Seit dem 11. Dezember rollt die neue Mainzelbahn nun durch Mainz, rund läuft es jedoch keineswegs: Die Bahnen haben noch immer satte Verspätungen, Anschlüsse klappen nicht, Ampelschaltungen schon gar nicht – auch die ersten Unfälle gab es schon. Nun aber kommt richtig Ärger auf die Mainzer Verkehrsbetriebe zu: In Bretzenheim formiert sich massiver Widerstand von Anwohnern der neuen Bahnstrecke. Der Grund: Die Anwohner klagen über massive Erschütterungen in ihren Häusern und über eine permanente Lärmkulisse. Von „permanentem Donnergrollen“ ist da die Rede, von vibrierenden Fußböden, schwankenden Betten, klirrenden Klangschalen – und von Rissen in Häusern, fallendem Putz und bröckelnden Kellern. Die Anwohner fordern umgehend Nachbesserungen – und eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Stundenkilometer für die Bahn.

Wackelnde Betten, klirrende Schalen, bröselnde Keller: Mainzelbahn verursacht erhebliche Probleme
Wo die Mainzelbahn den Ostergraben kreuzt und in den Bretzenheimer Ortskern eintaucht, wackeln die Häuser der Anwohner – Foto: gik

Mehr als 20 Anwohner trafen sich vergangenen Freitag in Bretzenheim zum Austausch und zur Beratung, wie es weitergehen soll. Alle wohnen entlang der neuen Mainzelbahnstrecke in Bretzenheim, die meisten entlang der Essenheimer und Marienborner Straße und dem Ostergraben sowie der Seitenstraßen. Und alle erzählten dieselbe Geschichte: Das Schlimmste seien die Erschütterungen, die sich von der Bahn ausgehend durch den Boden verbreiteten. Körperschall nenne man das, erklärte Architekt Andreas Horn, der Initiator des Treffens – und der sei hinten in den Häusern schlimmer als vorne direkt an der Bahn.

Schweres Sommergewitter, permante Erschütterungen, dröhnende Klangschalen

„Ich saß auf dem Sofa mit den Füßen auf dem Boden, und ich hab‘ die Bahn kommen gespürt“, berichtet eine Mutter vom Start der Mainzelbahn: „Die Vibrationen auf dem Boden kamen immer näher, und ich sagte, Gott, lass das nicht die Bahn sein!“ Aber es war die Bahn – und die Vibrationen habe sie nun alle fünf Minuten. „Mein Bett wackelt bei jeder Bahn, das ist wirklich so“, berichtete ein anderer Anwohner, und dessen Haus stehe nicht einmal direkt neben der Bahn. „Wir haben enorme Probleme mit der Erschütterung, wir können alle Vitrinen und die Bar ausräumen, weil alle Gläser permanent scheppern“, berichtete eine Dritte. „Ich höre die Bahn sogar unter Dusche“, berichtete ein weiterer: „Du hast gedacht, Du bist im Hochgebirge, und es kommt ein schweres Gewitter. Der Raum vibriert, die Bodenplatte wackelt – und an der Glasduschwand scheppern die Körbe.“

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„Drei Bahnen hintereinander morgens und der Bus dazu, das ist wie ein Sommergewitter“, bestätigte ein weiterer Anwohner. „Und es ist egal, wo man ist: im Bad, im Wohnzimmer, es ist einfach überall.“ Durch „Mark und Bein“ gehe das, bestätigte ein anderer Anwohner – und das habe Konsequenzen: „Mein Mann wacht nachts im Stundentakt auf“, berichtete Cordula Horn aus der Essenheimer Straße, sie selbst mache Klangschalen-Therapie, bei der Straßenbahn „klingen meine Gongs und Klangschalen mit.“ Das bringe erhebliche Probleme bei der Therapie mit sich. „Ich bin hier aufgewachsen, ich bin den Lärm gewöhnt“, betonte sie noch, „aber jetzt kriecht es von unten herauf, ich spüre die Vibration, bevor ich sie höre.“

Bröckelnder Putz, Risse in Wänden, Mieter kündigen

Wackelnde Betten, klirrende Schalen, bröselnde Keller: Mainzelbahn verursacht erhebliche Probleme
Nur wenige Meter trennen die Mainzelbahn von den Häusern in der Marienborner Straße. „Sie hören nichts“, versicherte die MVG. – Foto: gik

