Was macht man, wenn man ein Jubiläum zu feiern hat, aber keiner der Jubilare eigentlich alt genug dafür ist? Nun, man nimmt die Zutaten des Jubiläums, wirbelt sie kräftig durcheinander, schneidet alte Zöpfe ab und garniert das Ganze mit einer kräftigen Portion Selbstironie. Heraus kommt – ein furioser Ritt durch fünf Jahrzehnte Meenzer Fastnacht. Und wenn das Ganze bei den Gonsenheimer Schnorreswacklern stattfindet, dann ist klar: Es gibt eine Menge Musik. Und zwar wirklich eine Menge. Dazu teuflische Guddenbergs, Geburtstagskinder mit Rosenmontag und jede Menge Gratulanten – echte oder persiflierte. Aber der Reihe nach.

Schnorreswackler - wo die Musik zuhause ist
Die jungen Alten – Foto: gik

Auf der Bühne erscheinen – sieben kleine Jungs, also wirklich sehr kleine Jungs. Die sind allerhöchstens zehn und singen voller Inbrunst: „Auf einmal ist man 50, wie schnell die Zeit vergeht!“ Alle tragen natürlich Schnorres – eine dünn-gezeichnete Linie auf der Oberlippe -, und richtig gut singen können sie auch. Das ist typisch für die Gonsenheimer: So richtig ernst hat man sich hier nie genommen – und steht damit in allerbester Narrentradition.

Die mit dem Schnäuzer wackeln

Schnorreswackler, das sind für alle Nicht-Mainzer und Zugereiste übersetzt: Bartwackler, und auch nur ein Teil des Bartes, der Schnäuzer, auf Meenzerisch: Schnorres. Die Schnorreswackler, das sind heute zwölf junge Männer zwischen 34 und 47 Jahren, nur drei tragen noch Bart, aber singen können sie richtig gut. Vor allem aber hat sich die Gruppe in den vergangenen drei bis vier Jahren so richtig freigeschwommen: Da gab es Fastnachtsgeister und eine G(Sp)ötterdämmerung, Außerirdische waren schon zu Besuch und das Gonsenheimer Urvolk.

- Werbung -
Werben auf Mainz&
Schnorreswackler - wo die Musik zuhause ist
Die Zugen(d)te, die so gerne mal erste wär‘ – Foto: gik

2012 riefen die Schnorreswackler dann eine ganz neue Garde ins Leben: die Mainzer Ehren-Mops-Garde, die – ganz nach dem Vorbilde des Humoristen Loriot – dem Mops huldigt. Es war eine der seit langem besten Parodien auf die alten Traditionen der Mainzer Fastnacht. Die Garden waren zwar ursprünglich auch einmal eine Parodie, nämlich aufs Militär, doch inzwischen sind sie eine solche Institution  in der Fastnacht, dass dringend wieder eine Parodie nötig war. Was die Schnorreswackler mit Bravour erledigten.

Liebes-Formation und Zugen(d)ten-Leid

Im Jahr 2014 jedenfalls rocken die Schnorreswackler mühelos den Saal mit 800 Zuschauern, fetzen über die Bühne, bilden kuriose Garde-Formationen – „Schnorreswackler! Liebes-Formation!“ –, besingen das Leid der Zugen(d)te, die so gerne mal erste wär‘ – und schaffen wie nebenbei auch noch neue Fastnachtshymnen wie „Heimweh nach Mainz“, dem Meenzerischen „Highway to Hell“. Kurz gesagt: Die heutigen Schnorreswackler, sie sind womöglich die besten, die es je gab.

Schnorreswackler - wo die Musik zuhause ist
Machen noch immer eine gute Figur: die Ehemaligen – Foto: gik

Und das will eine Menge heißen: Seit die Gesangstruppe 1964 von zwölf ehrbaren Fastnachtern gegründet wurde, stand die Gesangsqualität immer ganz oben. Und so können es sich die Schnorreswackler leisten, süffisante Nebenbemerkungen auf die Kollegen der Mainzer Hofsänger zu verteilen: „Die hat noch nie jemand verstanden“, sagt einer, und der Saal grölt. Hier in Gonsenheim, beim zweitältesten der großen Mainzer Fastnachtsvereine, ist man stolz auf seine Gesangstruppe, und so wird den zwölf Jungs auf der Bühne dann auch vom Saal ein, zwei feierliche Geburtstagsständchen gesungen.

Vor allem aber zeichnet die Gonsenheimer eines aus: Sie haben einfach Spaß da oben auf der Bühne. Und das springt mühelos auf den Saal über. Da erzählt ein Andy Ost, wie er die Schnorreswackler hinter der Bühne von „Mainz bleibt Mainz“ kennenlernte in just jenem Jahr, als das ZDF die Mainzer Hofsänger aus der Sendung warf. Die Schnorreswackler behaupteten ja, er sei der einzige Sänger, der es schaffe, in B-Dur zu spielen, und in G-Dur zu singen, erzählt Ost empört: „Alles Lüge!“ sagt er, grinst dann breit und fügt hinzu: „Es war umgekehrt.“

Der Gehrock von 1927 und die gestreiften Westen

Das ist wieder mal typisch Schnorreswackler: Es wird gefrotzelt und gestichelt, die Alten lästern über die Jungen, „Keinen einzigen Preis habbe se gewonnen!“ Dafür nur „gebabbelt, gesunge, gefeiert und gesoffe!“ Die „Alten“ es sind die „scheenste Leit“ vom Backesgaade Quartett, die in guter alter Fastnachts-Gesangstradition mit Bass und Schellenbaum ein Ständchen bringen. Überhaupt, die Alten: Da stehen neun Ehemalige auf der Bühne in Kostümen, die einen Querschnitt durch die Geschichte zeigen. Da gibt’s die gestreiften Westen – „sieht aus, wie im Kittchen!“ – und den karierten Gehrock, und es kommt noch einmal die Moritat von 1976 zur Aufführung, sogar mit den Original-Symbolkarten.

