Die Inklusion ist für Viele nicht mehr als ein Schlagwort. Unter einem echten Miteinander von Schülern mit und ohne Behinderung in einem normalen Schulalltag können sich die Meisten gar nichts vorstellen. Dabei ist die Integration von behinderten Kindern in eine normale Schule gar nicht so schwierig – und sie bereichert Kinder enorm. Wir wissen das aus Erfahrung.

Rollstühle mit Kinderkreis - Foto gik
Vorne die Rollstühle, hinten die gespannten Kinder – Foto gik

Doch wenn dann tatsächlich ein Kind in einem Rollstuhl dabei ist – im Sportunterricht stehen diese Kinder dann oft am Rand. Das muss nicht sein, dachte sich der TV Laubenheim – und rief das Projekt „Schule rollt!“ ins Leben. Sportlehrern und auch den Kindern soll hier gezeigt werden, wie gut der Rollstuhl auch zum Sportgerät taugt.

Quasi als Nebeneffekt entstand noch etwas ganz Anderes: Nicht behinderte Kinder können selbst Rollstühle entdecken und so die Welt aus Sicht behinderter Kinder erkunden. Ein Lerneffekt für alle. Mainz&-Chefredakteurin Gisela Kirschstein hatt die Gelegenheit, einen Vormittag „Schule rollt!“ zu erleben. Anmerkung zu den Fotos: An diesem Morgen war kein einziges behindertes Kind dabei.

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Das Votum der Kinder ist eindeutig: „Cool!“ rufen die Erstklässler auf die Frage, wie die Sportstunde mit den Rollstühlen für sie war. Die 20 Kinder der Klasse 1b der Martinus Grundschule in Mainz-Weisenau hatten einen spannenden Vormittag: 60 Minuten lang durften sie ausprobieren, wie es ist, in einem Rollstuhl zu sitzen – und was man damit alles machen kann.

„Oft sitzen die Rollstuhl-Kinder beim Sportunterricht am Rand, aber das muss nicht sein“, sagt Sportpädagogin Carolin Dinter. Rollen, Gleiten, Ball spielen, Gymnastik machen – praktisch alles, was man als Fußgänger kann, kann man auch mit einem Rollstuhl tun. Bei „Schule rollt!“ werden die Kinder spielerisch an den Rollstuhl heran geführt.

Keine Berührungsängste bei Kindern

Leichte Karambolage mit Rollstühlen - Foto: gik
Leichte Karambolage mit Rollstühlen – Foto: gik

Acht Kinder-Rollstühle haben die Übungsleiter mitgebracht, sie alle gehörten einmal Kindern, die im Rollstuhl sitzen. Die farbenfrohen Modell habe nichts Bedrohliches, und so stürmen die Erstklässler voller Begeisterung auf die ungewohnten Geräte zu. „Kinder gehen da sehr unbefangen heran und haben keine Berührungsängste“, sagt Carolin Dinter.

Im Nu haben die Kleinen die Rollstühle in Bewegung, rollen, fahren Kurven, bremsen. Intuitiv steuern die Kinder die Rollgefährte durch die Turnhalle. Manchmal gibt es einen kleinen Stau, aber nirgends einen Unfall. Der Umgang miteinander ist behutsam – und die Kinder haben sichtlich Spaß mit den Rollstühlen.

Fußgänger und Rolli-Fahrer – die gleichen Chancen

Beim „Roboter-Spiel“ werden erste Bewegungen mit dem Rollstuhl ausprobiert. Beim Spiel „Ochs am Berg“ gilt es, als erstes Kind die Ziellinie zu erreichen und beim Mogeln nicht erwischt zu werden. Das Besondere: Fußgänger und Rollstuhl-Fahrer agieren gemeinsam, jeder hat die gleichen Chancen.

Einparken auf dem Rollstuhl-Parcours - Foto: gik
Einparken auf dem Rollstuhl-Parcours – Foto: gik

„Eigene Erfahrungen sammeln und ausprobieren, das ist gerade für Kinder und Jugendliche – unsere jüngsten Versicherten – besonders wertvoll und wichtig. So können junge Menschen erahnen, was es heißt, mit Beeinträchtigungen zu leben“, sagt Beate Eggert, Geschäftsführerin der Unfallkasse Rheinland-Pfalz.