„Ich habe keine Nacht durchgeschlafen seit die Bahn fährt“, klagte eine Anwohnerin vom Ostergraben. Im 1. Stock gingen die Schwebetüren der Kleiderschränke auf – und jeden Tag müsse sie abbröckelnden Putz von den Wänden aufsaugen. Auch andere Anwohner berichteten von Rissen in den Wänden. „Ich bin gespannt, wie lange unser Gewölbekeller noch hält – er beginnt zu bröseln“, berichtete Horn. Mit den Bussen, versichern die Anwohner einhellig, hätten sie früher nie Probleme gehabt – „das war nichts gegen jetzt.“ Selbst der in Mainz so nervige Fluglärm trete nun zurück: „Ich kann kaum noch unterscheiden, was ein Flugzeug ist und was eine Bahn“, berichtete einer.

Was die Anwohner besonders ärgert, sind die Versprechungen, die ihnen im Vorfeld gemacht wurden: Die Anwohner würden von der Bahn nichts hören, habe es geheißen, die sei so leise, dass sie klingeln müsse, damit man sie wahrnehme. „Wir waren nicht gegen die Bahn“, betont eine Anwohnerin, ihnen sei gesagt worden, der Wert ihrer Häuser werde steigen. Stattdessen habe die erste Mieterin gekündigt, und die Studenten unter dem Dach monierten, sie könnten nicht mehr lernen und würden sich andere Zimmer suchen. „Ich würde mir am liebsten eine Wohnung suchen und das Haus verkaufen“, sagte sie – doch wer kaufe denn so ein Haus noch?

Bahnen zu schnell, Flüstergleise und Rasengleise fehlen

Als Gründe machten die Anwohner vor allem Geschwindigkeit und mangelhafte Gleise aus: Die Bahnen seien viel zu schnell unterwegs, heizten richtiggehend. Auf der geraden Strecke am Ostergraben den Berg hinauf gäben die Fahrer richtig Gas, berichtete eine Anwohnerin am Ostergraben: „Die rumpeln mit Anlauf hoch und bremsen an den Übergängen schön ab – dann wackelt’s noch mehr.“ Wieso seien hier nicht Flüstergleise eingesetzt worden, wie es der normale Standard sei? Auch hätten am Ostergraben Rasengleise verbaut werden sollen, die seien aber ebenfalls nicht gekommen.

Tatsächlich wurden nach Mainz&-Informationen Flüstergleise nicht verlegt, auch die Rasengleise am Ostergraben sollen angeblich wegen der Witterung noch nicht eingesät worden sein. Dazu gibt es Probleme mit quietschenden Rädern: Gerade in den engen Wendekreisen auf dem Lerchenberg kommt es zu erheblichem Lärm, weil Räder ungeölt über die Schienen kreischen. Die MVG hatte eigentlich versprochen, noch Schmieranlagen einzubauen. „Hier wurde dilettantisch gearbeitet“, bilanzierte Architekt Horn und stellte die Frage: „Hat man Geld bei den Bahnen gespart?“

Wackelnde Betten, klirrende Schalen, bröselnde Keller: Mainzelbahn verursacht erhebliche Probleme
Rasengleise versprach die MVG, wie hier auf der Marienborner Straße, verlegt sind sie bisher nicht. – Grafik: MVG

Geld bei den Bahnen gespart? Anwohner fordern Tempo 30

Denn es gebe große Unterschiede zwischen den einzelnen Bahnen, berichten die Anwohner: „Es gibt Bahnen, die hört man nicht“, berichtete einer, ältere Bahnen seien generell leiser als die neuen Variobahnen. „Die alten, kürzeren Bahnen gleiten etwas runder und sind leiser als die neuen, die fahren wohl mit sechseckigen Rädern“, spottete ein Anwohner. Eine andere Betroffene scherzte, sie könne schon bei „Wetten, dass…?“ auftreten, wenn es das noch gäbe: „Ich wette, dass ich mindestens zehn Straßenbahnen an ihren Geräuschen erkenne.“ Das sei mühelos möglich, versicherten andere: „Am lautesten ist die Bahn mit den Mainzelmännchen drauf.“ Die Anwohner fordern deshalb: „Bis diese Probleme gutachterlich geklärt sind, hat die Bahn einfach langsam zu fahren – und zwar Tempo 30“, forderte Blank. Dafür müsse die MVG ihren Fahrplan notfalls eben umstellen, eingehalten werde er ja jetzt auch nicht.

Diese Zustände seien auf keinen Fall haltbar, versicherte der Mainzer Rechtsanwalt Hilmar Hanelt den Anwesenden. Hanelt war zu dem Treffen gebeten worden, um festzustellen, ob es rechtliche Möglichkeiten gibt gegen die Schäden vorzugehen. „Eine Lösung muss her“, betonte Hanelt – und versprach, bei der MVG nachzuhaken. Ein Gutachter müsse her, um die Vorkommnisse vor Ort zu begutachten. Es müsse „an neuralgischen Punkten“ gemessen werden, ob die Schallemissionen eingehalten würden. „Jedes Haus hier ist ein neuralgischer Punkt“, betonte der Anwalt, „das kostet richtig Geld.“

Von MVG und Stadtverwaltung „nur vertröstet“

Wackelnde Betten, klirrende Schalen, bröselnde Keller: Mainzelbahn verursacht erhebliche Probleme
Harmonisieren die neuen Variobahnen der MVG nicht mit den Mainzelbahn-Gleisen? – Foto: MVG

Fakt sei doch: „Die Bahn hat Mängel, und die müssen abgestellt werden“, betonte Anwohner Ralf Blank. Bestimmte Sachen seien „nicht zu Ende gedacht“, die Verantwortlichen hätten sich offenbar von Termindruck und Fahrplanstart hetzen lassen, den Betrieb der Mainzelbahn zu beginnen, bevor alle Probleme gelöst seien. „Man hätte sich viel Ärger sparen können, wenn man den Mumm gehabt hätte, den Termin zu verschieben“, sagte Blank, „dann hätte man die technischen Störungen beheben können.“ So sei der Unmut der Anwohner „unnötig hochgekocht – durch Planungsfehler und unangebrachte Hektik.“

Denn die Betroffenen kritisierten auch, dass man weder Antworten von der MVG noch von der Stadtverwaltung bekomme. „Man wird nur vertröstet, wir gucken uns das an, heißt es“, klagte ein Anwohner, und eine andere Betroffene sagte, sie habe gar den Satz zu hören bekommen: „Das wär‘ so geplant, das bleibt jetzt so.“ Arrogant sei das, schimpfte ein anderer, und Ralf Blank kritisierte, man könne nicht einfach Anwohnern unterstellen, „sie hätten eine gestörte Lärmtoleranz. Das ist flegelhaft, despektierlich und respektlos.“

Flegel fordert ad hoc-Maßnahmen und schnellen Einbau der Rasengleise

Entsetzt zeigte sich auch die Mainzer CDU-Chefin und Stadträtin Sabine Flegel. „Ich bin erschrocken, dass die Anwohner die MVG anschreiben und gar keine Rückmeldung kriegen“, sagte sie im Gespräch mit Mainz&: „Da muss jetzt dringend was passieren.“ Die genannten Mängel seien gravierend, wo es Risse an Häusern gebe, brauche es zwingend Gutachten. Nach den Berichten habe sie sehr viele Fragen, die werde sie nun im Stadtrat thematisieren. „Wir werden ad hoc-Maßnahmen einfordern“, sagte Flegel, in vielen Fällen könne die MVG kurzfristig reagieren. „Fahrgastansagen, die nachts nach außen schallen, die kann man doch nachts abstellen“, nannte sie ein Beispiel.

Flegel, die auch Mitglied des MVG-Aufsichtsrats ist, bestätigte Mainz& auch, dass laut Planfeststellungsbeschluss die Rasengleise der Mainzelbahn vor Inbetriebnahme hätten verlegt werden müssen. „Das ist aber nicht passiert“, sagte sie. Die MVG wolle diese nun im Frühjahr einbauen, „das ist für mich nicht befriedigend“, kritisierte Flegel. Bis vor einer Woche habe es schönstes Wetter mit warmen Temperaturen gegeben. „Ich muss doch jetzt Sorge tragen, dass so schnell wie möglich alles passiert“, sagte Flegel.

