die Bürgerinitiative „Hände weg von Os/Ka“ findet Ihr hier.

 

1 KOMMENTAR

  1. Wir haben nicht zu wenige Wohnungen sondern zu viele Menschen, die oft wegen prekärer Arbeitsmöglichkeiten unsere Region überfluten. Zusätzlicher Wohnraum dient nicht der Stammbevölkerung sondern saugt zahlungsfähige Menschen an, gerade so wie neu gebaute Straßen auf rätselhafte Weise Verkehr generieren, den es vorher nie gab..
    Und dann wundern wir uns blauäugig, dass ausgerechnet im Bereich zubetonierter Hitzepole immer mehr Unwetter zu beklagen sind. Eine Laune der Natur ist das nicht.. So sind nun mal die Naturgesetze. Was sich geändert hat sind die von Menschen beeinflussten Parameter der Entstehung, also Klimawandel und Hitzepole durch Flächenversiegelung.
    Die Temperaturzunahme bringt die außerordentlich sensible Klimastabilität ins Wanken. Wärmere Luft kann mehr Wasser aufnehmen in Gestalt von Dampf. Und Dampf hat das Energiepotenzial, als würde man Wasser um 539°C erhitzen. Der umgekehrte Effekt ist bekannter als Verdunstungskälte. Die mit Dampf aufgeladene Energiebombe tobt sich aus. Das Wetter ist heftiger geworden, mehr Wind, mehr Regen, mehr Dürre, mehr Temperaturschwankungen.
    Über den dicht bebauten und flächenversiegelten Ballungsräumen liegt die Temperaturerhöhung bei 4- 6°C mit einer Energieaufladung der Atmosphäre um bis zu 40%. Es entsteht eine Thermiksäule. Die aufgestiegene Luft kondensiert zu Wolkentürmen, die sich in der Region abladen.
    Jede weitere Flächenversiegelung muss gestoppt werden.

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