Eine neue Stromtrasse soll Energie von der Nordsee nach Bayern befördern, prompt regte sich Widerstand gegen das Mega-Projekt – vor allem im nordhessischen Wolfhagen. Doch vor Ort entpuppen sich die angeblichen Trassen-Gegner als Nicht-Gegner – die einfach nur unbequeme Fragen stellen. Ein Besuch in Wolfhagen.

Von Gisela Kirschstein

Stromtrasse in Wolfhagen: Die Gegner, die keine sind (€)
Naturschützer Rückner vor Feld und Stromtrassen – Foto: gik

Günter Rückner steht am Rande von Wolfhagen und deutet hinauf zur bewaldeten Hügelkuppe: „Da oben soll die Trasse verlaufen, direkt auf der Kuppe“, sagt er, und schüttelt den Kopf: „Von der Natur her ist es eigentlich ein Verbrechen, dort einzugreifen.“ Wir stehen am Rand des Wolfhagener Ortsteils Nohfelden, von hier schweift der Blick weit über Felder und Wiesen, bewaldet sind hier nur die Hügelkuppen, eine Besonderheit des Wolfhagener Landes.

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Doch genau auf einer solchen Hügelkuppe soll in Zukunft die große Nord-Süd-Hochspannungstrasse, genannt Süd-Link, gebaut werden. Es geht um den Rödeser Berg, und laut Rückner ist das einer der wertvollsten Bereiche für Tier und Natur: „Wir haben hier das größte Rotmilan-Vorkommen in ganz Hessen, wir haben den Luchs und die Wildkatze – die werden jetzt alle wegbleiben“, sagt Rückner: „Es gibt hier nur Ablehnung.“

Erstaunlicherweise meint Rückner damit gar nicht die neue Stromtrasse: Auf dem Rödeser Berg baut die Gemeinde Wolfhagen derzeit vier Windräder.

Günter Rückner ist Sprecher einer Bürgerinitiative, die gegen das Projekt klagt. „Wir sind nicht gegen Windkraft, wir sind nur gegen diesen Standort“, stellt Rückner klar. Fünf Alternativstandorte habe es gegeben, doch die Stadt Wolfhagen hätte sich auf den Rödeser Berg „eingeschossen“. Und jetzt könnte hier auch noch die Stromtrasse langführen.

Stromtrasse in Wolfhagen: Die Gegner, die keine sind (€)
Den Wolfhagener Bürgern ist zum Heulen – wegen der Windräder – Foto: gik

Wo die Trasse langführt? Niemand weiß es.

Wenn es denn überhaupt so kommt. Niemand weiß derzeit genau, wo die neue Hochspannungstrasse eigentlich entlangführen soll. Rückner hilft sich mit Karten der Firma Tennet aus dem Internet, und laut derer soll die Trasse eben genau hier am Rand von Nohfelden entlangführen. Direkt neben der Waldkuppe gibt es bereits eine Stromtrasse mit Hochspannungsmasten, viel Platz daneben ist nicht. Entweder die dritte Trasse würde sehr nah an der Wohnbebauung entlang führen – oder sie verläuft auf der Hügelkuppe, und damit durch den Wald.

„Ich fände es ja besser, wenn man die bestehenden Netze verstärken würde“, sagt Rückner, „oder wenn die neue Trasse entlang der Autobahn gelegt würde.“ Auch könnte man Erdkabel auf dem Mittelstreifen der Autobahn verlegen, sagt Rückner, der studierter Architekt ist und bis zur Rente als Hochbauingenieur arbeitete. Jetzt fährt er in seiner Freizeit Flüchtlinge in seinem Auto zu Terminen und kämpft mit der Bürgerinitiative gegen noch mehr Eingriffe in Natur und Wald.

Unbequeme Fragen

Und er stellt unbequeme Fragen: „Es ist doch eigentlich unsinnig, so eine Trasse quer durch die Republik zu bauen“, sagt der Ingenieur. Wolfhagen produziere seinen Strom fast komplett selbst, würde das jede Kommune tun, „bräuchte man keine Großtrasse“. Noch immer gebe es kein Konzept für die Energiewende, sagt Rückner: „Ich sehe keinen Sinn in der Trasse.“

Tatsächlich ist Wolfhagen eine der fortschrittlichsten Kommunen in Sachen Energiewende. Seit September 2010 sind sie hier zusammen mit vier anderen Städten „Energieeffiziente Stadt“ und sollen die Energieversorgung von morgen erproben, unterstützt vom Bundesforschungsministerium.

Stromtrasse in Wolfhagen: Die Gegner, die keine sind (€)
Der Bürgermeister und sein Solarpark – Foto gik

„Würde die Sonne immer scheinen, wären wir schon Energie-autark“, sagt Reinhard Schaake und zeigt auf die Solarpaneele hinter sich: „Unser Weg ist der einer dezentralen Energieversorgung.“ Schaake ist seit 1999 Bürgermeister der 13 000 Einwohner-Stadt Wolfhagen, er gehört keiner Partei an, wurde aber bei seiner Wahl von der SPD unterstützt. Seither hat Schaake aus Wolfhagen ein kleines Kraftwerk gemacht: Die Stadt kaufte die Stromnetze von E.ON zurück und krempelte die Energieversorgung um.

Biogas, Solarpark, Windräder = dezentrale Energie

Eine Biogasanlage versorgt die Grundschule mit Strom, eine Holzvergasungsanlage könnte demnächst das Wolfhagener Freibad beheizen. Ende 2012 ging der Solarpark ans Netz, mit 18 Hektar Fläche der größte in ganz Hessen. Die Anlage umfasst 42 000 Solarmodule und liefert Strom für 3000 Drei-Personen-Haushalte. Dazu kommen jetzt noch die vier Windräder auf dem Rödeser Berg, die allein zwei Drittel des .Wolfhagener Stromverbrauchs decken können.

„Das war eine große Diskussion“, sagt Schaake, während er den Wagen vom Solarpark zurück ins Rathaus steuert: „Hier war richtig was los.“ Wolfhagen habe stark auf Bürgerbeteiligung gesetzt, informiert, Workshops veranstaltet – „das hätten wir früher nie so gemacht“, sagt der Bürgermeister. „Die Energiewende ist mit den Bürgern machbar“, betont er – aber das verlange Information und Transparenz.

Genau deshalb, sagt Schaake, könne man doch eine solche Großtrasse „den Menschen nicht einfach so vor die Nase setzen“. Wolfhagen sei von den Planungen völlig überrascht worden, „wir waren nie im Gespräch dafür“. Die Trasse solle angeblich eine Milliarde Euro kosten, da müsse man doch fragen: „Brauchen wir sie in dieser Dimension?“ Das sei nämlich wie „eine Autobahn ohne Abfahrt und Zufahrt“, der Strom fließe einfach an Wolfhagen vorbei.

Bundesnetzagentur: nur Grobkorridor

Bei der Bundesnetzagentur bestätigen sie das: Die Gleichstromtrasse brauche Konverter am Anfang und am Ende, dazwischen gebe es keinen Zugriff. Die von der Firma Tennet vorgestellten Planungen seien aber nur „ein Grobkorridor“, beruhigt Sprecherin Steffi Thiele: Der vorgestellte Streckenverlauf „wäre ein möglicher Weg, aber nicht der einzig mögliche. Es ist noch keine Entscheidung über den Verlauf des Trassenkorridors getroffen worden. Das ist nicht der Weg zum jetzigen Zeitpunkt.“ Zudem werde es entlang der geplanten Trasse Antragskonferenzen geben, bei denen Länder, Kommunen und Bürger selbst Vorschläge machen könnten.

In Wolfhagen haben sie einen Vorschlag: „Wir müssen uns unabhängig machen von Gas aus Russland und dem Öl der Scheichs“, sagt Schaake, das sei auch ein Stück weit „eine Friedensbotschaft für eine friedlichere Zukunft“. Würden alle Kommunen wie Wolfhagen ihre eigene Energie produzieren, wäre die Megatrasse unnötig, betont er. Irgendwo habe jede Seite mit ihren Argumenten recht, „aber wir haben auch eine Verantwortung als Menschen in dieser Welt, und dann muss man sich auch mal entscheiden.“

Sie wollen doch nur eines: Beteiligung

Und deshalb fordern die Wolfshagener Beteiligung an den Plänen und bauen Windräder auf Flächen, die von Orkan Kyrill verwüstet wurden. Der Wald im Wolfhagener Land, erzählt Schaake, habe „schon immer den Menschen gedient“, und dass die Hügelkuppen früher gar nicht bewaldet gewesen seien, sondern die Täler. Die Energiewende, sagt er dann noch, bringe „gigantische Veränderungen“ mit sich, da gebe es natürlich auch „eine gewisse Angst vor Veränderung“. Und so werde durch den Standpunkt, „alles, so gut es geht, zu bewahren“, der Wald zum Heiligtum, sagt Schaake.

„Wir sind eigentlich gar nicht gegen die Stromtrasse“, sagt Rückner, und ohne das Windkraft-Thema hätten sie ja auch gar keine Bürgerinitiative gegründet. Die Trasse werde man sowieso nicht verhindern können, sagt er, aber das einfach so hinnehmen? „Erst die Windräder, jetzt die Stromtrasse, da kommt ein Tiefschlag nach dem anderen“, klagt Rückner. Und fügt hinzu: Ohne die Windräder „hätte mich die Trasse sonst nicht so betroffen“.

Info& auf Mainz&: Mehr Informationen zur SuedLink-Trasse gibt es auf der Seite der Firma Tennet hier.

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