Seit dem Wochenende hängen die Plakate endgültig zu Dutzenden in ganz Mainz: Befürworter wie Gegner positionieren sich darauf pro oder contra Bibelturm. Und so mancher wundert sich, wer da alles sein Gesicht hergibt. Eine der am häufigsten gestellten Fragen: Was macht denn Gudrun Landgrebe auf dem Plakat der Bibelturmgegner? Die wohnt doch im Hunsrück? Tut sie nicht: „Wir haben immer wieder länger in Mainz gewohnt und jetzt eine Wohnung hier gekauft, um endgültig hier in Mainz zu sein“, sagte Landgrebes Mann, Ulrich von Nathusius, Mainz&: „Meine Frau und ich sind gegen den Turm, weil er die Ästhetik des Liebfrauenplatzes zerstört.“

Warum Gudrun Landgrebe Nein zum Bibelturm sagt – Plakatflut in der Stadt zum Bürgerentscheid: CDU, Fastnachter, Filmproduzent dagegen
Gudrun Landgrebe sagt mit ihrem Gesicht auf dem Plakat Nein zum Bibelturm – die Schauspielerin besitzt eine Wohnung in Mainz. – Foto: gik

Rund ein Dutzend Plakatmotive hat die Bürgerinitiative Gutenberg Museum für ihren Wahlkampf gegen den Bibelturm aufgelegt, auf neun Stück – falls wir richtig gezählt haben – nehmen Prominente mit ihrem Gesicht persönlich Stellung gegen den Turm. Darunter sind viele Fastnachter: MCV-Präsident Reinhard Urban, Lothar Both, Präsident der Mainzer Ranzengarde, und natürlich „Obermessdiener“ Andreas Schmitt, der bereits lautstark an Fastnacht aus der Bütt heraus Stellung bezog – gegen den Turm. „Macht Meenz nicht zum Betonbunker der Republik, gebt der Stadt ihr (historisches) Gesicht zurück“, donnerte der „Obermessdiener“: „Ehrt so die Druckkunst und Gutenbergs Namen – und baut nicht so ‚en Scheissdreck, in Ewigkeit Amen!“

Landgrebe und ihr Mann besitzen Wohnung in Mainz

Nicht alle Prominente auf den Plakaten wohnen in Mainz, sowohl Schmitt als auch Urban wohnen im rheinhessischen Umland, einen Mainz-Bezug wird man ihnen sicher nicht absprechen können. Für Verwunderung sorgt aber insbesondere das Plakat mit der Schauspielerin Gudrun Landgrebe: Was hat die denn mit Mainz zu tun, fragten sich viele Betrachter. „Wir haben lange in Mainz gelebt“, erklärt Ulrich von Nathusius, der Mann Landgrebes. Der Arzt selbst war acht Jahre lang als Gynäkologe an der Mainzer Uniklinik tätig, bevor er die Leitung der Frauenklinik in Simmern übernahm. „Wir haben jetzt eine Wohnung in Mainz gekauft, um endgültig hier zu sein“, sagte von Nathusius im Gespräch mit Mainz&: Er und seine Frau liebten Mainz und hätten „die Entwicklung zu einer so schönen und liebenswürdigen Stadt“ mit verfolgt.

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„Besonders lieben wir die Plätze in Mainz, der liebste war uns immer der Liebfrauenplatz“, sagte von Nathusius weiter: „Bis wir eben eines Tages dort in einer Ausstellung erfuhren von diesem entsetzlichen Plan mit diesem grässlichen Bibelturm – wir konnten es gar nicht fassen.“ Die Renovierung des Gutenberg Museums sei sicher sehr wichtig, betonte der Arzt, „aber das neben den Dom zu knallen…“ Der „wunderbare Reiz des Platzes“ ginge vollkommen verloren, glaubt von Nathusius, „ich kann das nicht fassen.“ Zur Vorstellung, mit dem Turm Gelder einwerben zu können für einen weiteren Ausbau des Museums, sagte er: „Aber das ist doch naiv.“ Sie hätten sich dann bei der BI Gutenberg Museum informiert über die Argumente der Turmgegner., erzählte von Nathusius, und fügte hinzu: „Der Kommentar meiner Frau war nur: Hier unterstütze ich jeden Satz.“

Warum Gudrun Landgrebe Nein zum Bibelturm sagt – Plakatflut in der Stadt zum Bürgerentscheid: CDU, Fastnachter, Filmproduzent dagegen
Auch „normale“ Mainzer Bürger lässt die BI Gutenberg Museum auf ihren Plakaten zu Wort kommen – und den Filmproduzenten Christoph Thoke (2. Plakat von links). – Foto: gik

Filmproduzent Thoke: Turm zerstört urbane Struktur

Landgrebe und Nathusius sind nicht die einzigen, die so denken: Er sei ja in aller Welt unterwegs und kenne fantastische moderne Bauten in Rom und anderswo, sagt der Filmproduzent Christoph Thoke, „aber in keinem dieser prominenten Beispiele wurde das Museum in eine funktionierende, urbane Ecke gebaut.“ Auch Thoke, der vorwiegend Filme für ARTE sowie für Filmfestivals produziert und mehrfach in Cannes vertreten und auch schon an einer Oscar-Nominierung beteiligt war, gibt sein Gesicht für ein Plakat gegen den Bibelturm. „Substanz schaffen, immer gerne, aber Substanz zerstören?“, sagte er Mainz&: „Ich glaub‘, ich bin im falschen Film.“

„Man muss das Gutenberg-Museum erweitern, man muss es vielleicht auch erneuern“, sagt Reinhard Urban, Ex-Leiter der Rechtsmedizin in der Universität Mainz und Präsident des Mainzer Carneval-Vereins: „Aber nicht durch ein so futuristisches Gebilde, das den Dom, das Wahrzeichen von Mainz, stört.“ Für eine Aufstockung des Altbaus des Gutenberg-Museums statt eines Turmneubaus tritt der Architekt Andreas Horn ein. „Ausbau ja, Steuerverschwendung für Bibelturm nein“, sagt auch Lothar Both, Präsident der Mainzer Ranzengarde.

Herbert Bonewitz schon 2017 gegen Bibelturm – und gegen „Diffamierung“ der Turmgegner

Bereits im August 2017 hatte sich ein Ur-Mainzer Fastnachter gegen den Bibelturm positioniert: Herbert Bonewitz. Der kritisierte in einem Leserbrief an die „Allgemeine Zeitung“ den Umgang mit der Bürgerinitiative Gutenberg-Museum und schrieb: Es sei „gutes demokratisches Recht, wenn sich Bürgerinitiativen bilden, um sich für oder gegen öffentliche Projekte einzusetzen.“ Es könne nicht sein, dass solche Initiativen „diffamiert“, ihre Vertreter als „spießig, banausenhaft und rückständig“ abqualifiziert würden, rügte Bonewitz.

Der Kabarettist und legendäre Fastnachter kritisierte zudem, dass gar eine Initiative mit dem Namen „Mainz pro Gutenberg“ suggeriere, sie vertrete ganz Mainz, und jeder, der den Bücherturm ablehne, sei gegen Gutenberg. „Meine Frau und ich sind zweifellos Mainzer und haben uns schon immer für Gutenberg eingesetzt“, schrieb Bonewitz weiter: „Dennoch erlauben wir uns zu erklären, dass dieser ‚Bücherturm‘ in keinster Weise unserem ästhetischen Empfinden entspricht und dass der Liebfrauenplatz eine attraktivere architektonische Lösung verdient hätte.“

ÖDP, Freie Wähler und Linke gegen Turm – und Teile der CDU

Und auch Politiker quer durch alle Oppositionsparteien positionieren sich in öffentlichen Videofilmen gegen den Turm: „Die Stadt Mainz ist mit über einer Milliarde Euro verschuldet, die wichtige Sanierung des Schellbaus ist aber überhaupt nicht finanziert“, kritisiert ÖDP-Chef Claudius Moseler. „Der Stadtrat ist über die genaue Kostenplanung bisher völlig unzureichend informiert“, sagt Kurt Mehler von den Freien Wählern: „Wir wissen gar nicht, was fällig ist .“ Auch sind ÖDP und Freie Wähler weiter der Meinung, dass ein echter Stadtratsbeschluss pro Bibelturm abschließend nicht existiert – der Stadtrat hatte im Februar 2017 lediglich beschlossen, die Stadt möge auf der Grundlage der bisherigen Erstentwürfe „weiter planen“. Die Stadt sagt, das sei ein Beschluss pro Bibelturm, Opposition und BI sehen das anders: Ein echtes Ja des Stadtrats sei das nicht gewesen, die Pläne seither mehrfach verändert worden – mehr dazu lest Ihr hier.

Warum Gudrun Landgrebe Nein zum Bibelturm sagt – Plakatflut in der Stadt zum Bürgerentscheid: CDU, Fastnachter, Filmproduzent dagegen
Prominente Fastnachter gegen den Bibelturm: MCV-Präsident Reinhard Urban und Sitzungspräsident Andreas Schmitt. – Foto: gik

Auch die Linke positioniert sich gegen den Bibelturm (mehr später, Infos folgen), und selbst in der Mainzer CDU gibt es vehemente Stimmen gegen den Bibelturm – obwohl die CDU-Stadtratsfraktion dem Planungsbeschluss und allen weiteren Voten zum Bibelturm zugestimmt hat. „Der Turm gefährdet das Museum eher“, sagt Thomas Gerster, Verkehrsexperte der CDU im Rat und Altstadt-Bewohner: Werde der Turm gebaut, sei „kein Geld mehr da für die Brandschutzsanierung“, sagt Gerster: „Und wieso soll man mit dem Turm leichter Gelder sammeln können als mit dem weltberühmten Namen Gutenberg?“

CDU Mainz-Altstadt und Junge Union lehnen Bibelturm ab

Die CDU Mainz-Altstadt lehnte vor fünf Tagen den Bibelturm auf ihrer Mitgliederhauptversammlung nahezu geschlossen ab – nur eine Stimme sprach sich für den Turm aus. Der Bau des Bibelturms würde das Gutenberg-Museum „auf ewige Zeiten in eine dunkle Ecke des Liebfrauenplatzes einzwängen“, sagte Thomas Gerster, Vorsitzender der Altstadt-CDU. Die Versammlung fordert die Mainzer Verwaltung in einem Antrag für den Stadtrat auf, zeitnah Alternativen zu dem Ausbau zu prüfen, die eine großflächigere Erweiterung des Gutenberg-Museums ermöglichen. (Mehr dazu demnächst bei Mainz&).

Warum Gudrun Landgrebe Nein zum Bibelturm sagt – Plakatflut in der Stadt zum Bürgerentscheid: CDU, Fastnachter, Filmproduzent dagegen
Ex-CDU-Chef Johannes Gerster macht sich stark gegen den Bibelturm – und für ein modernes Weltmuseum der Druckkunst. – Foto: gik

Auch die Junge Union hat sich gegen den Bibelturm ausgesprochen: „Wir befürchten, dass die veranschlagten rund fünf Millionen Euro nicht ausreichen“, sagte JU-Kreischef Torsten Rohe. Die JU forderte die Stadt auf, ein Finanzkonzept für den Erhalt und die Modernisierung des Museums vorzulegen und schlägt vor, das Gutenberg-Museum zum Landesmuseum umzuwandeln. Zudem kritisiert die JU den Standort und die Architektur des geplanten „Bibelturms“: Der Liebfrauenplatz mit seinen Blumenbeeten und der Baumbepflanzung habe „sehr viel Lebensqualität für die Mainzer“, dort „einen Turm zu bauen, der architektonisch nicht ins Gesamtbild der Altstadt passt und zum Teil den Blick auf den Dom versperrt, entspricht nicht unseren Vorstellungen für ein lebenswertes Mainz.“

Johannes Gerster: Gutenberg-Museum mit Bund und Land zu echtem Weltmuseum machen

Und noch ein prominenter CDU-Mann wirft sich in diesen Tagen prominent in die Bresche gegen den Bibelturm, Konterfei auf den Plakaten inklusive: Johannes Gerster, Mainzer Urgestein, Ranzengardist und früherer CDU-Landeschef sowie langjähriger Bundestagsabgeordneter wirbt in diesen Tagen vehement für eine Neuplanung des Vorhabens. Das Gutenberg- Museum müsse eine echtes Weltmuseum der Druckkunst werden, der jetzt geplante Turm werde diesem Anspruch nicht gerecht. Bund und Land müssten dafür ins Boot geholt werden – und das sei auch möglich, sagt Gerster.

„Ich war im Bundestag, als die Römerschiffe gefunden wurden, da haben wir in Bonn beim Bund das Geld geholt für das Museum“, sagt Gerster: „Das muss auch der Weg für ein neues Gutenberg-Museum sein, und wer sagt, das ginge nicht, der sagt nicht die Wahrheit.“ Werde der Bibelturm nicht gebaut, verliere Mainz nicht fünf Jahre Zeit, sondern gewinne Zeit, „um eine neue Planung zu machen – und wir haben noch sechs Millionen Euro dazu.“

Beginne die Stadt jetzt den Turm zu bauen, werde sie das Museum nebenher nicht renovieren können, glaubt Gerster: „Das ist Schwachsinn, das hat mit der Realität nichts zu tun.“ Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) hatte jüngst auf einer Informationsveranstaltung gesagt, die Stadt könne den Brandschutz beim Schellbau mit kleinem Budget gewährleisten, notfalls auch aus laufenden Mitteln der Stadt. Gerster kritisiert, das sei „kleinkariertes Reparieren an dem Schellbau“, der aus einer Zeit stamme, „in der schlecht gebaut wurde.“

„Hier wird mit Macht und Gewalt eine falsche Entscheidung durchgedrückt, und man will andere Argumente nicht zur Kenntnis nehmen“, kritisiert Gerster. Nun sei der Mut zu einer großen Lösung mit großen Unterstützern gefragt. „Es müsste doch mit dem Teufel zugehen“, fügte er hinzu, „wenn man nicht ein Weltmuseum der Druckkunst neu konzeptionieren und neu bauen könne mit Hilfe von Bund und Land.“

Info& auf Mainz&: Mehr zum geplanten Bibelturm des Gutenberg-Museums findet Ihr in unserer neuen Rubrik Gutenberg&, hier lest Ihr alle Fakten, Planungen und Infos zum Bürgerentscheid. Ganz ausführlich stellen wir die Pläne für die Erweiterung samt Bibelturm in diesem Artikel vor, Informationen zum Ablauf des Bürgerbegehrens am 15. April lest Ihr hier. Wer für den Bibelturm wirbt, lest Ihr hier bei Mainz&.

 

2 KOMMENTARE

  1. Die Wertigkeit von Architektur darf nicht nur auf die Fassade reduziert werden.
    Hier offenbart sich die eigentliche Problematik des „Turms“. Der Versuch, ihn als Aussichtsturm zu nutzen wirkt gezwungen und kann durch den hierfür notwendigen unverhältnismäßig großen Aufwand nicht wirklich überzeugen.
    Um die Image-Probleme des Museums zu lösen bedarf es einer komplett neuen Ausstellungskonzeption, natürlich in Kombination mit einer zeitgemäßen Architektur.
    Ein Anbiedern an Althergebrachtes wäre eine Verleugnung der Gegenwart.

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