Info& auf Mainz&: Natürlich werden wir auch die Mainzer Verkehrsbetriebe nach ihrer Stellungnahme fragen, in diesem Fall war uns aber erst einmal wichtig, die Probleme der Anwohner zu schildern, damit die MVG überhaupt eine Grundlage zum Reagieren hat. Die Namen ALLER hier im Text zitierten Anwohner sind uns übrigens bekannt, nicht alle wollten aber gerne namentlich erwähnt werden. Nach unseren Informationen wird sich die MVG diese Woche mit dem Thema in ihren Gremien beschäftigen, wir fragen dann auf jeden Fall mal nach.

4 KOMMENTARE

  1. Die beschriebenen Mängel betreffen nicht nur die neue Mainzelbahn-Strecken. Sie sind in Hechtsheim Dauerzustand ☹️ Die MVG „bemüht sich“, indem sie es immer wieder innerbetrieblich auf andere Abteilungen abwälzt. Eine Lösung ist auch hier nicht in Sichr ?

  2. Rumpelbahn

    Sehr viele Straßen muss die neue Elektrisch queren und den StraBa-Führern ist wegen zu langsamer Vorrang-Ampelschaltungen Ungeduld anzumerken. Ich musste schon mit Verständnis misslaunische Selbstgespäche eines mit Verspätung kämpfenden Fahrers anhören.

    Und eine Fahrt war beunruhigend. Pro Radumdrehung ein ordentlicher Rumms. Da sind entweder die Räder schon eckig gefahren oder die durch viele Kurven strapazierten Spurkränze schrappen heftig. Schienenfahrzeuge sind nun einmal Spezialisten für geradeaus, Achterbahntrassen führen zu hohem Verschleiß.

    Ein Spezialproblem ist die trotz heftiger Schmierung immer noch infernalisch kreischende Lerchenberger Wendeschleife. Offenbar kommen hier mehrere ungünstige Umstände zusammen: Sehr enger Radius, dazu hängige Lage mit der Folge einer Überlagerung von Friktion und Traktion.

    Ob die Haltestelle Marienborn-Bahnhof der Vision eines Umsteigeknotens gerecht wird, bleibt abzuwarten. Die teure „Mainzelbahn“ hat mich noch nie überzeugt und meine Bedenken scheinen sich zu bestätigen. Zur Stärkung des Straßenbahnsystems hätte es bessere Lösungen gegeben wie eine Verlängerung über Hechtsheim hinaus unter Erschließung des Gewerbegebiets weiter ins Rheinhessische unter Nutzung der ehemaligen Trasse des „Amische“ oder die Reaktivierung der alten Verbindung nach Schierstein. Leider ist man in Wiesbaden zu spät wach geworden.

    Die jetzige Situation ist keineswegs optimal. Und geradezu ein Schildbürgerstreich ist die auf der falschen Seite der Koblenzer Straße liegende Wendeschleife für die Kurzstrecke fahrenden Yachtbesitzer vom Zollhafen zur Fachhochschule. Abwarten, beobachten, analysieren und mutige Entscheidungen treffen.

  3. Wenn man in der Suchmaschine die Wörter „Variobahn“ und „Lärm“ eingibt, stellt man fest, dass egal, wo die Variobahn fährt (aktuell in Bochum, Gelsenkirchen, München, Nürnberg, Potsdam, Chemnitz, Graz und eben in Mainz) die Anwohner an den von diesem Wagentyp befahrenen Strecken sich über den Lärm, den diese Fahrzeuge verursachen, und über Vibrationen und Mauerrisse in den Gebäuden beschweren. In Bochum und Graz gibt es inzwischen Bürgerinitiativen gegen die Variobahn, München prüft, ob man die Fahrzeuge an den Hersteller zurückgeben kann. Die Probleme sind seit 2012 bekannt. Offenbar hat man in Mainz bei der Auswahl der Fahrzeuge für die Mainzelbahn sich nicht die Erfahrungen anderer Verkehrsbetriebe mit diesem Wagentyp angeschaut.

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