Das alte Mainz hat ja nicht nur ein reiches römisches Erbe, Mainz war im Mittelalter auch ein Hort jüdischer Gelehrsamkeit, und eine der drei SchUM-Städte. Viel ist aus dieser Zeit, dem 11. bis 14. Jahrhundert, nicht erhalten, deshalb hat dieser Fund nun den Charakter einer Sensation: 66 Fragmente alter jüdischer Schriften wurden in der Mainzer Stadtbibliothek gefunden, verarbeitet in den Buchrücken alter Schriften. Sortiert und publiziert hat sie nun der Mainzer Judaistik-Professor Andreas Lehnardt.

„Ich kam mir manchmal vor, wie auf der Schnipseljagd“, sagt Lehnardt. Denn die Fragmente waren manchmal einzelne Blätter, manchmal auch Doppelseiten – aber manchmal eben auch nur kleine Schnipsel. Die galt es zu entziffern und zu sortieren, heraus kamen jüdische Schriften vom Bibelkommentar über Rechtstexte bis hin zum Talmud, dem jüdischen Gesetzeswerk.

Schnipseljagd in der Stadtbibliothek - Alte jüdische Schriften gefunden
Jüdische Fragmente verborgen im Buchrücken – Foto Lehnardt

Dünnes Pergament zwischen alten Buchrücken

Die Texte steckten zwischen alten Buchdeckeln, verarbeitet als Umschlagpapier. Das war durchaus üblich, denn die Schriften waren auf Pergament geschrieben, und dieses hauchdünne Leder verrottet nicht. Es brennt übrigens auch nicht gut, verriet Lehnardt, weshalb manche Bücher auch die Feuersbrunsten in jüdischen Vierteln überlebte.

- Werbung -
Werben auf Mainz&

Zehn Jahre lang spürte Lehnardt gemeinsam mit Annelen Ottermann von der Stadtbibliothek den Fragmenten nach. Anlass war, dass die Stadtbibliothek ihre Altbestände noch einmal genauer unter die Lupe nahm – und so die Schätze fand. Gefunden wurden über zehn Jahre hinweg einzelne Blätter alter jüdischer Handschriften, Teile von Gebetbüchern, ganze Doppelseiten und Texte aus dem Talmud. „Es ist ein richtiger Querschnitt durch die Literatur der Juden im Mittelalter“, sagt Lehnardt.

Texte belegen Magenza als Hort des Judentums

Die Texte belegen außerdem, dass Mainz eben tatsächlich im Hochmittelalter die Geburtsstätte des abendländischen Judentums war. In der Zeit zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert wurden vom jüdischen Magenza aus Gesetze und Gebete für Juden in aller Welt geschaffen, die zum Großteil noch heute gültig sind – wie etwa das Neujahrsgebet.

Schnipseljagd in der Stadtbibliothek - Alte jüdische Schriften gefunden
Fragmente eines Talmuds aus dem 13. Jahrhundert – Foto Lenardt

Mainz gehörte in jeder Zeit zu den drei SchUM-Städten, einer jüdischen Trilogie, die nach den Anfangsbuchstaben der drei jüdischen Zentren Speyer (Schpira), Worms (Warmaisa) und eben Mainz (Magenza) SchUM genannt wurde. In allen drei Städten lehrten damals berühmte Rabbiner, in Mainz waren das etwa der berühmte Gershom ben Jehuda oder Rashi.

Dass nun von diesen Größen Originalhandschriften aufgetaucht sind, das nennt Lehnardt eine Sensation – vergleichbar mit den Qumran-Rollen am Toten Meer. Mainz war in seiner Zeit die größte jüdische Gemeinde Europas, und die Funde geben davon nun Zeugnis. Einen Wermutstropfen gibt es aber: Die Handschriften sind nicht öffentlich zu sehen. Schade!

Info& auf Mainz&: Das Buch „Fragmente jüdischer Kultur in der Stadtbibliothek Mainz“ wird kommenden Dienstag, den 25. November, um 14.00 Uhr in Mainz vorgestellt. Ort ist der Lesesaal der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek in der Rheinallee. Das Buch kann über die Stadtbibliothek bezogen werden.

Einen ausführlichen Bericht über den Sensationsfund von Mainz könnt Ihr hier auf Mainz& lesen. Weil dieser Artikel auch in mehreren Zeitungen erscheinen wird, können wir ihn Euch leider nicht kostenlos anbieten. Aber er ist sein Geld wert 😉

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein