Der bundesweit erste #Warntag2020 war vor allem eines: Eine kolossale Panne. Pünktlich um 11.00 Uhr sollten in ganz Deutschland Sirenen heulen und Handys rappeln, doch stattdessen stellten die Mainzer zunächst vor allem eines fest: Zu hören war nichts. Die Sirenen der Landeshauptstadt heulten mit rund 20 Minuten Verspätung los, die Katastrophen-Warn-Apps blieben zum Großteil stumm oder meldeten den Probealarm mit 31 Minuten Verspätung. Am Abend räumte der Bund ein, wegen „technischer Schwierigkeiten“ sei der Probealarm fehlgeschlagen. Im Netz hagelte es Spott, aber auch Kritik.

Innenminister Roger Lewentz (SPD) mit Sirene und Feuerwehrauto bei der Ankündigung des #Warntags2020 - Foto: gik
Innenminister Roger Lewentz (SPD) mit Sirene und Feuerwehrauto bei der Ankündigung des #Warntags2020 – Foto: gik

„Im Ernstfall wäre ich jetzt wohl tot“, schrieb eine Twitter-Nutzerin Kopf schüttelnd: „Keine Sirene nirgends.“ Der Kurznachrichtendienst lief am Donnerstag geradezu heiß, bereits um kurz nach 11.00 Uhr fragten die ersten, wo denn der so groß angekündigte Warntag bleibe, die häufigste Meldung lautete: „Ich hör‘ nix.“ Die Sirenen hätten wohl „Urlaub“, spotteten die einen, Nutzer posteten stattdessen dutzendweise Videos von jaulenden Hunden, kreischenden Möwen oder weinenden Babys – alles lauter als das, was eigentlich passieren sollte.

Wochenlang hatten die Behörden von Bund und Ländern den ersten bundesweiten Warntag 2020 angekündigt. Pünktlich um 11.00 Uhr sollte dabei ein zentrales Warnsignal ausgelöst werden, bundesweit daraufhin Sirenen gestartet und Warnungen herausgegeben werden – via Radio und fernsehen, auf elektronischen Werbetafeln sowie über die offiziellen Katastrophen-Warn-Apps Katwarn und NINA. 20 Minuten sollte dann Entwarnung gegeben werden. „Wir wollen die bestehenden Warnmittel bekannter machen, den Mix der verschiedenen Systeme erproben und so viele Menschen wie möglich erreichen“, sagte Innenminister Roger Lewentz (SPD) im Vorfeld.

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Ausgespielte Warnungen des Probealarms am Warntag 2020 über die App NINA um 11.23 Uhr. - Quelle Tweet Florian Gehm
Ausgespielte Warnungen des Probealarms am Warntag 2020 über die App NINA um 11.23 Uhr. – Quelle Tweet Florian Gehm

Der Präsident des zuständigen Bundesamtes für Katastrophenschutzes (BBK) klagte gar in Interviews, die Bevölkerung sei heutzutage auf einen Kastatrophenfall erschreckend wenig vorbereitet. Viele Menschen würden die Bedeutung der Sirenensignale gar nicht mehr kennen, berichtete auch die Mainzer Polizei. Doch am Donnerstag passierte pünktlich um 11.00 Uhr – gar nichts. In Wiesbaden starteten die Sirenen dann um 11.05 Uhr in den Probealarm, auf Mainzer Seite war das Heulen in manchen Stadtteilen erst gegen 11.20 Uhr zu hören – in vielen Stadtteilen wegen der vielfach abgebauten Sirenenanlage aber auch nur schwach oder gar nicht. UPDATE: In der Innenstadt und in Hechtsheim starteten die Sirenen hingegen fast pünktlich um 11.02 Uhr, wie uns inzwischen zahlreiche Leser mitteilten, das wollen wir natürlich nicht verschweigen. Eine Karte, wo es noch Sirenen in Mainz gibt, und welche Bereiche der Stadt damit abgedeckt werden, haben wir schon in unserem Vorbericht hier veröffentlicht.

Die Warn-App Katwarn zuckte hingegen gar nicht, auch die vom Warnsystem des Bundes gesteuerte App NINA, die auch die Stadt Mainz benutzt, blieb schlicht still. Mancherorts meldete NINA schließlich um 11.31 Uhr den Probealarm, viele Nutzer fanden in der App aber lediglich eine Entwarnung um 11.40 Uhr, die aber auch nicht per Push-Nachricht zugestellt wurde. „Wenigstens sind wir jetzt alle gewarnt, dass im Warnfall weder Sirenen noch Warnapps noch sonst etwas in dieser Art funktioniert“, kommentierte ein User auf Twitter.

Auch Innenminister Lewentz wurde erst um 11.57 Uhr via die Warn-App informiert, berichtete er gegenüber der Rhein-Zeitung. „Ich bin von Verlauf und Ergebnis des Warntages ziemlich enttäuscht“, sagte Lewentz. Er erwarte nun, dass beim Bundesamt für Katastrophenschutz (BBK) „die Erkenntnis aufgegriffen und die Defizite abgestellt werden.“ Das BBK teilte am Mittag dann auf seiner Internetseite mit, die bundesweite Meldung des Modularen Warnsystems MoWaS habe „nur verspätet zugestellt werden können.“ Grund dafür sei „eine nicht vorgesehene zeitgleiche Auslösung einer Vielzahl von Warnmeldungen über MoWaS gewesen.“

Twitter-Reaktionen auf die Panne beim bundesweiten #Warntag2020. - Fotos: gik
Twitter-Reaktionen auf die Panne beim bundesweiten #Warntag2020. – Fotos: gik

Geplant gewesen sei eine reine Auslösung des Warnsignals über den Bund, doch das funktionierte nicht: Parallel lösten nämlich auch zahlreiche Leitstellen in den Ländern das Warnsignal aus, das aber überforderte das System vollkommen – es ging gar nichts mehr raus. „Durch nicht verabredungsgemäße zahlreiche Einzelauslösungen wurde das System überlastet, was zu einer verzögerten Auslieferung führte“, teilte die Mainzer Landesregierung am Abend auf Twitter mit: Das sei „eine wichtige Erkenntnis, die beim weiteren Ausbau des Modularen Warnsystems berücksichtigt wird.“

Am späten Nachmittag räumte das Bundesinnenministerium ebenfalls via Twitter ein, die Auslösung des Probealarms sei „aufgrund eines technischen Problems fehlgeschlagen.“ Die Vorgänge würden jetzt „umfassend aufgearbeitet“, die Panne liefere „wertvolle Erkenntnisse“ für den weiteren Ausbau des Systems. Auf Twitter war man da längst weiter: „Alle, die keine Sirene hören“, kommentierte ein Twitterer, „bekommen das Warnsignal per Fax oder Post in den nächsten 14 Tagen zugestellt.“ Deutschland sei inzwischen das Land, in dem das Satiremagazin „Postillon“ zuverlässiger informiere als der Katastrophenschutz, hieß es zudem: Der Postillon postete pünktlich um 11.01 Uhr drei geschriebene „Wuuuuuuhs!“

Info& auf Mainz&: Mehr zu den Ankündigungen des bundesweiten #Warntags2020 sowie dazu, warum Mainz so wenig Sirenen hat (und wie sich das ändern soll), lest Ihr hier bei Mainz&.

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