Schnorreswackler - wo die Musik zuhause ist
Chef damals: Hubert Ecker – Foto: gik

Durch die Jubiläumssitzung aber führte Hubert Ecker, einer der Gründer der Schnorreswackler im Jahr 1964, im selben Gehrock, den er in der allerersten Sitzung der Schnorreswackler trug – und der 1927 der Hochzeitsanzug seines Schwiegervaters war. Ihm zur Seite: Thomas Becker, der heutige Chef der Schnorreswackler. Gemeinsam führen Alt und Jung, Früher und Heut‘ durch das sechsstündige Programm – in großer Eintracht. Es gibt eben zwei Generationen Schnorreswackler: die Ehemaligen und die Heutigen, und gemeinsam singen sie ganz Acca Pella „Wann ist ein Narr ein Narr?“

Mainzigartige Glückwünsche – und ein Hähnchengrill

Geburtstagsgäste gab es aber natürlich auch. Mit Peter und Sohn Martin Krawietz gab’s das Protokoll im Jubiläums-Doppelpack, Oliver Mager gratulierte „Mainzigartig“ und mit „Konfetti in der Blutbahn“ – und wurde dabei herrlich auf die Schippe genommen -, und natürlich darf das kongeniale Gonsenheimer Duo Martin Heininger und Christian Schier nicht fehlen – die kultige Fastnachtshymne „Hähnchengrill vom Drais“ inklusive.

Schnorreswackler - wo die Musik zuhause ist
Herr Wilhelma Schlösser – ein Hit! – Foto: gik

Von den Bohnebeiteln kamen Peter Gottron und Helmut Schlösser zum Gratulieren, auch wenn Letzterer in seiner neuesten genialistischen Verkleidung als tuntiger Kellner „Wilhelma“ kaum wieder zu erkennen war. Die Lachsalvem allerdings waren typisch Schlösser.. Und schließlich ließ ein teuflischer Engel alias Hans-Peter Betz sein Guddi Gutenberg-Kostüm im Schrank und las den Schnorreswacklern die Leviten: 50 Jahre Schnorreswackler, das sind 8.412 Würstchen, 3 Eimer Senf, 52 Flaschen Asbach Uralt und eine astronomische Menge Bier. Außerdem kamen 2.311 Flüche und 4.320 Mal das Wort „Scheiße!“ zusammen. „Meine Herren“, rügt der Gast, „da leisten andere Gesangsgruppen mehr!“

So herrlich närrisch ging es weiter: Der „Bote vom Bundestag“ war leider verhindert und schickte stattdessen den „Eilboten vom Kreistag“, der Till wurde in Abwesenheit von den Schnorreswacklern selbst vertreten, und der „Nachtwächter“ reimte sich mithilfe des Publikums ganz ohne seine Anwesenheit durch seine Verse. Sehr wohl anwesend, und das mit ganzer Leibesfülle, war der „Obermessdiener“ Andreas Schmitt, der schließlich Sitzungspräsident des Brudervereins „Eiskalte Brüder“ ist.

Margit Sponheimer – ein Geburtstagskind gratuliert

Schnorreswackler - wo die Musik zuhause ist
Ein Geburtstagskind gratuliert – Foto: gik

Doch ein Geschenk sorgte für eine ganz besonderen Ton: Aus der goldenen Geschenkbox stieg niemand Geringeres als Margit Sponheimer. Die Fastnachtsikone sang sich schwungvoll durch ein Medley ihrer früheren großen Fastnachtshits – aber was heißt hier früher? Wenn 800 Kehlen voller Inbrunst „Am Rosenmontag, bin ich geboren“ singen, angestachelt von einem 71 Jahre alten Geburtstagskind (an diesem Tag!), das nichts von seiner Bühnenpräsenz verloren hat – dann ist Gänsehaut-Zeit in der Fastnacht.

Und wo gibt es das schon, dass das Komitee durchs Gardeballett ersetzt wird, und die Chefin als Sitzungspräsidentin eine ausgesprochen gute Figur macht? Die Schnorreswackler sind auf dem besten Weg, die moderne Fastnacht neu zu definieren. „Wir beobachten mit großem Stolz, wie sich unser Nachwuchs entwickelt“, sprachen „die Alten“. Und ein später Geburtstagsgast – Fastnachtsjournal-Sprecher Lars Reichow – brachte es schließlich auf den Punkt: „Die Schnorreswackler sind die Hofsänger von morgen.“ Die Zukunft, sie hat schon begonnen.

Info& auf Mainz&: Und natürlich darf unsere Mainz&-Fotogalerie nicht fehlen!

 

 

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein