Heute Abend ist es so weit: die närrische Generalprobe der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ geht im Kurfürstlichen Schloss zu Mainz über die Bühne. Damit hat der Countdown begonnen, Freitagabend ab 20.15 Uhr wird die Mutter aller Fernsehsitzungen live in die Wohnstuben der Republik übertragen. Es ist eine besondere Sendung: „Mainz bleibt Mainz“ wird 60 Jahre alt.

Geboren wurde die Sendung in der Nachkriegs-Aufbau-Zeit als Trösterin und Mutmacherin. Geworden ist sie zum Markenzeichen der politisch-literarischen Fastnacht. Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein blickt zurück auf 60 Jahre Fernsehgeschichte – und darauf, was die Zukunft bringen mag. Eine große Reportage.

Wenn Ernst Neger leise sein „Heile, heile Gänsje“ anstimmte, dann wurde an den Fernsehgeräten der Nation manche Träne verdrückt, rückte die Republik zusammen und fasste Mut trotzt Kriegsschäden und den Wirren des Wiederaufbaus. Das alte Kinderlied, neu interpretiert von dem singenden Dachdecker aus Mainz, gehört zu den großen Legenden der Mainzer Fernsehfastnacht, aber beileibe nicht zu der einzigen: Rolf Braun, Herbert Bonewitz, die Mainzer Hofsänger – die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ ist Kindheitserinnerung und Kult.

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Trösterin, Volkesmund, politischer Narr - 60 Jahre "Mainz bleibt Mainz" (€)
Die Mainzer Hofsänger, Aushängenschild von „Mainz bleibt Mainz“, können auch modern – Foto: gik

Am Freitag vor Fastnacht werden bundesweit in den Fernsehstuben Bier und Wein kalt gestellt, die Chips aus dem Schrank geholt und der Fernsehsessel zurecht gerückt. Dann flimmert das Kurfürstliche Schloss aus Mainz über den Bildschirm, steht die Frage „Wolle mer se roilasse?“ im Raum, donnert das „Helau“ dreifach. Dann muss der „Till“ den Politikern die Leviten lesen, müssen die Mainzer Hofsänger zum Finale Olé Fiesta intonieren – dann ist das heiße Fastnachtswochenende eröffnet.

„Ob das gut geht?“ hieß es 1955

Seit 60 Jahren ist das nun so, und das hätte man sich 1955 nicht träumen lassen. „Ob das gut geht?“, hieß es damals, als die erste Sitzung am 17. Februar 1955 über die Bildschirme flimmerte. Ausgerichtet wurde diese erste Sitzung, nur wenige Monate nach der Geburt des Fernsehens überhaupt, vom Mainzer Carnevals-Vereins (MCV), dem ältesten Mainzer Fastnachtsvereins und dem Mainzer Carnevals Club (MCC) zusammen.

Die beiden Vereine mussten dafür erst einmal ihre erbitterter Feindschaft begraben, nur wenig wurde in Mainz so ernst genommen wie der Spaß an der Freud‘. MCV und MCC besiegelten ihre neue Freundschaft mit einem Fastnachter als Friedenstaube, der eine Gans bei sich trug, und ein Bügeleisen– zur Glättung künftiger Knitter. Ein wahrhaft weises Geschenk, bis heute sind die Auftritte in der Fernsehfastnacht heiß umkämpft.

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Noch ein Markenzeichen: Der Till steigt den Politikern aufs Dach – Foto: gik

1970er: Straßenfeger mit 80 Prozent Einschaltquote

Mehr als sechs Millionen Menschen schalten noch immer jedes Jahr die Mainzer Sendung ein, das schafft keine andere Fastnacht im Fernsehen. Doch das Durchschnittsalter beträgt inzwischen 60 Jahre, viele Zuschauer sind mit „Mainz bleibt Mainz“ groß geworden. Schon bei der ersten Sendung 1955 saßen geschätzte sieben Millionen Zuschauer vor den etwa 800 000 Fernsehgeräten. In den 1970er Jahren war „Mainz bleibt Mainz“ ein echter Straßenfeger mit Traum-Quoten von um die 80 Prozent – bei nur drei Fernsehsendern. Nur einmal fiel die Sendung komplett aus – wegen des Golfkriegs 1991.

Stars Sponheimer, Bachmann, Rolf Braun

Schnell wurden die Mainzer Bühnenakteure zu Stars, ihre Lieder praktisch über Nacht zu Hits. „Humba Täterä“ des blinden Komponisten Toni Hämmerle gehörte dazu, der schrieb auch „Gell, du hast mich gelle gern“ – für ein junges Mädchen, das Margit Sponheimer hieß. „Es Margittche“, am 7. Februar des Jahres 1943 geboren, wurde mit dem Hit „Am Rosenmontag bin ich geboren“ zum Megastar der Fastnachtsszene. Vor wenigen Tagen stand die über 70-Jährige beim jungen Fastnachts-Konzert“Stehung“ auf der Bühne – und wurde auch von Teens und Twens frenetisch gefeiert.

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Noch heute ein Star: Die Grande Dame der Fastnacht, Margit Sponheimer – Foto: gik

Stars wurden auch Rolf Braun als Sitzungspräsident, Hilde Bachmann als schrullige Alte und Norbert Roth als stimmgewaltiger Reimedrechsler. Die Mainzer Hofsänger, der berühmteste Fastnachtschor der Republik, machen schon mal Tourneen durch die USA oder Japan. Ihr Medley politischer Lieder geht am Ende nahtlos in das Finale über – das wäre ohne „Sassa“ und „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ unvollendet.

Markenzeichen politisch-literarische Fastnacht

Wer auf die närrischen Fernsehbretter darf, muss allerdings – so lautet die Regel – zuvor in der Kampagne bei einem der vier großen Fastnachtsvereine aufgetreten sein: Neben MCV und MCC sind das der Gonsenheimer Carnevals-Verein (GCV) und der Karnevals Club Kastel (KCK). Ausnahmen sind selten, wie etwa 2009, als der Mombacher Fastnachter Helmut Schlösser einen grandiosen US-Präsidenten Obama mimte.

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Auch ein Aushängeschild: Hans-Peter Betz als „Guddi Gutenberg“ – Foto: gik

Die Politik, sie ist seit jeher das Alleinstellungsmerkmal der Mainzer. Stars wie „Bote“ Jürgen Dietz, „Till“ Friedrich Hofmann und „Gutenberg“ Hans-Peter Betz nahmen und nehmen die Politiker aufs Korn und schauen nicht selten dem Volk aufs Maul. Narrenmund tut Wahrheit kund, heißt es in Mainz.

Die Tradition der politisch-literarischen Fastnacht, sie geht zurück auf die Zeit der Franzosen in Mainz, die 1792 mit der Mainzer Republik die freie Rede nach Mainz brachten. Fortan blühte in der Domstadt die Kunst des Narren, den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten, Figuren wie der „Till“ und der „Bajazz mit der Laterne“ erinnern noch heute daran.

Herbert Bonewitz und die Beamtenfastnacht

Der Meister der spitzzüngigen Rede war fraglos Herbert Bonewitz. Der saß schon bei der ersten Fernsehsitzung als Clown am Klavier und machte in den 1970er Jahren mit Figuren wie seinem „Prinz Bibi“ Furore. Unvergessen seine „protokollarisch aufgebahrten Ehrengäste“, sein respektloser „Prinz Bibi“. Bonewitz aber nahm zunehmend auch die Fastnacht selbst aufs Korn, das verschaffte ihm erbitterte Feinde – 1981 zog sich Bonewitz verbittert von der Fernsehfastnacht zurück.

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Herbert Bonewitz 1955 als Musicalclown am Flügel – Privatarchiv Bonewitz

Da herrschte in Mainz längst erbitterter Streit darum, wie politisch die Fernsehfastnacht sein darf, wurde die Sendung auch schon mal als „behäbige Beamtenfastnacht“ und „verflachte Kokolores-Maschine“ geschmäht. Ein Grund dafür: das ZDF setzte von 1965 an dem Original mit „Mainz bleibt Mainz“ eine zweite Mainzer Fernsehfastnacht entgegen. Die Zweiten setzten deutlich mehr auf Spaß betonten Kokolores. Die Polit-Prominenz nahm sich nicht selten wichtiger als die Sendung, bis heute gilt vor jeder Wahl: die Polit-Spitzen kommen gerne, um telegen in die Kameras zu lachen.

Bis 1974 sang und lachte Mainz doppelt

Bis 1974 lachte und sang Mainz zweimal auf dem Bildschirm, seitdem wird die Sendung im jährlichen Wechsel zwischen ZDF und SWR ausgestrahlt. In diesem Jahr ist der SWR an der Reihe, die zuständigen Macher besuchen zur Programmfindung alle Sitzungen der vier großen Mainzer Vereine – zweimal. Am Wochenende vor der Sitzung wird mit viel Erfahrung und im Gespräch mit den Vereinen die Sendung zusammen gestellt.

Bis heute gilt es, die Balance zwischen politischer Rede, Stimmungsmusik und spaßorientiertem Kokolores zu finden. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr starb jetzt „Bote“ Jürgen Dietz – das bekannteste Gesicht der Sendung. „Der Jürgen Dietz reißt eine Riesenlücke, keine Frage“, sagt SWR-Verantwortlicher Günther Dudek, immerhin stand der „Bote“ seit 1987 in ununterbrochen als „Bote“ auf der Fernsehbühne. In der Sendung am Freitag werden denn auch bekannte Akteure der Fernsehfastnacht an den verstorbenen Jürgen Dietz erinnern.

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Gestorben: der scharfzüngige „Bote vom Bundestag“ alias Jürgen Dietz – Foto: gik

Wie weiter mit „Mainz bleibt Mainz“?

Und so stellt sich – zunehmend drängend – die Frage: Wie weiter mit „Mainz bleibt Mainz“? Was bleibt, wenn die Alten der Riege Betz, Bachmann und Roth aufhören? Der SWR will an der politischen Ausrichtung der Sendung festhalten, „wir planen die Sendung um die politischen Redner herum“, sagt Dudek. Es gebe auch andere Redner, sagt er zuversichtlich, Kabarettist Lars Reichow bietet sich als „Nachrichtenmann“ an, auch Nachwuchsmann Johannes Bersch als „Domsgickel.“

Eine Frage immerhin haben die Mainzer vergangenes Jahr gelöst: Neuer Sitzungspräsident ist nun Andreas Schmitt, gewichtiger und stimmgewaltiger Ober-Messdiener mit einem Faible für Fußball und Kardinal Karl Lehmann. Das Fernsehvolk liebt ihn, die Mainzer auch -. „Mainz bleibt Mainz“ dürfte für die kommenden Jahre ein neues Gesicht haben. Mit sehr viel Schlagfertigkeit, Gespür für Volkes Stimme und einem Humor, der vor sich selbst nicht Halt macht. Mainzer Narretei im besten Sinne.

Info& auf Mainz&: „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ am Freitag, den 13. Februar um 20.15 Uhr live aus dem Kurfürstlichen Schloss in der ARD.

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