Die Unfallkasse unterstützt seit diesem Jahr das Projekt „Schule rollt!“, das beim TV Laubenheim in Mainz erfunden wurde, weitere Unterstützung kommt vom Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz (BSV). Bei „Schule rollt!“ kommen Sportbetreuer und erwachsene Rollstuhl-Fahrer für einen Vormittag an eine Schule und zeigen Kindern und Lehrern, wie es sich anfühlt, in einem Rollstuhl zu sitzen, und wie man einen Rollstuhl als Sportgerät nutzen kann.

Rollstuhl-Parcours. Mit Vorsicht auf die Rampe - Foto: gik
Rollstuhl-Parcours. Mit Vorsicht auf die Rampe – Foto: gik

Im Gegensatz zu Kindern haben Erwachsene hingegen oft mehr Vorbehalte, deshalb will die Aktion gerade auch den Lehrern den Rollstuhl als Sportgerät näher bringen. „Es ist eine tolle Aktion“, sagt Susanne Filor, Lehrerin an der Martinus Grundschule in Weisenau. Die Kinder hätten sich richtig auf die Stunde gefreut, obwohl sie erst mit dem Wort „Rolli“ gar nichts anfangen konnten.

Hindernis-Parcours für den Rollstuhl

In der Turnhalle müssen inzwischen auf einem Rollstuhl-Parcour Hindernisse umkurvt und in enge Zwischenräume eingeparkt werden – so wie etwa Rollstuhl-Fahrer auf der Toilette oder im Aufzug. Ein gelbes Brett mit vielen Löchern simuliert ein holpriges Kopfsteinpflaster,  auch eine Rampe muss bewältigt werden – so erleben die Schüler hautnah, wie es Rollstuhl-Kindern im Alltag ergeht. Die Kinder schärfen so den Blickwinkel für Benachteiligungen ihrer behinderten Schulfreunde.

Spaß im und mit dem Rollstuhl - ganz natürlich - Foto: gik
Spaß im und mit dem Rollstuhl – ganz natürlich – Foto: gik

Geboren wurde die Idee für „Schule rollt“ beim TV Laubenheim in Mainz. Dort gibt es seit fast 30 Jahren eine Rollstuhlgruppe, hier wird Volleyball gespielt oder gemeinsam Gymnastik gemacht. Im Zuge der Inklusions-Debatte fiel hier auf, dass sich um den Sport von Rollstuhl-Kindern niemand so recht kümmerte.

Inklusion – sich im Kopf bewegen

„Inklusion sagt man so nett, aber die Umsetzung kostet Mühe, Geduld und Verständnis“, sagt der Laubenheimer Sportwart Klaus Winkelmann. Eine Doppeltür, die für Rollstuhlfahrer nicht zu passieren ist, eine Rampe, die eben doch noch eine Stufe zur Schwelle hat, „so etwas hätte ich früher nie gesehen“, sagt Winkelmann: „Mein Leben hat das bereichert.“

Für sein Engagement im Rollstuhl-Breitensport wurde der TV Laubenheim vor zwei Jahren in Berlin mit dem Goldenen Stern des Sports ausgezeichnet. 2012 war die Gruppe als Zuschauer bei den Paralympics in London, ein tolles Erlebnis. „Die Erkenntnis setzt sich so langsam durch, dass man auch mit dem Rollstuhl Sport machen kann“, sagt Winkelmann. Und Inklusion sei eigentlich ganz einfach, „man muss sich nur im Kopf ein bisschen bewegen.“

Rollstuhl-Parcours: Hilfe am Kopfsteinpflaster - Foto: gik
Rollstuhl-Parcours: Hilfe am Kopfsteinpflaster – Foto: gik

Info& auf Mainz&: „Schule rollt!“ wird an rheinland-pfälzischen Regelschulen vorzugsweise in Klassen mit rollstuhlfahrenden Schülerinnen und Schülern angeboten. Das Angebot ist kostenfrei, die Nachfrage ist sehr groß. „Schule rollt!“ will den Kindern einen Perspektivwechsel ermöglichen und Lehrern Methoden für den Rollstuhl als Sportgerät an die Hand geben. Auch können die Schüler erwachsene und selbstbestimmte Menschen mit Behinderung erleben, die selbst im Rollstuhl sitzen. So wird die Teilhabe von behinderten Schülern gestärkt. Ziel ist außerdem eine Netzwerkbildung zwischen Lehrkräften, Eltern, Vereinen und  Menschen mit Behinderung. Mehr Infos zu dem Projekt gibt es beim TV Laubenheim, genau hier.

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